CD-Review: Hypocrisy - Abducted

Besetzung

Peter Tägtgren - Gesang, Gitarre, Keyboard
Mikael Hedlund - Bass
Lars Szöke - Schlagzeug

Tracklist

01. The Gathering
02. Roswell 47
03. Killing Art
04. The Arrival Of The Demons, Pt. II
05. Buried
06. Abducted
07. Paradox
08. Point Of No Return
09. When The Candle Fades
10. Carved Up
11. Reflections
12. Slippin` Away
13. Drained


Es ist schwer sich vorzustellen, dass ein Komponist ein Album schreibt mit dem sicheren Gefühl, einen Klassiker zu kreieren. Vermutlich wussten also auch Peter Tägtgren und seine Mannen nicht, dass sie mit ihrem Viertwerk „Abducted“ den Pfad des melodischen Death-Metal zum einen für Jahre vorgaben und zum zweiten eben ein solches Album schrieben, welches sich nach Jahren als absolut wegweisend zeigt. Dabei war es für die Fans gar nicht leicht auszurechnen, erinnern wir uns zurück: 1992 und 1993 kamen „Penetralia“ und „Osculum Obscenum“ auf den Markt, beides recht heftiger Death-Metal der traditionellen bzw. zeitgemäßen Sorte, dann aber plötzlich mit „The Fourth Dimension“ beinahe schon Gothic (langsame Songs, Keyboard).

Aber dann eben „Abducted“, eine CD, die vor allem durch enorme Abwechselung glänzt. Es scheint fast so, als wäre das durch die ersten beiden Alben gelegte Fundament durch die Auslotung der melodischen Seite der Schweden bei „The Fourth Dimension“ ergänzt worden, um einen wohlschmeckenden Cocktail frischen Todesbleis mit allerlei ergänzenden Nuancen zu servieren. Von heftigen Todesstahl-Attacken mit recht plakativen Titeln/Texten wie „Buried“ oder „Killing Art“ über das fies-furchteinflößende „When The Candle Fades“ bis zu beinahe pink-floydesken Klängen („Slippin` Away“) ist alles da, was der aufgeschlossene HYPOCRISY-Fan von seinen Helden erwartet. Und nicht zuletzt ist mit dem Doppeltrack „The Gathering/Roswell 47“ ja auch die Bandhymne schlechthin vertreten, ein Song, zu dem jeder in seinem Leben wohl schon diverse Male gebangt und abgefeiert hat. Über solche Lieder groß etwas zu schreiben, hieße folglich auch, die berühmten Eulen nach Athen zu schaffen, widmen wir uns also lieber den etwas unbekannteren Nummern. Beim ersten Hören hätte man „The Arrival Of The Demons, Pt. II“ ohne weiteres auch auf dem Vorgängeralbum suchen können, langsam, düster und irgendwie feierlich kommt er daher, mit cleanen und harschen Vocals und mächtig viel Keyboard. Wer schlau ist, hat aber schon aufgepasst und festgestellt, dass das Lied quasi eine Fortsetzung des kurzen Zwischenspiels „The Arrival Of The Demons“ von „The Fourth Dimension“ darstellt, somit wäre also auch der Titel geklärt. Sehr cool, weil sehr melodisch ist „Paradox“, die leicht angezerrte Stimme vermittelt eine Mischung aus Unheimlichkeit und Verzweifelung, obendrei ist die Nummer im für den Death-Metal geradezu klassischen Dreivierteltakt. Sicher legten Tägtgren und Bassmann Mikael Hedlund bei Konzerten einen Walzer aufs Parkett, der sich gewaschen hat.

Der Titeltrack und ebenso „Carved Up“ schlagen in eine ähnliche Kerbe wie die bereits erwähnten flotten Nummern „Buried“ und „Killing Art“: Lars Szöke schmeißt mit kernigen Blastbeats um sich, Gitarren und Bass rasen, Tägtgren schreit und spielt hier und da jene berühmten Soli, die in Death-Metal-Songs eigentlich immer scheiße klingen. Aggressionen kann und soll hier freier Lauf gelassen werden, Gefangene zu nehmen ist für die Schweden scheinbar unnötig und dies ist auch gut so, Party on! Das Ende der CD ist eher melancholisch gehalten, das atmosphärische „Slippin` Away“ hat eine recht simple Struktur und basiert im Prinzip auf zwei Akkorden, durch Keyboardeinsatz, Tägtgrens sanftmütige Stimme und traurige Soli wird das Lied aber trotzdem zu etwas Besonderem und gibt den Die-Hard-Fans die Berechtigung, auch einmal eine Ballade zu hören.

Lyrisch hat Peterchen hier wohl seine Liebe für die Mondfahrt entdeckt, diverse Texte handeln von außerirdischen Lebensformen, die Titel weist unzweifelhaft auf eine Begegnung der dritten Art mit anschließender Entführung hin, eine Thematik, die die Schweden seit damals immer wieder in ihren Songs unterbringen. In Sachen Sound ist man ebenso schnell fertig, wie immer im hauseigenen Abyss produziert, glänzt „Abducted“ mit bratenden Gitarren, heftigen Drums und einer generellen Transparenz und Sauberkeit, die für Produktionen in diesem Genre (und dieser geographischen Lage) gelinde gesagt nicht immer üblich sind. „Abducted“ ist ein zeitloser Klassiker, der eigentlich in keiner Death-Metal-Sammlung fehlen darf und auch sonstige Musikfreunde können gerne mal das eine oder andere Ohr riskieren, hier ist für fast Jeden etwas dabei.

Bewertung: 9 / 10

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