Seuche schreibt … – Teil 4

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Der Typ, der jeden Samstag um kurz vor Mitternacht neben der 4x12er knackt

„Spielt doch mal in Süderbrarup“, „Kommt bitte nach Bad Knallmireine“, „Winsen!!!“. Kommentare wie diese finden sich mit austauschbaren Orten aller Kontinente unter nahezu jeder Konzertankündigung egal welcher Band über ein beliebiges gerade angesagtes soziales Netzwerk. Die Hitsingle allerdings, die Königsklasse, Michael Jacksons „Thriller“ unter den Daumen-hoch-Kommentaren ist folgender, wohldurchdachter geistiger Auswurf, wenn eine Band endlich ihre, wohlgemerkt komplette, Tourroute veröffentlicht hat: „Spielt Ihr auch in Köln?“

Drei mehr, mal weniger substanzletharge Kolumnen liegen nun hinter mir, deshalb versuche ich mich heute einmal bemüht sachlich mit einem losen Blick hinter die Kulissen: „Wie kommt eigentlich so ein Konzert zustande?“. Wie so vieles im mythenhaften Wunderland des Rockstar-Business spielt sich auch hier offenbar so einiges im Selbstverständlichkeits-Vakuum „Hä? Ich dachte, das geht alles von alleine!“ ab. Irgendwo zwischen „Bist Du reich?“ (Kolumne Teil 2) und „Ist das Dein Groupie???“ (demnächst).

Selbstredend ist jedem das gutgemeinte Interesse bewusst, mit welchem nur der innige Wunsch einhergeht, seine Lieblingsband gerne in der Heimat sehen zu wollen. Nur ist es so, solche wie eingangs zitierten Kommentare haben genau einen Informationswert: Kommt die gewünschte Band nach, sagen wir mal Süderbrarup, kann sie auf jeden Fall damit rechnen, das genau eine Person vielleicht zum Konzert kommt. Das ist zwar gut für die Vita, weil so etwas unbedingt erlebt werden sollte, ist aber, bevor man ein paar Wochen später drüber lachen kann, eher etwas dünn.

Die Frage, die sich stellt: Wo genau soll die Band anfragen? Google mag helfen, aber nach acht Jahren Hamburg kann ich mit Gewissheit sagen, ohne ortskundige Szenekenner kann man bei einer Clubsuche und -wahl auf eigene Faust mächtig auf die Schnauze fliegen. Da klingt die Clubbeschreibung zwar aus der Ferne attraktiv und die Konditionen unverschämt sexy, die Lage irgendwo im Industriegebiet ohne richtige S-Bahn-Anbindung erklärt dann aber erst zu spät die Unlust der Heimischen, sich auf die Socken zu machen. Und Szenekenner ist ja im Grunde schon jeder, der einem sagen kann, in welchem Laden Konzerte laufen und wo man besser nicht absteigt. Im zwielichtigen Fall selbst der Typ, der jeden Samstag um kurz vor Mitternacht neben der 4x12er knackt.

Eigentlich logisch, aber immer wieder gern vergeigt: In einem Laden, wo fast nie bis nie Metal läuft, sollte man vielleicht auch einfach kein Metalkonzert planen. Das hat dann vermutlich alles einen Grund.

Kurz mal abschweifen. Wann kam es eigentlich in Mode, seinen Auftritt als Ritual anzukündigen, wenn man nicht Urfaust ist? Wer lattenstramm auf die Bühne geht, nach eigenen Aussagen keinen Wert auf gestimmte Instrumente legt und dennoch für sich eine nicht unbeträchtliche Originalität verbuchen kann, von mir aus. Aber „Ritual“ ist nicht mehr als seine kleine, rebellische Schwester „Wir zerstören heute Berlin“. Wenn ich mir überlege, wie humorlos man mir bei diversen eingedellten Mikros und zerfledderten Mikroständern gegenüberstand, frage ich mich allen Ernstes, mit welcher Motivation da Konzerte begonnen werden.

Ungemein praktisch ist auch jemand, der die ganze Geschichte vor Ort organisiert, ein Veranstalter. Natürlich, auch das geht auf eigene Faust, wenn man sich für einen Club entschieden hat und sich mit diesem einigen konnte. Allerdings ist es durchaus schon eine Geduldsleistung, bis zu diesem Punkt nicht längst entnervt aufgegeben zu haben. Fast jeder Musiker sollte die Situation kennen, Tourorganisation ist dafür prädestiniert, von Clubs einfach keine Antwort zu bekommen. Keine Absage, nein, schlichtweg gar keine Reaktion. Hat alles seine Gründe, nervt trotzdem.

