Zwischen 2015 und 2025 lief nicht alles rund für Freunde melancholischer Metal‑Musik. Die Progressive‑Metal‑Trauerbegleiter von GHOST BRIGADE verließen 2020 die Bühne mit einem Re‑Release ihrer gesamten Diskografie, KATATONIA sind im Laufe der Jahre (quasi) zum Solo‑Projekt von Jonas Renkse avanciert und SWALLOW THE SUN stehen jetzt voll auf Modern Metal.
Eine Band, die definitiv viel zu selten im Zusammenhang mit den oben genannten Konsorten genannt wird, ist THE MAN‑EATING TREE. Vor zehn Jahren veröffentlichte die Formation mit „In The Absence Of Light“ ihr letztes Album. Danach: Stille. Dem Schweigen wurde im April dieses Jahres dann ein Ende gesetzt, als die Truppe sich vollständig reformierte und mit neuem Album zurückmeldete.
Nach einem passenden Bühnenaufgangs‑Intro folgt mit dem Titeltrack „Night Verses“ nicht nur ein souveräner Start, es gibt auch einen angenehmen Bezugspunkt zum oberen Absatz. Wer nämlich bei dem Song an GHOST BRIGADE denken muss, dem passiert das nicht einfach so: Tatsächlich haben THE MAN‑EATING TREE inzwischen Manne Ikonen verpflichtet, der bis vor fünf Jahren für die Geisterbrigade am Mikrofon stand. Auch musikalisch ergibt sich in Riffing, Komposition und Stimmung eine teils frappierende Ähnlichkeit zwischen den Bands. Betreffs „Night Verses“ stellt das aber keinerlei Problem dar, kann der Song doch mit jeder Menge Melancholie, einem tollen Refrain und schönen Leads für sich begeistern.
Dass es dann aber doch sehr klare Unterschiede zwischen GHOST BRIGADE und THE MAN‑EATING TREE gibt, belegen Songs wie „All Our Shadows“ und „To The Sinking“. Ersterer beweist durch seine vergleichsweise einfache Komposition bei gleichzeitig extrem starkem Refrain, dass man nicht immer musikalische Abstraktion betreiben muss, um große Kunst – in diesem Fall großes Gefühl – zu erschaffen. „To The Sinking“ als stille Antwort auf seinen Vorgänger hingegen agiert zuerst aus einer zutiefst tragischen Stille heraus, um sich im Verlauf zu einer Doom‑Death‑Metal‑Ballade zu entwickeln und damit zu einem Album‑Highlight zu avancieren.
Nicht immer sind THE MAN‑EATING TREE allerdings im Stande, derart große Spannungsbögen zu reproduzieren. So leisten sich Songs wie „These Traces“ oder „Abandoned“ zwar keine groben Ausfälle, können aber verglichen mit emotionalen Highlights wie „To The Sinking“ oder „Night Verses“ einfach nicht mithalten. Auch dann nicht, wenn die Riffs sitzen, die Refrains treffsicher sind und die Songs insgesamt solide komponiert wurden. Aber vielleicht hat das auch System, denn das Albumfinale zieht nochmal alle Register.
„Could You Show Me How To Make Me Disappear?“ fragen THE MAN‑EATING TREE zu Beginn des Rauschmeißers „Reflections“. Diese Zeile allein beschreibt die tiefe Tristesse des Schlusstracks auf den Punkt. Vorwiegend von Streichern und Tastenarrangements getragen, klingt und wirkt der Song wie ein Soundtrack zu einem filmischen Drama. Der gut platzierte Haken am Ende bringt dann noch einmal eine große Schippe Gothic Doom‑Metal auf den Tisch, was „Night Verses“ eindrucksvoll abschließt.
THE MAN‑EATING TREE präsentieren mit ihrem aktuellen Album ein sehr gelungenes Comeback. Die Neubesetzung der Band hat sowohl vertraute als auch positive Impulse gebracht. Stellenweise sind die Reminiszenzen an GHOST BRIGADE dann aber doch noch etwas zu stark, zumal nicht jeder der neun Songs es schafft, die Spannung hochzuhalten. Aber klar ist auch: Die meisten Tracks auf „Night Verses“ sind sehr stark. Sie bringen genug Eigengewicht mit, um einerseits nicht als reiner GHOST-BRIGADE‑Klon wahrgenommen zu werden und andererseits jene Lücke zu schließen, die diese Formation vor fünf Jahren hinterlassen hat.
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Wertung: 7.5 / 10


