
Ganz München ist bei den DEFTONES im Zenith. Ganz München? Nein! Rund 60 Fans harter Klänge widerstehen dem neu entflammten Hype um die Alternative-Metal-Legende und statten statt dessen der „Industrial Worship“ European/UK Tour 2026 mit YOUTH CODE, KING YOSEF und STREET SECTS im Feierwerk einen Besuch ab. Dass die Show vom Hansa 39 in die Kranhalle verlegt wurde, ist vom Ansatz her gut – noch besser allerdings wäre bei dieser Besucherzahl das Orangehouse oder gar das Sunny Red geeignet gewesen.
Für die Stimmung im spärlich besetzten Club müssen STREET SECTS jedenfalls ganz alleine sorgen – ehe die Band beginnt, stehen die Fans nur vereinzelt zwischen Bühne und Mischpult, beziehungsweise zwischen Merch und Bar. Der Move, das Licht zunächst quasi auszulassen und nur mit Nebel und Blitzen zu arbeiten, ist insofern geschickt: Schnell lässt sich beim extremen Industrial-Hardcore des Duos aus Austin, Texas, das Drumherum vergessen. Das scheint auch für Sänger Leo Ashline and Shaun Ringsmuth am Effektboard zu funktionieren, die über das halbstündige Set mit zunehmender Intensität von Licht und Musik immer weiter aus sich herausgehen, bis Ashline ins Publikum springt und dort performt. Eine intensive, extreme Show, die beweist, dass es weder eines großen Publikums noch vieler Instrumente bedarf, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Nur 15 Minuten später übernimmt KING YOSEF – mit einem ganz anderen Ansatz: Mastermind Tayves Yosef Pelletier sucht direkt das Gespräch mit dem Publikum und stellt klar, dass auch in Bühnennähe niemand in Gefahr sei: „I don’t hurt anyone, I just hurt myself“. Auch das ist zum Glück nur metaphorisch gemeint – wennschon der brutale Deathcore-Gesang des sympathischen Fronters durchaus in Richtung Selbstverletzung geht: Unterstützt von extrem groovigem Drumming zwischen Deadnotes und Blastbeats und gesampleten Gitarrenspuren und Sounds, die das Trio stellenweise um auf einer Gitarre als Effekt live gespielten Leads bereichert, kreiert KING YOSEF einen druckvollen Mix aus Deathcore und Industrial. Dass ohne die Überschneidung mit den DEFTONES hier heute wohl mehr los gewesen wäre, ist auch KING YOSEF klar – umso herzlicher bedankt er sich bei allen, die heute hier sind. Angesichts dieser brachialen 45-Minuten-Performance, die KING YOSEF abliefern, dürfte diese Entscheidung zumindest niemand der Anwesenden bereuen.
Dass die Show von KING YOSEF bereits Headliner-Vibes hatte, wird durch den Spannungsabfall bei YOUTH CODE nochmal deutlicher: Das Duo kann zunächst weder musikalisch noch in Sachen Performance an das bisher gebotene anknüpfen: Optisch haben YOUTH CODE nichts zu bieten – die Bühne bleibt quasi die gesamte Show über stockfinster. Auch musikalisch folgt die Spannungskurve der Nulllinie: In Sachen Beats und Synth-Sounds deutlich traditioneller und damit leider auch unspektakulärer als bei den vorangegangenen Acts, fehlt der Musik von YOUTH CODE jeder Pepp – und auch das Screaming von Sara Taylor ist zwar extrem – vor allem aber extrem monoton. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beats im direkten Vergleich mit dem fetten Live-Sound von KING YOSEF jeglichen Druck vermissen lassen.
Punkten können YOUTH CODE erst, als sie aktiv die Nähe zum Publikum suchen: indem Taylor einen Song auf dem Boden des Zuschauerraums liegend performt, als sie, zum ungewollten Motto des Abends passend, spaßeshalber „My Own Summer“ von den DEFTONES ankündigt, oder indem sie sich politisch positioniert: „I’ve never been super proud to be America, but what I can say is that I’m now super embarressed to be American“ – „We feel you!“, möchte man ihr zurufen. Höhepunkt der Show aber ist ohne Zweifel das zwei Songs umfassende Feature mit KING YOSEF, den Taylor ausführlich als ihren Lebensretter aus der Alkoholsucht vorstellt. Auch hier können YOUTH CODE zwar nicht an das zuvor erlebte heranreichen, die schiere Energie, die Tayves Yosef Pelletier auch dieser Performance hinzufügt, rundet den Abend aber zumindest gelungen ab.
In einem passenderen, also kleineren Rahmen (oder aber mit etwas mehr Publikum) hätte dieser Konzertabend wohl noch eine andere Dynamik entwickelt. Auch so gewinnt man heute aber sehr spezielle Eindrücke: Ob die rohe elektronische Brachialität von STREET SECTS oder die durch Schlagzeug und Gesang doch irgendwie Metal-artige Performance von KING YOSEF – diese Shows sind nichts, was man so alle Tage bei beliebigen anderen Bands zu sehen bekommt. Wennschon der Headliner YOUTH CODE da nicht ganz mitzuhalten vermag – 28 € sind in diese musikalische Entdeckungsreise in die Hybridzone zwischen Elektro und Metal gut investiert.

