Konzertbericht: Saga w/ The Urge

2007-11-23 Bonn, Brückenforum

Hier sollte er also stattfinden: Mein persönlicher Abschied von SAGA-Sänger Michael Sadler, nach mehr als 15 Konzerten in über 10 Jahren Fandasein. Das Brückenforum in Bonn gefiel mir auch gleich viel besser als die Börse in Wuppertal, die für ein SAGA-Konzert schlicht zu klein, eng und clubartig war. Das Brückenforum hingegen ist weitläufiger, bietet eine richtig große Bühne und schönen Parkettboden. Ein Veranstaltungszentrum, wie man es sich für ein solches Event wünscht. Das Ambiente stimmte also schon mal, und die Besucherzahlen erfreulicherweise auch. Die Halle hat sogar mit Bestuhlung noch genug Platz für 1000 Leute. Da auf diese bei SAGA und The Urge allerdings verzichtet wurde, dürften wesentlich mehr Leute da gewesen sein. Es war nicht ganz ausverkauft, aber der große Saal war sicherlich zu ¾ gefüllt und die Leute standen bereits bevor der Support Act The Urge loslegte eng gedrängt. Sehr erfreulich auch, dass die kompletten ersten vier Reihen mittig vor der Bühne durchgehend mit Saga-Fanclub-Shirts gefüllt waren, auch dahinter und daneben standen mehr als genug Menschen mit Saga-Textilien aus allen Bandphasen. Die Zeichen für das Konzert standen also mehr als nur gut. Das einzige verbleibende Fragezeichen: Würde die Band die komplette Setlist spielen? Michael Sadler hatte sich zwischen Wuppertal und Bonn mit einer Erkältung rumschlagen müssen und für einige Konzerte waren mit „The Security Of Illusion“, „Mind Over Matter“ und „What’s It Gonna Be“ drei Songs gestrichen worden.

Als die Vorband THE URGE die Bühne betrat, war sogleich klar, dass die Stimmung in Bonn deutlich besser sein würde als in Wuppertal. Für eine Vorband erhielten sie schon von Beginn an erstaunlich viel Applaus, was vermutlich daran lag, dass ihre Musik eine recht große Masse anspricht und die Anheizfunktion hervorragend erfüllt. Ihr Rock’n’Roll lockerte die Leute schnell auf, und ich muss zugeben, dass mir die Band auch gleich viel besser gefiel als noch in Wuppertal. Das der Abend etwas Besonderes werden würde, war dann bereits klar, bevor SAGA die Bühne betraten. Für den letzten Song kündigten THE URGE die Unterstützung von niemand anderem als Mr. Ian Crichton höchstpersönlich an. Da standen die Jungs also, mit drei Gitarristen, um die Wette rockend. Fantastisch, wie locker Ian Crichton einfach mal dazu soliert und voller sichtlicher Freunde drauflosrockt. Die Band und ihr dritter Gitarrist wurden mit frenetischem Beifall bedacht. Dann gingen die Lichter an und die Jungs verabschiedeten sich.

Es dürfte wieder etwa 21:30 Uhr gewesen sein, als die ersten Saga-Fans ungeduldig wurden und anfingen zu klatschen. Immerhin ein klares Zeichen dafür, dass Fans im Raum waren. Als sich die Halle dann abermals verdunkelte und das Intro mit den Keyboardharmonien von „Always There“ begann, war das Publikum sofort hellwach und klatschte die Saga-Jungs herbei. Michael Sadler kommt bedächtig auf die Bühne und gibt theatralisch „You were always there, you were always there!“ zum Besten. Das hypnotische Keyboardintro von „The Interview“ ertönt, untermalt von einer fantastischen Lichtwand aus beweglichen, blau-weißen Strahlern. Und das Publikum kreischt. Die Stimmung während der gut zwei Stunden, die uns nun bevorstanden, war einfach fantastisch und machte den Abend zum zweitbesten SAGA-Konzert, dem ich je beiwohnen durfte. Bisher für mich nur geschlagen von dem Jubiläumskonzert zum 25. Geburtstag vor fünf Jahren. Und wo war das? Richtig, in Bonn. Auf dem Museumsplatz.

