CD-Review: Roger Waters - Is This The Life We Really Want?

  • Veröffentlichung: 2017
  • Label: Columbia
  • Spielart: Rock
Besetzung

Roger Waters - Gesang, Akustikgitarre, Bass

Sessionmusiker:
Nigel Godrich - Arrangement, Soundcollagen, Keyboards, Gitarre
Jonathan Wilson - Gitarre, Keyboard
Gus Seyffert - Bass, Gitarre, Keyboards
Joey Waronker - Schlagzeug
Roger Manning - Keyboards
Lee Pardini - Keyboards
Jess Wolfe - Gesang
Holly Laessig - Gesang
Rachel Agnew - Stimme
Jane Barbe - Stimme
Emma Clarke - Stimme
Celia Drummond - Stimme
Kathy Somers - Stimme
Ingrid Schram - Stimme

Tracklist

01. When We Were Young
02. Déjà Vu
03. The Last Refugee
04. Picture That
05. Broken Bones
06. Is This The Life We Really Want?
07. Bird In A Gale
08. The Most Beautiful Girl
09. Smell The Roses
10. Wait For Her
11. Oceans Apart
12. Part Of Me Died


Manchmal, wenn man eigentlich schon mit seinem Leben, seiner Karriere in der Öffentlichkeit abgeschlossen hat, passieren Dinge auf dieser Welt, die einen dann noch mal aus der Reserve locken. Ebendies geschah bei Pink-Floyd-Legende ROGER WATERS, der nun 25 Jahre nach seinem letzten Studioalbum und angetrieben von bitterer Enttäuschung ein neues Werk mit dem kritischen Namen „Is This The Life We Really Want?“ aufnahm und veröffentlichte. Und was für eines!

Auf seinem neuen Album zeigt sich ROGER WATERS als das, was man im Jahre 2017 abfällig als „Gutmensch“ bezeichnen würde. In zehn sehr persönlichen, bewegenden, direkten Songs und zwei Intros rechnet der inzwischen 73-jährige Musiker mit der US-Politik in Fragen des Krieges und der Flüchtlingskrise sowie mit der Grausamkeit und der Gier der Menschheit ab. Besonders Politiker wie Donald Trump und Nigel Farage bekommen Waters‘ Ärger und Verbitterung direkt ab – sowohl in den Texten als auch im Booklet, in dem beide mit den Songauszügen „A leader with no fucking brains“ und der rhetorischen Albumtitelfrage „Is this the life we really want?“ abgebildet sind.

Musikalisch hat Waters seine Stücke überwiegend auf ruhige Akustikballaden im Stile der Post-„Dark-Side-Of-The-Moon“-Pink-Floyd heruntergefahren, um den Texten den nötigen Platz einzuräumen. Unterstützt von Synthesizern, Streichern, Radio- und TV-Samples, Popreferenzen zum eigenen und zu fremden Schaffenswerken (z.B. dem der Beatles) und produziert von Radiohead-Produzent Nigel Godrich drückt er den Songs einen deutlichen, emotionalen Stempel auf. Denn auch er weiß, ebenso wie seine Feinde, dass man Menschen am besten über Emotionen erreicht. Das kann man ihm bei Songs wie „The Most Beautiful Girl“ durchaus vorwerfen, in dem es um eine Frau geht, die bei einem Bombenangriff ums Leben kommt. Man ignoriert dabei aber gleichzeitig die Tatsache, dass es wohl kaum einen humanistischeren Ansatz als den gibt, den ROGER WATERS auf seinem Album gewählt hat: Die Schicksale der Menschen aufzuzeigen, die als Unschuldige in den Kriegen sterben müssen.

