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Time, The Valuator – How Fleeting, How Fragile

Das deutsche Quartett TIME, THE VALUATOR versteht sich als vielversprechender neuer Act in der modernen Rock-Sphäre. Die Musiker konnten bereits Erfahrungen bei Bands wie Tracy Ate A Bug, Neberu, Volumes, Estates oder Miles Beneath sammeln. Für das Debüt „How Fleeting, How Fragile“ 12 Tracks zusammengetragen, die mit Elementen aus Progressive Rock, Djent, Alternative Rock und Pop Genregrenzen sprengen möchten. Sänger Phil Bayer und Gitarrist Rene Möllenbeck sagen dazu: „Time, The Valuator streben danach, etwas zu schaffen an das man sich erinnert.“

Der Longplayer startet mit „Terminus“ in einer sehr gelungenen Mischung aus energiegeladenen und sphärisch-entspannten Anteilen. Vor allem die Vocals von Phil Bayer überzeugen mit ihrer Intensität zwischen Melodik und Wut. Variabel zeigt sich der Frontmann aber auch im weiteren Verlauf, so lässt er beispielsweise an Rap erinnernde Parts einfließen („The Violent Sound“). Ein Großteil des Albums lädt eher zum verwegenen Träumen ein, aber kurze brachialere Momentaufnahmen sind ebenfalls vorzufinden. Die Mischung aus beiden Bereichen ist durchaus nahezu perfekt gelungen.

Musikalisch bewegen sich TIME, THE VALUATOR im progressiven Alternative Rock, der marginale Ausflüge in den Core-Bereich zulässt. Damit erinnern sie stark an die Franzosen Novelists, deren Frontmann Matteo Gelsomino auch einen Gastauftritt hat („Fugitive“). Der Titel schwingt sich durch ebendiesen mit Leichtigkeit zum Besten empor, was „How Fleeting, How Fragile“ zu bieten hat. „Cloud City“ besticht durch seine Klaviermelodie, während in „Heritage“ ein jazziges Piano ans Gehör dringt.

Ein flüchtiger Moment ist „How Fleeting, How Fragile“ nicht geworden, dafür agieren TIME, THE VALUATOR zu atmosphärisch dicht und mit entsprechender intensiv-emotionaler Herangehensweise. Fragil ist das Songkonstrukt durch die oftmals zerbrechlich scheinenden Vocals und die seichten Gitarrenläufe dafür umso mehr. Wer leicht progressiv angehauchten Alternative Rock mag, der kann mit diesem Debüt durchaus zufrieden sein. Mit mehr Mut zu genrefremden Einflüssen könnte noch etwas mehr aus dem Grundkonstrukt herausgeholt werden. TIME, THE VALUATOR sind aktuell dennoch einer der spannendsten Newcomer in Sachen Rock aus Deutschland.

Quicksand – Interiors

Walter Schreifels ist ein umtriebiger Mann: Mit den legendären Hardcore-Bands Gorilla Biscuits und Youth Of Today ist er in unregelmäßigen Abständen live zu sehen, und auch seine Projekte Rival Schools und Vanishing Life geben immer wieder Lebenszeichen auf der Bühne und aus dem Studio von sich. Auch QUICKSAND stand seit 2012 für vereinzelte Liveshows wieder auf der Bühne. Nach den beiden wegweisenden Post-Hardcore-Alben „Manic Compression“ und „Slip“ fiel ein schon weit fortgeschrittenes drittes Album 1999 der Auflösung der Band zum Opfer. Um so tiefer klappten sämtliche Kinnladen nach unten, als 22 Jahre nach dem letzten musikalischen Lebenszeichen mit „Illuminant“ 2017 die erste Single des dritten QUICKSAND-Albums „Interiors“ veröffentlicht wurde. Diese klang zur gleichen Zeit nach QUICKSAND, unterschied sich allerdings wesentlich vom Sound der Band in den 90er-Jahren.

Sergio Vegas groovendes Basspiel, das seit vielen Jahren auch die Deftones bereichert, Alan Cages krachendes, verschlepptes Schlagzeugspiel, flirrende sowie rifflastige Gitarren von Tom Capone und Walter Schreifels sowie dessen melodischer Gesang eröffnen „Interiors“. Das konsequente Mid-Tempo des Albums lädt zum Kopfnicken ein. Dennoch sind Songs wie das treibende „Under The Screw“ trotz der Gleichmäßigkeit nicht weniger intensiv, was vor allem an den bewusst sperrig gehaltenen Songstrukturen liegt. Die Post-Hardcore-Attitüde, die QUICKSAND mit Bands wie Fugazi oder Helmet etabliert haben, ist stets fühlbar, auch wenn wirkliche Ausbrüche ausbleiben und musikalisch stärker eine Alternative-Note vorherrscht. Dieser Schritt weg von den Vorgängern, ohne dabei ihren unverkennbaren Stil zu verlieren, zeigt die Klasse der vier Musiker.

