CD-Review: Pensées Nocturnes - Grotesque (–)

Besetzung

Vaerohn - Alle Instrumente, Gesang

Tracklist

01. Vulgum Pecus
02. Paria
03. Rahu
04. Eros
05. Monosis
06. Hel
07. Thokk
08. Suivant


Eigentlich ist die Nacht ja zum Schlafen da. Sollte man zumindest denken. Aber prinzipiell kann da ja jeder machen, was er will. Der Franzose Vaerohn, seines Zeichens nicht nur Gitarrist von Valhôll und Way to End, sondern auch Kopf und einziges Mitglied von PENSÉEs NOCTURNES macht sich nachts scheinbar genau das, was der Name seines Soloprojekts aussagt: Gedanken. Die setzt er dann musikalisch um, presst sie auf CD und vertreibt sie. Und so haben wir mit „Grotesque“ bereits das zweite Album nach dem 2008er Debut „Vacuum“ vorliegen. Der Genrebeschreibung nach soll es sich dabei um eine Mischung aus Black Metal und Neoklassik handeln und nach Genuss der Trackliste fragte ich mich kurz, ob der gute Mann sich an einem „Welt der Dunkelheit“-Konzeptalbum versucht hat (die Worte „Rahu“ und „Paria“ in direktem Zusammenhang miteinander, das riecht doch stark nach „Werewolf: The Forsaken“…), aber das ist ja für die musikalische Qualität nicht weiter von Bewandtnis.

Aber ob ich die Worte „musikalische Qualität“ überhaupt benutzen sollte? Ich würde so gerne, schließlich fängt „Grotesque“ mit dem Intro „Vulgum Pecus“ unheimlich stark an. Total wuchtige, starke, symphonische Epik knallt hier durch die Boxen, die Leistung, die hier erbracht wird, lässt einen sogar über den darüber gelegten Applaus und das „Fangegröhle“ aus der Konserve hinweg sehen, was es echt nicht gebraucht hätte. Das mag vielleicht etwas übertrieben klingen, aber mir fällt keine Möglichkeit ein, eine CD noch stimmungsvoller einzuleiten.
Und kaum setzt der erste richtige Track „Paria“ ein ist die Stimmung wie weggeblasen. Einfallsloses Black Metal Geprügel übernimmt das Steuer, dazu Vaerohns heisere Vocals, im Handumdrehen schafft „Grotesque“ es, bis zur Kniekehle in die Bedeutungslosigkeit zu latschen. Nur um sich knapp zwei Minuten später wieder selbst rauszuziehen und in eine ganz andere Schublade zu stecken, auf der wohl der dicke fette Aufkleber „Was zum Teufel soll das?“ prangt. Swingschlagzeug und Jazzpiano duellieren sich mit misklingenden Streicherarrangements. Mächtig avantgarde oder so. Der Sinn und Zweck dieses plötzlichen Stimmungswandels will sich nicht ganz erschließen, aber meckern will ich auch nicht so recht, da diese… ja, der Albentitel hat gar nicht so unrecht, diese „grotesken“ Einwürfe nach dem miesen Auftakt irgendwie ganz gut anziehen.

Das ändert aber nichts daran, dass „Grotesque“ von diesem Augenblick (also dem ersten Track) an keinen echten Schimmer hat, wo es mit der Musik hin gehen soll. So etwas wie einen roten Faden sucht man vergeblich, genau so wie – und das ist noch viel schlimmer – einen durchdachten Spannungsbogen, der die ganze CD überspannt oder doch wenigstens mal ein einziges Lied. Der Aufbau jedes einzelnen Songs ist völlig konfus, man möchte beinahe meinen, Varohn hätte ein paar Dutzend Riffs geschrieben (einige davon sogar wirklich gut, so viel Lob muss sein), die Blätter, auf denen er diese dann notiert hat, hoch in die Luft geworfen und zufällig wieder zusammen gefügt. Nicht ein einziger Song auf „Grotesque“ wirkt schlüssig oder auch nur durchdacht. Neben dem handelsüblichen Black Metal garniert der gute Mann seine zweite CD dann auch noch mit allem, was das „Symphonie-Sample-Pack“ hergibt, verteilt Klavier, Trompeten, Streicher und Akkordeons wie mit dem Salzstreuer über seinen Kompositionen und wenn ihm dann nach quälend langer Zeit (mit beinahe einer Stunde erweist „Grotesque“ sich als wahre Geduldsprobe) nichts mehr einfällt, dann hört die CD mit dem nach simplem Zwischenspiel klingenden „Suivant“ einfach sehr antiklimaktisch auf.

Bei so viel… äh… „Einfallsreichtum“ ist natürlich nicht alles schlecht, was es auf die Ohren gibt, trotzdem tue ich mich mit Anspieltipps schwer („Eros“ könnte man mal ausprobieren, da er dank seiner kompakten Länge nicht ganz so quälend ausfällt), weil es in fast jedem Song irgend etwas zu mögen gibt. Aber halt auch in jedem einzelnen Song etwa doppelt so viele Dinge, wegen denen man sich gerne die Haare raufen und/oder vom Kopf reißen möchte. So wechseln sich beim Durchhören der Scheibe eigentlich permanent drei verschiedene Gedankengänge ab, die da lauten: 1. „Das klingt ja gar nicht übel“, 2. „Was bitte soll denn der Mist?“ und hin und wieder kommt dann – wenn der Black Metal gerade wieder ganz generisch wird – noch 3. „Was läuft wohl heute abend im Fernsehn/gibt’s morgen zum Mittagessen/ist nur der Sinn des Lebens?“ um die Ecke. Vaerohn sollte vielleicht einfach mal ins Bett gehen und nicht alles auf eine Silberscheibe pressen, was ihm so gegen vier in der Früh durch’s Oberstübchen trappst, dann klappt das vielleicht auch nächstes mal mit ordentlicher Musik.

Bewertung: 4 / 10

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