Die schwedischen Gothic-Doom-Metaller DRACONIAN zählen zu einer verlässlichen Bank, wenn es um die Vertonung tiefer Melancholie geht. Das 2020 erschienene „Under A Godless Veil“ war an Schwermut und Dunkelheit kaum zu überbieten und zugleich das letzte Album mit Sängerin Heike Langhans, die sich seit 2012 das Mikrofon mit Anders Jacobsson teilte und Lisa Johansson ersetzt hatte. Diese ist 2022 zu DRACONIAN zurückgekehrt – und bringt der Band auf „In Somnolent Ruin“ hörbar neuen, alten Atem.
Welchen Ausschlag diese Wiederbesetzung gibt, zeigt bereits der Opener „I Welcome Thy Arrow“. Der Song beginnt düster mit Lisas sanftem Gesang, während Gitarren und Drums einen klaren, treibenden Kurs vorgeben. Zähe Doom-Strukturen und Anders Jacobssons tiefe Growls verschieben die Dynamik schnell in Richtung schwerer Verlorenheit, die sich wellenartig aufbaut und wieder in sich zusammenfällt.
DRACONIAN können jedoch nicht nur Schmerz bestens intonieren, sondern verstehen sich auch auf die besonders finsteren Momente. „The Monochrome Blade“ schlägt dahingehend nämlich eine deutlich wuchtigere Tonalität an. Die Riffs von Johan Ericson und Niklas Nord bauen eine bedrohliche Kulisse auf, die von Anders’ Growls getragen wird, während Lisas zurückgenommene, sehnsuchtsvolle Gesangslinien einen tragischen Kontrapunkt setzen.
Einen Höhepunkt markiert das Feature mit Daniel Änghede. Auf „Anima“ treiben DRACONIAN die emotionale Komponente des Gesangs auf die Spitze. Über weite Strecken erinnert der Song an SWALLOW THE SUNs „Cathedral Walls“. Sanft-melancholische Gitarren umspielen das Duo Johansson und Änghede, bevor sich der Track im letzten Drittel noch einmal verdichtet und an Härte gewinnt. Wenn Anders schließlich mit in den finalen Refrain einsteigt, entfaltet sich pure Gänsehaut.
Generell scheint die Band die maximale Finsternis von „Under A Godless Veil“ ein Stück weit hinter sich gelassen zu haben. Auf „Asteria Beneath The Tranquil Sea“ verschmelzen fast ätherische Klangflächen mit schwebenden Gesangslinien zu einer bittersüßen Ruhe, die in Zeilen wie:
„Breathe in, breathe out, breathe no more“ konsequent in die Leere führt.
Die Essenz des Albums bündeln besonders „Cold Heavens“ und „Misanthrope River“. Erstgenannter gehört zu den temperamentvolleren Stücken und hebt sich mit leicht erhöhtem Tempo und markanten Bassdrums hervor, ohne an Düsternis und Melancholie zu verlieren. „Misanthrope River“ hingegen setzt auf langsame Entfaltung, schwere Doom-Riffs und eine frostige, erhabene Atmosphäre, die sich in einem eindringlichen Refrain entlädt. Hier zeigen die Schweden noch einmal wie tiefschürfender Schmerz klingen kann.
Am Ende stehen DRACONIAN mit „In Somnolent Ruin“ näher an ihren Anfängen als zuletzt, was Tracks wie „I Welcome Thy Arrow“ und „Misanthrope River“ eindrucksvoll beweisen. Währenddessen wurde die erdrückende Schwärze von 2020 durch eine tiefere, ätherischere Melancholie ersetzt. „Asteria Beneath The Tranquil Sea“ und „Lethe“ bringen diese Entwicklung auf den Punkt. „In Somnolent Ruin“ ist damit nicht nur die Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart, es ist auch nicht weniger als ein weiteres starkes Kapitel in der Diskografie der Schweden – und eine Genre-Platte erster Klasse.
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Wertung: 8.5 / 10