Nummern wie das schwermütige „Cosmonauts“ oder der intensive, zwischen laut und leise changierende Titeltrack stechen auf „Interiors“ durch eine atmosphärische Verdichtung hervor. Leider klingt Walter Schreifels Gesang auf die gesamte Spielzeit des Albums etwas eintönig und die doch überschaubare musikalische Abwechslung lässt „Interiors“ stellenweise eher im Hintergrund vorbeigleiten. Dennoch macht das dritte Album von QUICKSAND viel Spaß und kann mit unwiderstehlichem Groove überzeugen. Zwar wirkt die Band mit ihrem Sound fast schon aus der Zeit gefallen, wodurch sie sich allerdings auch angenehm vom Gros überproduzierter und auf Aggression bauender Hardcore-Bands abheben. Hoffentlich dauert es keine weiteren 22 Jahre, bis neue Musik aus dem Hause QUICKSAND erscheint.

Pianos Become The Teeth – Wait For Love

PIANOS BECOME THE TEETH gelten als eine der Kernbands der sogenannten The-Wave-Bewegung, die emotionalen (Post-)Hardcore in unterschiedlichen Facetten für ein neues Publikum etablierte. 2014 hat die Band aus Baltimore einen mutigen Schritt gewagt und sich auf ihrem dritten Album „Keep You“ stilistisch komplett vom Screamo ihrer früheren Tage verabschiedet. Stattdessen wechselte Kyle Duffey vom verzweifelten Schreien zum sehnsüchtigen Gesang, der Klang der Instrumente wurde weicher und harmonischer. Dennoch haben PIANOS BECOME THE TEETH nichts von ihrer Intensität verloren. Das gilt auch für ihr neues Album, „Wait For Love“, auf dem die fünf Musiker ihren Weg unbeirrt weiter gehen.

Das auffälligste und verbindende Glied auf „Wait For Love“ ist das Drumming von David Haik: Warm, treibend, polternd und von einer sehnsüchtigen Unruhe geprägt eröffnet es den leidenschaftlichen Opener „Fake Lightning“ und treibt „Bitter Red“ gemeinsam mit flirrenden Gitarren in schwindelerregende Höhen. In ruhigen Momenten nimmt es sich zurück, weiß dem Sound von PIANOS BECOME THE TEETH aber auch mit vereinzelten Schlägen und verhuschten Momenten einen drängenden Charakter zu verleihen.

Sowohl die Instrumente als auch der Gesang von Kyle Durfey quillen regelrecht vor Harmonien über, auf Ausbrüche verzichten PIANOS BECOME THE TEETH trotz einiger etwas lauterer Momente vollständig. Nicht alle Lieder können dabei komplett überzeugen, was durch die Highlights auf „Wait For Love“ und dem beeindruckenden Albenfluss allerdings nahezu vollständige ausgeglichen werden kann. Nach den düsteren Texten auf den Vorgängern, in denen Kyle Durfey die Beziehung zu seinem sterbenden Vater aufgearbeitet hat, keimt auch auf dieser Ebene langsam so etwas wie Hoffnung auf.

Die Unkenrufe, dass PIANOS BECOME THE TEETH mit der Abkehr vom Screamo eine beliebige Alternative-Rock-Band mit Post-Rock-Elementen geworden sei, könnten nicht weiter daneben liegen. Vielmehr ist es eine beeindruckende Leistung, die Intensität und Leidenschaft von Screamo derartig überzeugend und packend in weniger sperrige und ruhigere Songs zu integrieren. Die fünf Musiker als Baltimore werden ihren Weg hoffentlich unbeirrt weiter gehen.

Rockavaria 2018 (Sonntag)

Der „Rock-Tag“ des ROCKAVARIA 2018 stand bereits im Vorfeld unter keinem guten Stern: Aus gesundheitlichen Gründen mussten DIE TOTEN HOSEN ihre Headlinershow zwei Tage vor dem Event absagen. Doch mag es auch viele Gründe für Kritik an der Veranstaltung gegeben haben – das Kompensationsangebot für den Ausfall ist vorbildlich: Tagestickets können gegen Erstattung des vollen Preises zurückgegeben werden, wer mit Tagesticket trotzdem kommt, bekommt 30 € und zwei Getränkegutscheine. Zwei-Tages-Ticket-Besitzer können wahlweise daheim bleiben und sich 72,50 € retournieren lassen oder für 30 € Rabatt den um den Headliner beschnittenen Festival-Tag mitnehmen.

