Review Russian Circles – Nine

Ganz sicher, wenn es um brachialen, rein instrumentalen Post-Rock geht, hat man heute die Qual der Wahl. Auf Gesang zu verzichten, ist bei diesem Genre auch nicht die dümmste Idee, stünden Vocals der großen Ambition von knarzigen Bässen, schweren Gitarren und wuchtigem Schlagzeugspiel doch eher im Weg. Zugegeben, eine gewagte These, aber im Bezug auf RUSSIAN CIRCLES und ihr neues Album „Nine“ eine absolute Notwendigkeit.

Denn die instrumentale Kraft, die das Trio in sich trägt, braucht auch genau diesen Platz. Hier konkret deren neues Album „Nine“. Direkt an dessen Beginn stehen mit „Borehole“ und „Empath“ zwei Songs, die nicht nur ein wenig den Querschlag in Richtung „Blood Year“ nehmen. Der Opener präsentiert sich dabei als eher zurückhaltend. Eine einzelne, leicht schräge Gitarrenlinie verbindet sich mit einem knarzigen Bass und straighten Drums zu einem heftig groovenden Einstieg. Zwar schöpft die Band hier das „atmosphärische Momentum“ so gut wie nicht aus, in Sachen Düsternis ist das Stück jedoch ein passender Vorlauf zu „Empath“. In Sachen Härte legen RUSSIAN CIRCLES sogar noch einen drauf. Denn auch wenn der Song ansonsten nicht viel an Überraschungen bietet, der walzende, Death-Metal-lastige Charakter des Tracks wird definitiv ein Treffer für jeden Extreme-Metal-Fan.

Das große Albumhighlight folgt danach. Und zwar mit „Eluvial“. Erstmals zieht sich das Trio in einen wirklich atmosphärischen Bereich seiner Musik zurück. Beginnend mit Ambient-Keyboards fügt sich zügig eine bauchige Bassline an hallende Leadgitarren. Atmosphärisch setzen RUSSIAN CIRCLES bei dieser Nummer auf Ausdauer, denn das tragische Timbre dieses Songs entfaltet sich nur langsam. Die Stimmung schwankt zwischen Melancholie, Träumerei und Finsternis, während sich die Band langsam von Peak zu Peak vorarbeitet und letztlich in ähnlicher Brutalität kulminiert wie zuvor auf „Empath“.

„E2“ und „Meridian“ bauen anschließend den Spannungshöhepunkt von „Eluvial“ wieder etwas ab. Ob es dabei nun um progressiv-atmosphärische Arrangements oder so introspektive wie wuchtige Arbeit an den Leadgitarren geht, ist einerlei. Denn obwohl beide Nummern wieder etwas linearer funktionieren, an Stimmung büßen RUSSIAN CIRCLES zu keinem Zeitpunkt ein. Ganz im Gegenteil. Dem zweiten Albumdrittel setzt schlussendlich das rein akustische „Arletta“ die Krone auf. In seiner Reduktion und Schwermut ist dieses kurze Intermezzo ein weiteres Highlight.

Am Ende steht mit „Seventh Seal“ ein Schlusspfiff, der so logisch ist, wie er Fragen aufwirft. Sehr nah an „Borehole“ und „Empath“ zieht das Post-Trio die Brutalität noch einmal heftig an. Das Stück spiegelt durch seine monolithische Additüde wunderbar das Cover, und auch die Erbarmungslosigkeit von Drums und Gitarren macht durchaus Spaß. Dennoch ruft dieser massive Stimmungsbruch auch ein wenig Irritation hervor, zumal Position Nummer sieben auf „Nine“ auch in Sachen Spannung und Atmosphäre einen kleinen Abfall hinnehmen muss. Aber das ist durchaus Meckern auf hohem Niveau.

RUSSIAN CIRCLES zeigen auf „Nine“ erneut, warum sie es in ihrem Genre zur Meisterschaft gebracht haben. Die erdrückende Schwere von „Blood Year“ verbindet sich überwiegend schlüssig mit der Melancholie eines „Memorial“. Ein wenig bedauerlich ist jedoch, dass ein Stück wie „Eluvial“ in seiner ganzen Größe nur einmal auf dem neuen Album vorkommt. Das bedeutet freilich nicht, dass „Nine“ über seine Dauer schlechter würde, lediglich, dass „mehr“ Emotion und Tiefe hier und da definitiv eine Option gewesen wäre.

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Wertung: 7.5 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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