Doch zurück ins Hier und Jetzt. Es ist schon interessant, was eine große Halle, aufwendigeres Licht und ein deutlich klarerer Sound für einen Einfluss auf die Show haben: Die Band hat sich vermutlich genauso verhalten wie noch in Wuppertal, außer, dass es allen Jungs eindeutig deutlich mehr Spaß gemacht hat, vor dem Bonner Publikum zu spielen. Dieses sang natürlich von Beginn an lautstark mit, dass es eine wahre Freude war. Das klappte schon bei „The Interview“ vorzüglich und bei „You’re Not Alone“ so aus dem Schlaf, dass Michael Sadler seine üblichen Anweisungen unterließ und einfach sagte: „Do it as you like!“. Gleiches gilt für den Mitsingteil im darauf folgenden „I’m Okay“. „I don’t think I have to explain what you have to do!“ und damit ab die Post. Der Jubel nach den Songs hielt meist solange an, bis Michael Sadler darum bat, dass wir doch bitte leise sind, damit er den nächsten Song ansagen kann. Großartig, wundervoll, Gänsehaut erregend! Mit „Can’t You See Me Now“ und „Book Of Lies“ folgen dann wie erwartet die ersten beiden Songs vom neuen Album „10.000 Days“, ehe man wieder den “Perfectionist” vom allerersten Album auspackte. Dann kündigte Michael Sadler den neuen Drummer Chris Sutherland mit den Worten: „Unser neuer Freund auf der Schlagzeuger-Posi-tiooon!“ an. Und was dann kam, war einfach geil: Bereits in Wuppertal hatte mich Chris Sutherland vollends überzeugt, sein Solo war sowohl filigran, als auch kraftvoll, sein Timing zu jeder Zeit atemberaubend. Er ist mit Sicherheit so gut wie Brian Doerner, wenn nicht noch eine ganze Stufe besser. In Bonn wurde das Schlagzeugsolo dann gleich mal doppelt so lang wie in Wuppertal. Das waren bestimmt zehn Minuten, in denen er uns auch wieder zum Mitsingen von „Sex Machine“ aufforderte und die nachher noch für großes Lob in den Publikumsreihen sorgten. An mehreren Stellen habe ich nach der Show Gesprächsfetzen mitbekommen, die sich um den „fantastischen Drummer“ drehten. Das Ende des Drumsolos wurde begleitet von dem definitiv schnellsten Licht- und Farbenwechsel, den ich je gesehen habe. Hier hätte eigentlich eine Epilepsiewarnung ausgegeben werden müssen.

„The Flyer“ direkt im Anschluss hatte sowohl seitens der Band als auch des Publikums mächtig Power. Anschließend ertönte zu meiner großen Freude einer der drei gestrichenen Songs: „Mind Over Matter“. Da Michael Sadler sich keineswegs mehr erkältet anhörte, machte es ja auch wenig Sinn, die Songs noch zu streichen. Danach erwartete ich eigentlich die Acapella-Version von „The Security Of Illusion“, doch dazu kam es vorerst nicht. Michael hatte sich gerade auf seinen Hocker gesetzt und angefangen, sich mit dem Publikum zu unterhalten und sich für die 30 vergangenen Jahre bedankt, als jemand vor der Bühne „Smoke On The Water“ forderte. Dann gab es von Keyboarder Jim Gilmour also ein paar Akkorde des gewünschten Songs und anschließend gab es noch ein paar Textzeilen von Queens „Bohemian Rhapsody“ zu hören, samt Pianobegleitung und – natürlich – Beteiligung des Publikums. Allgemein ist noch anzumerken, dass Michael Sadler während des gesamten Abends äußerst gut gelaunt war und auch ziemlich gesprächig. Öfters kam es zu Smalltalk mit Fans, unter anderem mit einem, der sich andauern „Humble Stance“ wünschte, und den Michael einige Zeit mit „Not yet!“ vertröstete, bis er ihn schließlich mit ironisch gemeinten Wort quasi aus der Halle schmiss.

Nach der ungeplanten Einlage gab es den Jim Gilmour-Teil mit „Time’s Up“, dem Keyboardsolo und „Scratching The Surface“. Ein absolutes Highlight für mich war wieder das wenig später folgende „On The Air“ vom „Network“-Album. Kommt live richtig gut, sorgt für Gänsehaut und in diesem Fall sogar für feuchte Augen! Ich glaube, es war nach „On The Air“ als Michael verkündete, dass man technische Schwierigkeiten mit dem Schlagzeug hätte. Chris hatte sich wohl seine DoubleBass-Abteilung beschädigt. Also kam es abermals zum Smalltalk, ein Fan wünschte sich „The Security Of Illusion“, ein anderer „Don’t Be Late“, viele Leute riefen irgendwas. Michael sagte nur, dass er sich nicht vorstellen könnte, dass „Don’t Be Late“ acapella gut klingt und setzte zu „The Security Of Illusion“ an. Der zweite Song also, der heute wieder gespielt wurde, aber vormals einige Male gefehlt hatte. Nachdem das Schlagzeug repariert war, sorgten „On The Loose“ und „Careful Where You Step“ (diese Synthies!) nochmal für eine richtige Party im Publikum. Im Gegensatz zum Wuppertaler Konzert kam heute „10.000 Days“ vor „Wind Him Up“. Mit diesem Singlehit sollte dann der erste offizielle Teil dieses fantastischen Abends unter starkem Applaus und lauten Jubelrufen zu Ende gehen.

