Beinahe auf den Tag genau ein Jahr haben GREEN CARNATION gebraucht, um ihre Dark-Poem-Reihe zu einem Ende zu führen. Zwischen dessen erstem und dem aktuellen dritten und letzten Teil haben die Norweger im Grunde einmal die Palette musikalischer Stimmungen aufgearbeitet. „Shores Of Melancholia“ lebte von Offenheit und Schwermut gleichermaßen, wohingegen sich „Sanguis“ vollkommen der Introspektive hingab und vor dieser Maßgabe einige der intimsten Stücke der Bandgeschichte hervorbrachte. Nun muss „The Messiah Complex“ der großen Herausforderung standhalten, das angefangene Konzept schlüssig zu beenden.
Der Opener „Unconditional Artificial Chemistry“ wird durch sanfte Keyboardlinien eingeleitet, die schnell von wuchtigen Gitarren und einem beständigen Drumbeat abgelöst werden. Was auffällt, ist, dass GREEN CARNATION weniger souverän in ihr neues Album einsteigen. Gemessen an „Sanguis“, dem Eröffnungstitel des Vorgängers, entsteht der Eindruck des Abschieds, nicht des Aufbruchs. Das ist keineswegs als Kritik zu verstehen, sondern vor dem Hintergrund der Tragik, die hier in jedem einzelnen Teil der Komposition mitschwingt, nur nachvollziehbar. Die Balance zwischen Zerbrechlichkeit und Härte liegt nach wie vor im Fokus der Band.
Etwas, das sich auch mit dem anschließenden „The Messiah Complex“ wieder bestätigt. Der Song ist überwiegend sanft, fast träumerisch. Der ruhige Gesang von Kjetil Nordhus verbindet sich wunderbar schlüssig mit den sphärischen Keyboards von Endre Kirkesola und zurückhaltendem Drumming von Jonathan Alejandro Perez. Wenn es dann nach etwas über der Hälfte des Songs deutlich gitarrenlastiger wird, entspricht das genau dem Aufbäumen, das es benötigt, damit Spannung und Dynamik erhalten bleiben, ehe sich der Titel wieder in seine introvertierten Anfänge zurückzieht. Einzig der abschließende Fade-Out wirkt relativ lieblos. Das ist schade. Ein runder Abschluss hätte der Nummer definitiv angestanden.
Mit „Broken Souls, Common Enemies“ folgt dann der wohl härteste Track auf „The Messiah Complex“. Von Anfang an ist hier ein höherer Antrieb vorhanden. Zwar bleibt das Spiel zwischen Laut und Leise bestehen, aber der melodische Progressive Metal wird dabei vollkommen ausgespielt. Von stampfendem Schlagzeug über brachiales Riffing und leidenschaftliche Solos bis hin zu den sehnsuchtsvollen Arrangements von Gastflötistin Ingrid Ose findet jede emotionale Komponente innerhalb der Trilogie noch einmal ein musikalisches Motiv. Damit wird „Broken Souls, Common Enemies“ zu einem absoluten Highlight. Nicht nur vor dem kommenden Finale, sondern auch innerhalb des Gesamtwerks.
Dieser angesetzte Tenor ist insofern wichtig, als mit „Dark Poem – Orchestral Suite“ ein vollständiges, sechzehnminütiges Orchesterstück auf das geneigte Publikum wartet. Zugegeben, ein gewagter Schritt und letztlich, so ehrlich muss man sein, wohl auch nur für ausdauernde Fans klassischer Musik ein wirklicher Ohrenschmaus. Nichtsdestotrotz, was GREEN CARNATION mit Unterstützung des Kristiansand Symphonie Orchesters sowie dem dazugehörigen Opera Choir inszeniert haben, ist nichts anderes als große Kunst. Irgendwo zwischen den Harmonien und der Wucht von John Williams, der Melancholie von Alan Silvestri und der Introvertiertheit, die Nicholas Britell immer wieder in seinen Stücken unterbringt, beschließen GREEN CARNATION auf so ungewöhnliche wie passende Weise den dritten Teil einer absolut außergewöhnlichen musikalischen Reise.
In der Summe all dieser Dinge kann man GREEN CARNATION nur gratulieren. Es ist ihnen gelungen, die DNA der beiden Vorgänger in einen stimmigen abschließenden Teil zu überführen. Dass es für „The Messiah Complex“ gerade vor dem Hintergrund des epischen orchestralen Schlussknalls mehr denn je den Willen zur Auseinandersetzung benötigt, muss absolut klar sein. Ganz sicher ist das in der heutigen Zeit nicht mehr unbedingt im Trend, allerdings bei diesem gleichbleibend starken Abschluss eine mehr als lohnenswerte Angelegenheit.
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Wertung: 8.5 / 10


