CD-Review: Callejon - Fandigo (+)

Besetzung

BastiBasti – Gesang
Bernhard Horn – Gitarre
Christoph „Kotsche“ Koterzina – Gitarre
Thorsten Becker – Bass
Max „Kotze“ Kotzmann – Schlagzeug

Tracklist

01. Der Riss in uns
02. Utopia
03. Pinocchio
04. Hölle Stufe 4
05. Monroe
06. Ø
07. Das gelebte Nichts
08. Noch einmal
09. Mit Vollgas vor die Wand
10. Powertrauer
11. Mein Gott ist aus Glas
12. 11 ° 19’0’’N, 142 ° 15’0’’O
13. Nautilus
14. Fandigo Umami


(Electronic Rock / Metalcore) 2015 haben CALLEJON mit „Wir sind Angst“ ein Statement gesetzt. Es ging um die Auswirkungen von Angst auf die Gesellschaft und die Wut, die sich aufgrund dessen bei den deutschen Metalcorelern angesammelt hatte. Nach diesem aggressiven, stilistisch bandtypischen Album wagt das Quintett auf „Fandigo“ nun eine komplette Kehrtwende, die so manchen Fan wohl vor den Kopf stoßen wird. Angetrieben von dem Verlangen nach einer neuen Form des musikalischen Ausdrucks und – kaum zu glauben, aber wahr – inspiriert von The Cure, Depeche Mode und Morrisey lassen CALLEJON ihre Tage als wütende, bisweilen auch schon mal zum Feiern aufgelegte Metalcore-Truppe hinter sich.

„Der Riss in uns“ macht es vor: Sphärische Retro-Synthesizer, melancholische Clean-Gitarren und der wehklagende Klargesang von BastiBasti nehmen nun den Platz ein, der vormals den im Genre üblichen Screams und Riffs vorbehalten war. Wer nun auf die Idee kommt, CALLEJON würden nur noch traurige Balladen schreiben (die es mit Songs wie „Phantomschmerz“ ja schon früher gab), der wird auf „Utopia“ eines Besseren belehrt. Gehetzte Beats und brummende Gitarren sowie ein schmachtender Refrain verleihen der Nummer einiges an Power. Wer dem früheren Stil der einstigen Metalcoreler immer noch nachtrauert, findet im wuchtigen „Pinocchio“ und im energetischen, verführerischen „Monroe“ zumindest noch ein paar Überbleibsel davon in Form von kraftvollen Gitarren und ein paar gezielten Shouts.

Von diesen und wenigen anderen Ausnahmen abgesehen haben CALLEJON ihre stilistische Öffnung jedoch konsequent umgesetzt. Die schwermütigen, facettenreichen Cleans stehen nun eindeutig im Vordergrund, ebenso die eigentümlichen Electro-Elemente, die auf früheren Alben allenfalls ergänzend zum Einsatz kamen – so zum Beispiel im düsteren, fast schon sakralen Interlude „11 ° 19’0’’N, 142 ° 15’0’’O“. In puncto Kreativität haben CALLEJON eindeutig einen Hechtsprung nach vorn gemacht, sodass „Fandigo“, dessen Titel ein Neologismus aus den Wörtern Fan und Wendigo ist, definitiv als ihr bisher außergewöhnlichstes Album in Erinnerung bleiben wird, ob nun zum Guten oder zum Schlechten.

Insbesondere die Gitarren, wenngleich sie nun etwas dezenter im Mix positioniert sind, kann man im Gegensatz zu früher sogar als atmosphärisch bezeichnen. Beispiele dafür sind das lässige, absichtlich monotone „Mit Vollgas vor die Wand“ oder das kalte, einsame und höchstemotionale „Mein Gott ist aus Glas“. Ebendiese Stimmung variiert von Track zu Track, stets schwingt jedoch zumindest ein Hauch Melancholie mit – sogar in der sehnsüchtigen Festivalhymne „Noch einmal“.

Die Zeiten, in denen CALLEJON über Zombies, spanische Schmuddelfilme und maschinelle Liebhaber gesungen haben, sind nun endgültig vorbei. Auf „Fandigo“ widmen sich die fünf experimentierfreudigen Musiker gänzlich ihrer schon früher vorhandenen ernsthaften Seite. Einigen Fans wird es sicherlich schwer fallen, sich mit dem abrupten Wandel anzufreunden, zumal der eine oder andere Track selbst für aufgeschlossene Hörer befremdlich erscheinen mag („Hölle Stufe 4“). Nichtsdestotrotz haben CALLEJON ihren Einfallsreichtum stimmig spielen lassen und somit eine Platte geschaffen, bei der etwaige Vorwürfe kommerzieller Anbiederung trotz des geringeren Härtegrades nicht angebracht erscheinen.

Bewertung: 8 / 10

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