Das Cover Artwork des Albums Zwei der Band Slime

Review Slime – Zwei

  • Label: Hulk Räckorz, Slime Tonträger
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Punk / Punk Rock

Damit hat wohl kaum jemand mehr gerechnet: SLIME starten nach dem Ausstieg ihres Ursängers und Frontmanns Dirk „Dicken“ Jora und drei soliden, aber nicht überwältigenden Alben seit der letzten Reunion 2009 mit neuem Longplayer und neuem Mann am Mikro noch einmal voll durch. Am wenigsten womöglich Dicken selbst, der die Combo 2020, nun eines vermeintlich unerlässlichen Bestandteils beraubt, mit seinem Abgang via Pressestatement gleich mit von der Bühne gehen sehen wollte – etwas vorschnell, wie sich herausstellte. Der berechtigten Frage, ob eine Band ohne ihr stimmliches Aushängeschild unter demselben Namen weitermachen sollte, steht indes die Tatsache gegenüber, dass Jora abseits seines charakteristischen und zuletzt recht müde klingenden Organs kaum kreativen Input beisteuerte – und das in einer Gruppe, die sich ihre Texte seit dem Ausstieg von Stephan Mahler in den Neunzigern ohnehin in weiten Teilen von oder in Zusammenarbeit mit externen Quellen hatte schreiben lassen.

Das ist nun vorbei: Mit Tex Brasket, einem Berliner Straßenmusiker, haben SLIME einen neuen Mann an Bord, aus dessen Feder alle (!) Texte der 15 neuen Songs stammen, von denen er vier zudem selbst komponiert hat. Das macht – zusammen mit dem neu aufgenommenen „Ebbe und Flut“ vom 2020er Werk „Wem gehört die Angst“ – eine satte Stunde Material. Doch läuft die Band nicht Gefahr, mit einer solchen Album-Überlänge Masse statt Klasse zu bieten? Und klingt das überhaupt noch nach SLIME, wenn ein Neuzugang der Combo in einem solchen Maße seinen Stempel aufdrückt?

Tatsächlich wird beim Hören schnell klar, dass es sich bei „Zwei“ um kein Album von „SLIME feat. Tex Brasket“ handelt. Vielmehr ist hier etwas miteinander verschmolzen, was sowieso zueinander gepasst hat: Der Sänger und die restliche Band, in der sich mit den beiden Gitarristen immerhin auch noch zwei Mitglieder befinden, die schon auf dem 1980er Debüt „Slime I“ spielten, bilden eine kraftvolle Symbiose, die im Verlauf des Albums des Öfteren für heruntergefallene Kinnladen sorgt. Gleichwohl sind die Texte nun persönlicher ausgefallen: Die Gesellschaftskritik von SLIME erreicht die Hörer*innen jetzt durch die Linse von Brasket, der selbst eine Lebensphase ohne festen Wohnsitz hinter sich hat. Dementsprechend handeln einige Songs direkt oder indirekt vom harten Alltag auf der Straße (etwa „Komm schon klar“, „Heute nicht“, „Taschenlampe“, „Outlaw“), die ebenjenen zwar schonungslos beschreiben, in denen aber stets ein Gefühl von Hoffnung mitschwingt. Vom Rudel, das gemeinsam stark ist und zusammenhält ist da die Rede, von Hartnäckigkeit, Optimismus und Dankbarkeit, am Leben zu sein. So prangert Brasket Missstände wie Wohnungsleerstände bei gleichzeitig steigender Obdachlosigkeit an, nicht ohne zugleich zu fordern: „Lass’ uns die ganze Stadt besetzen!“

Darüber hinaus ist die Politpunk-Seite von SLIME weiterhin präsent und am stärksten im Track „Safari“ ausgeprägt, der vom Rassismus-Problem in der Gesellschaft und speziell in deutschen Behörden wie der Polizei oder dem Verfassungsschutz handelt, von Neonazis in Bundeswehr- oder blauer Uniform und rechtsextremen Preppern sowie deren Verharmlosung als Einzelfälle. Eine Prise Systemkritik bietet zudem „Wut im Bauch“, das die Heuchelei hinter den so oft zitierten und so mangelhaft umgesetzten Werten des Westens und seiner Way of Life anreißt. Ebenjene Wut ist ein mehrfach auftretendes Motiv in Braskets Texten, doch mündet sie nie in Aggression oder Eskalation, sondern fungiert als Antrieb und Motivation.

