CD-Review: Radio Havanna - Utopia

  • Veröffentlichung: 2018
  • Label: Uncle M
  • Spielart: Rock
Besetzung

Fichte- Gesang
Arni - Gitarre
Olli - Bass
Anfy - Schlagzeug

Tracklist

01. Utopia
02. Früher oder Späti
03. Faust hoch
04. Anti alles
05. Homophobes Arschloch
06. Mein Name ist Mensch
07. Hassliebe
08. Schwarzfahrer
09. Ich hab die Zeit
10. Houston
11. Hinter mir
12. Phönix


Die Wahlberliner RADIO HAVANNA sind seit 2002 aktiv, politisch sehr engagiert und haben sich inzwischen einen gewissen Stand in der deutschen Rock-Szene erspielt. Touren im Vorprogramm von Sum 41, Flogging Molly oder den Toten Hosen sprechen dabei für sich.  Die Band tritt außerdem für Organisationen wie Oxfam, Amnesty International oder Kein Bock auf Nazis ein und gibt sich sowohl auf Konzerten als auch in Sozialen Medien politisch. Soweit so gut und richtig für eine Punk-Band; dumm nur, dass das neue Album „Utopia“ irgendwie nicht so zu dieser Attitüde passt.

Dies betrifft sowohl die musikalische als auch lyrische Seite der Platte. Die Musik wirkt zu sehr auf Mainstream und Popigkeit getrimmt, fast so als würde man verzweifelt versuchen die Toten Hosen zu imitieren. An jeder Ecke lauert ein weiterer „Wohoo“-Mitsing-Part und wirklich harte Punk-Gitarren vermisst man komplett. Zu Beginn des Titelsongs „Utopia“ fragt man sich gar, ob das die richtige Platte ist. Der Einstieg mit Gitarre und Klavier erinnert stark an „Im Ascheregen“ von Casper. An sich ist das musikalisch keinesfalls schlecht. Man muss RADIO HAVANNA auch zugutehalten, das sie abwechslungsreich agieren und handwerklich durchaus etwas auf dem Kasten haben. Dennoch driftet die Musik zu häufig in Pop-Belanglosigkeiten ab.

Einen Teil zu diesem Eindruck tragen sicherlich auch die Texte bei. In „Faust hoch“, „Homophobes Arschloch“ und „Mein Name ist Mensch“ werden zwar wichtige gesellschaftliche Themen behandeln, aber ansonsten regiert auch hier die Belanglosigkeit. Von einer politisch so aktiven Band wie RADIO HAVANNA hätte man mehr erwartet, als nur Songs übers Saufen („Früher oder Späti“, „Anti alles“, „Ich hab die Zeit“). Man wird das Gefühl nicht los, die Band sei dauervoll. Der Gipfel der Peinlichkeit ist aber „Schwarzfahrer“. Das das Nutzen öffentlicher Verkehrsmittel ohne Fahrschein ein heldenhafter Akt der Revolte gegen das System ist, erscheint schon arg kindisch.

„Phönix“ beendet „Utopia“ und steht sinnbildlich dafür, wie sich RADIO HAVANNA auf diesem Album darstellen: hoffnungsvoll, immer etwas betrunken, nicht zu politisch und immer bereit zu feiern. Wie gesagt, das ist an sich nichts Schlechtes und macht live bestimmt richtig Laune. Nur passt es irgendwie nicht zu der Art und Weise, wie sich die Band sonst gibt. Denn von Wut über die aktuelle Situation im Land, dem Bedürfnis auf Missstände hinzuweisen und diese zu beseitigen oder dem Wunsch die Menschen aufzurütteln und zum Handeln zu bewegen, merkt man auf „Utopia“ wenig. Was bleibt, ist ein wenig eigenständiges Album irgendwo zwischen Pop und Punk, das durchaus Spaß machen kann, aber immer einen schalen Beigeschmack behält.

Bewertung: 4 / 10

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