Spooky Season im Frühling? Zumindest wenn es nach SPELL geht, denn die kanadischen Düster-Rocker servieren mit „Wretched Heart“ den Nachfolger des 2022er Werkes „Tragic Magic“. Cover-Artwork, Promo-Fotos und Vorab-Singles könnten auch Teil der Kampagne für einen trashigen Gothic-Horror-Film sein, machen aber auch direkt deutlich: SPELL haben die Wandlung von einer Retro-Metal-Truppe hin zu einer Band irgendwo in der Schnittmenge von GHOST, TRIBULATION, MERCYFUL FATE und UNTO OTHERS (zumindest optisch) abgeschlossen. Aber kann die Musik auch das halten, was die Optik verspricht?
Mit „Dark Inertia“ eröffnen SPELL die Scheibe noch recht unspektakulär. Straight gezockter, etwas düsterer Hard Rock mit dem für die Band typischen, nasalen Gesang von Cam Mesmer. Wirklich spannend wird es erst mit dem zweiten Track „Lilac“, der dominante 80er-Synthies mit einer fast schon poppigen Melodie und AOR-Gitarren vermischt. Klingt nach dem aktuellen GHOST-Album „Skeleta“? Nicht ganz, denn wo Papa V Perpetua und seine Ghouls alles der Eingängigkeit unterordnen, bewahren sich SPELL immer noch eine gewisse metallische Härte und Düsternis. Gut zu hören im direkt folgenden „Take My Life“ mit seinen schneidenden 80er-Metal-Riffs.
Diesen Pfad auch auf dem Rest von „Wretched Heart“ beizubehalten, wäre dem Quartett aber viel zu langweilig. Stattdessen scheinen SPELL ihre Liebe für Wave und Synthie-Pop entdeckt zu haben, denn besonders „Unquiet Graves“, aber auch „Oubliette“ und „Exquisite Corpse“ lassen deutliche Einflüsse von DEPECHE MODE und Co. erkennen. Gut gelingt dieser Stilmix bei „Unquiet Graves“, der dunklem Wave-Pop näher steht, als Metal, dadurch aber absolutes Ohrwurm-Potenzial hat. Bei den anderen beiden genannten Beispielen schwenkt das Songwriting nach anfänglichen Wave-Ausflügen wieder mehr in Richtung Rock, wobei dieser Shift stellenweise etwas holprig ausfällt.
Den epischen Abschluss bilden das Doppel aus „In Duress“ und dem Titeltrack, wobei „In Duress“ als instrumentales Intro dient. „Wretched Heart“ klingt fast so, als ob in einer alternativen Realität IRON MAIDEN in den 80ern in eine Gothic-Richtung abgebogen wären. Galoppierende, vom Bass getriebene Parts treffen auf hypnotische Synthies und eine düster-melancholische Melodie. SPELL beenden das Album auf opulente Weise und lassen die Theatralik-Muskeln spielen, was ihnen fast besser zu Gesicht steht, als so mancher Wave-Ausflug in den vorherigen Tracks.
Auch auf „Wretched Heart“ gehören SPELL zu den Bands, die man entweder hasst oder liebt. Der kauzige Stilmix und die dünne Stimme von Frontmann Cam Mesmer bieten wenig Raum für Grautöne. Mutig und vor allem eigenständig ist das Material auf jeden Fall, denn auch wenn viele große Namen als Referenzen genannt wurden, haben die Kanadier diese Einflüsse doch zu einem ganz eigenen Sound verwoben. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Album abseits des Metal-Mainstreams mit vielen außergewöhnlichen Facetten.
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Wertung: 8 / 10


