NATTRADIO beschwören auf ihrem zweiten Album die längste Nacht herauf – und das gerade einmal etwas über eineinhalb Jahre nach ihrem Debüt. „The Longest Night“ ist dabei ein absolut programmatischer Titel, wurden doch alle Stücke der Platte zwischen ein und fünf Uhr nachts aufgenommen. Martin Boman (Gesang) und Niklas Brodd (Gitarre) verbinden in ihrer Musik Elemente aus Doom Metal, Dark Rock, Darkwave – und sogar ein wenig Death- und Black Metal findet seinen Platz im musikalischen Schaffen der Band.
Da ist es wenig verwunderlich, dass man schon in den ersten beiden Songs allerlei Bezüge zu Bands wie KATATONIA, DEATHWHITE oder HANGMAN’S CHAIR finden kann. Das eröffnende „Shadow Speaker“ steigt zunächst relativ flott ein, findet sich dann aber recht schnell in langsamen Doom-Arrangements wieder. Der Gesang von Martin Boman liegt dabei irgendwo zwischen Jonas Renkse (KATATONIA) und LM (DEATHWHITE). Und auch wenn der Song gegen Ende kurz etwas rasantere Death-Metal-Anklänge aufbietet – wirklich spektakulär ist dieser Einstieg nicht.
Apropos DEATHWHITE: Wer bedauert, dass sich die Melancholiker aus England aktuell in einer Schaffenspause befinden, dürfte sich bei „Sketches From The Dark“ wohlig erinnert fühlen. Denn ganz ehrlich – die simplen, jedoch absolut stimmigen Gitarrenläufe dieses Titels hätten gut und gern auch von ihnen stammen können. Ein großes Plus von „The Longest Night“ ist seine Stimmung. Die Synthesizerflächen eines „All Right For Now“ bilden in Kombination mit dem sanften Gesang eine gute Grundlage für das beatgetriebene „Dark Streets“, weil es die gefühlte Isolation seines Vorgängers nicht nur aufgreift, sondern in seiner getragenen Melancholie tatsächlich ein non-metallisches Highlight liefert.
Allgemein scheint es, als fände die Band nur hin und wieder so richtig zu sich. So verbindet der Track „Night“ stimmige synthetische Düsternis mit beinahe eingängigem Dark Rock. Ja – beinahe. Das große Problem von „The Longest Night“ ist nämlich, dass es NATTRADIO nur schwer gelingt, Musik zu kreieren, die im Ohr bleibt. So sind die melodischen Gitarren auf „Shifting Baseline“ zwar absolut wirkungsvoll, aber der Climax – beispielsweise in einem eingängigen Refrain – bleibt aus. Das ist sehr schade, denn NATTRADIO könnten das.
Dass die Schweden auf „The Longest Night“ wissen, was sie tun, steht außer Frage. Das Album steckt voller Schwermut und tiefster Drängnis. Die Mischung aus Dark Rock, Darkwave und Doom Metal ist dabei nicht nur interessant – NATTRADIO beweisen auch, dass diese Mixtur funktioniert. „Dark Streets“, „Rainbirds“ oder auch „Sketches From The Dark“ zeigen deutlich, wie viel Verständnis und Gefühl das Duo in seine Musik einfließen lässt. Und wenn man dann mit dem über zwölfminütigen „The Longest Night“ aus dem Album entlassen wird, bleibt nach der Wehmut im Ohr nur die Wehmut in der Seele. Denn auch wenn die zweite Veröffentlichung von NATTRADIO sehr viel richtig macht, möchte davon (noch) nicht wirklich etwas hängen bleiben.
Du siehst gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicke auf die Schaltfläche unten. Bitte beachte, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Wertung: 6.5 / 10