Von dem Rückgabeangebot scheinen nicht wenige Fans gebraucht gemacht zu haben – zum Glück, möchte man fast sagen. Sonst wäre das Chaos am Einlass wohl ähnlich fatal ausgefallen wie am Vortag.


>> Lies hier den Bericht von Tag 1 …


Denn während auf dem Gelände bei strahlendem Sonnenschein DRUNKEN SWALLOWS spielen, wird auf Seiten der Veranstalter ernsthaft diskutiert, ob das ROCKAVARIA wegen einer ominösen Unwetterwarnung abgebrochen werden muss. So weit kommt es dann natürlich nicht – die vollkommen überzogene Vorsicht sorgt allerdings einmal mehr für massiven Verzögerungen am Einlass: Eine gute Stunde lang werden nämlich keine Fans mehr auf das Gelände gelassen. (MG)

Eine halbe Stunde verspätet starten dann auch TURBOBIER ihren Auftritt. Die Wiener Punk-Rocker treffen mit mehr oder weniger elaborierten Texten wie „A Fuaßboiplotz ohne Bier, is wie a Heisl ohne Tia, Is wie a Schwimmbad ohne Wasser, Is wie a Nonne ohne Kloster“ (aus: „Fuaßboiplatz“) sicherlich nicht jedermanns Geschmack, bieten aber zumindest Feierpotential speziell für all diejenigen, die dem reichlichen Alkoholgenuss am frühen Sonntagnachmittag nicht abgeneigt sind. Songs wie „Verliebt in einen Kiwara“ oder „Der Albtraum jeder Schwiegermutter“ werden sicher nicht wegen ihrer Komplexität oder Tiefgründigkeit in die Analen eingehen, doch für ein bisschen Spaß zum Auftauen ist der charmant präsentierte Austro-Import für einige Festivalgäste durchaus geeignet. (SM)

THERAPY? auf der Greenstage starten ebenfalls mit einer guten halben Stunde Verspätung in ihr knapp einstündiges Set. Was die dennoch schon recht zahlreichen Fans hinter der Glyptothek geboten bekommen, ist allerdings eine Medaille mit zwei Seiten: Auf der einen sind da vier Herren in gesetzterem Alter, die mächtig Spaß daran haben, auf der Bühne zu stehen und dem Publikum einzuheizen. Auf der anderen Seite ist das musikalische Niveau (zum Sound der Greenstage braucht man wohl keine weiteren Worte verlieren), das THERAPY? zu bieten haben, offen gestanden mäßig. Vor allem Fronter Andy Cairns enttäuscht einmal mehr stimmlich auf ganzer Linie: Für so schiefen Gesang ist selbst diese Bühne noch zu groß. Ihrem Status werden die Nordiren heute jedenfalls trotz hohem Sympathiewert nicht gerecht. (MG)

Wenn die „Heavy Metal Marching Band“ BLAAS OF GLORY, die an beiden Tagen auf dem Gelände unterwegs ist, so etwas wie einen Status hat, dann bestenfalls den des Nervtöters: Was bei den Wacken Firefighters vor 18 Jahren noch witzig war, ist auf dem ROCKAVARIA spätestens beim fünften Durchlauf von Europes „Final Countdown“ in der Blaskapellen-Version nur noch peinlich.

Direkt vom Greenfield kommen DOG EAT DOG zum Rockavaria. Seit 1991 sind die US-amerikanischen Crossover-Musiker aus New Jersey mit ihrer Mischung aus Punk, Metal und Hip Hop unterwegs, mit aktuellen Veröffentlichungen halten sie sich aber seit vielen Jahren zurück. In Sachen stilübergreifende Arrangements zählen DOG EAT DOG sicherlich zu den Pionieren und auch in München geben sich die sechs Musiker große Mühe, mit Songs wie „ISMS“, „Rocky“ oder „No Front“ mehr als nur ihre Fans in den ersten Reihen zu begeistern. So richtig gelingen will das nicht, doch die Jungs sind lange genug im Geschäft, um sich davon nichts anmerken zu lassen. Insofern ziehen sie ihre Show bis zum Ende routiniert durch und lassen zumindest all jene, für die DOG EAT DOG ein Grund zum Ticketkauf gewesen ist, diese Entscheidung nicht bereuen. (SM)

Nichts weniger als eine Rock-Legende steht derweil auf der Greenstage: Seit 1976 sind ROSE TATTOO aktiv – und entsprechend ihrem Koryphäenstatus aus der Hard-Rock-Szene nicht wegzudenken. Im Mittelpunkt der Show steht – wie könnte es auch anders sein – Fronter und einziges verbliebenes Gründungsmitglied Gary „Angry“ Anderson, der mit seiner markanten, bluesigen Stimme, die so gar nicht zu dem zierlichen Männlein passen will, zu begeistern weiß. Zwar ist musikalisch nach zwei bis drei Songs alles gesagt – an hochwertiger Rockmusik hört man sich trotzdem nicht so schnell satt, so dass der Auftritt auch über eine Stunde hinweg unterhaltsam bleibt. Vor allem als Hintergrundmusik zu einer gediegenen Unterhaltung im Schatten eignet sich die Show bestens – was allerdings weniger an ROSE TATTOO denn an der für ein Festival immernoch lächerlich geringen Lautstärke liegt. (MG)