Waters macht dabei mehrfach insbesondere die (Geld-)Gier der Menscheit für das Grauen und Leid verantwortlich. Im klassisch-floydschen „Smell The Roses“ zeigt er sich diesbezüglich geradezu sarkastisch. Im grandiosen „Déjà Vu“, in dem er sich in einem Gedankenexperiment zu Gott erhebt und erklärt, was er anders gemacht hätte, zeigt sich erneut seine Enttäuschung über das Fehlverhalten der Menschen. Besonders der bekanntgewordene Drohnenkrieg der USA schien ihm emotional sehr zugesetzt zu haben, weshalb er ihn gleich mehrmals auf dem Album thematisiert („Déjà Vu“, „Bird In A Gale“, „Part Of Me Died“). In Bezug auf die Flüchtlingskrise, die ROGER WATERS zentral im leider etwas schwächer geratenen „The Last Refugee“ anspricht, verwendet er wiederholt symbolisch das Bild des tot am Strand aufgefundenen kleinen Flüchtlingsjungen, das im September 2015 durch die Medien ging.

Der Titeltrack des Albums beginnt mit einem Ausschnitt einer Fernsehdebatte Trumps mit CNN, die Waters genervt mittendrin abschaltet. In diesem ebenfalls sehr gelungenen Stück klagt er die populistische, auf einem Fundament geschürter Angst errichtete Politik von Leuten wie Trump und Farage an. In seiner Enttäuschung vergleicht er die Menschheit mit blind folgenden, empathielosen Ameisen, die auf die Gier derartiger Politiker hereinfallen, obwohl sie letztlich die Leidtragenden und Ausgenutzten sein werden. Seine Wut zeigt sich hier am deutlichsten, wenn die elektronisch unterstützte Musik eine bedrohliche, düstere Wendung nimmt. „Broken Bones“ hingegen beklagt, dass die Menschheit auch nach all den schlimmen Kriegen nicht aus ihren Fehlern zu lernen scheint. Waters erklärt hier, dass beispielsweise religiöse Radikalisierung und Terror genau dann stattfindet, wenn die Heimat der Menschen zerbombt wird und sie in Leid und Rachsucht aufwachsen und Religion ihnen Schutz und Erlösung verspricht.
Ein weiteres Highlight des Albums ist das musikalisch dramatisch aufspielende „Picture That“. Hier zeichnet ROGER WATERS eine wahrgewordene Dystopie, in der er den Hörer bittet, sich in die Menschen in beispielsweise Afghanistan und Guantanamo Bay hineinzuversetzen.

Doch trotz all dem Übel sieht ROGER WATERS auch noch die Hoffnung in der Welt. Er beendet sein Album mit der kraftvollen, positiven, für manche sicherlich zu platten Aussage, dass die Liebe all das Leid besiegen kann. Beginnend mit einer Vertonung des iranischen Gedichtes „Wait For Her“ von Mahmoud Darwish, in dem er die Melodie aus „Déjà Vu“ zitiert, führt er im finalen „Part Of Me Died“ von Verfehlungen der USA-Politik im Thema Flüchtlingskrise, Grenzen gegen Ausländer, Geldgier, dem (Drohnen)Krieg, der Todesstrafe über Vergewaltigungen und menschliche Gräueltaten bis hin zu Ignoranz, Schweigen und Gleichgültigkeit der Menschen, die für ihn das größte Verbrechen darstellen, alles auf, was durch den liebevollen Umgang mit anderen Menschen sterben kann, um Platz für Menschlichkeit zu machen. Ein starkes Schlussstatement eines starken Albums!

Das ruhige „Is This The Life We Really Want“ ist sicherlich nicht das musikalisch einfallsreichste und ergiebigste Werk von Pink-Floyd-Musiker ROGER WATERS, als lyrisches Manifest eines enttäuschten, alten Mannes ist es jedoch eine Wucht. Selten findet man selbst in der Musikwelt einen derart direkten Appell an bestimmte Politiker und die Menschheit. Vielleicht zeigt sich Waters hier als naiver Hippie und Träumer, aber vergessen wird man seine Worte, die er bisweilen mit rauchiger, gebrochener Stimme vorträgt, sicherlich nicht so schnell.

Bewertung: 8 / 10

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