CD-Review: Versus Goliath - Der sechste Tag (EP)

Besetzung

Florian Mäteling - Gesang, Synthesizer
Andreas Zöller - Gitarren, Keyboards
Jonas Keller-May - Schlagzeug

Tracklist

01. Friss oder stirb
02. Dem Teufel geht es gut
03. Strom
04. Weißt du noch?
05. Engel
06. Zahn


[Industrial / Rock / Rap] Mit dem Industrial im 21. Jahrhundert ist das so eine Sache: Die technischen Möglichkeiten zur Erzeugung von elektronischen Klängen werden immer vielfältiger und man sollte meinen, dass diese Entwicklung auch positive Auswirkungen auf gerade dieses musikalische Genre haben sollte. Trotzdem bekommt der geneigte Zuhörer nur zu häufig altbekannte, gerne mal an die 1980er Jahre erinnernde Sounds auf die Ohren – von Fortschritt keine Spur. Das Kollektiv VERSUS GOLIATH aus München will mit seiner Debüt-EP „Der sechste Tag“ ein wenig frischen Wind in die stagnierende Szene bringen – mit Erfolg?

Die Antwort ist ein klares „Jein“. Auf der Habenseite sind auf jeden Fall die Synthesizersounds zu verbuchen, die durch die Bank modern und unverbraucht daherkommen. VERSUS GOLIATH haben auf der elektronischen Seite auch keinerlei Berührungsängste mit anderen Stilistiken. So sind in „Strom“ die Dubstep-Einflüsse unüberhörbar – die Nummer erinnert im positiven Sinne an Korns Kooperationen mit Skrillex oder Noisia auf dem 2011er Output „The Path Of Totality“, während die Hi-Hat-Figuren in „Dem Teufel geht es gut“ oder dem Closer „Zehn“ auch auf einem Trap-Song funktionieren würden.

Lyrisch rennen VERSUS GOLIATH mit ihren deutschsprachigen sozial- und systemkritischen Texten offene Türen ein: Isolation, Hass, Angst und Wut sind die Themen, um die es in den dystopischen Soundlandschaften geht – wenig Licht am Ende des Tunnels. Man merkt dem Frontmann mit der unterkühlten Reibeisenstimme seine Wurzeln im Rap an und muss seinem Sprechgesang ohne Frage einen ziemlich coolen Flow attestieren – zumal der gute Mann auch Ohrwürmer kann, wie die beiden durchaus clubkompatiblen Tracks „Friss oder stirb“ und „Engel“ beweisen.

So geben sich auf knapp über 20 Minuten sechs grundlegend härtere und aggressive Songs die Klinke in die Hand, wobei man mit „Weißt du noch?“ eine (trotz überraschend dominanter Gitarrenwand) beinahe balladeske Nummer am Start hat, die durchaus Reminiszenzen an Oomph! in den späten Neunzigern enthält – und auch ein ähnliches Publikum ansprechen dürfte, obwohl auf belanglose Gothic-Plattitüden konsequent verzichtet wird. VERSUS GOLIATH sind urban und modern im besten Sinne und wenn man „Der sechste Tag“ in seiner Gesamtheit betrachtet, ist der Begriff „Industrial-Rap“ sicher auch ziemlich passend – hat ihn die Band doch selbst zur groben Beschreibung von „Der sechste Tag“ in den Raum geworfen.

Wo es viel Licht gibt, gibt es aber auch Schatten: Die Arrangements sind nicht besonders spannend oder abwechslungsreich, man bedient sich ausschließlich klassischer Strophe-Refrain-Strukturen, obwohl gerade die atmosphärisch dichten und gelungenen elektronischen Elemente auch einmal in Form eines längeren Intros, Outros oder Interludes auch mal ein paar Sekunden, vielleicht sogar Minuten für sich alleine stehen könnten. So wirkt „Der sechste Tag“ ein wenig gehetzt und vorhersehbar, beinahe so, als ob man die Kompositionen mit aller Gewalt in ein radiokompatibles Dreieinhalb-Minuten-Korsett pressen wollte.

Und auch die (trotz dreckiger Synths) recht polierte und zahme Produktion ist leider nicht wirklich Fisch, nicht wirklich Fleisch: Die haupthaarschüttelnde Fraktion dürfte sich ohne Frage über weite Strecken etwas dominantere Gitarren und ein bisschen mehr Eier und Rotz wünschen, während dem einen oder anderen Freund elektronischer Musik das VERSUS-GOLIATH-Debüt ein wenig zu hart sein könnte (obwohl „Engel“ mit seinem Ohrwurmchorus als härtere Synthiepop-Nummer mit Single-Potential eine gute Figur macht).

Trotzdem ist „Der sechste Tag“ eine gelungene Debüt-EP und VERSUS GOLIATHs Ansatz, abseits ausgelatschter musikalischer Pfade zu wandeln, funktioniert über weite Strecken. Die Marschrichtung stimmt schon mal und das Potential, sich vom schon tausendmal gehörten Synthie-Brettgitarren-Mischmasch abzuheben, ist klar vorhanden und erkennbar. Gefühlt sitzt man noch ein wenig zwischen den Stühlen und einem potentiellen Longplayer würde ein bisschen mehr Abwechslung und Mut in der Umsetzung gut zu Gesicht stehen.

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