CD-Review: Yes - Close to the Edge

Besetzung

Jon Anderson – Gesang
Steve Howe – Gitarre
Chris Squire – Bass
Rick Wakeman – Keyboard
Bill Bruford – Schlagzeug

Tracklist

01. Close to the Edge (18:50)
02. And you and I (10:09)
03. Siberian Khatru (8:57)


Ob ich mir mit diesem Review nicht ein bisschen viel vorgenommen habe? Dream Theater waren ja schon nicht gerade leichte Kost für zwischendurch, aber an „Close to the Edge“, dem fünften, vielleicht wichtigsten Album der Briten Yes, einer der stilprägendsten Bands des Progressive Rock, sind vermutlich schon Leute mit soliderer musikalischer Ausbildung als ich gescheitert, in den USA gibt es sogar eine Doktorarbeit, die genau dieses legendäre Album als Thema hat! Prinzipiell gesehen bin ich also nichtmal zu beneiden… doch frisch ans Werk.

Nach zwei Alben im Fahrwasser der Beatles („Yes“, 1968 und „Time and a Word“, 1970) begann für Yes 1971 mit „The Yes Album“ die Phase, für die sie berühmt wurden, doch leider dauerte diese Phase nicht einmal zehn Jahre an, denn an jene Alben, die nach 1980 aus dem Hause Yes erschienen, erinnern sich nur die allerwenigsten Fans gerne. Waren die ersten drei Alben musikalisch gesehen noch halbwegs zivilisiert, tauchte man mit „Fragile“ richtig tief in die (vermutlich nicht ganz drogenfreie) Welt des komplizierten, verfrickelten, psychedelischen, abgedrehten und abgehobenen Artrock ein, selbstverliebte Solodarbietungen aller Bandmitglieder inklusive. „Close to the Edge“ führte dieses Konzept dann konsequent fort; wo vorher 8 Songs auf einer knapp 40-minütigen Langspielplatte Platz fanden, waren es nun nur noch 3. Schluss mit kurzweiligen, eingängigen Stücken zum Entwirren der Gehörgänge, unter 9 Minuten lief nun überhaupt nichts mehr. Dass die so entstandenen Songs vor Kreativität selbst die bereits sehr lose abgesteckten Grenzen des Artrocks nicht nur zu erweitern, sondern zu zerfetzen drohten (ohne dabei die versponnene Collagenartigkeit von Pink Floyds Frühwerken zu haben), dürfte überflüssig zu erwähnen sein, so plakativ das klingen mag.
Jeder der 3 Songs ist eine, halbwegs nachvollziehbare, weil spektakuläre, kompositorische Unglaublichkeit für sich, teilweise ein wenig dissonant und darum auf eine ganz besondere Art sogar irgendwie richtig hart, und da sich Anderson, Howe & Co. dem Strophe-Refrain-Schema nur ansatzweise unterwerfen, bleibt viel Raum für ausufernde Arrangement und instrumentale Leckerbissen aller Art. Yes lassen trotz bewundernswerte Verzichtes auf die kurz vorher aufgekeimte Studiotechnik, also nur mit ihren Instrumenten wundersame Welten von unerreichter Vielfalt und Farbenpracht entstehen (höchstens Dream Theaters Meisterwerk „A Change of Seasons“ kann da mithalten), genauso abgehoben und wahnsinnig wie bodenständig und echt. Dabei könnte keiner der Musiker ersatzlos gestrichen bzw. durch einen beliebigen anderen ersetzt werden, schließlich sind alle fünf anerkannte Meister ihres Fachs und haben jeweils eine Menge Nachahmer gefunden.
Gitarrist Steve Howe glänzt mit einer perfekt abgestimmten Mischung aus lockeren Akustikklängen mit Hippie-Flair, oft etwas Blues- oder Country-angehauchten Rockriffs und besonders sehr abenteuerlichen klassischen Intermezzi, die ich in dieser Form sonst noch nirgendwo gehört habe. Bassist Chris Squire hat mit seinem kantig-rauhen, erdigen Sound unter anderem moderne Viersaiter-Heroen wie Dave Meros (Spock’s Beard) und Ed Platt (Enchant) nachhaltig beeinflusst. Am besten trifft die Bezeichnung „Oft kopiert, nie erreicht“ allerdings wohl auf die exzentrische Keyboard-Legende Rick Wakeman zu, der seinen prominentesten Nachahmer wohl in Ex-Dream Theater-Diva Derek Sherinian hat und völlig atemberaubende Soli und subtile, aber für den typischen Yes-Sound unentbehrliche Hintergrounduntermalung abliefert. Bill Bruford tut sich oft durch rasende Percussions hervor, etwas, das auf späteren Yes-Alben unter Alan White noch mehr an Bedeutung gewinnen sollte, während Jon Anderson mit seinen hohen, glasklaren, schwebenden Vocals und seinen vor kryptischen Natur-Metaphern strotzenden Lyrics maßgeblich für die bizarre Faszination der Musik von Yes verantwortlich zeichnet.

