Unter derselben Fahne, doch mit neuer Stimme, begeben sich SCHANDMAUL auf dem „Sternensegler“ in neue Gewässer. Nachdem der ehemalige Frontmann Thomas Lindner 2023 die Diagnose eines Karzinoms im Rachenraum bekam, absolvierte die Band 2024 ihre Konzerte mit Gastsängern (Till Herence von APRON und Georgij Alexandrowitch Makazaria von RUSSKAJA) – Herence war seinerseits bereits jahrelanger Begleiter der Band. Lindner begleitete SCHANDMAUL weiterhin als Gitarrist und Klavierspieler, sang aber nicht. Am 25. April 2025 dann die Gewissheit: Die Band gab bekannt, dass Lindner aufgrund der Erkrankung nicht mehr in der Lage sei, zu singen, und verkündete seinen Nachfolger. Till Herence, der zuvor die Vertretung übernommen hatte, ist seitdem der neue Sänger von SCHANDMAUL. „Sternensegler“ ist nun das erste Album mit ihm am Mikrofon.
Die Kernessenz von SCHANDMAUL ist auf „Sternensegler“ noch immer wiederzuerkennen: Folk-Musik, gepaart mit härteren Rock-Nummern, die Geschichten erzählen und einen poetischen Charakter vorweisen, sind und bleiben der Stil der Band. Herences Stimme verleiht den Songs aber natürlich einen anderen Klang: Wo zuvor Lindners tiefe, kraftvolle Stimme Zuhörende in den Bann zog, reißt Herence sie mit energetischer und motivierter Stimmlage mit – zwei völlig unterschiedliche Stimmfarben, beide dennoch absolut großartig. Rechnete man damit, dass ein neuer Sänger versuchen müsse, in die Fußstapfen des vorherigen zu treten, wird man hier, ähnlich wie zum Beispiel auch bei LINKIN PARK, feststellen, dass das absolut nicht der Fall ist. SCHANDMAUL ist zu etwas völlig Neuem geworden. Alteingesessene Fans könnten sich mit solch einer drastischen Veränderung schwertun; neue Fans dürften sich aber schnell damit abfinden.
Die typische Energie der Band findet man vor allem in den energetischeren Tracks wie „Sternensegler“ und „Flagge“, die insgesamt schneller und tanzbarer daherkommen als beispielsweise „In der Hand“. Dieser Song ist deutlich melodischer, trotz kraftvoller Riffs als Begleitung. Im Gegensatz dazu bringt „An beiden Enden“ mehr frischen Wind. Der Song ist deutlich lauter und mitreißender als der Rest, und Herences höhere und doch kraftvolle Stimme kommt sehr gut zum Einsatz. Passend zu der Message hinter dem Songtext: lieber alles geben und brennend untergehen, als stagnierend vor sich hin zu leben. Die Neuinterpretation von „Zwei Raben“, die im Duett mit Laura Fella (FAUN) entstand, macht diesen Track wohl zum herausstechendsten der Platte. Die Stimmen von Herence und Fella harmonieren unwahrscheinlich gut.
Leider muss man sagen, dass sich auf „Sternensegler“ trotz insgesamt vielversprechender Momente kein richtiger Hit befindet. Die Songs sind zwar an und für sich gut anzuhören, aber nach ein- bis zweimaligem Anhören hat man wenig Grund, das Album noch einmal laufen zu lassen. Die Geschichten wirken zudem im Vergleich zu beispielsweise „Ein echter wahrer Held“ (2015) oder „Die Königsgarde“ (2022) etwas lieblos, so als hätte man sich etwas zu wenig Gedanken darüber gemacht, was man hier wirklich vermitteln will. Schade. Frühere Alben wie „Narrenkönig“ (2002) oder „Leuchtfeuer“ (2016) erzählten als Album Geschichten, die durch die musikalische Untermalung in den Bann zogen. „Sternensegler“ ist eher wie Tanzmusik im Hintergrund, die zwar bei Laune hält, bei der aber niemand dem Text ausreichend Beachtung schenkt, um einen tieferen Sinn zu erkennen. Die „Flagge“ als politisches Statement ist beispielsweise ein starker Song mit wichtiger Message. Doch auch hier ist im Vergleich „Bunt und nicht Braun“ (2015) der deutlichere und eindrucksvollere Track. Vielleicht muss sich die Band in der neuen Konstellation erst noch neu einspielen. Stilwechsel tun ja durchaus auch mal gut.
„Sternensegler“ ist SCHANDMAULs erstes Album mit neuem Sänger – Till Herence verleiht der Band einen neuen, aber eben auch anderen Klang. Die Platte funktioniert als passender Aufbruch zu neuen Ufern, wenngleich sie nicht vollends überzeugt: Unterhaltsamer Klang und energetischer Gesang machen fehlende lyrische Tiefe leider nicht wett. Spaß macht das Album dennoch, sodass es sich in jedem Fall lohnt, zumindest einmal reinzuhören.
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