So etwas wie die Lokalmatadore des ROCKAVARIA 2018 sind die EMIL BULLS: Vor 23 Jahren in München gegründet, erfreuen sich die Alternative-Metaller nach wie vor großer Beliebtheit – nicht nur beim heimischen Publikum. Doch wie schon bei den anderen Shows des Tages zu beobachten, schlägt sich die merklich geringere Zuschauerzahl am heutigen, zweiten ROCKAVARIA-Tag auch auf das Interesse an der Show der BULLS nieder: Während sich die Fans direkt vor der Bühne über Hits wie „The Jaws Of Oblivion“ oder „The Age Of Revolution“ vom nach wie vor aktuellen Album „Sacrifice To Venus“ freuen und über die Ansagen von Fronter Christoph von Freydorf lachen können, herrscht hinter dem Wellenbrecher beim spärlich, vor allem in den Schattenzonen sitzenden Publikum eher Desinteresse am Auftritt des Quintetts vor. (MG)

Das kann bei ROYAL REPUBLIC hingegen wahrlich niemand behaupten. Im Gegensatz zu allen Bands auf der Hauptbühne nebenan erspielen sich die Schweden ihr Publikum: Durch erstklassige Songs gepaart mit viel Charisma gewinnen die ROYALS schließlich den gesamten Platz für sich. Was mit „When I See You Dance With Another“ oder auch „Underwear“ aus den Anfangsjahren verhältnismäßig unspektakulär beginnt, steigert sich spätestens nach dem ersten Drittel zu einer fulminanten Rockshow. Sänger und Sprachrohr Adam brilliert sowohl mit seiner wandelbaren Stimme als auch mit seinem Charme. Nur einmal erntet er kurze Buh-Rufe, als er von einem Freund berichtet, der ihm ein Rezept gegeben hat, um 3000 Münchner gegen sich aufzubringen, und anschließend kurz die FC-Bayern-Hymne „Stern des Südens“ anstimmt. Wie dick die Eier der ROYALS wirklich sind, beweisen sie wenig später mit einem erstklassigen Cover von Iron Maidens „Fear Of The Dark“ und einem Remake des The-Police-Klassikers „Roxanne“, gesungen von Schlagzeuger Per, mit Adam an der Gitarre und Gitarrist Hannes am Schlagzeug. Nach Metallicas „Battery“ wildern ROYAL REPUBLIC wieder in ihren eigenen Gefilden und krönen ihre Supershow mit „Full Steam Spacemachine“ sowie zwei lautstark eingeforderten Zugaben, nach denen Adam am Mikro noch einige warme Worte für das Publikum und Campino findet. Der Vorverkauf für die nächste Show der Schweden in München dürfte von diesem Auftritt spürbar profitieren. (SM)

Wie die Jungfrau zum Kinde kommen die DONOTS durch die Absage der Toten Hosen an den Slot des Co-Headliners des zweiten ROCKAVARIA-Tages. Am „Füllstand“ des Geländes hat sich nicht mehr viel geändert: Der Königsplatz (Fassungsvermögen: 22.000 Fans) ist bestenfalls zu einem Drittel gefüllt. Wie schon bei den Emil Bulls finden sich aktiv am Konzert teilnehmende Fans ausschließlich vor dem zweiten Wellenbrecher – dahinter wird höchstens halbherzig mit- oft aber auch im Schatten eingenickt. Das hindert die Alternative-Rocker aus Ibbenbüren allerdings nicht daran, vorne mächtig auf die Tube zu drücken: Da wird „Opelgang“ von den Hosen gecovert, der Twisted-Sisters-Klassiker „We’re not gonna take it“ spontan zur Anti-Nazi-Hymne umdeklariert und zu „Alles muss kaputt sein“ ein riesiger Circlepit um den ins Publikum hinabgestiegenen Sänger Ingo angezettelt, der im Tumult eines seiner In-Ears verliert. Nach fast anderthalb Stunden gibt es mit dem im Original mit Frank Turner aufgenommenen „So Long“ noch einen würdigen Abschluss. Zumindest Alternative-Rocker mit einem Herz für Punk kommen hier auf ihre Kosten – vielleicht ein kleiner Trost für den schmerzlichen Ausfall des Headliners. (MG)

