Das Cover von "So What!" von X-Wild

Review X-Wild – So What! (Re-Release)

  • Label: Rock Of Angels
  • Veröffentlicht: 2022
  • Spielart: Heavy Metal

1993 zerbrach die Besetzung von Running Wild, die solch legendäre Alben wie „Blazon Stone“ und „Pile Of Skulls“ eingespielt hatte, darunter Bassist Jens Becker (Grave Digger) und Drummer Stefan Schwarzmann (u. a. Pänzer). Grund für den Split war wohl, dass sich die übrigen Musiker nicht mehr mit Bandkopf Rolf Kasparek verstanden, denn sie gründeten sodann ihre eigene Band X-WILD. Jene Formation sollte zwar nie die gleichen Erfolge wie die Hamburger Metal-Piraten einfahren, hielt aber immerhin vier Jahre und drei Alben lang. Zu Beginn schien jedoch noch alles möglich und die Truppe, die mit dem Briten Frank Knight gerade einen neuen Sänger verpflichtet hatte, veröffentlichte ihr Debüt „So What!“.

Dass die Herren noch immer Spaß am typischen Sound von Running Wild hatten, zeigt sich schon am Opener „Can’t Tame The Wild“: Nach einem unfreiwillig komischen Düster-Intro lebt der Song von charakteristisch piratigen Riffs und Melodien, die man auch von Rock ’n‘ Rolf und Konsorten kennt. Überhaupt bauen X-WILD den Sound ihrer Vorgängerband hier größtenteils detailgetreu nach. Im folgenden „Dealing With The Devil“ orientiert sich die Truppe an der rockigeren Seite besagter Band und das stampfende „Wild Frontier“ ist mit seinem Text über wehrhafte Indianerstämme sowohl musikalisch als auch inhaltlich ein typisches Running-Wild-Epos. Mit Frank Knight wurde obendrein ein Sänger verpflichtet, der wie ein ruppigerer Rolf Kasparek klingt und das passt natürlich bestens ins Bild.

Der größte Unterschied ist, dass „So What!“ den klassischen Running-Wild-Sound durch die Linse der 90er betrachtet. Alle stilbildenden Elemente sind da, aber getreu dem Zeitgeist des Jahrzehnts extremer, bösartiger und vermeintlich „krasser“ – wie das damals ankam, ist schwer zu sagen, heute wirkt es etwas aufgesetzt. Das beginnt mit dem aufgepumpten Sound der Platte, der die Frage nahelegt, ob das massive Schlagzeug wirklich so im Studio getrackt wurde und setzt sich mit der vermeintlichen Düsternis, die X-WILD bisweilen heraufbeschwören wollen, fort. Schon im Intro faucht Mr. Knight wie eine Kirmes-Animatronik und das zäh stampfende „Mystica Demonica“ wirkt eher ulkig als gruselig. Dass diese Momente nicht so eindrücklich sind, wie von der Band gewünscht, liegt in erster Linie am Sänger: Der übertreibt es mit der ach so „extremen“ Performance selbst in den traditionsbewussteren Songs und kommt so stets ungewollt gewollt rüber.

Ansonsten machen X-WILD auf ihrem Debüt eigentlich keine größeren Fehler. Das Songwriting ist solide und orientiert sich eben vornehmlich am typischen Sound von Running Wild. Dazwischen zitiert die Band im – wirklich gelungenen – „Thousand Guns“ erfolgreich die Teutonenstahl-Vorreiter Accept und das abschließende „Different, (So What?)“ fällt sogar unerwartet thrashig aus. Somit ist „So What!“ vielleicht kein originelles, aber doch immerhin ein solides Heavy-Metal-Album norddeutscher Prägung, auf dem die Mannschaft hörbar bemüht ist, dem bekannten Sound einen neuen Anstrich zu verpassen. Mit „Skybolter“ gibt es hier übrigens noch eine Nummer, die unter dem Namen „Skulldozer“ eigentlich als B-Seite von Running Wild vorgesehen war.

Mag ja sein, dass die Herren Morgan, Becker und Schwarzmann Anfang der 90er nicht mehr unter Käpt’n Kasparek segeln wollten – „So What!“ zeigt aber, dass sie damals noch nicht vollends alleine in See stechen konnten: Die Songs sind solide und sie machen deutlich, dass auch die an X-WILD beteiligten Musiker ihren Anteil am damals typischen Running-Wild-Sound hatten. Sie belegen aber auch, dass es offenbar des nicht zu leugnenden Talents von Herrn Kasparek bedurfte, um aus anständigen Songs echte Hits zu machen, denn den Nummern auf „So What!“ fehlt oftmals das gewisse Etwas. Dennoch ist die Platte als Re-Release ein spannendes Zeitzeugnis und nicht nur für Fans der Hamburger Metal-Pioniere interessant.

 

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