Nur wenige Töne benötigt die tunesich-französische Band MYRATH um klar zu machen, dass „Wilderness Of Mirrors“ mehr ist als einfach nur ein Album und größer denkt, als in einzelnen Songs. In kaum mehr als einer Minute entfaltet sich ein vielschichtiger Soundkosmos, der völlig in seinen Bann zu ziehen vermag. Muten die ersten Klänge des Openers „The Funeral“ noch an wie ein bedächtiger Part aus dem „Der König der Löwen“-Musical, steigern MYRATH nach und nach die Dramaturgie. Schlagzeug, Bass, Gitarren und Keyboard nehmen langsam ihren Platz in der cineastischen Soundlandschaft ein und verwandeln die Musik in eine breite Rock-Oper zwischen Progressive Rock, Power Metal und orientalischer Folklore. MYRATH kennen dabei keine Genre-Konventionen und schaffen mit kompositorischer Kühnheit und atmosphärischem Gespür eine ganz eigene Klanglandschaft. Ihre kulturellen Wurzeln merkt man der aus Tunesien stammenden Band dabei jederzeit an – Kultur ist hier kein schmückendes Beiwerk, sondern musikalisches und emotionales Fundament der Musik.
Was MYRATH auf ihrem siebten Album darbieten, ist nicht nur eine nahezu perfekt wirkende Kombination aus Tradition und westlichem Metal mit bemerkenswerter Geschlossenheit, sondern darüber hinaus ein unglaublich spannendes und frisch wirkendes Hörerlebnis. Wie mühelos und geschmeidig die zahlreichen Elemente auf „Wilderness Of Mirrors“ ineinandergreifen ist schier atemberaubend. Sei es ein Kinderchor („Les Enfants Du Soleil“), Chorgesang mit afrikanischem Flair („Breathing Near The Roar“), der hintergründige Einsatz von Qraqebs (nordafrikanische Eisenkastagnetten) oder die wie selbstverständlich wirkende Einbindung von Violinen, Lauten und Bratschen – nichts davon wirkt konstruiert, jedes einzelne Teil ist wichtig und exakt richtig im großen Ganzen.
Als wären das alles nicht Gründe genug, „Wilderness Of Mirrors“ als uneingeschränkte Empfehlung anzupreisen, wirkt das Album wie das musikgewordene Empowerment. MYRATH erzeugen akustische Wärme, Bestärkung, Zusammenhalt, Motivation und Lebensfreude. Egal, ob in düsteren, emotionalen, verträumten, zerbrechlichen oder wehklagenden Momenten – die Musik wirkt stets erhebend und voller Hoffnung. Neben dem musikalischen Grundgerüst selbst liegt das zu einem großen Teil an Sänger Zaher Zorgati. Von ganz leise und verletzlich bis laut und kraftvoll beherrscht er das komplette Spektrum der Emotionen und strahlt zudem extrem viel Wärme aus. Was für ein charismatischer, überwältigender Gesang! Er agiert genau so abwechslungs- und facettenreich, wie das Album es erfordert. Nur mit einem solchen Übersänger kann eine Jahrhundertballade wie das Gänsehautmonster „Soul Of My Soul“ entstehen. Nur ein solch überragender Vokalist, kann selbst einem fast überladenen Song wie „Edge Of The Night“ noch seinen Stempel aufdrücken.
Fans der frühen MYRATH-Stunden dürften sich freuen, dass die Band nach dem Melodic-Rock-lastigen „Karma“ von 2024 wieder progressiver unterwegs ist und damit an „Shehili“ (2019) und „Legacy“ (2016) erinnert. Allzu proggige Arrangements wie bei „Desert Call“ (2010) und „Tales Of The Sands“ (2011) bleiben jedoch aus. „Wilderness Of Mirrors“ fühlt sich damit an wie ein Schritt zurück und zwei Schritte nach vorne – MYRATH besinnen sich wieder mehr auf ihre Prog-Wurzeln und sind zugleich musical-artiger, abwechslungsreicher, immersiver und bombastischer denn je. Das ist auf rein metallischer Ebene weder risikoreich noch wild, dafür evolutionär konsequent und perfektioniert.
„Wilderness Of Mirrors“ beeindruckt neben der musikalischen Qualität auch mit dem Klang, durch den die enorm detaillierten Arrangements erst zur Geltung kommen. Der Sound ist hoch differenziert, so dass jedes noch so kleine Detail zur Geltung kommt und man trotz vieler Spuren und viel Breitwandepik nie erschlagen wird. „Wilderness Of Mirrors“ ist kein Album, das sich beim ersten Hören gleich voll entfaltet, sondern verlangt nach etwas Zeit. Wenn sich nach und nach die Melodien, Gesangslinien, Ohrwurmrefrains und allen voran das Gefühl beim Hören bestimmter Parts festsetzen, dann wird klar: MYRATH haben mit „Wilderness Of Mirrors“ ein einzigartiges und überwältigendes Meisterwerk geschaffen. Sehr selten gibt es Alben, die von der ersten bis zur letzten Sekunde überzeugen, perfekt wirken und mit ihrer musikalischen Geschichte voll in ihren Bann ziehen. Sehr selten gibt es epochale Ausnahmealben wie „Wilderness Of Mirrors“.
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