Synthesizer haben in Filmsoundtracks eine lange Tradition: Zählt man das unkonventionelle Theremin zu dieser Kategorie, wurde vor beinahe 100 Jahren erstmalig ein elektronisches Instrument zur Bilduntermalung genutzt (Fritz Langs „Metropolis“). Ein vorläufiger Höhepunkt war aber sicherlich Ridley Scotts dystopisches Meisterwerk „Blade Runner“ (1982), für das der Avantgarde-Musiker VANGELIS einen ikonischen Soundtrack komponierte, der bis heute Kultstatus genießt – und eine ganze Generation von Musikern beeinflusst hat.
Zu diesen gehören auch der Schlagzeuger Dahm Majuri Cipolla (MONO) und der Multiinstrumentalist Reto Mäder (SUM OF R). So unterschiedlich die Hauptwirkungsstätten der beiden Musiker auch sein mögen, vereint sie die Liebe zu atmosphärischer Musik (die auch jederzeit als Filmsoundtrack funktionieren würde). Mit dem Projekt JEGONG leben sie diese Liebe aus – MONO und SUM OF R nicht ganz unähnlich, aber dann doch irgendwie anders.
Möchte man JEGONG mit aller Gewalt in eine Schublade pressen, würde sich die Bezeichnung Krautrock anbieten, wobei auch Versatzstücke aus Genres wie Ambient oder Post-Rock regelmäßig durchschimmern. Dieser Cocktail führt unweigerlich dazu, dass ausnahmslos jeder Song auf „Gomi Kuzu Can“ das eigene Kopfkino angenehm stimuliert, aber auch auf einer echten großen Leinwand zur Bilduntermalung funktionieren würde.
Im Gegensatz zum 2023er Vorgängeralbum „The Complex Inbetween“ ist „Gomi Kuzu Can“ etwas abwechslungsreicher und vielschichtiger geworden, was die elf Songs auf rund 47 Minuten Albumlänge zu einer ziemlich kurzweiligen Angelegenheit macht. Die technoide Kick mit zugehöriger Bassline im Opener „Golden Hairs Goes Back To Japan“ animiert beinahe zum Tanzen, während die ersten Takte von „Outright Wolf Medicines“ geneigte Zuhörer*innen nochmal kurz auf das Wiedergabedisplay schielen lassen, so sehr klingt die Nummer nach 80er-Jahre-Post-Punk à la JOY DIVISION.
Weitere Überraschungen bieten „What Ever Happened To Gene“, in dem Drummer Cipolla sogar singt. Das schubst den Song in Verbindung mit dem organischen Groove und der atmosphärischen Gitarrenarbeit Richtung ARABROT. „Contortion“ kommt mit seinen mächtigen Sägezahn-Synths und dem postrockigen Finale sehr fett daher. „Chalk“, „Sister“ und „Parallel Tracks“ kommen insgesamt am ehesten einem Filmsoundtrack nahe. Letzterer Song hat dabei in Sachen Groove schon beinahe einen Oldschool-Hip-Hop-Vibe, der auch zu Jim Jarmuschs „Ghost Dog“ gepasst hätte.
„Gomi Kuzu Can“ erinnert strukturell auch immer wieder an MOGWAIs Soundtrack-Arbeiten wie „Atomic“, kommt aber insgesamt wesentlich organischer und lebendiger daher. Soll heißen: weniger quantisiert und korrigiert. Das Album klingt sehr live und nicht wirklich nach Computer-Sequenzer, was JEGONG seit jeher auszeichnet und auch perfekt zu Gesicht steht. Wer Spaß an instrumentalen und analog-synthetischen Klanglandschaften in kompakter Darreichungsform hat (MONO-artige Elf-Minuten-Arrangements sucht man hier vergeblich), sollte dem neuesten JEGONG-Output unbedingt eine Chance geben.
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Wertung: 8.5 / 10


