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Cave In – Final Transmission

„Seine Stimme zu hören, macht mich doch ein wenig fertig.“ sagte Adam McGrath, Gitarrist von CAVE IN, über „Final Transmission“, den Opener des gleichnamigen Albums: Eigentlich nur eine Sprachnachricht, eine musikalische Notiz, die Caleb Scofield vor seinem Tod seinen Bandkollegen geschickt hatte – und jetzt das Intro für die neue Platte der Gruppe aus Massachusetts. So wird in den ersten zwei Minuten bereits klar: „Final Transmission“ ist gleichzeitig ein emotionales Vermächtnis, bestehend aus zum Teil improvisierten Aufnahmen, die ursprünglich als Demo für ein neues Album gedacht waren – und entzieht sich damit auch ein wenig dem klassischen Bewertungsraster. Was bleibt unterm Strich?

Ganz ehrlich: Selbst wenn man die ganze Geschichte um den tragischen Tod des Bassisten außern vor lässt, ist CAVE INs erstes Album seit 2011 eine ganz großartige Mischung aus Alternative Rock, Post-Hardcore und vielen anderen Einflüssen geworden. Zuvor angesprochenes nur auf der Akustikgitarre gespieltes Intro mit von Scofield gesummten Melodien „Final Transmission“ wirkt äußerst intim und melancholisch, während der erste vollständige Song „All Illusion“ ein lupenreiner Alternative-Metal-Hit ist, der auf US-amerikanischen Hochschulen viel Air Time bekommen dürfte. Die mehrstimmigen Gitarren von „Winter Window“ klingen wir ein Luftgitarrensolo von Bill und Ted und erinnern mehr als nur ein wenig an die neunzehnachtziger Jahre. „Lunar Day“ versprüht mit seinen verwaschenen Gitarren eine leicht psychedelische Note während der noisige Prügler und Albumcloser „Led To The Wolves“ die Ursprünge der Band in den Vordergrund treten lässt: Post-Hardcore und Metalcore.

Zu kann man der äußerst abwechslungsreichen Instrumentalarbeit eine gewisse Härte attestieren und das ist etwas, dass dem CAVE-IN-Album ziemlich gut zu Gesicht steht – gerade weil in Sachen Vocals auf genretypische harte Gesangsstile verzichtet wird und Stephen Brodsky sich durchgehend melodisch gibt. Was ziemlich cool ist, da der Mann durchaus singen kann und „Final Transmission“ überdurchschnittlich viele richtig gute Ohrwürmer bietet.

Was ansonsten vielleicht ein Manko wäre, ist hier tatsächlich ein (zumeist) Vorteil: Die objektiv betrachtet völlig unzureichende Produktion. Wie eingangs erwähnt, waren die Aufnahmen eigentlich nur Demos und keinesfalls zur Veröffentlichung gedacht. Das hört man auf Albumlänge mal mehr, mal weniger. Ziemlich bescheiden klingt beispielsweise der Albumcloser, das hat schon ein bisschen was vom guten alten Ghettoblaster, den man vor langer langer Zeit zentral im Proberaum positioniert für Aufnahmen genutzt hat. Richtig gut kommen Songs wie „All Illusions“, „Shake My Blood“ oder „Winter Window“ rüber, deren grundsätzlich melodischen Charakter man durch eine überpolierte Produktion durchaus chartskompatibel aufbereiten hätte können – Linkin‘ Park lassen grüßen, aber da hätte sicherlich auch Hydrahead-Labelchef und Ex-Isis-Kopf Aaron Turner noch ein Wörtchen mitzureden gehabt. Das genau auf diese Art Produktion und Overdubs verzichtet wurde und die Songs rougher und ungeschliffener auf die Menschheit losgelassen wurden, unterstreicht die emotionale Authenzität von CAVE IN – dass manche Nummern beinahe etwas grungiges haben, ist dabei ein netter Nebeneffekt.

Fans der Massachusetts-Szene um Bands wie Isis und Converge haben „Final Transmission“ vermutlich zum frühest möglichen Termin vorbestellt oder sogar schon auf einem der wenigen Konzerttermine in Europa wie zum Beispiel auf dem Roadburn Festival erworben. Allen anderen, die CAVE IN noch nicht kennen, aber Bands wie die Foo Fighters oder auch Muse mögen, sollten der Sache auf jeden Fall eine Chance geben – es lohnt sich, zumal man auch noch etwas Gutes tut, da die Albumeinnahmen an Caleb Scofields Hinterbliebenen geht.

While She Sleeps – So What?