Soviel zur allgemeinen musikalischen Beschreibung; wenn ich jemals ein Album zu bewerten hatte, das eine tiefgreifende Beschreibung jedes Songs (sind ja lediglich 3…) rechtfertigt und fordert, dann ist es „Close to the Edge“! Allerdings kann ich nur versuchen, dem Detailreichtum und Genie dieses Albums mit Worten gerecht zu werden…
Mit dem knapp 19-minütigen Titeltrack, der immer noch als eines der Highlights des Yes´schen Schaffens gilt, geht es gleich fulminant los. Nach einem Intro, das sich von kaum hörbar über idyllisch zu unerträglich verstörend entwickelt, wird erstmal abartig drauf los gefrickelt, der Versuch, eine geistige Ordnung in dieses Dickicht aus krummen Basslines, Wakemans typischen Stakkato-Keyboards und einem schrägen, nicht gerade ohrenfreundlichen Gitarrensolo zu bringen, scheint unmöglich. Erst nach etwa 3 Minuten bündeln die Bandmitglieder ihre ungezügelte Kreativität und lenken sie in halbwegs geregelte Bahnen, was in unendlich relaxten 70er-Melodien mit coolem Gesang resultiert. Anschließend gibt´s eine Soloeinlage von Bass und Keyboard, bevor mehrstimmiger Gesang einsetzt, untermalt von zarten Synthieklängen. Während immer wieder die Textzeile „I get up, I get down“ hypnotisch wiederholt wird, steuern Yes unaufhaltsam auf einen orgastischen Kirchenorgel-Climax (bei etwa 14:00) zu, der wiederum überleitet in eine flotte, mit rasenden Percussions unterfütterte Melodie mit dem vielleicht beeindruckendsten Keyboard-Solo obendrauf, das ich je gehört habe. Zwei Minuten vor Schluss kehrt man zu den lockeren Melodien des ersten Drittels zurück und besiegelt dieses musikalische Monument mit den Naturgeräuschen des Intros. Eine makellose musikalische Leistung, die trotz aller Genialität nicht verkopft und trotz der heftigen Soli nicht prahlerisch wirkt, sondern einen geschickten Mittelweg findet und 19 Minuten lang Kopf und Herz bestens unterhält, auch wenn die ersten paar Durchläufe eher zu einer Belastungsprobe für die Ohren als zum puren Hörgenuss ausarten.

Der zweite Track, „And you and I“, beginnt mit einem der angesprochen klassischen Gitarrenintros und geht dann über zu weitestgehend akustisch gehaltenen Melodien mit melodischem Bass und Keyboards direkt aus der Hippie-Kommune. Der hymnenhafte, teilweise mit klassischen Instrumenten (Streicher, Horn) untermalte Mittelteil klingt dann sogar ein bisschen nach Filmmusik. Nach einem kurzen Solo-Zwischenspiel streift man sich wieder die Batik-Gewänder über (inkl. Tamburin!), dazu gibt es analoge Uralt-Synthies und zahllose Effekte, bevor sich nach gut 10 Minuten der Kreis schließt und der Song ganz lässig sein Ende findet. Mein Fazit: ganz klar schwächer als der vorherige Titel. Zwar ist „And you and I“ deutlich eingängiger und während der ersten Durchläufe auch besser verdaulich als „Close to the Edge“, doch fehlen dem Stück die ganz großen Überraschungsmomente, so dass es letztlich mehr wie ein gelegentlich vor sich hin plätscherndes Anhängsel des Titeltracks wirkt. Natürlich immer noch gute Musik, doch kein Vergleich zum Übersong „Close to the Edge“.
Der heimliche Star des Albums ist meiner Meinung nach allerdings der neunminütige Abschlusstrack mit dem eigentümlichen Titel „Siberian Khatru“, der unter Yes-Fans absoluten Kultstatus genießt und auch live obligatorisch ist. Dieser Song zeigt Yes von einer weniger ernsthaften Seite, Steve Howe an der Gitarre rockt gleich von Anfang an mit bluesigem Spiel, auch der Rest der Band präsentiert sich sehr rockig und in bester Spiellaune. So bleibt der Song trotz des wahnsinnig dichten Gefrickels von vorne bis hinten kompakt und schlüssig, geht dank der überirdisch groovenden Melodie flott ins Ohr und so schnell nicht wieder hinaus, während Rick Wakeman mit vielen unterschiedlichen Keyboardsounds (u.a. Cembalo) für Abwechslung sorgt. Gegen Ende geht dann mit flotten Drums, bombastischen Streichern und hypnotischem Gesang förmlich die Sonne auf. Wie gesagt für mich das unerwartete Highlight des gesamten Albums; vielleicht nicht gerade so große Kunst wie der Titeltrack, sondern eher ein kleines feines Lied, das mehr durch bodenständige Attribute wie Melodie und Groove auffällt als durch haarsträubende Wendungen und irrsinnige Arrangements, gleichzeitig zum Schluss des Albums der Beweis, das Yes trotz aller völlig abgefahrenen Sachen, die sie komponiert haben, im Herzen immer noch eine Rockband sind.

Fazit: Yes lieferten vor ziemlich genau 30 Jahren mit „Close to the Edge“ einen unbestrittenen Meilenstein des Progressive Rock ab; zu Recht, wie ich nach einiger Zeit des Hörens sagen muss. Über die Leistung der Musiker braucht man keine Worte mehr zu verlieren, durch und durch perfekt sowohl als Einzelpersonen wie auch als Band. Das ganze kombiniert mit unglaublichem Songwriting, und man hat ein Album wie „Close to the Edge“ als Ergebnis, das Kopf und Bauch gleichermaßen unterhält. Hat man sich mit jedem der drei Song etwas genauer befasst, stellt man fest, dass alle drei doch ganz schön unterschiedlich und auf ihre Art genial sind, seien es die extremen Melodiewechsel des Titeltracks, die locker-flockigen Klänge von „And you and I“ oder der witzige Groove von „Siberian Khatru“.
Atemberaubender Progressive Rock, der auch nach 30 Jahren noch als Inspiration für viele Prog-Bands dient und für Freunde der Musik zum absoluten Pflichtprogramm gehört. Dennoch gibt es auf der besonders kritischen Yes-Skala nur eine 9, weil „And you and I“ mit den beiden anderen Songs nicht wirklich konkurrieren kann.

Bewertung: 9 / 10

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