Schandmaul w/ The Seer

  • Theaterhaus, Stuttgart
  • 01. Mai 2008

Schandmaul befinden sich derzeit auf der Promotiontour zu ihrem neuen Album „Anderswelt“, dass auf Platz 8 der deutschen Albumcharts eingestiegen ist. Treffend betiteln sie ihre Tournee daher „Anderswelt Tour 2008“, im Zuge derer sie am Abend des 30. Mai in das Theaterhaus Stuttgart einzogen.

Gleich zu Beginn sei erwähnt, dass ich mit gemischten Gefühlen in die Theaterhalle T1 marschiert bin; hauptsächlich wegen der vielen, doch sehr jungen, Mädchen, die sich beinahe in Scharen im Foyer tummelten. Doch das musste erstens nichts bedeuten und wäre zweitens auch halb so wild gewesen.
Die Stehplätze in der Halle füllten sich ebenso wie die Sitzplätze auf der Loge recht schnell, doch bevor der Hauptact die Bühne betrat, begannen pünktlich um 20.00 Uhr die deutschen Folk Rocker von THE SEER als Vorband. Was zu Beginn ihrer Show vielleicht einige noch nicht wussten: SCHANDMAUL waren schon vor einigen Jahren mit ihren Freunden von THE SEER auf Tour – damals allerdings als deren Vorband. Über die Augsburger Jungs mochte man denken, was man wollte, aber Eines blieb über jeden Zweifel erhaben: die beinahe schon greifbare Spielfreude, die das Quintett an den Tag (beziehungsweise Abend) legte. So war es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass sich das Publikum nach der Hälfte ihrer Spielzeit nicht mehr gegen die treibenden Rhythmen, melodiösen Klänge und eingängigen Mitgröhl-Refrains wehren konnte. Insbesondere „Esmeralda’s Story“, welches ihren Auftritt langsam ausklingen ließ, brachte nicht nur Bewegung in die Menschenmenge, sondern ließ sie auch schon für den Auftritt des Headliners warm laufen, der im Anschluss folgen sollte.

Nach mehr als nur einem Anstandsapplaus für THE SEER begann die kurze Umbauphase, die mit einem übers Publikum schweifenden Blick und einem 0,4-Liter-Becher Bier (die Preise waren übrigens sehr human) überbrückt wurde. Lange dauerte es dann zu unseren Freuden nicht mehr, ehe sich die Halle verdunkelte und ein kahlköpfiger Herr Lindner die Bühne mit einem breiten Grinsen betrat. Die hervorragende Laune stand ihm – trotz einer angeschlagenen Stimme, die er im Laufe des Auftritts nicht mehr verbergen konnte – ins Gesicht geschrieben, und zauberte vor allem den jungen Frauen ein Lächeln auf die Lippen. Auf den Lippen hatte er auch den ein oder anderen Spruch, gefolgt von lustigen Anekdoten aus dem Tourleben, der Bandgeschichte oder dem Privaten; insgesamt füllten solche Zwischenreden annähernd eine halbe Stunde. Das, verbunden mit der reinen Spielzeit von ungefähr 90 Minuten, hat nicht nur seine Stimme, sondern teilweise auch meine Nerven belastet. Dass solche Unterhaltungseinlagen absolute Geschmackssache sind, mag unbestritten sein. Aber es würde mich wundern, wenn es nicht noch mehr Gleichgesinnte gab, die – trotz der rhetorischen Fähigkeiten des Herrn Lindner – die Musik gerne ohne derartige Unterbrechungen gehört hätten. Die Musik nämlich war es, die Leute vor Begeisterung auf- und abhüpfen und die schon genannten Mädchen wie auf einem Boygroup-Konzert kreischen ließ. Diese derartige Leidenschaft und Aufopferungsbereitschaft, die ohne Ausnahme jeder der Musiker auf der Bühne zeigte, ging in die Knochen und machte das Konzert in Verbindung mit einer guten Titelauswahl zu einem Erfolg auf ganzer Linie. Man beschränkte sich nicht nur auf Titel wie „Wolfsmensch“, „Krieger“, die Stimmungsgranate „Fiddlefolkpunk“ oder andere Stücke des neuen Albums „Anderswelt“, sondern griff auch in die Kiste mit den alten Scheiben und gab Songs wie „Lichtblick“, „Feuertanz“, „Geisterschiff“ oder das, zum 31. April passende, „Walpurgisnacht“ von sich.

So wurden neben Fans der neuen Scheibe auch gleichzeitig die alteingesessenen SCHANDMAUL-Fans ausreichend bedient, was der Band mit einer unglaublichen Stimmung gedankt wurde, die von den engagierten, hilfsbereiten und sympathischen Securities unterstützt wurde. Während der Show vier oder fünf Mal mit einem großen Karton voller Wasserflaschen (natürlich aus Plastik) an der Abgrenzung vorbeizulaufen und sie dem Publikum zu geben, ist bei Weitem keine Selbstverständlichkeit und verdient eine Erwähnung. Deshalb – und weil es schlichtweg keine Crowdsurfer gab – kann man auch darüber hinwegsehen, dass die Mitarbeiter des Theaterhauses einem solchen Fall schlichtweg körperlich nicht gewachsen gewesen wären. Trüben konnte dieses kleine Manko die geniale Atmosphäre und die Anerkennung verdienende Bühnenleistung der Schandmäuler jedenfalls in keinster Weise. Ob nun die beiden Damen an Geige und Flöte, Gitarrist, Bassist oder Schlagzeuger – sie alle musizierten als komplexes Ganzes und verliehen jedem Titel einen einzigartigen Touch. Dass Thomas Lindner sich nach fünf weiteren Zugaben etwa gegen 23:30 auch noch für Autogramme und Fotos den Fans im Foyer bereitstellte, muss nicht mehr mit Extralob kommentiert werden. Kurzum: ein gelungener Abend, der durch kein Wässerchen getrübt und definitiv auf den Schultern dieser passionierten Musiker getragen wurde. Danke dafür!

Setlist Schandmaul (laut Foto):

Wolfsmensch
Herren der Winde
Leb
Lichtblick
Zweite Seele
Tür in mir
Missgeschick
Anderswelt
Geisterschiff
Mitgift
Feuertanz
Talisman
Das Tuch
Grosses Wasser
Fiddlefolkpunk
Krieger
Frei
Walpurgisnacht
Letzter Tanz
—–
Das Mädchen und der Tod
Braut
Dein Anblick
Denk an mich
Prinzessin


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