Kaum eine andere Band im modernen Metal hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen wie WHILE SHE SLEEPS. Mit energetischen Live-Shows, starken Releases und großer Liebe zum Detail, was Artworks und Videos angeht, haben die Briten sich auch über die europäischen Grenzen hinaus einen Namen gemacht. Mit ihrem vierten Album „So What?“ wollen die fünf Jungs nun ihren Siegeszug fortsetzen. Dass dies ihnen gelingen wird, steht eigentlich außer Frage, auch wenn das neueste Werk neben einigen Höhen leider auch ungewohnt viele Tiefen zu bieten hat.

So schlagen WHILE SHE SLEEPS auf „So What?“ einen melodischeren, auf Eingängigkeit getrimmten Weg ein, der sich auf dem Vorgänger „You Are We“ zumindest teilweise schon angedeutet hat. Bereits das 2017er-Album musste mit gespaltenen Meinungen leben, die von großem Lob bis hin zu harscher Kritik reichten. Dennoch fanden sich genug Ecken und Kanten, schnelle, eingängige Melodien und Hooks, die sich im Kopf festsetzen konnten. Die Trademarks der überragenden Platten „Brainwashed“ und „This Is The Six“ wurden somit fortgeführt und mit einer glatteren Produktion versehen. Zwar muss man sagen, dass die Melodien und Mitsingrefrains auf „So What?“ immer noch, zweitere sogar noch häufiger gegeben sind, das Rohe der Vorgängeralben jedoch vollkommen über Bord geworfen wurde. So hat man das Gefühl, dass WHILE SHE SLEEPS ihre Lieder auf Gedeih und Verderb in den Gehörgängen des Hörers verankern wollen.

Ein Vorhaben, das den Jungs aus Sheffield aber nur bedingt gelingt. Zu oft wirkt ihr Vorgehen dabei zu aufgesetzt und zu sehr gewollt. Hinzu kommen seltsame und unpassend platzierte elektrische Spielereien und Spoken-Vocals-Parts daher, die wirken, als wolle man einem Trend hinterherjagen. Damit schießen sich WHILE SHE SLEEPS jedoch selbst ins Bein, da diese Experimente nicht im Ansatz an die Qualität von Bands wie Crystal Lake oder Silent Planet heranreichen. Um dies zu verdeutlichen muss man sich nur den Song „Back Of My Mind“ anhören: Ein tolles Intro-Riff lässt den Hörer erst vor Freude strahlen. Der Song nimmt im ersten Viertel ordentlich an Fahrt auf und wird plötzlich von akustischen Gitarren und Klargesang unterbrochen. Nicht, dass dies an sich schlechte Elemente sind, sie verhindern mit ihrem übermäßigem Einsatz aber auf fast jedem Song des Albums, dass sich diese natürlich entwickeln können.

Dass nicht alles auf „So What?“ schlecht ist, steht außer Frage. Die Briten haben ja nach wie vor ihr Talent für tolle Gitarrenriffs nicht verlernt und so stehen mit „The Guilty Party“ und „Elephant“ zwei grandiose Songs in der Mitte des Albums. Auch ist Mat Welshs Klargesang, wie man es von ihm gewohnt ist, grundsätzlich hochwertig und auch die Shouts von Loz Taylor überzeugen nach wie vor. Umso ärgerlicher ist es, dass das auf den Vorgängeralben vorhandene Gespür fürs Songwriting ein fast 50-minütiges Blackout erlebt. Das für „Back Of My Mind“ beschriebene Szenario ließe sich nämlich auch auf Songs wie „Inspire“, „Set You Free“ oder „Good Grief“ anwenden. Der Rausschmeißer „Gates Of Paradise“ treibt das Dilemma des vierten WHILE-SHE-SLEEPS-Albums auf die Spitze: Durch die durchweg tollen Riffs und Melodien und einen unglaublich eingängigen Refrain könnte es der beste Song der Platte sein, jedoch klingt Loz Taylor in der Strophe urplötzlich so, als hätte man ihm die Eier abgeschnitten und tief in den Hals gestopft, was den Song beinahe unhörbar macht…

Nach den elf Songs steht das große Fragezeichen des Albumcovers dem Hörer ins Gesicht geschrieben. Was haben sich WHILE SHE SLEEPS bei „So What?“ gedacht? Wie kann man so viele gute Ansätze in den Sand setzen? Wo sind die Ecken und Kanten der Vorgänger? Wo ist das ausgeklügelte Songwriting von „Brainwashed“ und „This Is The Six“ geblieben? Die Antwort kann einem wohl nur die Band selbst liefern. Insgesamt ist „So What?“ aber zu glatt, zu aufgesetzt und zu unnatürlich, dass man nur hoffen kann, dass die Briten sich in Zukunft wieder auf ihre Stärken fokussieren und dies nur ein Ausrutscher bleibt.

