CD-Review: Sinistro - Sangue Cássia

Besetzung

Patricia Andrade – Gesang
Rick Chain – Gitarre
Ricardo Matias – Gitarre
Fernando Matias – Bass, Programming
Paulo Lafaia – Schlagzeug

Tracklist

01. Cosmos Controle
02. Lótus
03. Pétalas
04. Vento Sul
05. Abismo
06. Nuvem
07. Gardénia
08. Cravo Carne


Wem schon einmal das Glück zuteil wurde, SINISTRO live zu sehen, wird wissen, dass es sich dabei zweifellos um eine der interessantesten und vielversprechendsten Bands handelt, die die ansonsten eher unauffällige Metal-Szene in Portugal in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Dass Season Of Mist bald auf die experimentierfreudigen Doom-/Post-Metaller mit ihrer charismatischen Frontfrau aufmerksam wurden und 2016 ihr Zweitwerk „Semente“ herausbrachten, war also beiderseits ein wahrer Glücksgriff. Mit „Sangue Cássia“ meldet sich die fünfköpfige Truppe nun zurück, um die Hörerschaft ein weiteres Mal in ihren Bann zu ziehen. Doch können die nun merklich längeren Songs auch ohne die Intensität einer Live-Darbietung dieselbe einnehmende Wirkung entfalten?

Seinem Titel und Genre entsprechend schlägt der elfminütige Opener „Cosmos Controle“ mit seinen wuchtigen Gitarren und schleppenden Drums ein wie ein Meteor. Der Doom Metal kommt bei SINISTRO also auch diesmal nicht zu kurz. Wie ein Moloch von planetarischer Größe schleifen sich die verhängnisvollen Songs durch die Gehörgänge und lassen so manches Mal in einen gähnenden Abgrund blicken („Abismo“). Die schiere Monstrosität der Gitarrenwälle, die von Patricia Andrades gespenstischem, zerbrechlichem und doch auch eindringlichem Gesang kontrastiert werden, ist gewiss beeindruckend.

Allerdings hätten SINISTRO ihr Saitenspiel in den härteren Tonlagen ein wenig vielfältiger arrangieren sollen, denn manche Passagen sind dadurch etwas monoton geraten. Ein wenig Abhilfe verschaffen die unheilverkündenden Tremolo-Gewitter, die von Zeit zu Zeit die Stimmung noch weiter verdüstern. Interessant werden die Songs jedoch vor allem dann, wenn sich SINISTRO in die Gefilde des Post-Rock/Metal vorwagen. Die reduzierten, melancholischen Clean-Gitarren machen nämlich einen viel mysteriöseren Eindruck, befeuern somit die Neugier und geben den Blick auf einige stimmige Melodien frei („Lótus“).

Darüber hinaus rücken das lässige, bisweilen sogar ziemlich einfallsreiche Drumming und die meist hintergründigen Keyboards in den ruhigeren Passagen mehr ins Zentrum des Geschehens. Vor allem im zurückgelehnten „Vento Sul“, in dem die Backing-Keyboards wie sanfte Lichtstrahlen den Raum zwischen unverzerrten Gitarren durchfluten, zeigt sich die großartige Dynamik im Wechselspiel der Instrumente. Kompositorisch haben SINISTRO demnach doch noch so einiges auf dem Kasten und auch die druckvolle Produktion sollte die meisten Hörer zufriedenstellen, wenngleich das Schlagzeug eher dumpf abgemischt ist.

Dass SINISTRO auf der Bühne insgesamt doch etwas mehr faszinieren als auf „Sangue Cássia“, liegt leider nicht nur daran, dass Patricia bei den Auftritten wie von Sinnen gestikuliert und damit alle Augen auf sich zieht, sondern auch an dem etwas platten Sound der Drums und den allzu eintönigen Doom-Gitarren, die der einstündigen Platte ein Stück ihres Potentials rauben. Nichtstrotz ist das dritte Album der Portugiesen eine interessante Zusammenstellung von Songs, die die Experimentierfreude, mit der SINISTRO zu Werke gehen, eindeutig zum Ausdruck bringt. Die Enttäuschung hält sich also in sehr engen Grenzen, sodass „Sangue Cássia“ in der außergewöhnlichen Diskographie des Quintetts alles in allem eine gute Figur macht.

Bewertung: 7.5 / 10

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6 Kommentare zu “Sinistro – Sangue Cássia”

    1. Stephan Rajchl Post Author

      Hoppla, keine Ahnung, wieso ich sie gegen Ende plötzlich zu Italienern gemacht habe, wenn ich im ersten Absatz eh schon geschrieben hatte, dass sie aus Portugal kommen, haha. Danke für die Anmerkung, habe es natürlich gleich ausgebessert.

  1. Nicole

    Eine schöne Besprechung! „Semente“ war mein Album des Jahres 2016, live durfte ich Sinistro beim Wave Gotik Treffen 2017 erleben – wie du beschreibst, ein grandioses Erlebnis. Leider ist die Band immer noch ein Geheimtipp, was sich auch daran zeigte, dass im Leipziger Kohlrabizirkus – ausgelegt für mehrere Tausend Zuschauer – nur etwa 150 Gäste zugegen waren.

    1. Stephan Rajchl Post Author

      Hi, Nicole!
      Danke dir für das Lob! Es freut mich immer, wenn meine Rezensionen Anklang finden.
      Ich habe Sinistro vor ein paar Monaten erstmals in Wien als Vorband von Paradise Lost gesehen und kannte sie davor nicht. Ich war dann derart fasziniert und überrascht von ihrem Auftritt, dass ich mich dann ganz begierig auf diese Platte hier gestürzt habe. Kann durchaus sein, dass meine Erwartungen deshalb ein wenig überhöht waren. Aber letztlich ists ja trotzdem ein interessantes Album! Da kann man ja wirklich nur hoffen, dass die bald mehr Aufmerksamkeit bekommen. :)

      1. Nicole

        Ja, das hoffe ich auch. Allein schon deshalb, weil es keine vergleichbare Band gibt, die eine so eigenwillige schöne Frauenstimme mit Doom-/Postrock und Fado-Elementen paart. Lässt sich in kein Raster stecken…

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