Nach einer endlos langen Phase, in denen die anwesenden Leute immer wieder verschiedene Anheizerchöre losließen, sei es nun „Zugabe“, „SAGA“, „Michael“, „we want more!“ oder das schlichte Kreischen und Klatschen in den unterschiedlichsten Formen, kamen die Herrschaften, die sich ja immer etwas mehr Zeit lassen, dann doch wie erwartet noch mal zurück. Diesmal hat es aber echt lange gedauert. Nicht ohne den Fan, der sich während der Show immer wieder „Humble Stance“ gewünscht hätte, mit seinen Blicken zu suchen, hing sich Michael Sadler seinen Bass um und eben jener Song wurde in einer grandiosen Version dargeboten. Ian Crichton hat das emotionale Ende mit dem ruhigen Gitarrensolo fantastisch hinbekommen. Dann kam auch endlich „Don’t Be Late“, das sich ebenfalls einige sehnlichst gewünscht hatten. Die Band selbst hatte sich auf der Tour immer wieder einen Spaß daraus gemacht, „On The Air“ mit dem HiHat-Beat von „Don’t Be Late“ anzufangen und so das Publikum reinzulegen.

Danach verabschiedete sich die Band, wobei man sich dabei ein wenig mehr Zeit nahm als in Wuppertal und die ganze Sache auch deutlich herzlicher wirkte. Michael Sadler war wirklich zufrieden, lachte, spaßte rum. Man konnte ihm ansehen, dass er den Abend genossen hatte und guter Laune war. Bei diesem Publikum wäre alles andere aber auch eine Frechheit gewesen. Leider ging sofort nachdem die Band in den Backstagebereich verschwunden war das Hallenlicht wieder an, was bedeutete, dass „What’s It Gonna Be“ tatsächlich nicht gespielt wurde und Bonn damit einen Song weniger zu hören bekam als Wuppertal. Man kann eben nicht alles haben. Dafür habe ich vor, während und nach dem Konzert noch sehr nette Gespräche mit Fans geführt. Die anschließende kurze Fahrt mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof war auch ein Hochgenuss: Überall Saga-Fans, gekleidet in ihre neuen oder nicht mehr ganz so neuen Shirts, strahlend, sich freudig unterhaltend. Und kaum gehen die Türen am Hauptbahnhof auf, da steigen die meisten dieser Herrschaften aus und stimmen einen „You’re Not Alone“-Chor an. Noch irgendwelche Fragen, ob das ein gelungener Abend war?

Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich bei SAGA für die vielen Jahre zu bedanken, in denen sie mich musikalisch begleitet haben. Durch sie kam ich erst zum Rock und später zum Progrock. Ich bin mir sicher, dass es auch ohne Michael Sadler interessant und hochqualitativ weitergehen wird. Vielleicht sehen wir Michael ja eines Tages auf der Reunion-Tour wieder, wer weiß das schon? Zweifellos war dieser Abend in Bonn eine wundervolle Gelegenheit, sich von ihm zu verabschieden. Ich habe es sehr genossen und werde lange daran zurückdenken. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Danke für den tollen Abend, Jungs!

Setlist:

– Intro
– The Interview
– That’s As Far As I’ll Go
– You’re Not Alone
– I’m Okay
– Can’t You See Me Now
– Book Of Lies
– The Perfectionist
– Drum Solo
– The Flyer
– Entracte / Mind Over Matter
– Smoke On The Water, Bohemian Rhapsody (angespielt)
– Time’s Up
– Keyboard Solo / Scratching The Surface
– We’ve Been Here Before
– On The Air
– The Security Of Illusion
– On The Loose
– Careful Where You Step
– 10.000 Days
– Wind Him Up
————————–
– Humble Stance
– Don’t Be Late

Zur Bildergalerie…
Vielen Dank an Stefan Becker für die Fotos!

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert