Týr & Moonsorrow w/ Crimfall

  • Hamburg, Markthalle
  • 08. Oktober 2011

Es ist zwar bei beiden Bands schon ein paar Monate her, dass sie ihre neuen Alben unters Volk brachten – dennoch scheint es kein ungewöhnliches Paket, wenn TÝR und MOONSORROW auf der „Dead Tyrants“-Co-Headlinertour die Bühnen teilen. Und daher ist die Verwunderung doch recht groß, warum sich an diesem Abend in Hamburg so dermaßen wenig Volk in die Markthalle aufmacht, um die beiden Viking Metal-Hochkaräter zu bewundern.

Als Anheizer stehen zunächst aber CRIMFALL auf der Bühne. Die Finnen haben am meisten unter der kläglichen Besucherzahl zu leiden, gerade einmal 30 Personen zähle ich, und dennoch versuchen sie ihr Bestes. Besonders erbaulich wirkt deren Pagan Metal nicht, insbesondere Frontmatrone Helena (man, was für eine Wuchtbrumme!) kann mit ihrem Gesang nicht überzeugen. Der Rest der Musik scheint passabel, aber auch alles andere als zwingend, da eine Menge Potential im Keyboardoverkill versinkt. Was bleibt, ist allenfalls ein wenig Mitleid.

MOONSORROW müssen heute von den Headlinern als erstes ran. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Markthalle wenigstens ein wenig mehr gefüllt, aber es dürfte lange her sein, dass die Urgesteine aus Suomi vor so wenigen Menschen gespielt haben. Doch wie sehr wir es hier mit einer der besten Bands des Genres zu tun haben, merkt man von der ersten Sekunde an. Mit dem langsamen Opener des aktuellen Albums „Varjoina Kuljemme Kuolleiden Maassa“ geht es los, und auch wenn sich die Nummer nicht als zwingender Livesong erweist, so durchdringt der MOONSORROW-Sound doch gleich die ganze Halle. Nicht weniger als beim ersten Deutschlandauftritt vor sechseinhalb Jahren bin ich beeindruckt, dass drei Kehlen (Henri Sorvali wird, wie so oft, durch Janne Perttilä ersetzt) wie zwanzig klingen können!
Die Veteranen lassen über die gesamte Spielzeit keine Wünsche offen. Mit Ausnahme der „Hävitetty“-Platte, die ja nur aus zwei halbstündigen Songs besteht und dementsprechend wenig livetauglich ist, wird kein Album ausgelassen. Dabei geht die Band sehr geschickt vor und wechselt langsamere Stücke mit schnelleren Nummern ab. Titel wie „Jotunheim“ (leicht abgekürzt) jagen wohlige Schauer über den Rücken, während die Bühnenpräsenz der Band angenehm minimalistisch bleibt. Die Ansagen sind knapp und prägnant, das Licht stimmt und großes Gepose braucht es einfach nicht.
Mit dem abschließenden „Kuolleiden Maa“ findet der Gig auch seinen Höhepunkt. Mit Dauer-Flackerlicht bleibt einem gar nichts Anderes übrig, als sich in Extase zu begeben und sich von den Finnen verhexen zu lassen. Der Ausklang wird von gebührend zelebriert, indem die letzten Takte immer langsamer verhallen. Mächtig, majestätisch, MOONSORROW! Die Gruppe zeigt einmal mehr, dass ihr in und außerhalb der Pagan-Szene kaum jemand das Wasser reichen kann und spielt einen der besten Auftritte des Konzertjahres 2011.

Setlist Moonsorrow:
Tähdetön
Köyliönjärven Jäällä (Pakanavedet II)
Raunioilla
Taistelu Pohjolasta
Jotunheim
Aurinko Ja Kuu
Kuolleiden Maa

Nach dem Licht folgt der Schatten. So sehr die Färinger von TÝR auch ein starkes Album mit „The Lay Of Thrym“ hingelegt haben, so mäßig präsentieren sich die Jungs um den Wahl-Hamburger Heri Joensen auf der Bühne.
Als Opener gleich das Kernstück des neuen Albums zu verbraten, scheint mir nicht sehr schlau, gerade weil zu diesem Zeitpunkt der Klang am schlechtesten ist. Den ganzen Auftritt über hat man es mit einem sehr üblen Sound zu tun, der angesichts der Professionalität aller Beteiligten doch sehr verwundert. Heri, der mittlerweile kurzhaarige Terji und Spaßbasser Gunnar bemühen sich zwar nach Kräften mit Bewegung auf der Bühne für Stimmung zu sorgen, und der Frontmann erntet immerhin mit ein paar Deutsch-Brocken Beifall – allerdings wundere ich mich, dass er nach eineinhalb Jahren noch nicht mehr spricht oder sprechen will. Doch angesichts von höchstens siebzig Menschen in der Markthalle (Tendenz: abnehmend) gelingt es den Insulanern kaum, einen Funken überspringen zu lassen.
Vor allem die Songauswahl verärgert. Über neue Brecher wie „Flames Of The Free“ oder „Take Your Tyrant“ gibt es wenig zu meckern, haben wir es schließlich auch mit der Tour zum Album zu tun. Dass es aber mit Ausnahme zweier echter Songs von der 2006er-Scheibe „Ragnarok“ nur Songs der letzten beiden Alben gibt, ist beschämend. Ein von mehreren Kehlen gefordertes „Regin Smiður“ bleibt aus, wie die Band ohnehin sämtliche nicht-englischen Titel umschifft.
TÝR bleibt es freilich nicht verborgen, unter welchen Bedingungen sie hier spielen müssen. Heri, wenig fröhlich dreinblickend, fragt nach mehreren Songs fast skeptisch, ob wir denn überhaupt noch ein Stück hören wollen. Doch sogar die kläglich geforderte Zugabe wird gespielt, aber mitsingen mag im Publikum kaum einer. So verpassen die Färinger die Chance, ein besonders intimes Konzert zu spielen.

Setlist Týr:
The Lay Of Thrym
Ride
Shadow Of The Swastika
Lord Of Lies
Flames Of The Free
By The Light Of The Northern Star
Take Your Tyrant
The Rage Of The Skullgaffer
The Hunt
Northern Gate
Hall Of Freedom
Hold The Heathen Hammer High
By The Sword In My Hand

Der schwachbesuchte Abend bleibt zur Hälfte in brillanter, zu anderen Hälfte in mieser Erinnerung. MOONSORROW, die offensichtlich auch mehr Menschen angezogen haben, schafften es, das beste aus der Lage zu machen, was TÝR nicht gelang. Erklärungen für die magere Gästezahl kann man vielleicht in dem relativ hohen Ticketpreis von über 20 € suchen und/oder in dem gleichzeitigen Überangebot an Pagan Metal-Touren (Heiden-/Heathen-/Paganfest und Konsorten), die deutlich mehr Bands zu wenig mehr Geld durch Europa jagen. Es bleibt aber zu hoffen, dass jene Unsitte bald ein Ende hat und entsprechend kleinere Pakete wieder mehr Würdigung finden.

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