Wie schmerzlich dieser vermisst wird, zeigt sich ab 21:30 Uhr, als LIMP BIZKIT in der ihnen zwangsläufig zugefallenen Funktion als Headliner des ROCKAVARIA 2018 die Bühne betreten. Was mit „Hot Dog“ und dem Klassiker „Rollin'“ nebst kollektiver Ekstase im ersten Wellenbrecher vielversprechend beginnt, verwandelt sich schnell in eine lieblos hingerotzte Cover-Party im Mash-Up-Mixtape-Style, für den die Jungs um Fred Durst bekannt sind und von ihren Hardcore-Fans auch immer noch gefeiert werden. Viele Nostalgiker müssen aber schnell erkennen, dass die großen Jahre der Band längst vorbei sind: Die Urväter des Nu Metal setzen bei der Songauswahl mehr auf Skits und Samples von DJ Lethal als auf vollständige Versionen ihrer eigenen Songs. Den Vogel schießen LIMP BIZKIT aber mit ihren Cover-Versionen von „Killing In The Name Of“ und „Smells Like Teen Spirit“ ab. Während ersteres – genau wie das eigene „Eat You Alive“ – beinahe unendlich gestreckt wird, ist die Hommage an Nirvana ein ganz böser Griff ins Klo. So dümpelt der Auftritt, bei dem Fred Durst mal die erste Reihe, mal seine riesige Entourage an Groupies am Bühnenrand besucht, irgendwann nur noch vor sich hin. Bei „Nookie“ überrascht Fred Durst noch einmal positiv, indem er Julia aus dem Publikum als Duettpartnerin auf die Bühne holt, und bei den verbliebenen Klassikern „Break Stuff“ und „Take A Look Around“ schalten LIMP BIZKIT tatsächlich noch einmal in den Eskalationsmodus der ersten Minuten hoch: Borland robbt sich in seinem schwarzen Anzug gitarrespielenderweise auf dem Rücken über die Bühne, ehe er das legendäre Riff des Mission-Impossible-Soundtracks anstimmt. Ohne weitere Zugabe endet der zweite Tag des ROCKAVARIA so mit einem unter dem Strich unwürdigen Headliner, der seine 80 Minuten Spielzeit nicht einmal zur Hälfte netto mit eigenem Material zu füllen vermochte. (SM)

Setlist LIMP BIZKIT

  1. Hot Dog
  2. Thieves (Ministry-Cover)
  3. Rollin‘ (Air Raid Vehicle)
  4. Faith (Georg-Michael-Cover)
  5. My Generation
  6. Livin‘ It Up
  7. Eat You Alive
  8. Smells Like Teen Spirit (Nirvana-Cover)
  9. My Way
  10. Re-Arranged
  11. Killing In The Name (Rage-Against-The-Machine-Cover)
  12. Nookie
  13. Break Stuff
  14. Take A Look Around


Auch sonst bleibt der Konzerttag blass: Sieht man von Royal Republic ab, die mit ihrer packenden Show klar den Tagessieg einfahren konnten, bekommen die Besucher auf dem zur Primetime bestenfalls zu einem Drittel gefüllten Königsplatz nur wenig Eindrucksvolles geboten. Zwar macht der unerwartete Ausfall des gebuchten Headliners eine faire Bewertung des zweiten ROCKAVARIA-Tages fast unmöglich – aber auch für die nach Abzug der Rückerstattung verbliebenen 60 € ist die Ausbeute an bleibenden Eindrücken mager. Addiert man die neuerlich mäßige Organisation, die vom Einlass bis zur Toilettensituation Probleme bereitet, kann am Ende auch Tag zwei nicht überzeugen. 

Das ROCKAVARIA 2018 geht damit als die definitiv schwächste seiner bislang drei Ausgaben in die Geschichte einschlicht und ergreifend, weil in diesem Jahr die Fans erstmals die Misswirtschaft der Veranstalter direkt zu spüren bekommen. Billing, Location, Organisation: 2018 wurde wo immer möglich brutal gespart. Die finanzielle Bilanz der Veranstaltung mag das für dieses Mal noch gerettet habenden Ruf des ROCKAVARIA sicher nicht.

Doch gerade bei den absolut loyalen Fans im Rock- und Metal könnte sich so wenig Respekt vor dem zahlenden Gast schneller rächen als jede rote Zahl in der Abrechnung. Man darf gespannt sein, wie es mit dem ROCKAVARIA weitergeht.


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Jonathan Davis – Black Labyrinth

Mit Soloalben berühmter Musiker ist das immer so eine Sache: Der Kontext, aus dem man den Künstler eigentlich kennt, weckt automatisch Erwartungen. Erwartungen, die die Soloscheibe eigentlich gar nicht erfüllen kann: Klingt sie zu sehr nach dem Erwarteten, wird die Frage laut, wofür dann überhaupt ein Soloprojekt ins Leben gerufen wurde – und klingt sie anders, ist es auch wieder niemandem recht.

