
Was wäre mehr Punk als ein Konzert für lau? Insofern kommt eine Show von THE CASUALTIES auf dem Free & Easy Festival dem Ideal schon recht nahe. Doch weil München eben keine Punk-Hochburg ist und THE CASUALTIES zuletzt noch im Backstage Club gespielt haben, ist das Backstage Werk vielleicht doch etwas groß angesetzt. Insofern ist es wohl die richtige Entscheidung, dass die Show spontan in die mittelgroße Halle verlegt wird – und stattdessen SACRED REICH mit drei Vorbands das Werk bespielen dürfen.
ROTTEN FUTURE profitieren von dieser Herabstufung: Als die Münchner um 20:00 Uhr auf die Bühne kommen, ist die Halle bereits sehr gut gefüllt. Mit ihrem rohen Hardcore(-Punk) treffen die vier Männer gleich den Nerv des Publikums: Schon bald tobt der Moshpit und das Tanzbein wird im Two-Step geschwungen. Mangelnde Abwechslung machen ROTTEN FUTURE durch ein kurzes Set wett – und da insbesondere der singende Gitarrist fast schon auf Sportler-Niveau herumspringt, mangelt es der Performance nicht an Dynamik.
Die fehlt dafür in der Umbaupause am Bierausschank: Ob es an der neu eingeführten Cashless-Politik liegt oder am großen Bierdurst der Punks – im Resultat reichen die Schlangen jedenfalls quer durch die Halle, und es empfiehlt sich, auf die Bars im Außenbereich auszuweichen. Cashless bezahlt man allerdings überall – mit Ausnahme der ebenfalls draußen aufgebauten Merch-Area. Dort heißt es (zumindest heute) zum Ärger aller, die sich auf die Cashless-Versprechung verlassen hatten: „Cash only“.
Für ERECTION stehen dann aber alle wieder, wo sie stehen sollen: vor der Bühne. So bekommt Sängerin Julia Melzer schon beim Soundcheck auf die Frage „München, habt ihr Bock?“ lauten Jubel – und mit der unprätentiösen Absage „Wir fangen gleich an, Scheiß auf das Intro“ von Gitarrist Schtiefn haben ERECTION das Publikum im Sack. Dass die Fronterin ihren männlichen Kollegen im Deutschpunk in puncto „nicht Singen können“ in nichts nachsteht, macht die Show nur authentischer. Spätestens nach einer „schnellen Nummer“ machen im Pogo die ersten mühevoll aufgerichteten Irokesen-Frisuren schlapp. Dafür bekommen ERECTION nach 45 Minuten Showtime strammen Applaus – und der eine oder die andere hat sogar noch Lust auf mehr.
Stattdessen wird eilig für den Headliner umgebaut – nur um dann doch noch eine gute Viertelstunde verstreichen zu lassen. Im Kontext einer Punk-Show entbehrt das nicht der Komik: Anarchie und Chaos ja – aber bitte getreu dem Zeitplan! Punkt 22:00 Uhr darf der Punk (und die Punkerin) dann zu THE CASUALTIES abgehen. Schon beim Opener, dem Titeltrack ihres neuen Albums „Detonate“, tobt der Mob, und die Amerikaner tun wirklich alles, um das kollektive Ausrasten noch weiter zu befeuern: Mehrfach springt Sänger David Rodriguez ins Publikum, um dort eine Wall of Death aufzuziehen („Riot“), dann wieder, um aus dem Circlepit zu singen („Criminals“). Mit mäßigem Erfolg zwar nur, denn das Mikrofon ist schon nach wenigen Takten kaputt – dank kräftiger Unterstützung durch den Rest der Band und die Fans ist das aber nicht weiter schlimm.
Spätestens in der zweiten Set-Hälfte gibt es dann kein Halten mehr – mitunter leider auch wörtlich zu verstehen: Längst nicht jede:r Stagediver:in kann von den Fans in den ersten Reihen gefangen werden. Ernstlich verletzt wird aber augenscheinlich niemand. Und wie singen die CASUALTIES so wahr im vorletzten Song: „My Blood, My Life, Always Forward“. Mit dem obligatorischen Rausschmeißer „We Are All We Have“ beenden die Amerikaner ihr Set schließlich – bis sich alle Fans wieder gefangen haben und bereit sind für den Heimweg, dauert es aber noch etwas.
Mit der Verlegung der Show in die Halle hat der Veranstalter die richtige Entscheidung getroffen: Diese Atmosphäre, diese Energie, die THE CASUALTIES in der proppenvollen Halle erzeugen, wäre selbst in einem gut gefüllten Werk nicht möglich gewesen – zumal die schiere Anzahl an Crowdsurfern das Sicherheitspersonal wohl vor größere Schwierigkeiten gestellt hätte. Ohne Graben zwischen Bühne und Publikum gelingt den Fans die Selbstverwaltung zumeist recht gut. Und auch das passt ja perfekt zum Genre. Wer Hardcore-Punk live erleben will, ist bei THE CASUALTIES richtig – nicht zuletzt, weil niemand in der Szene Punkfrisuren solcher Perfektion zur Schau trägt wie David Rodriguez und Jake Kolatis. Respekt!




