Evermore Mournbraid Coverartwork

Review Evermore – Mournbraid

Hergehört und aufgemerkt, es ist wieder so weit! EVERMORE laden uns ein zu einer ausschweifenden Namedropping-Parade, einer Zeitreise durch die Geschichte des Power Metal, einem Best-of der Höhepunkte der jüngeren Heavy-Metal-Historie. Ist „Mournbraid“ noch ein Album oder schon eine Compilation? Es wird wild, es wird abwechslungsreich, vor nichts wird Halt gemacht, schnallt euch an!

Während das pathetische Synthesizer-Intro ein waschechtes Kitschfest vermuten lässt, zeigen EVERMORE mit dem Opener „Underdark“, dass sie das Power-Metal-Einmaleins im Schlaf beherrschen. Schneidende Riffs, treibende Doublebass, unterstützende Keyboards und ein spitzer Schrei lassen direkt zu Beginn erahnen, dass die Schweden dem Power Metal der frühen 2000er Jahre einen modernen Anstrich verleihen. Die Melodien und Hooks sitzen, der Refrain geht direkt ins Ohr – ein wunderbarer Einstieg. Erfrischend ist dabei vor allem, dass EVERMORE auf jegliches Gimmick, Verkleidungen, Masken, lustige Videos usw. verzichten – das ist anno 2026 im Power Metal fast schon nischig. Der EVERMOR’sche Power Metal ist erfreulich kantig, metallisch und ehrlich.

Während der Opener wie eine Heavy-Speed-Mischung aus HELLOWEEN, STRATOVARIUS und JUDAS PRIEST klingt, geht die Midtempo-Nummer „Nightstar Odyssey“ eher in die Bombast-Richtung von AVANTASIA – breitwandige Orchestrierungen, erhebende Melodien und ein langsamer, dick aufgetragener Refrain erinnern deutlich an Tobias Sammets Projekt. Der charismatische Sänger Johan Haraldsson erweist sich als wandelbarer Mittelpunkt der abwechslungsreichen Songs – nach dem eher aggressiven Opener agiert er beim zweiten Song entsprechend der Epik melodischer und hymnischer. Bei der recht simplen Speed-Nummer „Titans“ setzt er fast vorwiegend auf hohe Stimmlagen und Screams, bei denen er manchmal etwas wackelt, insgesamt aber überzeugt.

Das halbballadeske, melodische „Oath Of Apathy“ schlägt nochmal andere Töne an und erinnert an das 1998er EDGUY-Album „Vain Glory Opera“. Nun, was heißt erinnern: Der Song wirkt eher wie mit der scharfen Klinge direkt aus den „Vain Glory Opera“-Aufnahmen herausgeschnitten und von EVERMORE neu abgemischt. Melodieführung, Orchestrierung, Struktur, Dynamik – alles wirkt mehr nach verehrender Hommage denn eigenem Song. Das ist bei aller Qualität, Spielfreude und Power-Metal-Begeisterung das große EVERMORE-Problem: „Mournbraid“ wirkt wie ein Sammelsurium der Lieblingssongs und -melodien der Bandmitglieder. Dadurch geht „Mournbraid“ schlussendlich die Konsistenz ab – das Maß an Abwechslung macht zwar Spaß, aber wie ein Album mit echter Originalität wirkt die dritte EVERMORE-Platte nicht wirklich. Dazu passt, dass sich in der zweiten Albumhälfte mit Tim „Ripper“ Owens („Armored Will“) und PRIMAL FEAR („Ravens At The Gates“) noch weitere Assoziationen im Kopf festsetzen. Auch die IRON-MAIDEN– und HAMMERFALL-Einflüsse sind kaum von der Hand zu weisen und fallen im Albumverlauf immer mal wieder auf.

Dass EVERMORE auf „Mournbraid“ etwas noch nie Dagewesenes liefern oder mit Innovationen überraschen, war weder zu erwarten noch die Intention. EVERMORE machen zwar nichts anderes als viele andere Power-Metal-Bands der letzten Jahre auch, machen aber viel Spaß und liefern Ohrwürmer, Melodien und erfreulich wenig kitschigen Power Metal auf gutem Niveau. Einzig das Alleinstellungsmerkmal und die eigene Identität fehlen den Schweden – aus der Masse stechen sie nicht heraus. Genrefans investieren ihre Zeit jedenfalls nicht umsonst und dürften dennoch ihre Freude an „Mournbraid“ haben.

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Wertung: 7 / 10

Stefan Popp

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