Review Zero Hour – Specs Of Pictures Burnt Beyond

Es gibt Alben, die hört man nur einmal, die sofort zünden und sich ohne Umschweife im Ohr festsetzen. Es gibt Alben, die muss man sich erst mühsam erarbeiten. Und es gibt Platten, die schon beim ersten Hören gefallen, um sich dann von Hördurchgang zu Hördurchgang scheinbar bis ins schier Unermessliche zu steigern. Diese Aufgabe hat dieses Jahr „10.000 Days“ von Tool geradezu perfekt gemeistert.

Die beiden Zwillingsbrüder Jasun und Troy Tipton, ihr Schlagzeuger Mike Guy und ihr neuer Sängerknabe Chris Salinas (ex-Power Of Omens) schicken sich an, Keenan & Co. derbe einzuheizen. Nein, sie spielen sie auf ihrem fünften Album „Specs Of Pictures Burnt Beyond“ nicht etwa nach. Sie spielen sie an die Wand!

Was die vier Herren hier in 43 Minuten vom Stapel lassen, verdient das Prädikat „besonders wertvoll“. Bei einer Band, die sich ZERO HOUR nennt, die ihr Album in ein solch grandioses, atmosphärisches, unheimlich stilvolles Cover verpackt und es zu allem Überfluss „Aspekte von im Jenseits verbrannten Bildern“ nennt, darf man sich auf die ganz besondere progressive Vollbedienung gefasst machen. Es dürfte keiner weiteren Erwähnung bedürfen, dass diese Jungs sich nicht mit Progmetal von der Stange begnügen – hier wird geklotzt und nicht gekleckert! Dream Theater sind dagegen Easy Listening! Vier der sieben Nummern sind zwischen sieben bis neun Minuten lang, dazu gesellen sich mit „Embrace“ und „Zero Hour“ zwei kurze Instrumentalintermezzi und der Fünf-Minüter „I Am Here“. ZERO HOUR stehen für hochgradig technischen Progressive Metal, fernab jeglicher musikalischer Grenzen. Man stelle sich eine Mischung aus Watchtower, Atheist, Spiral Architect und alten Sieges Even vor, um in etwa zu erfassen, was dem werten Konsumenten hier durch die Gehörgänge geblasen wird.

Was sich anfänglich als enorm sperrig und kopflastig darstellt, klart nach mehreren Durchläufen zunehmend auf. Das Material von „Specs Of Pictures Burnt Beyond“ weißt sehr wohl eine überdeutliche Struktur auf. Diese muss allerdings erst erarbeitet und entschlüsselt werden. Doch schon die ersten Hördurchgänge lassen den Hörer beeindruckt zurück, insofern er sich den komplexen, schrägen Arrangements der Band öffnet. Alle Songs werden, oberflächlich betrachtet, von einer enormen Hektik und Ideendichte beinahe erdrückt und zugekleistert. Die technischen Kabinettstückchen an Gitarre und vor allem auch Bass sind zwar sofort erfassbar, an die Geschwindigkeit und Schreibweise von ZERO HOUR muss man sich jedoch erst gewöhnen. Die reine Bandbreite der Sounds, die Jasun Tipton auf seinen Gitarren zaubert, reicht von High-Speed-Geknüppel über nette Gitarrenlicks und atmosphärische Akustikgitarren bis hin zu langsamen, drückenden Meshuggah-Riffs, die vor allem im abschließenden „Evidence Of The Unseen“ zum Vorschein kommen. Die verfrickelten High-Speed-Riffs sind im Regelfall eher abwärtsgerichtet, gar nicht mal besonders hart, aber eben durch ihre Art der Aneinanderreihung ziemlich herausfordernd. Jasuns Bruder Troy passt sich entsprechend funktional ins Gesamtbild ein und bildet mit Mike Guy das überaus groovende Fundament für die Brutalo-Riffs, oder geht auf einen entspannten Solo-Trip durch die Bass-Tonfolgen dieser Welt. Sänger Chris Salinas kredenzt den Songs beinahe durchgehend Gesangsarrangements, die scheinbar völlig gegen die Instrumentalfraktion arbeiten – nur um dann im passenden Moment in hypermelodische, langsame, tragende Parts zu wechseln, die durch den puren Kontrast zum vorherigen Instrumentalgewitter erst recht an Ausdruckskraft und Wirkung gewinnen. In diesem Momenten erinnert die Band entfernt an Fates Warning. Dabei hat Chris Salinas eine enorme Spannweite – von tiefen Growls bis zu powermetallischen Eier-Kreischern ist so ziemlich alles vertreten, wobei sich der Gesang insgesamt gesehen doch in recht hohen Regionen aufhält. Aggressive Parts stehen ihm ebenso gut wie subtil-emotionale Linien. Auf den Einsatz von Keyboards verzichtet man völlig. Diese haben im Klangbild der Band sowieso keinen Platz und Raum mehr, sie würden das Geschehen zu sehr zukleistern und den einzelnen Instrumenten ihre klare Wirkung nehmen. Mike Guy am Schlagwerk spielt wahlweise enorm treibend voran und drückt wie ein Weltmeister, wechselt dann zu stilvoll-balladesken Figuren, um nur wenig später zu zeigen, wie viele Taktwechsel denn wohl in wenigen Sekunden maximal möglich sind.