Jonathan Davis, Kopf und Stimme der New-Metal-Mitbegründer Korn, hat sich nun dennoch an dieses Unterfangen gewagt. Das Resultat, „Black Labyrinth“, erfüllt und enttäuscht gleichermaßen Erwartungen.

Denn natürlich ist Jonathan Davis‘ nicht nur als Typ, sondern vor allem stimmlich so untrennbar mit Korn verknüpft, dass es schwer fällt, im Opener „Underneath My Skin“ nicht eine (vergleichsweise ruhige) Nummer der New-Metal-Könige zu hören. Warum Davis das Material diesem Einstieg zum trotz nicht für eine Korn-Scheibe in Erwägung gezogen hat, wird bereits beim folgenden „Final Days“ klar, bei dem er die Freiheiten, die ein Soloalbum bietet, in vollen Zügen auskostet: Der Mix aus Panflöten zum Einstieg und Tribal-Percussions, die das sehr ruhige, klar gesangsfokussierte Stück durchgehend begleiten, wären bei Korn so nur schwer vorstellbar. Von Metal ist man hier weit entfernt, sogar Alternative Rock will als Klassifizierung nicht wirklich passen. Und das ist gut so, denn das ist ja die Idee hinter einem solchen Projekt.

Damit bleibt „Final Days“ allerdings ein Außenseiter. Denn auch, wenn gerade „Happiness“ und „Walk On By“ mit eingängigen Refrains punkten können, erinnern die folgenden Nummern stark an Korn nach einer Runde im Schongang mit extra viel Weichspüler. Vielleicht erfüllen sie damit sogar eher als das experimentelle „Final Days“ oder das extrem starke „Basic Needs“ und „What You Believe“, in denen der Tribal-Touch nochmal durchkommt, die Erwartungen der Korn-Fans unter den Hörern – ohne Frage der größten potentiellen Zielgruppe für dieses Album. Doch genau darum darf es auf einem Soloalbum ja eigentlich nicht gehen. Zumal das letzte, worauf die Welt gewartet hat, eine Light-Version von Korn ist.

Wenn die Ansätze und Versuche, sich musikalisch zumindest etwas von der typischen Korn-Masche zu emanzipieren, auch erkennbar und lobenswert sind, vermag das Resultat doch nicht auf ganzer Linie zu überzeugen. Davis hat eine herausragende Stimme und ein Gespür für eingängige Melodien, keine Frage. Stilistisch reicht „Black Labyrinth“ von poppig bis extravagant – und von belanglos bis rundum gelungen. Pikanterweise heben die starken Nummern dieses Soloalbums dabei erst hervor, woran den schwächeren mangelt: Am bedingungslosen Mut, Erwartungen zu enttäuschen.

Sevendust – All I See Is War

Krieg scheint ein allgegenwärtiges Thema zu sein, dass sich wie ein roter Faden durch die Erdgeschichte zieht – bereits vor Christi Geburt trugen Ägypter, Griechen oder Perser blutige Schlachten aus. SEVENDUST haben ihr elftes Studioalbum „All I See Is War“ getauft, dennoch verfolgen die US-Amerikaner das Ziel die Menschen mit Musik zu vereinen. Sie beschönigen nicht, was in der Welt passiert und möchten doch Hoffnung geben. So viele verschiedene Individuen können durch die Musik zusammenkommen, sagt Gitarrist John Connolly. Ein edles und oft zitiertes Ziel, doch wie steht es um die qualitative Umsetzung?

Die erste Single-Auskopplung „Dirty“ eröffnet die zwölf Songs erstaunlich und mitreißend, klingt der Song doch stark nach Alternative Metal, der Anfang der 2000er Jahre auf diese Art massenweise vom Stapel lief. Vor allem das Gitarrensolo gegen Ende ist auf einem hohen Niveau, ebenso wie die Rhythmusfraktion, die sich erfreulich groovend zeigt. Im Folgenden kann die Band dieses Level glücklicherweise beibehalten und überrascht auch mit eingeworfenen kurzweiligen Momentaufnahmen. Sei es beispielsweise das mit sphärischen Ambient-Klängen angereicherte „Unforgiven“, „Cheers“ mit seinem (teilweise) funkigen Gitarren-Lick oder das vom Piano untermalte „Moments“.

