Zwei untrennbar miteinander verbundene Seelen, gefangen in einem unendlichen Kreislauf aus Schicksal und Wiedergeburt. Jede Handlung zeigt Auswirkungen, die die Charaktere trotz aller Hindernisse wieder zueinanderführen – und voneinander trennen. Das könnte sowohl die Handlung eines romantischen Disney-Films als auch die zu heftig eingedampfte Synopsis der komplexen Mysteryserie „Dark“ sein. Es ist aber die offen erzählte Story des neuen GLADENFOLD-Albums „Soulbound“.
Beim 2022er Werk „Nemesis“ schrieben sich die Finnen noch das selbst vergebene Label „Epic Melodic Power Death“ aufs Haupt, der Melodic-Death-Metal-Anteil ist nun aber fast komplett verschwunden. „Soulbound“ ist bis auf wenige Screams und CHILDREN-OF-BODOM-esque Riffs ein reinrassiges Melodic-Power-Metal-Album. Es wirkt deswegen erst mal etwas desillusionierend, wenn der Opener „Fire Wind“ in bester 2000er Manier mit Speed- und Prog-Elementen sowie zahlreichen Rhythmuswechseln und einem Füllhorn an Melodien wie ein feuriger Orkan über die Hörer fegt. Dieser Stilwandel zieht sich durch das komplette Album und eröffnet Song für Song neue Facetten. So entzückt das ultramelodische „Wardens Of Time“ mit wohliger, kitschiger Epik, die allen Genrefreunden ein Lächeln aufs Gesicht zaubern sollte. GLADENFOLD präsentieren sich wie ein Hybrid aus KAMELOT, SONATA ARCTICA und STRATOVARIUS, als diese Ende der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre ihre Hochphasen hatten.
Auch gesanglich erinnern GLADENFOLD an SONATA ARCTICA und KAMELOT: Esko Itälä lässt sehr an Tony Kakko, Roy Khan und Tommy Karevik denken. Seine warme, melancholische Stimme – zumeist in mittleren und manchmal in höheren Tonlagen – qualifiziert ihn als einen der Top-Sänger der aktuellen Power-Metal-Szene. Rein von den gesanglichen Qualitäten her ist es eine perfekte Entscheidung, nun fast vollständig auf Klargesang zu setzen. Die seltenen extremen Vocals wie in Teilen von „Helix Of Hate“ sind zwar okay, aber qualitativ nicht auf dem Niveau seines Klargesangs. Eine schöne Ergänzung zum Klargesang ist der Gastbeitrag von Michaela „Micha“ Tuomenoksa (WITHOUT WARNING) beim melancholischen Midtempo-Track „Mercy“.
Die Songs gehen allesamt schnell ins Ohr – bei den ersten Durchläufen aber größtenteils auch genau so schnell wieder hinaus. „Soulbound“ steckt so voller Ideen, dass Songs wie „Anthem Of The Broken“ wirken, als seien hier drei oder mehr Songs zusammenkomprimiert worden. Das kann anfangs überladen wirken und überfordern. Zudem steht es der Eingängigkeit der Songs etwas im Wege, doch das legt sich nach weiteren, lohnenswerten Durchläufen. Immer mehr Details, technische Finessen und einprägsame Momente – vor allem die hymnischen Refrains und einige der tollen Melodien – hängen sich nach und nach fest. Die glasklare und druckvolle Produktion – aufgenommen und produziert wurde alles selbst im bandeigenen Studio – lässt all die Melodien angemessen und erfreulich differenziert genießen.
Dass der Melodic Death Metal nahezu komplett aus dem GLADENFOLD-Kosmos verschwunden ist, ist erstmal schade – schließlich war dieser Genremix etwas Besonderes. „Soulbound“ lässt das aber schnell vergessen und entpuppt sich als vielschichtiges, hymnisches Power-Metal-Album, das viele gute Erinnerungen an die Großtaten bedeutender Genrevertreter weckt. Der Stilwandel kann metaphorisch auch als das Gleichnis gelesen werden, das im Konzept beschrieben wird: ein Ausbruch aus dem eigenen Zyklus, eine musikalische Wiedergeburt ohne selbstauferlegte Zwänge, ein Schicksal, das in die eigene Hand genommen wird. GLADENFOLD gelingt mit „Soulbound“ sicherlich eine der umfangreichsten Melodiesammlungen, möglicherweise sogar eine der besten Power-Metal-Platten des Jahres.
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Wertung: 8.5 / 10


