Review Ayreon – The Human Equation

Vier Jahre nach den beiden „Universal Migrator“-Alben erscheint dieser Tage das sechste Album (die „Ayreonauts Only“-Collection aus dem Jahr 2000 mal ausgenommen) aus dem Hause Ayreon. In der Zwischenzeit vertrieb sich Mastermind Arjen Lucassen die Zeit mit dem „Star One-Projekt und brachte u.a. auch ein Live Album mit diversen Ayreon Songs auf den Markt.
Nun ist also sein Hauptprojekt Ayreon wieder dran, mit „The Human Equation“ gibts sogar wieder einen Doppeldecker für die Fans ins Herz zu schließen. Im Vorfeld zum Album erschien die Maxi „Day Eleven: Love“, die schon einen guten Vorgeschmack auf das Album bot, diesem allerdings im ganzen gar nicht gerecht werden konnte.

Als erstes positiv anzumerken ist, das Lucassen mit „The Human Equation“ wieder zu „Into The Electric Castle“-Zeiten zurückkehrt und nicht mehr einzelne Songs einzelnen Personen zuordnet, wie er es bei den beiden „Universal Migrator“-Alben tat. Jeder Sänger taucht also wie bei „Into The Electric Castle“ in mehreren Songs auf.
Etwas anderes hätte zu „The Human Equation“ auch gar nicht gepasst, gibt es hier doch eine komplexe Story zu erzählen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht „Me“, gesungen von Dream Theater-Frontmann James LaBrie. Ein egoistischer Erfolgsmensch, der nach einem Autounfall ins Koma fällt. In diesen Zustand schalten sich allerlei Charaktereigenschaften ein, mit denen es von da an einen Kampf zu führen gilt. Manche sind dem Erwachen des Protagonisten zuträglicher („Love“, „Pride“), manche eher weniger („Fear“, „Agony“). Die verschiedenen Charaktereigenschaften konfrontieren „Me“ mit verschiedenen Ereignissen aus seinem Leben, während dieser erkennt, das er einiges falsch gemacht hat und Leuten schadete. Während der Protagonist also einen inneren Kampf auszufechten hat, können sein Vater, seine Frau und sein bester Freund nur am Krankenbett verweilen, ohne die Möglichkeit des Eingreifens zu haben. Ich möchte jetzt auch gar nicht die ganze Geschichte erzählen, auf jeden Fall kann ich aber sagen, dass Arjen Lucassen hier wieder ein kleines Meisterwerk ersonnen hat.

Das gleiche glückliche Händchen erwies er auch wieder bei der Auswahl der Stimmen, so finden sich unter anderem James LaBrie (Dream Theater), Devin Townsend (Strapping Young Lad), Mikael Akerfeldt (Opeth) und Devon Graves (Dead Soul Tribe, ex-Psychotic Waltz) auf dem Album wieder. Die Eigentschaften „Love“ und „Passion“ wurden mit weiblichen Sängerinnen besetzt, die gar nicht besser passen könnten. Heather Findlay (Mostly Autumn) hat eine warme, liebliche Stimme, die perfekt geeignet ist, um „Liebe“ zu verkörpern, während Irene Jansen mit ihrer kraftvollen Stimme die „Leidenschaft“ erklingen lässt. Arjen selbst traut sich auch ans Mikro, er verkörpert den besten Freund des Hauptcharakters. Die Rolle der Ehefrau wird von einer eher unbekannteren Sängerin gesungen. Diese fischte Lucassen aus einer Anzahl von Demotapes, die er aufgrund eines Aufrufes von Fans zugeschickt bekam. Er war so von der Stimmgewalt der Dame beeindruckt, dass er sie aus Mexiko einfliegen lies, um diese Rolle einzusingen.
So brillant diese Sänger im Einzelnen sind, Sangeskunst allein nützt natürlich nichts, wenn das Zusammenspiel nicht funktioniert. Doch dieses funktioniert auch einwandfrei, die verschiedenen Charaktereigenschaften liefern sich Gesangsduelle, sowie auch die menschlichen Protagonisten. Besser hätte Lucassen die Sänger gar nicht wählen können, diese verleihen der Story zusätzliche emotionale Tiefe.
Auch aus der Instrumentalfraktion kann ich nur positives berichten, alles ist vorhanden, was der Fan an Ayreon sowieso schon liebt, allerdings gesellen sich auch neue Sachen dazu. So kann man zum Beispiel in „Day Sixteen: Loser“ ein Didgeridoo vernehmen, außerdem spielt Lucassen zum ersten Mal eine siebensaitige Gitarre. Auch Streicher kommen auf dem Album zu regem Einsatz. Komplexe Songstrukturen und schöne Melodien gibt es auch zu Genüge, sodass „The Human Equation“ eigentlich nur mit Highlights gespickt ist. Vor allem fällt auf, dass neben einigen thrashigen Passagen auch vermehrt folkige Klänge zu vernehmen sind.

„The Human Equation“ verspricht also 103 Minuten abwechslungsreiche Unterhaltung, die man mindestens einmal gehört haben sollte, während man die Lyrics liest. Zwar ist das musikalische Erlebnis alleine schon sehr beeindruckend, allerdings ist es die Story mehr als wert, gelesen zu werden.
Äußert gelungen ist auch die Präsentation des Doppeldeckers: Wie von Ayreon gewohnt, gibt es ein fantastisches Artwork zu begutachten. Da die Reise des Hauptcharakters in Tage unterteilt ist, gibt es auf der zweiten CD auch ein nettes Gimmick. Da diese mit „Day Twelve: Trauma“ startet, zieht sich das Intro des Songs über die ersten 11 Tracks der CD, um dann bei 12 letztendlich zu beginnen. Das nennen ich Detailarbeit.
Mir gefällt „The Human Equation“ sogar noch einen Tick besser als das bisherige Ayreon-Meisterwerk „Into The Electric Castle“. Da dieses schon nahe an der Perfektion war, komme ich als nicht umher für „The Human Equation“ die Höchstnote zu verteilen.
(Alexandra)

Wertung: 10 / 10

Geschrieben am 5. April 2013 von Metal1.info

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert