Coer Leather Terror

Review Carpenter Brut – Leather Terror

  • Label: Universal, Virgin
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Electronic , Synthwave

A real soundtrack, a fake movie: A story of girls, death and dirty synthesizers.“ Dieser Satz fasst zusammen, womit das Synthwave-Projekt des französischen Produzenten Franck Hueso, CARPENTER BRUT, vor vier Jahren debütierte: Mit dem Beginn einer Album-Trilogie, die inhaltlich von einem introvertierten Studenten der Wissenschaft, Bret Halford, und dessen Wandel hin zum Serienmörder handelt. Nachdem Bret vom Mädchen seiner Träume abgewiesen wird, versucht er ein Mittel zu kreieren, um alle Menschen – und schlussendlich auch besagte Frau – zu kontrollieren. Nachdem das gehörig schiefgeht, bleibt Bret entstellt zurück und besinnt sich stattdessen darauf, als Sänger namens Leather Teeth bei der Rockband Leather Patrol anzuheuern, um über diesen Weg an seinen Schwarm (und sicherlich auch andere Damen) herantreten zu können.

Während „Leather Teeth“ somit die Entstehungsgeschichte des mordlustigen Sängers darstellt, zeigt das neue Album „Leather Terror“, dass Bret alias Leather Teeth das Messer nun gegen alle wetzt, die sich ihm und seinen Begierden entgegenstellen. Die Geschichte, der CARPENTER BRUT eine Trilogie widmen wird, ist anno 2022 nur schwer verdaulich: Ein Mann wird durch das Nein einer Frau zum Mörder, nachdem es ihm nicht gelang, ihren Geist seiner Libido zu unterwerfen. Nope, Franck, künstlerisch wertvolle Lyrik ist das nicht. Umso besser zu wissen, dass auf dem neuen Album von CARPENTER BRUT nur sechs von zwölf Tracks mit Gesang und demnach auch Texten über Bret, dem von Ablehnung getriebenen Mörder hinter dem Mikrophon von Leather Patrol, gefeatured sind.

Die Liste der involvierten Sängerinnen und Sänger schlägt die vom Debüt haushoch: Während „Leather Teeth“ stellenweise von Kristoffer Rygg (u. a. Ulver, ex-Arcturus) und Mat McNerney (Hexvessel, Grave Pleasures, ex-Code) eingesungen wurde, verdreifacht CARPENTER BRUT die Anzahl der Sänger*innen auf „Leather Terror“. Neben Alex Westaway von Gunship („The Widow Maker“), Greg Puciato („Imaginary Fire“) und Sylvaine („Stabat Mater“) unterstützt Kristoffer Rygg von Ulver bereits zum zweiten Mal („…Good Night, Goodbye“), wohingegen der Auftritt der – zumindest in Metal-Kreisen nicht bekannten – Pariser Sängerin Persha („Lipstick Masquerade“) ebenso überraschend ist wie der von Tribulation-Frontmann Johannes Andersson („Leather Terror“). Mit diesen überaus spannenden, da unterschiedlichen Gesangsbeiträgen punkten CARPENTER BRUT auf voller Spiellänge; „Leather Terror“ steht seinem Vorgänger in puncto Abwechslung also in nichts nach.

Ein deutlich hörbarer Unterschied zwischen der 2018er Platte und dem zweiten Album zeigt sich bereits im Opener. „Opening Title“ ist ein düsterer, sehr dicht inszenierter Track, dessen Atmosphäre sich dank mehrerer Layer immer mehr zuspitzt. Der mit Chor-Gesang untermalte Song „Straight Outta Hell“ kann diese Stimmung halten, obwohl die eigentliche Überraschung an dem Track ist, dass weder Schlagzeug noch Gitarre für „Leather Terror“ verwendet wurden und das Brachiale einzig durch die Synths von Hueso geschaffen wird. Mit diesem Wissen fällt einem spätestens beim Titeltrack die Kinnlade herunter, wenn nicht nur der Sänger von Tribulation mit seinem Gesang für Metal-Stimmung sorgt, sondern sich auch das Instrumentale dem anpasst.

CARPENTER BRUT klang zuvor nie so brachial, Fans müssen aber dennoch keine „Vermetalisierung“ fürchten, denn gerade mit Songs wie „Day Stalker“ oder „Night Prowler“ bleibt sich das Synthwave-Projekt treu und liefert temporeiche Synth-Hits, wie sie Dance With The Dead gerne schreiben würden. Während Hueso mit Persha den wohl typischsten Gute-Laune-Retrowave-Hit seiner Karriere („Lipstick Masquerade“) eingespielt hat, bleibt der Beitrag mit Gunship-Frontmann Westaway („The Widow Maker“) deutlich hinter den Erwartungen zurück; die klare, hohe und schlichtweg zu zarte Stimme passt nur bedingt zu den bitterböse stampfenden Synths. Dass das wesentlich besser geht, zeigt Hueso am Ende des Albums mit dem Titeltrack.

„Leather Terror“ kann die Erwartungen, die das Debüt vor vier Jahren schürte, nicht nur erfüllen, sondern in einigen Punkten auch übertreffen. Besonders der brachiale Sound steht CARPENTER BRUT gut zu Gesicht, sowohl gesanglich untermalt („Leather Terror“) als auch als instrumentales Stück („Straight Outta Hell“). Die Gesangeinlagen runden das Bild eines facettenreichen Albums ab, dessen Stärke vor allem darin liegt, dass das instrumentale Grundgerüst stimmungsvoll genug ist, um auch ohne melodischen Gesang überzeugen zu können („Paradisi Gloria“). CARPENTER BRUT belegt mit dem neuen Album, dass manche Hypes wohlverdient sind – der Hype um Huesos Synthwave-Projekt fußt nicht nur auf einem guten Debüt, sondern nun auch auf einem starken Zweitwerk.

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Wertung: 8.5 / 10

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