Farmer Boys – Born Again

Bereits seit 1994 sind FARMER BOYS aus Stuttgart im Alternative-Metal-Bereich aktiv und konnten seitdem nur einen Mitgliederwechsel am Bass verzeichnen. Seit 2014 ist die Band wieder in ihrer Gründungsbesetzung vereint und hat satte 14 Jahre nach dem letzten Studioalbum „The Other Side“ ein neues Werk vorgelegt. „Born Again“ kann mit seinem verheißungsvollen Titel aber nur bedingt mithalten, sondern festigt eher den Status eines Live-Geheimtipps, über den die Schwaben nie hinausgekommen sind.

Das von klassischer Musik geprägte Intro „Cosmos“ trügt den Schein, da der folgende Song „Faint Lines“ mit harten Gitarren losbrettert, ehe er sich in einen entbehrlichen Pop-Rock-Schnarcher wandelt. So macht sich relativ früh erste Ernüchterung breit, die FARMER BOYS auch auf voller Album länge nicht komplett abschütteln können. Ein immenser Lichtblick auf „Born Again“ ist Frontmann Matthias Sayer, der mit seinen stimmlichen Fähigkeiten punkten kann. Er schafft es fast spielerisch jede musikalische Facette des Albums mit der nötigen Emotion zu versehen.

Daneben stehen aber auch einige schwache Momente wie das schmalzige Outro von „You And Me“, das sinnfrei eingestreute Interlude „Mountains“ oder das mehr als belanglose „Oblivion“, welches saft- und kraftlos herumdümpelt. Interessanterweise können FARMER BOYS mit dem wohl untypischsten Titel am meisten überzeugen: „Isle Of The Dead“ ist eine unaufgeregte Ballade mit Ohrwurm-Refrain, dem nötigen Gefühl und einem tollen Gitarrensolo.

Der bloße Wille sich nach all den Jahren marginal neu zu erfinden gepaart mit der Erfahrung einer über zwei Dekaden andauernden Karriere reicht nicht aus, um aus „Born Again“ einen Meilenstein moderner Rockmusik zu machen. Für Alternative Metal sind FARMER BOYS sehr soft, für ehrlich wirkende Rockmusik oft zu poppig und der Gesang von Frontmann Sayer übertönt in einigen Momenten seine Kollegen deutlich – das macht dieses neueste Output der Baden-Württemberger zu einem Unterfangen, welches zwar niemandem wehtut, aber doch schwer zu lieben ist. Dem vorhandenen Talent werden diese Kompositionen jedenfalls nicht gerecht.

Jinjer – Micro

Obwohl die Ukrainer JINJER seit 2012 ihre eigentümliche und überzeugende Mischung aus unter anderem Metalcore, Death Metal und Alternative Rock stets im verlässlichen Rhythmus von zwei Jahren in Form eines neuen Albums an die Hörerschaft gebracht haben, mussten sich Fans letztes Jahr mit einem Re-Release des zweiten Albums „Cloud Factory“ begnügen. Während eine neue Langrille noch dieses Jahr erscheinen soll, gibt es bis dahin anhand der EP „Micro“ immerhin schon jetzt fünf neue Songs der Band zu bestaunen.

Diese stellen ohne Ausrutscher einen knappen Überblick über das Können der Band dar und beinhalten alles, was man sich von JINJER-Songs so wünscht. „Micro“ fühlt sich dadurch mehr als so manch andere EP wie ein verkürztes, aber ansonsten vollwertiges Album an. Keine unnötigen Re-Recordings alter Nummern oder Live-Mitschnitte, um die Laufzeit zu strecken, sondern einfach fünfmal JINJER pur und unverfälscht. Die Riffs und die abermals interessanten Strukturen der Nummern laden zum immer wieder Hören und sukzessivem Entdecken ein, denn so schnell sind Songs wie „Dreadful Moments“ oder „Teacher, Teacher!“ nicht vollständig erfasst und werden entsprechend auch nicht langweilig. Auffallend ist, dass „Micro“ insgesamt deutlich im Mid-Tempo-Bereich angesiedelt ist. Hie und da variiert die Geschwindigkeit etwas, wirkliche Up-Tempo-Ausbrüche bleiben jedoch, abgesehen vom rasant ausgefallenen „Perennial“, größtenteils aus. Das nimmt den Songs ein wenig Aggressivität, keinesfalls aber Energie.

