Riccardo De Piccoli aka Lord Ergot hat 2015 das ERGOT-Debütalbum „Victims Of Our Same Dreams“ veröffentlicht und legt mit dem Neuling „Decade“ nun dessen Nachfolger vor. Warum die Ein-Mann-Band derart lange an ihrem zweiten Output gearbeitet hat, kann nicht beantwortet werden. Fest steht aber eines: Es ist fast schade, dass es eine titelgebende Dekade benötigte, ehe ERGOT aus dem kreativen Abgrund emporstieg – denn „Decade“ hat tatsächlich einiges anzubieten.
ERGOT bewegt sich auf seinem zweiten Album irgendwo auf dem Spektrum zwischen rauer Konvention und modernem Zeitgeist. „Notte Senza Fine“ ist ein schöner, treibender Einstieg mit dezent finnischer Note, der neben seinem dynamischen Schlagzeugspiel auch mit simplen, aber stimmigen Lead-Melodien überzeugen kann. Die scharfen Screams machen die Formel für ein im besten Sinne konventionelles Opening perfekt. Das folgende „Quel Sogno Che Incombe“ legt anschließend gleich eine weitere große Stärke von ERGOT offen. Schon eine einsam gezupfte Gitarre und klirrende Keyboards setzen intensiv triste Stimmungen, die der Song über die gesamte Länge trägt.
Dabei ist es fast schon unverschämt, wie melodisch und tiefschürfend die Kompositionen von ERGOT bei vergleichsweise geringer Komplexität funktionieren. So wird „Tutto Niente Nessuno“ von einem erdigen Basslauf eröffnet und entwickelt sich im Verlauf zu einem Track, dem man sanfte Reminiszenzen an Bands wie ELLENDE oder HARAKIRI FOR THE SKY nicht absprechen kann. Der ruhige und überaus atmosphärische Kern des Ein-Mann-Formats wird indes durch das Interlude „11 11“ auf den Punkt gebracht, nur um mit „Alterego 666“ erneut jedem Post-Black-Metal-Fan feuchte Augen zu bereiten.
Das mag sicher auch der überaus runden Produktion geschuldet sein, die sich eine gewisse schroffe Attitüde bewahrt hat und dabei trotzdem sehr organisch und ausgewogen klingt. Der relativ trockene Drumsound auf „Omni“ verbindet sich bestens mit den dezent verwaschenen und doch wuchtigen Gitarren, ohne dass Gesang oder Keyboards unterpräsentiert wären. Das ist nur gut für den Schlusspfiff von „Decade“. Im Gegensatz zum Eröffnungstitel „Notte Senza Fine“ hat das abschließende „Riflesso Di Mille Realtà“ mit seinen sanften Saitenarrangements fast schon etwas Befriedendes. In diesem Song kulminiert noch einmal alles, was „Decade“ schon zuvor wirklich gut gemacht hat: tolle Melodien, viel Dynamik und ein gutes Gespür für Atmosphäre.
ERGOT liefert mit „Decade“ ein Album, das besonders im Bereich des Post-Black-Metal kaum Wünsche offenlässt, sofern man die konventionellere Spielweise des Genres bevorzugt. Damit reiht sich dieser Name zwischen Bands wie GROZA, GRIMA und ELLENDE bestens ein. „Decade“ ist ein stimmiges, abwechslungsreiches und durchdacht komponiertes Album, dessen einziger Nachteil darin besteht, dass es nicht mit wirklichen Highlights aufwarten kann. Doch genau hier findet sich vielleicht das Potenzial für eine dritte Veröffentlichung von ERGOT. Denn nach „Decade“ möchte man hoffen, dass dessen Nachfolger nicht allzu lange auf sich warten lässt.
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