Konzertbericht: Transatlantic

2010-05-08 Köln, Live Music Hall

Die Aschewolke des isländischen Vulkans Eyjafjöll sorgte im April dafür, dass viele Fluggäste, die über den großen Teich nach Amerika oder zurück wollten, einige Tage lang nur eine Ansage zu hören bekamen: „All Transatlantic flights are cancelled“. Ironie des Schicksals: Auch ein Teil der Tourcrew der Progressive Rock-Supergroup TRANSATLANTIC schaffte es nicht rechtzeitig zu den Konzerten der Band auf dem amerikanischen Kontinent.

In Deutschland jedoch fanden alle Shows mit kompletter Mannschaft und vor allem vor größtenteils ausverkauftem Haus statt. So auch am 08. Mai 2010, an dem Neal Morse – ehemals Chef von Spock’s Beard –, Roine Stolt von den Flower Kings, Pete Trewavas von Marillion, Mike Portnoy von Dream Theater und Daniel Gildenlöw von Pain Of Salvation eine fulminante, nicht weniger als 3 ½-stündige Prog-Show in der Kölner Live Music Hall darboten. Die Location war sogar derart überfüllt, dass in der Pause der Tourmanager die Bühne betrat, um die Leute in den hinteren Reihen zum Aufrücken zu bewegen – denn 80 Minuten nach Konzertbeginn gab es vor der Halle noch immer Leute, die reinwollten. Insgesamt lauschten 1500 Zuschauer dem epischen Symphonic-Progrock der fünf Herren, die in ihrer überlangen Show nur sechs ‚Songs‘ spielten.

Die Stimmung war grandios und machte schnell klar: Auf diese Band haben die Leute wirklich gewartet. Insbesondere Mike Portnoy wusste auf seine gewohnt coole Art die Leute auf seine Seite zu ziehen: Ein cooles Schlagzeugfill hier, eine persönliche Geste und ein auffordernd gehobener Arm Richtung Publikum dort und die versammelte Mannschaft an der rechten Bühnenseite lag ihm zu Füßen und brach in Jubel aus.

Das Programm war so hochkarätig wie vorhersehbar: Im ersten Set präsentierte man das komplette „Reunion“-Album „The Whirlwind“, das im vergangenen Jahr die siebenjährige Stille um TRANSATLANTIC beendet hatte. Das Werk kam live um einiges rockiger herüber und funktionierte hervorragend. Dazu hat sicher auch der brillante Livesound beigetragen, der alle Instrumente wunderbar ausbalanciert wiedergab. Der Mann hinter den Reglern war Rich Mouser, der auch die Studioversion des Longtracks produziert hat; insofern war es nicht verwunderlich, dass Bassist Pete Trewavas wie schon auf der CD durchgehend klar und deutlich zu hören war. Ein echter Hochgenuss!

Gemeinsam mit Pete Trewavas bildete Daniel Gildenlöw, der extra für die Konzerte als Verstärkung zur Band gestoßen ist, das energetische Epizentrum der Bühne. Beide bewegen sich unablässig; Pete steht kaum eine Sekunde ruhig auf beiden Beinen, während Daniel im Unterhemd und mit Sonnenbrille headbangt und abrockt, was das Zeug hält.
Auf der linken Seite hat sich Keyboarder und Sänger Neal Morse, heute stimmlich in hervorragender Verfassung, hinter seinen zwei Tastaturen und dem Apple verschanzt. Er ist dort dauerbeschäftigt, entweder mit komplexen Keyboardparts, hochmelodischem Gesang, einem öfters mal überhitzten und abgestürzten Apple oder auch mit allem gleichzeitig. Lediglich als Mike Portnoy beim abschließende Epic „Stranger In Your Soul“ seinen Platz am Schlagzeug im fliegenden Wechsel an Neal übergibt, verlässt dieser seine Keyboardburg.
Mike Portnoy beweist währenddessen, dass Prog und Stagediving keineswegs Gegensätze sind. Es war auch musikalisch ein toller, sehr überraschender Moment: Neal gibt auch am Schlagzeug eine gute Figur ab, Pete übernimmt Neals Keyboards, während der Bass an seinem Körper von einem hinter ihm stehenden Daniel Gildenlöw gespielt wird. Als Mike es zurück auf die Bühne geschafft hat, überredet er Daniel zu einer spontanen Slapstick-Gesangseinlage. So macht man eine Rock-Show!
Gitarrist Roine Stolt bleibt dabei aber seiner Gitarre treu und ist der unbeweglichste der Prog-Stargäste, die bei TRANSATLANTIC spielen. Seiner musikalischen Leistung kam das aber nur zu Gute: Er improvisierte vor allem in seinen zahlreichen Solospots sehr viel und sehr überzeugend.

Das zweite Set bestand aus dem 30-Minüter „All Of The Above“ vom Debütalbum „SMPT:e“, der grandiosen Ballade „We All Need Some Light“ – heute mit Leadvocals von Roine Stolt – und „Duel With The Devil“ (inklusive ein paar Sekunden von Deep Purples „Highway Star“) vom Zweitling „Bridge Across Forever“. Die ruhige, titelgebende Ballade dieses zweiten Studiowerks leitet danach den Zugabenblock ein. Nur Neals Piano, Roines sanfte Gitarrenlicks und Neals Stimme, die direkt ins Herz der Zuhörer geht: Es war ein zu Tränen rührender Moment. Doch es blieb kaum Zeit sich zu erholen oder den Moment auszukosten: Direkt nach dem Konzert sollte die Rockdisco in der Live Music Hall beginnen, weshalb die Band sofort mit dem letzten Song, dem bereits erwähnten „Stranger In Your Soul“, weitermachte und die Show bravourös beendete. Die fünf Herren hinterließen ein sichtlich erschöpftes, aber unheimlich zufriedenes Publikum, das sichtlich dankbar für die musikalischen Orgasmen war, welche es an diesem Abend erlebt hatte. Bleibt nur zu hoffen, dass es bis zu der nächsten Tour nicht wieder neun Jahre dauert!

An dieser Stelle vielen Dank an Peter Klapproth von Pirate Smile Promotions für die Akkreditierung und an Bonnie Stelzer für die tollen Konzertfotos!

Setlist:
The Whirlwind
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All Of The Above
We All Need Some Light
Duel With The Devil
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Bridge Across Forever
Stranger In Your Soul

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