Nicht zuletzt dadurch strotzt „Zwei“ vor wiedergewonnener Energie: Ein Großteil der Songs wirkt mit seinen Über-Refrains und Aussagen kämpferisch und erhebend, ohne in platte Durchhalteparolen abzurutschen. Andere fallen durch harte Themen wie Drogenabhängigkeit („Bester Freund“) oder Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche („Mea culpa“) musikalisch oder textlich derb aus. Generell bringt Brasket den Rotz und die Gosse verstärkt in den SLIME-Sound zurück: Vokabeln wie „Scheiße“, „ficken“, „Pisse“, „Fresse“ und „Arsch“ bleiben keine Ausnahmen und werden herangezogen, um alle mit deutlichen Worten wissen zu lassen, dass die Band noch immer etwas zu sagen hat. So ist „Nix von Punkrock“ an alle Pseudo-Punks und elitären Szenewächter gerichtet, die mit ihrer falsch verstandenen Political Correctness und Wokeness ihr eigenes autoritäres Denken offenbaren. Ein Songtitel wie „Weil fickt euch alle“ lässt zudem wenig Zweifel daran, dass SLIME sich auch 2022 an keine Trends anbiedern. Das Motto „Wir verbiegen uns für niemanden“ ist nicht nur häufig in den Texten zu hören, sondern wird auch umgesetzt. Aber auch Zeilen wie „Wir sind alle so schön kaputt, aber zusammen sind wir so schön ganz“ („Wut im Bauch“) sind auf der Scheibe zu finden, die Brasket als lyrischen Wolf im Straßenköter-Pelz zeigen, der sich auch filigraner ausdrücken kann, wenn er möchte.

Zu den im Vorfeld geäußerten Deutschrock-Vorwürfen oder gar scheinbaren Parallelen zu einer gewissen vierköpfigen Band aus Frankfurt bleibt zu sagen: Eine raue Stimme, Kraftausdrücke und Fäkalsprache allein machen noch keine Deutschrock-Band aus – zumal in einem Pfund Tex Brasket mehr Gesangstalent steckt als in 120 Kilo Kevin Russell. Zwar enthält oberflächlich gesehen auch „Zwei“ Floskeln wie „Blut, Schweiß und Tränen“ oder „Uns’re Narben sind wie Orden … Wir tragen sie mit Stolz“; doch darf bei näherer Betrachtung bezweifelt werden, ob Gruppen jenes Genres Themen wie Hausbesetzung und den täglichen Überlebenskampf von Menschen ohne festen Wohnsitz ansprechen oder Zeilen wie „1312, ACAB / Ich hab’ meinen Ausweis zwar dabei, aber fickt euch trotzdem ins Knie“ schreiben. SLIME mögen nicht mehr dieselbe Band sein wie mit Dirk Jora. Es ist aber weiterhin klar, woher sie kommen und wofür sie stehen.

Auch mag Brasket mit seinen über vierzig Jahren kein Jungspund mehr sein – dass sein Einstieg bei SLIME für eine Verjüngungskur der gesamten Gruppe gesorgt hat, liegt jedoch auf der Hand. Schon bei Release altbacken wirkende Songs wie „Hier und jetzt“ vom gleichnamigen Album oder nostalgische Tracks mit Opa-erzählt-von-früher-Beigeschmack wie „Paradies“ vom 2020er Output gehören der Vergangenheit an. Des Weiteren klingt auch die Produktion wieder organischer und lebendiger als auf der Vorgängerplatte. SLIME sind erneut zurück, ohne diesmal wirklich weggewesen zu sein – und legen mal eben einen Longplayer vor, der den Vergleich mit dem Bandklassiker „Schweineherbst“ nicht scheuen muss. Die Anspielung auf den Titel des Debüts ist keine Anmaßung: „Zwei“ ist ein Neuanfang, auf dem SLIME so energisch und bissig wie lange nicht mehr klingen, und hat das Potenzial, Deutschpunk-Album des Jahres zu werden.

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Wertung: 9 / 10

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