CD-Review: Sacred Reich - Awakening

Besetzung

Phil Rind - Gesang, Bass
Wiley Arnett - Gitarre
Joey Radziwill - Gitarre
Dave McClain - Schlagzeug

Tracklist

01. Awakening
02. Divide & Conquer
03. Salvation
04. Manifest Reality
05. Killing Machine
06. Death Valley
07. Revolution
08. Something To Believe


Mit dem Ende der damals aktuellen Besetzung von Machine Head im vergangenen Herbst war Drummer Dave McClain mit der Arbeitslosigkeit konfrontiert und heuerte sodann wieder bei seinen früheren Brötchengebern SACRED REICH an. Die wähnen sich seither massiv im Aufwind und legen nach einer Split mit Iron Reagan und einer (Live)-EP nun mit „Awakening“ ihr erstes Album seit 23 Jahren vor. An Authentizität mangelt es dieser Platte dabei in keinem Fall, denn drei Viertel der aktuellen Zusammensetzung von SACRED REICH waren auch schon vor über zweieinhalb Jahrzehnten bei der Truppe aktiv – diese personelle Glaubwürdigkeit bedeutet nicht automatisch Qualität, stellt „Awakening“ aber von Vornherein eine gewisse Daseinsberechtigung aus.

Es dürfte kaum jemanden verwundern, dass SACRED REICH trotz personeller Beständigkeit inzwischen eine andere Band sind als jene, die vor 32 Jahren das noch heute gefeierte Debüt „Ignorance“ ablieferte. War diese Platte über weite Strecken ein Sperrfeuer rabiatester Maschinengewehr-Riffs, so oszilliert die Truppe heute zwischen zwei musikalischen Polen. Auf der einen Seite findet sich dabei nach wie vor der ungestüme Thrash Metal, für den der Name SACRED REICH seit Anbeginn der Bandgeschichte steht – so auf „Awakening“ etwa im gleichnamigen Opener oder auch dem nachfolgenden „Divide & Conquer“ zu finden.

In diesen Nummern punkten die Herren aus Phoenix mit messerscharfem Hochgeschwindigkeits-Riffing, wobei SACRED REICH schon im eröffnenden Titeltrack wie Flotsam And Jetsam mit deutlicher Hardcore-Schlagseite klingen. „Divide & Conquer“ verstärkt diesen Eindruck noch, denn der Song überzeugt mit einem Hauch von Melodie und einem für die Verhältnisse dieser Band regelrecht hymnischen Refrain. Was also halten von „Awakening“? Soweit es die ersten beiden Nummern des Albums betrifft, versucht hier eine Band mit aller Kraft, dem legendären Erbe ihrer Anfangstage gerecht zu werden.

So ganz will das jedoch nicht klappen, denn während SACRED REICH hier bemüht sind, sich als möglichst wenig gealterte Thrasher mit Tradition zu verkaufen, ist es doch eben diese Mühe, die man der Band deutlich anhört. Trotz furioser Riffs und halsbrecherischem Tempo nimmt das Eröffnungsstück „Awakening“ nicht so recht Fahrt auf und wirkt – auch aufgrund des wenig emotionalen Gesangs von Frontmann Phil Rind – etwas zäh und blutleer. „Divide & Conquer“ schlägt sich aufgrund der beschriebenen Merkmale etwas besser, ultimativ scheint es jedoch, als würde die Mannschaft hier lediglich die Eckdaten typischer Thrash-Metal-Songs abarbeiten, weil sie das früher halt so gemacht hat und die Fans es eben hören wollen.

Die Rettung kommt in Form der musikalischen Entwicklung, die SACRED REICH seit 1987 durchlaufen haben und auf die diese Band unbedingt stolz sein sollte: Den musikalischen Gegenpol zum routinierten Thrash-Geknüppel und glücklicherweise die Mehrheit der Songs von „Awakening“ bilden nämlich Nummern von solch infektiösem Groove, dass sie schon beim ersten Hören direkt in den Taktfuß, wenn nicht gar ins Genick fahren. Die stehen den Genre-Veteranen aus Arizona deutlich besser zu Gesicht, da sie dem Hörer glaubhaft vermitteln, dass hier eine Band spielt, die Spaß hat an dem, was sie tut.

Das lässt sich beispielsweise am geradezu unverschämt schiebenden „Salvation“ festmachen, in dem SACRED REICH wie die angethrashte Version neuerer Black Label Society klingen – ein Song, der sicherlich auch mitzureißen vermag, weil Frontmann Rinds Gesang hier weitaus mehr in den Mittelpunkt rückt. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Rausschmeißer „Something To Believe“, der ebenfalls im Territorium von Zakk Wylde und Co. wildert, oder auch dem zweifelsohne an Black Sabbath angelehnten „Death Valley“. Mag sein, dass die einstigen Thrash Metaller jene Fans, die sich einen weiteren Aufguss von „Surf Nicaragua“ gewünscht hätten, verprellen, aber es ist nicht zu überhören, dass SACRED REICH sich in diesem Klanggewand heute weitaus wohler fühlen und es passt ihnen gut.

Was die Produktion angeht, so haben sich SACRED REICH allerdings durchaus auf ihre Frühphase besonnen, denn „Awakening“ wartet mit einem ähnlich basslastigen Low-Fi-Sound wie ihr Debüt-Album auf. Das wirkt dank ungetriggertem Schlagzeug und erdiger, organischer Gitarren im ersten Moment etwas schwachbrüstig, hat man sich erst an das etwas weniger polierte Klangbild gewöhnt, freut man sich vor allem über den Stahlmantelgeschoss-Sound der Saitenfraktion und den insgesamt sehr ausgewogenen Mix.

Wollte man noch weitere Kritik an „Awakening“ anbringen, man müsste ansprechen, dass die Songs insgesamt recht simpel gestrickt sind – andererseits waren SACRED RECH noch nie dafür bekannt, ausufernde Epen zu schreiben, also bleibt hier alles beim Alten. Zudem, das muss sich die Truppe gefallen lassen, bedient sich die Formation auf ihrem neuesten Album geradezu schamlos bei ihren Genre-Kollegen – anhand der zahlreichen Vergleiche zu anderen Bands in diesem Review sollte das bereits deutlich geworden sein. Wer zusätzliche Beweise braucht, hört noch „Revolution“, das klingt wie ein Anthrax-Song von Alben wie „Spreading The Disease“ oder „Among The Living“. Technisch kann man SACRED REICH hingegen absolut keinerlei Vorhaltungen machen – im Gegenteil: „Awakening“ ist randvoll mit grandiosen Gitarrensoli, die zu keiner Zeit plump und gleichzeitig nie überkandidelt ausfallen. Gitarrenfans kommen hier also voll auf ihre Kosten.

„Awakening“ ist absolut keine schlechte Platte, es bietet nur so viel bereits Dagewesenes, dass es auch nicht als innovativ angesehen werden kann. Dennoch: Auf dem neuen Album von SACRED REICH werfen Musiker, die das Genre mitgeprägt haben, die besten Elemente des Sounds ihrer Artgenossen (und zum Teil auch ihres eigenen) in Songs zusammen, an denen sie selbst deutlich hörbar großen Spaß haben. Damit läuft die Truppe zwar zu keiner Zeit Gefahr, für ihre Eigenständigkeit belohnt zu werden, liefert aber ein von Anfang bis Ende solides und vor allem spaßiges Album ab, in dem allerdings mehr Heavy als Thrash steckt – dass eine Legende wie SACRED REICH dabei hauptsächlich nach anderen Bands klingt, ist ironisch, aber nicht schmerzhaft.

 

Bewertung: 7 / 10

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