Noch ein paar Worte zur oben erwähnten Struktur: Vergleicht mal die Songanfänge von „Face The Fear“, „The Falcon’s Cry“, „Specs Of Pictures Burnt Beyond“ und „Zero Hour“, stellt man fest, dass sie sich allesamt sehr ähnlich sind – sie werden nur komplett in unterschiedlichem Stil gespielt. Hier wurde ein und dasselbe Arrangement transponiert oder auf andere Art und Weise musikalisch bearbeitet. Das gibt der Scheibe einen ungemein dichten, zusammenhängenden Sound, denn die Songs haben so einen klaren Bezug zueinander, auch wenn sie sich dann in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Ich lasse mich sogar zu der Vermutung hinreißen, dass auch die anderen Songs zu Anfang irgendeinen melodischen Bezug oder Zusammenhang zu dem oben erwähnten Material haben. Der Band aufgrund dieser klaren Ähnlichkeiten Ideenlosigkeit vorzuwerfen, mag vielleicht auf der Hand liegen, grenzt aber an Blasphemie, wenn man auch nur eine Minute dieser Scheibe gehört hat. Klar, solche Songs werden konstruiert. Aber das Ergebnis ist so herausfordernd, mitreißend und schlicht „mind-blowing“, dass man nur so mit offenem Mund und durchgespülten Lauschern vor der Anlage kleben bleibt, sofern man denn eine Grundveranlagung für komplexe, technische Musik mit bringt.

Kitsch, Pathos und allzu einschmeichelnde Melodien brauchen die Jungs nicht – das ist doch was für Dream Theater! Der Sound und die Produktion ist sicherlich betont klinisch, modern und ziemlich kalt, was wohl bereits das besagte Cover andeutet und die Beschreibung der technischen Grundlagen, auf die ZERO HOUR ihre Übungen aufbauen, wohl ziemlich deutlich gemacht haben dürfte. Die Zielgruppe der Band sollte damit aber mehr als klarkommen, genauer gesagt sogar ziemlich drauf abfahren. Alle anderen Hörer müssen versuchen, sich an den immer mal wieder kurzzeitig auftretenden Verschnaufpausen entlang zu hangeln. Das die Platte mit nur 43 Minuten eigentlich arg kurz ist, würde ich bei jeder gewöhnlichen Scheibe aus dem üblichen Prog-Umfeld wohl kritisieren. Hier ist man nach dieser Spieldauer jedoch bedient und braucht erstmal Ruhe.

Den einleitenden Vergleich mit Tool habe ich im Prinzip nur deshalb bemüht, weil beide Bands ähnlich waghalsig und spektakulär „ihr Ding“ durchziehen. Musikalisch bestehen keinerlei Ähnlichkeiten.
Ich mache es gerne noch mal ganz deutlich: Wer auf exqusiten, technisch höchst anspruchsvollen Progmetal steht und dazu noch bereit ist, für den ein oder anderen musikalischen Ohrgasmus auch ein bisschen Ausdauer mitzubringen und sich ein Album wortwörtlich zu erarbeiten, für den gibt es wirklich in diesem Jahr keinen besseren Tipp als ZERO HOUR. Hier steckt mehr dahinter als bloß technischer Show-Off. Sicher nichts für dauerhaften Hörgenuss, aber wer den Kick sucht, wird ihn hier finden!

Wertung: 9.5 / 10

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