The Ocean w/ Earthship, Red Fang, Intronaut

  • Wiesbaden, Schlachthof
  • 31. Mai 2011

Die deutsch/schweizerische Ausnahmeband THE OCEAN beehrt dieser Tage die Bundesrepublik mal wieder mit einer Tour und hat dabei drei Bands vage vergleichbarer Genres als Support im Gepäck. Das versprach doch einen ordentlichen Gegenwert für den Eintritspreis, also machte Metal1 es sich zur Aufgabe, dem Tourauftakt im Wiesbadener Schlachthof beizuwohnen und mal zu schauen, ob das Package hält, was es verspricht.

Den Anfang machte die Band EARTHSHIP, ein Projekt, in dem THE OCEAN-Gitarrist Robin Staps nebst Ex-THE OCEAN-Sänger Jan Oberg aktiv ist. Boten die ersten Augenblicke, nach denen das Quartett aus Berlin die Bühne betreten hatte, noch Anlass zu verhaltenem Kichern (da fiel schon der eine oder andere Kommentar à la „Spielen die schon oder stimmen die noch?“), so änderte sich das alles doch schlagartig, als EARTHSHIP anfingen, WIRKLICH zu spielen. In ein überraschend druckvolles und transparentes Soundgewand gehüllt, jagte die Band dem noch eher skeptischen Publikum eine heftige Soundwand aus der Schnittmenge von Stoner Rock und Sludge Metal entgegen, die schon nach kurzer Zeit für nickende Köpfe und nach jedem Lied für artigen Applaus sorgten. Das Stageacting fiel dabei zwar etwas verhalten aus und auch die Ansagen beschränkten sich auf ein Minimum (wobei Robin Staps‘ Entschuldigung für die Show, die besagte, dass sie am Vortag ihre erste Bandprobe vor fünftausend Leuten in Luxemburg hatten, doch ganz cool war), aber da die Band eher künstlerisch und an der Vermittlung ihrer Musik interessiert wirkte, als daran, mit dem Publikum fett Party zu machen (was man jetzt nicht als Kritikpunkt sehen sollte, das hätte wohl auch überhaupt nicht gepasst) ist das mehr als nur verzeihlich. EARTHSHIPs Musik erwies sich hin und wieder als etwas monoton, bot aber genug große Augenblicke, um das Publikum nach der halbstündigen Show befriedigt zurück zu lassen.

Zu RED FANG kann ich leider nichts sagen, da das Interview mit Robin Staps die komplette Spieldauer der Band vereinnahmte, also gleich weiter zu INTRONAUT…

Und damit zur Enttäuschung des Abends. Ich muss gestehen, zuvor noch nicht persönlich mit den Amerikanern in Berührung gekommen zu sein, aber was mir so zugetragen wurde war doch mehr als nur ein bißchen positiv. Dieser Eindruck wandelte sich allerdings schlagartig, als der erste Song begann. Sperriges Gitarrenriffing irgendwo zwischen Progressive Metal und Postrock und heftiges Drumming, das alle durchaus interessanten, filigranen Ansätze amtlich platt macht, gesperrt in Songstrukturen, die eigentlich gar nicht wissen, wo sie herkommen und wo sie hin wollen. Von anderen Bands ähnlichen Kalibers, wie zum Beispiel The Pax Cecilia, Explosions In The Sky oder This Will Destroy You (um jetzt mal eher Bezug auf die Stimmung der Musik zu nehmen, als auf die musikalische Schnittmenge) war ich es immer gewohnt, von der Musik irgendwo berührt, abgeholt und auf eine Reise mitgenommen zu werden. Während dem Genuss zu träumen, allerdings immer im Einklang mit der Musik. INTRONAUT holen mich nicht ab, sondern rufen mich an und sagen mir, dass ich halt den Bus nehmen soll, nennen mir dann die falsche Linie und schicken mich irgendwo in die Pampa. Träumen konnte man bei INTRONAUT prima, allerdings nicht von irgend was, was auch nur im entferntesten was mit ihrer Musik zu tun hat, stattdessen schickte die Monotonie des Materials meine Gedanken immer mal wieder irgendwo in Richtung „Ich muss ja noch den Müll runtertragen und das Badezimmer wischen“. Und wenn man sich dann mal mit Gewalt davon losgerissen hatte, dauerte es nicht lange und man war wieder auf demselben Trip. Vielleicht war der Auftritt der Amerikaner die Erfüllung für jeden Fan, Applaus gab es immerhin und die Räucherkammer des Schlachthofs war auch nicht übel gefüllt, für mich als „Unvorbelasteten“ war das allerdings überhaupt nichts.

Und schließlich kamen noch THE OCEAN auf die Bühne und Robin Staps verbreitete noch einmal per Mikro die traurige Nachricht, die schon durch ein paar Aushänge an den Wänden bekannt gemacht worden war: Sänger Loïc Rossetti lag mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus und konnte dem Auftritt deshalb nicht beiwohnen. Also stand ein auf instrumental gemünztes aber eigentlich nicht instrumental gedachtes THE OCEAN-Set auf dem Programm. Die verbleibenden vier Musiker gaben sich alle mühe, das Fehlen ihres Sängers zu überspielen und schafften das von Zeit zu Zeit auch, trotzdem wurde man das Gefühl, dass da was fehlt, nie so ganz los. Auch das Publikum war bemüht, die mutige Aktion der Band zu honorieren, trotzdem sah man öfter Ratlosigkeit auf den Gesichtern als wirkliche Begeisterung.
Den Auftritt jetzt zu bewerten wäre natürlich alles andere als fair, also sagen wir es am Besten so: Chapeau an THE OCEAN dafür, dass sie den Gig nicht komplett abgesagt haben, sondern den Fans möglichst viel von dem geboten haben, was diese sich wünschten. Und Chapeau an das Publikum, das die Hiobsbotschaft mehr oder weniger gelassen genommen hat.

Für einen wirklich gelungenen Konzertabend reicht das aber nicht. EARTHSHIP gefielen, INTRONAUT und THE OCEAN waren allerdings (bei zweiteren natürlich völlig unverschuldet, aber trotzdem) eher weniger überzeugende Angelegenheiten. Möglicherweise haben es natürlich RED FANG voll rausgerissen und die Veranstaltung zum größten Konzert des Universums gemacht, kann ich nicht beurteilen, trotzdem kann ich nachvollziehen, dass einige der Besucher den Eintrittspreis von 17€ retrospektiv doch etwas schmerzlich fanden. Als Fazit für die Tour sollte man das nun natürlich nicht übernehmen, Robin drückte seine Hoffnung aus, dass Loïc schon sehr bald wieder mit von der Partie sein könnte, dann könnte aus dem leicht verunfallten Tourauftakt doch noch was werden. Aber das wird die Zeit zeigen.


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