Review Melvins – Houdini

Wer in den frühen Neunzigern auf der Grungewelle mitsurfte, hatte gute Chancen, über die MELVINS zu stolpern. Wobei es mit dem musikalischen Chamäleon aus Seattle nicht ganz so einfach ist, den auf den unzähligen Veröffentlichungen der Band frönen die Mannen um Frontföhnfrisur Buzz Osborne alias King Buzzo nicht per se dem räudig-punkigen Gitarrenrock aus dem Nordwesten der USA: Zum Repertoire gehören mindestens ebenso Versatzstücke aus Punk, Stoner-Rock, Doom- und Sludge-Metal. Das 1993er Album „Houdini“ zeugt von diesem Stilmix und gilt als ein Highlight der MELVINS-Diskografie.

Wobei der Begriff Grunge ja (als musikalische Schublade, nicht unbedingt als lokale Szene) sowieso Blödsinn ist, wenn man sich anschaut, wie unterschiedlich die Einflüsse und Stile der vermutlich bekanntesten Aushängeschilder NIRVANA, SOUNDGARDEN und ALICE IN CHAINS sind. Gut, die Herkunft verbindet die Bands durchaus, aber rechtfertigt das gleich eine neue Genrebezeichnung? Wohl kaum, rückblickend kann man wohl mit gutem Gewissen sagen, dass der Begriff Grunge hauptsächlich ein Marketingding der Plattenindustrie war – auch wenn er von Jonathan Poneman, einem der Gründer des legendären Plattenlabels Sub Pop aus Seattle, geprägt wurde.

Trotzdem weist „Houdini“ stärkere Bezüge zur Grungeszene als andere Longplayer der MELVINS auf: Zum einen handelt es sich um das erste Release der Band auf dem Majorlabel Atlantic Records (und das auf Empfehlung eines gewissen Kurt Cobain, der großer Fan der Band war), zum anderen hat besagter Undergroundmusiker die Platte als Produzent betreut und sogar Gitarren- („Sky Pup“) und Percussionspuren („Spread Egale Beagle“) beigesteuert. Allein dieser Umstand führt dazu, dass viele Seattle-Rock-Fans das Ding im Regal stehen haben, auch wenn der damals schon schwer kontrollierbare und vom Drogenkonsum gezeichnete NIRVANA-Frontmann während der „Houdini“-Produktion von der Band gefeuert wurde.

Außerdem bemerkenswert: Die MELVINS hatten tatsächlich vollständige kreative Kontrolle in Sachen Komposition und Produktion. So war es den Labelvertretern zum einen untersagt, die Band im Studio zu besuchen, zum anderen durfte Atlantic die Aufnahmen nicht zurückhalten oder verwerfen, wenn das Ergebnis nicht den Erwartungen entsprochen hätte. Osbourne gab später zu Protokoll, dass ihn dieser Vertrauensvorschuss von Labelseite überrascht hat und der Albumname „Houdini“ deshalb gewählt wurde, weil die Band davon ausging, nach Veröffentlichung wie von Zauberhand aus dem Roster von Atlantic zu verschwinden. Tatsächlich aber sollten die MELVINS noch zwei weitere Alben in den folgenden vier Jahren für die Plattenfirma aufnehmen.

„Houdini“ ist sperrig: Mit dem KISS-Cover „Goin’ Blind“, der Single „Lizzy“ und dem Ohrwurm „Set Me Straight“ sind zwar durchaus melodische Songs vertreten, die den Tatbestand des Grunge sogar teilweise erfüllen, trotzdem finden sich auf den knapp 55 Minuten des Albums auch Moshpit-kompatible Uptempo-Nummern wie „Honey Bucket“ und „Copache“. Das repetitive „Night Goat“ gehört ebenso zu den Highlights wie der sludgig-noisige Opener „Hooch“. Die stilistische Bandbreite ist groß, dementsprechend abwechslungsreich tönt der Longplayer aus den Boxen. Der Mix von Tontechnikkoryphäe Garth „GGGarth“ Richardson (u.a. RAGE AGAINST THE MACHINE, MÖTLEY CRÜE, DEVIN TOWNSEND) ist dreckig, aber trotzdem transparent und druckvoll, was die kommerzielle Verwertbarkeit der zum Teil durchaus radiokompatiblen Nummern weiter geschmälert, dafür aber eine gewisse punkige Authenzität zur Folge hatte.

Somit klingt auch dieser Neunziger-Jahre-Klassiker immer noch überraschend zeitlos, was auch an den unkonventionellen Arrangements der von Osborne und seinem Langzeitmitstreiter und Drummer Dale Crover weitestgehend im Alleingang eingespielten Songs liegt. Wer sich mit den MELVINS noch nicht beschäftigt hat, findet in „Houdini“ einen guten Startpunkt in der ausladenden Diskografie der Band (je nach Zählweise mindestens 28 Studioalben und vermutlich ebensoviele EPs und Kollaborationen seit der Gründung 1983). Hier ist für nahezu jeden Geschmack etwas dabei.

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Wertung: 9 / 10

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