Vorgezogenes Fazit, quasi-Bausatz für hilfreiches Agieren im Internet: Stadt, Club, bestenfalls Adresse eines Bookers. „Spielt doch mal in _____. Der Club _____ ist super, wendet Euch an _____, der hilft!“

Prophezeihung für den ersten Kommentar: „Bonn??????“

„Spielt ihr auch in Köln?“ –  „Winsen!!!“ –  „Bonn??????“  – Fäulnis auf dem Sick Midsummer 2015 in Scharnstein

Veranstalter haben zwei wesentliche Vorteile: Man hat jemanden, dem man die Schuld geben kann, wenn keiner kommt! Und für alles andere!
Alternative Vorteile sind die Regelung von Equipment, Stichwort Backline vor Ort und Werbung. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, nicht jede Band hat reiche Eltern. Es sollen schon vollkommen untalentierte Musiker ihrer Konkurrenz vorgezogen worden sein, weil diese einen Bus hatten. Unser vorletzter Basser hatte einen Bus und konnte Bass spielen, das war Glück. Der davor hatte keinen Bus und nicht einmal einen eigenen Bass. Das war Verzweiflung!

Backline ist dann auch in den allermeisten Gründen der Anlass für die Wahl einer Vorband. Die sind vielleicht kacke und passen nicht zu den anderen Bands – haben aber das sperrige Schlagzeug und Boxen um die Ecke. „Kacke“, um noch einmal abzuschweifen, ist natürlich immer Definitionssache und wenn ich zwar schon recht gerne läster, aber selbst eine schlechte Lokalband steht in der Hierarchie immer noch über einem schlechten Redakteur, der sich selbst ob seiner geistreichen Verunglimpfungen huldigend darüber schreibt. Und über Gästelistegeiern. Schrieb mir zur Tour letztes Jahr einer von einem namhaften Magazin und wollte ernsthaft bei acht Euro Eintritt auf die Gästeliste, er würde ja auch Fotos machen. Ich kenne zahlreiche Fans mit guten Kameras, die ich immer und immer wieder antreffe, denen man aus Dank den freien Eintritt fast aufdrängen musste. Klar, dass die Nase letzten Endes nicht aufgetaucht ist. Lemmy hatte schon recht, acht von zehn. Ist jetzt eher sinngemäß, habe vergessen, wo ich das gelesen habe, aber acht von zehn Menschen, die Dir über den Weg laufen, kannst Du an die Wand schmeißen. Und einen Stuhl hinterher. Er hat das selbstverständlich besser ausgedrückt, der gute Lemmy, aber unterm Strich ist es halt so. Klingt abgegriffen, aber wenn man eine Band wirklich unterstützen will, kauft man ein Ticket. Wenigstens bei kleinen Clubkonzerten.

Werbung ist ja auch immer so eine Sache. Eine Veranstaltung bei Facebook zu posten und sich dann zurückzulehnen klappt fast nie! Ich zum Beispiel habe mittlerweile gar keinen Facebook-Account mehr. Und kriege dementsprechend nichts mehr mit. Feridun Zaimoglu, der für „Die Zeit“ kolumniert, hat wohl gar kein Internet. Der faxt seine Beiträge. Soweit bin ich leider noch nicht. Kommt noch! Nä, Moritz, dann viel Spaß, dann schreibe ich den Blödsinn hier nämlich mit der Hand! Schreibschrift!

Ok, war Spaß, habe seit neustem eine Schreibmaschine. Ein großer Teil meiner Textentwürfe der letzten Monate fiel meiner bescheidenen Handschrift zum Opfer, sprich, ich kann das Meiste selbst nicht mehr entziffern. Vielleicht auch besser so.

Ach scheiß drauf, die DinA4Seite ist lange durch, ich schweife wieder stetig ab, ist jetzt auch alles gesagt. Konzertorganisation ätzt wie Sau, macht absolut keinen Spaß und beinhaltet im Vorfeld zu 90% nur kackdevotes Hinterhergerenne. Na, aber manchmal trifft man auch auf den einen von zehn. Oder den anderen. Ist als Band gar nicht nur Weiber ficken und saufen so´n Konzert, wa?

Euer Bookingprofi

//Seuche

PS: Frohes Fest am Arsch!! Bis nächstes Jahr!


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

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2 Kommentare zu “Seuche schreibt … – Teil 4”

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