„Marrow Deep“, das neunte Studioalbum von MASTODON, ist zugleich das erste ohne Brent Hinds, der die Band Anfang 2025 verließ und wenige Monate später bei einem Motorradunfall starb. Das macht den Nachfolger von „Hushed And Grim“ (2021) automatisch zu einem besonderen Album.
Wer nach Hinds’ Tod befürchtet hatte, „Marrow Deep“ könnte zum reinen Nachruf geraten, wird schnell eines Besseren belehrt. Statt eines Grabsteins in Albumform haben MASTODON eine Platte geschaffen, die erkennbar nach MASTODON klingt – nur eben mit einer neuen Wunde, die nicht kaschiert, aber auch nicht zelebriert wird.
Klanglich ist die Platte ein Spagat zwischen alten und neuen MASTODON-Identitäten. Der Opener „Barbarians Blood“ sowie „A Vampire’s Demeanor“ und „Out Like A Lamb“ greifen die raue, sludgelastige Härte der frühen Alben wie „Leviathan“ auf. Dem gegenüber stehen Songs wie „Poisonous Weapons“, „In The Ruins“ und „Golden Spires“, die eher an die luftigeren, melancholischeren Strukturen von „Crack The Skye“ (2009) erinnern. Neu hinzu kommt der Beitrag von Keyboarder João Nogueira, der erstmals als Vollmitglied fungiert und der Band psychedelische, fast kosmische Ausflüge beschert – Vergleiche mit späten OPETH– oder klassischen KING-CRIMSON-Momenten kommen beim Hören in den Sinn. Auch neue akustische Passagen und Gesangsarmonien sorgen für Momente, die zum Zartesten zählen, was die Band bislang aufgenommen hat.
Die bereits vorab veröffentlichten Singles zeigen die Bandbreite der Platte gut auf. „Your Ghost Again“ ist der direkteste Tribut an Hinds – ein zurückhaltender, fast zerbrechlicher Song, der live bereits ausdrücklich ihm gewidmet wurde. „Snakes For Dinner“ stellt sich dagegen mit Josh Homme (QUEENS OF THE STONE AGE, ex-KYUSS und letztmals 2006 auf „Colony Of Birchmen“ zu hören) als furioser, von peitschenden Riffs getriebener Track vor, dessen Text von Trauer unter der Oberfläche der Aggression handelt. Weitere Gäste wie Geezer Butler (BLACK SABBATH, HEAVEN AND HELL) und Randy Blythe (LAMB OF GOD) sowie ein Gastauftritt von Joe Duplantier (GOJIRA) auf dem Schlussstück „The Vanishing“ unterstreichen, welchen Stellenwert MASTODON in der Szene genießen.
Das vielleicht Spannendste an „Marrow Deep“ ist jedoch die Personalie Nick Johnston, der Hinds’ Rolle an der Gitarre übernimmt. Dabei präsentiert er sich eigenständig und spielerisch stark, gänzlich ohne den Versuch, Hinds zu kopieren. Vielmehr lässt ihm die Band Raum, eigene Akzente zu setzen – sicher die beste Variante, mit dem erzwungenen und tragischen Besetzungswechsel umzugehen.
Damit ist „Marrow Deep“ vielleicht das stärkste MASTODON-Album seit „Crack The Skye“, zumindest aber auf Augenhöhe mit den Klassikern der Band. Zugleich ist unübersehbar, dass Hinds’ Fehlen – vor allem sein unverwechselbarer Blues- und Country-Einschlag sowie seine sehr individuellen Gesangsmomente – eine Lücke hinterlässt, die auch ein starkes Album nicht vollständig schließen kann.
Genau darin liegt aber auch die Stärke von „Marrow Deep“: Es wird nicht versucht, Hinds zu ersetzen, sondern gezeigt, dass MASTODON auch als neu formiertes Quintett noch etwas zu sagen haben. Ein Trauerprozess, der nicht lähmt, sondern – ganz MASTODON-typisch – in Musik von enormer Wucht und Tiefe kanalisiert wird.
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Wertung: 9 / 10