Gesanglich zeigt sich Frontmann Lajon Witherspoon in sehr guter Form, die genug Power in die einzelnen Songs bringt. Auch ein gewisses Soul-Flair kann man im Organ des Sängers wiederfinden, was auch nicht sonderlich verwundert, war er doch vor seiner Zeit bei SEVENDUST Kopf der Gruppe Body & Soul, die ebendiesen Stil verfolgte. Doch auch die beiden Gitarristen Lowery und Connolly, sowie Schlagzeuger Morgan Rose schalten sich wiederholt in den Gesang ein und reichern ihn dadurch mit Screams und Shouts an. Der Produktion kann man keinerlei Vorwurf machen, hier hat Michael „Elvis“ Baskette volle und hochwertige Arbeit geleistet.

SEVENDUST erfinden den Alternative Metal nicht neu, eher orientieren sich an einem Klangbild, dass vor rund 20 Jahren seine Hochphase hatte. Lediglich kleinere Elemente lockern den Sound von damals auf und schaffen es dennoch, die neuen Songs nicht altbacken klingen zu lassen. Hinzu kommt eine erdige und ehrliche Atmosphäre, die der Musik den nötigen Drive verleiht. Wenn die Menschen sich mit derartiger Musik verbinden lassen und Kriege hinter sich lassen könnten, dann wäre das mehr als vertretbar. SEVENDUST klingen nach 24 Jahren nicht sehr innovativ, aber relativ frisch und energiegeladen. Und was noch wichtiger ist: Es macht Spaß ihnen zuzuhören.

Five Finger Death Punch – And Justice For None

Nachdem der Name FIVE FINGER DEATH PUNCH lange nur im Kontext mit Konzertabbrüchen, Entzugskuren und Rechtsstreitigkeiten zu lesen war, zeigten die amerikanischen Metaller bereits auf ihrer Europatour mit In Flames ein überraschend starkes Programm. Nun legt das Quintett hinter Skandalnudel Moody mit einem neuen, ihrem siebten, Studioalbum nach: „And Justice For None“. Nach „Got You Six“ gibt es auch in diesem Bereich einiges wiedergutzumachen.

Gleich der Opener „Fake“ zeigt mit pumpenden Riffs und Dicke-Eier-Sound, wo der Hammer hängt. Auch „Top Of The World“ schlägt noch in diese Kerbe, später auch das knackige „Rock Bottom“ oder „It Doesn’t Matter“. Das sind die Momente, in denen FIVE FINGER DEATH PUNCH irgendwo zwischen stumpfen Slipknot und braven Devil Driver unterwegs sind – und in denen sie unbestritten punkten können.

Dazwischen klingt immer wieder jene andere Seite durch, die eben auch zu FIVE FINGER DEATH PUNCH gehört: Obwohl böse Proll-Metal-Boyz, sind die Amis eben doch auch echte Schmusebärchis. Und so geht die Reise über „Sham-Pain“, bei dem böse Zungen mal wieder den Nickelback-Vergleich rausholen könnten, zur coolen Coverversion der Rock-Ballade „Blue On Black“ von Kenny Wayne Shepherd. Einmal mehr überzeugt hier vor allem Sänger Ivan Moody: So kaputt der Mann körperlich und seelisch auch (gewesen) sein mag – seine kristallklare Stimme hat darunter nicht gelitten.

Am stärksten sind FIVE FINGER DEATH PUNCH jedoch, wenn sie sich beides zugleich trauen: Die Sau rauslassen und dann hinter den Öhrchen kraulen, quasi. „Stuck In My Ways“ ist so eine Nummer, oder „Bloody“, das auch auf „American Capitalist“ stehen könnte: Dann klingen FIVE FINGER DEATH PUNCH vielleicht nicht innovativ, am Ende aber genau so, wie man die Band im Kopf hat und wie man sie hören will. Denn sind wir ehrlich: Ein guter Teil der Fans hört FIVE FINGER DEATH PUNCH doch, weil man hier seinem Faible für Schnulzen frönen kann, ohne deswegen vor den Kumpels als Weichei dazustehen.

Vor Ausfällen ist man auf „And Justice For None“ jedoch nicht gefeit: Die furchtbar kitschige Klischee-Metal-Nummer „Fire In The Hole“ (incl. Ohh-ohh-Refrain und Amon-Amarth-Gedächtnisriffing), das schmierig-poppige „I Refuse“ mit seinem weinerlichen Text, und, ganz generell, das Mischungsverhältnis von Metal und Schnulze dämpfen die Euphorie: An sich starke Songs wie das überaus gefühlvolle, bereits 2017 auf „A Decade of Destruction“ erschienene THE-OFFSPRING-Cover „Gone Away“ oder (vor allem) das abschließende, wieder nur leicht rockig angehauchte „Will The Sun Ever Rise“ verlieren nach dem Balladen-Overkill (vor allem in der zweiten Albumhälfte) zumindest für Metal-Fans ohne ausgeprägtes Balladenfaible an Reiz.

