Konzertbericht: Shearwater w/ Support

02.07.2012 München, Orangehouse (Feierwerk)


„Seid ihr euch sicher, dass ihr zu SHEARWATER wollt?“ fragt der Türsteher, die beiden gut aussehenden jungen Männer in ihren schwarzen Klamotten und Bikerboots von oben bis unten mit skeptischen Blicken musternd. Kurz darauf stehen wir im Orangehouse, denn selbstverständlich ist der München-Termin der lediglich drei Konzerte umfassenden „Animal Joy“-Tour von SHEARWATER Pflichttermin.

Das sieht offensichtlich noch eine ganze Reihe anderer Leute genauso, ist die Halle doch bereits kurz nach Einlass gut gefüllt – jedoch faszinierender Weise vornehmlich mit Publikum jenseits der Dreißig, wie es scheint. An sich bei Musik aus dem Indie-Folk-Sektor wenig überraschend, ist es das insofern doch, als dass der Altersdurchschnitt bei den beiden vergangenen Touren deutlich niedriger lag. Doch das ist nicht das einzige, was heute anders ist… doch dazu später mehr.


Zunächst ist jedoch ein unangekündigter, insofern vorerst namenloser Support-Act an der Reihe, das Publikum auf den Abend einzustimmen. Problematisch daran ist, dass das Publikum – so ich an dieser Stelle von mir auf andere schließen darf – einerseits eigentlich gar keinen Support-Act benötigt hätte, um eingestimmt zu werden, der Supportact, welcher sich als Solokünstler mit Gesang und Akustik-Gitarre herausstellt, andererseits „einstimmen“ merklich nötiger gehabt hätte. Oder besser gesagt: einsingen. Denn zumindest die ersten Songs lang klingt das, was der nach Klischee-Singer-Songwriter aussehende Musiker abliefert eher nach „Sänger sucht Ton“ als nach irgendetwas anderem. Das mag an sich schon schade sein, im Vorprogramm einer Band wie SHEARWATER, deren Sänger Jonathan Meiburg in Sachen Perfektion bei der Intonierung Maßstäbe setzt, eher peinlich. Mit der Zeit findet er sich zwar in seine Rolle, und auch, was die Gitarrenarbeit angeht, ist hier einiges gar nicht so verkehrt – all das ändert aber wenig daran, dass man ähnliches bereits besser bei Acts wie Townes Van Zandt und allgemein diversen traurigen Akustik-Gitarren-Bands gehört hat. Mit Individualität kann der Künstler bei dieser Show jedenfalls nicht glänzen.


Anders sieht das gewohntermaßen bei SHEARWATER aus, welche schon allein durch die extrem charakteristische Stimme von Jonathan Meiburg kaum mit einer anderen Band zu verwechseln sind. Zumindest musikalisch – macht sich doch betretenes Schweigen breit, als um 21:30 die zweite Band des Abends die Bühne betritt – so lange, bis Fronter Jonathan Meiburg die Bühne betritt, und klar ist, dass es sich hier nicht, wie zunächst befürchtet, um eine zweite Vorband handelt. Vielmehr hat der Ausnahmemusiker offensichtlich seit der letzten Tour seine komplette Band ausgewechselt. Schade ist das insofern, als mir die alte Truppe deutlich sympathischer war als die teilweise etwas arg an Schülerband erinnernde neue Formation und nun auf Xylophon und Flöte im Klangbild der Band verzichtet wird. Zwar wechselt der zweite Gitarrist zwischendurch auch mal ans Keyboard, der zweite Keyboarder an die dritte Gitarre oder ein Percussion-Set aus Floor-Tom und Becken, um den Schlagzeuger zu unterstützen – allgemein wird hinsichtlich der Instrumentierung jedoch weniger experimentiert. Das macht sich auch direkt in der Musik bemerkbar, klingen die Stücke heute doch deutlich härter und aggressiver, als man es gewohnt ist: Folkig muten hier höchstens noch die Stücke vom „The Golden Archipelago“-Album an, alles andere geht klar in Richtung Indie-Rock. Bemerkbar macht sich das beispielsweise auch darin, wie SHEARWATER heute ihre Songs beenden, kommt hier doch inflationär oft der „Wir steigern uns da jetzt rein und fucken alles up, bis man vor lauter Jaulen und Quietschen und Scheppern den Song nicht mehr erkennt“-Schluss zum Einsatz. Das mag mal und als Effekt eingesetzt ganz nett sein – man denke hier bloß an „Moribund Town“ von Kellermensch – nach dem dritten Mal innerhalb eines Sets wirkt es dennoch etwas übertrieben.


Doch sei’s drum, die Band hat offensichtlich Spaß dabei, und lässt sich nicht nehmen, diesen mit dem Münchner Publikum zu teilen: Insgesamt gute 90 Minuten stehen die Texaner heute auf der Bühne, und bedanken sich im Laufe dieser Zeit mehrfach für den besten München-Gig der Bandgeschichte. Und ganz nebenbei ist auch immer noch etwas Zeit für eine witzige Anekdote oder einen flapsigen Kommentar – sympathisch!

Dass der Band-Hit „Black Eyes“ vom vorletzten Album seinen Weg tatsächlich auch im Zugabeblock nicht ins Set findet, ist zugegebenermaßen ebenso ein Wermutstropfen wie die neue stilistische Ausrichtung der Band gewöhnungsbedürftig ist – alles in allem ändert beides jedoch nichts daran, dass die gut 200 Zuschauer im Münchner Orangehouse heute einer außergewöhnlich guten Live-Darbietung beiwohnen durften, die – wie man es von SHEARWATER kennt – in Sachen Tightness und Perfektion Ihresgleichen sucht. Ganz, ganz großes Kino!

Photos © by http://www.kahnselesnick.com/

Publiziert am von

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert