CD-Review: Therion - Gothic Kabbalah

Besetzung

Christofer Johnsson – Gitarre, Keyboard, Programming
Kristian Niemann – Gitarre, Keyboard
Johan Niemann – Bass, Gitarre, akustische Gitarre
Peter Karlsson – Schlagzeug, Gitarre, Keyboard, Gesang, Percussion
+ Gast- und "in close cooperation"-Musiker

Tracklist

CD 1:
01. Der Mitternachts Löwe
02. Gothic Kabbalah
03. The perennial Sophia
04. Wisdom and the Cage
05. Son of the Staves of Time
06. Tuna 1613
07. Trul
08. Close up the streams

CD 2:
01. The Wand of Abaris
02.Three Treasures
03.Path to Arcady
04.T.O.F. - The Trinity
05.Chain of Minerva
06.The falling Stone
07.Adulruna rediviva


Drei lange, trostlose Jahre ist es her, dass THERION ihr „Lemuria/Sirius B“-Doppelalbum veröffentlichten. Dieses war damals einer meiner ersten „blinden“ CD-Käufe, und ich habe ihn bis heute nicht bereut – ich lernte die Band schätzen, und das Stöbern nach den älteren Alben versorgte mich viele Stunden lang mit toller Musik, die sich über die Zeit kaum abnutzte. So fieberte ich also voll freudiger Erwartung der neuen Scheibe entgegen, hungrig gemacht von Songtiteln und Hörproben, und nun ist es endlich so weit: „Gothic Kabbalah“ befindet sich als Doppel-LP in meinen Händen!

Optisch macht das Ganze schon mal viel her: Ein flammendes Auge, warme Sandtöne, schmal thront der THERION-Schriftzug über der Illustration. Dazu die Vinyl-Scheibchen in appetitlichen Fruchtdrops-Farben. Mjam! Das fängt schon mal gut an. Flott auf den Plattenteller gelegt, und ab geht die wilde Fahrt. Straight klingt dieser erste Song mit dem ulkigen Titel „Der Mitternachts Löwe“, der ein wenig in die Irre führt: Nur ein paar Worte werden hier in deutsch gesungen. So richtig will mir dieses Lied beim ersten Anhören auch noch nicht ins Ohr rein, aber eines wird schon wieder deutlich: THERION verstehen es nach wie vor wie kaum eine andere Band, orchestrale und chorale Elemente geschickt und wirkungsvoll in ihre Musik zu integrieren. Also, kein schlechter Anfang, aber auch nicht überwältigend.

Und bevor ich nun in eine sture Song-by-Song-Methodik reinrutsche, stelle ich lieber sofort klar: THERION haben hier ein großes Album geschaffen. Denn allerspätestens bei „Son of the Staves of Time“ platzte bei mir endgültig der Knoten, und die anfängliche Skepsis machte purer Euphorie und Verzückung Platz, wie ich sie in meiner Metalzeit selten beim ersten Anhören einer Scheibe verspürt habe. Dieser Song reißt einfach nur unheimlich mit, es passt einfach alles: Die einleitenden Schläge des Schlagzeugs nach dem orchestralen Intro, der Gesang, die Gitarren, das versprüht dermaßen viel Energie, dass ich jedes mal irre grinse und zum Headbangen ansetze, wenn der Song losgeht, phantastisch! Ich kann es nicht abwarten, das im Februar live zu erleben.

Was macht diese Scheibe so grandios? Ich vermute, es ist das Talent der Musiker von THERION, hammerhart geile Melodien zu kreieren und diese nicht in belanglosem Beiwerk zu versemmeln, jede Melodie wird hier grandios eingebettet, und diese Einheit bildet dann einen arschtretenden Song. Und das Tolle ist, dass jeder Titel auf seine eigene Weise Arsch tritt: Sei es wie beim eben erwähnten „Son of the Staves of Time“ die enorme Energie, die davon ausgeht (so auch bei „Wisdom and the Cage“ im Refrain), seien es die Mitsingparts bei „Trul“ oder „Three Treasures“, sei es der wunderschöne, kitschfreie Gesang bei „The perennial Sophia“ oder frappierend an Ayreon erinnernde Keyboardmelodien bei „Wisdom and the Cage“ oder „Alruna rediviva“, jeder Song besitzt seine eigenen Qualitäten und einen eigenen Anstrich. Dazu kommen die fulminanten Gitarrensoli, die sich aber nie in sinnlosem Gefrickel verlieren, wie man es anderswo kennt. Das alles verspricht zum einen höchsten Hörgenuss, zum anderen hat der Facettenreichtum den tollen Nebeneffekt, dass das Album auch nach dem neunten oder zehnten Durchlauf den gleichen Charme versprüht wie bei der ersten Runde: Langzeitspaß ist garantiert. Angemerkt sei, dass „Gothic Kabbalah“ nur noch stellenweise wie der Vorgänger klingt, hier finden sich ebenso Elemente von Alben wie „Deggial“, „Crowning of Atlantis“ oder „Secret of the Runes“.

Ich gebe zu, mit dem einen oder anderen Song bin ich beim ersten Anhören nicht warm geworden, das lag mal an den etwas abgefahrenen Rhythmuswechseln („Trul“), mal einfach am Song im Allgemeinen, aber spätestens beim zweiten oder dritten Mal hat es auch bei diesen „Problemfällen“ gefunkt. Ich höre mittlerweile, seitdem ich die Platte(n) erhalten habe, kaum noch etwas anderes und kann mich nicht mehr von diesem Album lösen. Ich mochte THERION ja schon vor „Gothic Kabbalah“ sehr, aber aus Schwärmerei ist nun Liebe geworden. Wer in seinem musikalischen Herzen auch nur ein wenig Platz für mit Orchesterparts angereicherten Metal, mitreißende Melodien oder einfach verdammt gute Musik hat, der riskiere hier zwei Ohren und leihe sich notfalls noch welche von guten Freunden. Ganz groß, THERION! Me love you long time.

Bewertung: 9.5 / 10

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