Den durch das fast politische Artwork und die Metallica-Referenz im Titel geweckten Hoffnungen, das Album könnte wieder härter und kritischer ausfallen, erteilen FIVE FINGER DEATH PUNCH musikalisch leider über weite Strecken eine Absage: Damit, dass die fetzigen Metal-Tage der Band vorbei sind, sollte man sich so langsam wohl anfreunden. So elegant wie auf „American Capitalist“ werden FIVE FINGER DEATH PUNCH die Gratwanderung zwischen Gewumse und Gewimmer wohl nicht mehr meistern. Nach dem enttäuschenden „Got Your Six“ rangiert „And Justice For None“ jedoch zumindest wieder auf hohem Standard.

A Perfect Circle – Eat The Elephant

Für 2018 haben sich mit Therion, Dimmu Borgir und auch A PERFECT CIRCLE drei namenhafte Bands mit einem Comeback angemeldet, welches die jahrelange Abstinenz der Bands am Musikhorizont beenden sollte. Obgleich Therion und Dimmu Borgir musikalisch nichts gemeinsam haben, teilen sich beide Gruppen dennoch ein ähnliches Urteil: schade, dass das so heiß ersehnte Album nicht mehr zu bieten hat.

A PERFECT CIRCLE wecken allerdings nicht den Eindruck, dass sie sich in dieses Fazit einordnen können; eine Band, welche mit „Thirteenth Step“ laut Vision-Lesern eine von 150 Platten für die Ewigkeit veröffentlicht hat, kann doch schlichtweg nicht enttäuschen, oder?

Vielleicht doch. Denn „Eat The Elephant“ stellt trotz 19-jähtiger Bandgeschichte das erst dritte Album der Formation um Maynard James Keenan (Tool) dar, weil die Amerikaner 15 Jahre von der Musikfläche verschwunden waren. Außerdem hat die Scheibe als direkten Vorgänger eben jene Platte für die Ewigkeit sowie ein Debüt, welches mit Lobeshymnen überschüttet wurde. Der Druck, der somit auf A PERFECT CIRCLE und vor allem auf „Eat The Elephant“ ruht, ist somit enorm.

Aber anstatt dieser hohen Erwartungshaltung gerecht zu werden, indem jeder der zwölf Tracks auf Anhieb als geschmeidiger Hit ins Ohr wandert, legen die Amerikaner ein Album vor, welches erst mit steigender Minutenzahl wächst. Wer nach der ersten Viertelstunde enttäuscht ist, dürfte in guter Gesellschaft mit den anderen Hörern sein, denn „Eat The Elephant“ startet erst mit drei ruhigeren Tracks, ehe es mit „The Doomed“ in Richtung Alleinstellungsmerkmal geht.

Am trefflichsten lässt sich der weitere Verlauf des Drittwerkes wohl in Englisch ausdrücken: it’s a grower. A PERFECT CIRCLE werden von Minute zu Minute stärker, sodass zwischen dem Opener „Eat The Elephant“ und einem „Hourglass“ nicht nur 30 Minuten Spielzeit, sondern auch zwei differente Welten liegen. Mögen die Amerikaner zu Beginn also tatsächlich damit enttäuschen, etwas generisch zu klingen, da sich die Erwartungshaltung größere Spannungsbögen wünschte als sie A PERFECT CIRCLE zu Beginn liefern, legt sich die Enttäuschung nach 15 Minuten und wandelt sich zur positiven Überraschung.

Dazu tragen neben der süffisanten Hymne „So Long, And Thanks For All The Fish“ auch „TalkTalk“ bei, welches den Härtegrad erstmalig (etwas) nach oben schraubt. Mit „Delicious“ und „Feathers“ legen A PERFECT CIRCLE dann genau die Tracks vor, die dem geneigten Zuhörer von Beginn an als zu erwartende Songs im Kopf umher geschwirrt haben dürften. Der letzte Track, das smoothe „Get The Lead Out“ schafft es ebenfalls wie „Hourglass“ sofort in die Gehörgänge zu gehen; beide Songs sind neben „So Long, And Thanks For All The Fish“ die wohl überraschendsten Stücke auf „Eat The Elephant“.

A PERFECT CIRCLE vereinen auf ihrem Comeback-Album neben ihrer Schokoladenseite, einer Handvoll starker Hits, auch die sanft-emotionalen Tracks, die auch schon zuvor den Sound des Quintetts prägten. Einzig der Einstieg ist mit dem Titeltrack, „Disillusioned“ sowie „The Contrarian“ doch zu behäbig; mögen die Tracks auch nach mehrfachen Durchgängen noch an Attraktivität gewinnen, so sind sie als erster Eindruck von „Eat The Elephant“ eher ungünstig gewählt. Denn dieses Album kann mehr.