„Micro“ zeigt JINJER im Kleinformat, wobei auf der EP tatsächlich immer noch mehr Aufregendes passiert als auf so mancher Full-Length anderer Gruppen. Ein wenig schade ist nur, dass man sich für den abschließenden Titelsong für das Format eines ganz netten, aber wenig Mehrwert bietenden Instrumentals entschieden hat. Die übrigen Nummern machen das aber vollends wett und dürften bei Fans der Band problemlos Anklang finden. Da kann man dem kommenden Album nur positiv entgegenblicken.

Thirty Seconds To Mars – America

Es sind fünf Jahre vergangen, seitdem THIRTY SECONDS TO MARS das letzte Album „Love Lust Faith + Dreams“ veröffentlicht haben. 2018 bringen sie endlich ihr heiß ersehntes fünftes Album „America“ heraus.

Die Band selbst bezeichnet „America“ als ein Konzeptalbum und möchte Themen wie Politik, Sex und Berühmtheit ansprechen. Das gelingt vor allem durch das Cover, denn sie versuchten damit einen Querschnitt über die Dinge zu geben, die die amerikanische Bevölkerung liebt, die momentan angesagt sind und das Land auszeichnen. Das Trio hat dafür gleich zehn verschiedene Cover entwickelt – jedes besteht aus einer Liste thematisch zusammenhängender Elemente, die einen Teil des amerikanischen Zeitgeschehens abbilden sollen. Auf einem Cover stehen beispielsweise die Namen Kylie, Elvis, Kanye, Jesus, Lebron und Oprah.

THIRTY SECONDS TO MARS starteten 1998 als eine Alternative-Rock-Band und wurden über die Jahre hinweg immer radiotauglicher und populärer. Das ist unter anderem daran bemerkbar, dass das neue Album elf Wochen lang in den deutschen Charts war. In den USA war es vier Wochen auf dem zweiten Platz der Charts vertreten. Es ist die bisher beste Platzierung, die eines ihrer Alben erzielt hat.

Im Vergleich zu ihren vorherigen Arbeiten ist ein drastischer Stilwechsel bemerkbar. Was Tracks wie „Hurricane“ („This Is War“) noch zu etwas Besonderem machte, füllt nunmehr das gesamte neue Album aus. Es treffen viele elektronische Beats auf oft seichte Synthesizer. Im Gegensatz zu den alten Alben sind nur sehr reduzierte Gitarrenparts vorhanden. Auch der Schlagzeugbeat ist immer sehr ähnlich. Bläsereinsätze und Autotune werden dafür viel verwendet, die sonst bekannte Kraft in der Stimme des Sängers fehlt jedoch im Großteil des Albums.

Dadurch wirkt das Album zwar nicht so billig wie vieles, das heutzutage im Radio zu hören ist, allerdings klingt das Album sehr monoton, ohne große Abwechslung. Die einzigen Songs, die etwas Abwechslung bieten, sind „Monolith“, in welchem sich Schlagzeuger Shannon Leto mal so richtig austoben darf, und „Remedy“, da Leto hier zur Abwechslung seinen Bruder am Mikro ablöst und dabei nur von sanften Akustikgitarren und Pianos begleitet wird. Auch einzelne Features sind vorhanden. „One Track Mind“ wurde zusammen mit A$AP Rocky und „Love Is Madness“ mit Halsey produziert.

Die Band zieht es durch, verschiedene Bilder der Gesellschaft zu vermitteln, vor allem mit den Listen auf dem Cover. Die Texte drehen sich allerdings leider hauptsächlich um das Thema Liebe und die vielen damit verbundenen Konflikte, die vor allem in der Pop-Musik der Vereinigten Staaten eine sehr häufige Thematik sind.

Wer sich auf die neue Soundrichtung, die sich schon in ihrem letzten Album angedeutet hat, einlassen möchte, ist bei dem Album gut aufgehoben. Wer sich allerdings nach etwas Rockigem wie aus der Anfangszeit der Band sehnt, wird enttäuscht werden und sollte sich lieber den ersten drei Alben widmen.

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In Flames – I, The Mask

IN FLAMES, wir müssen reden. Vielleicht hätten wir das schon viel länger mal tun sollen. Aber ich war ja der Typ, der sich alles hat gefallen lassen, der mit euch durch dick und dünn gegangen ist. Als ihr mit „A Sense Of Purpose“ auf einmal Metalcore machen wolltet: Ich war für euch da, habe mir eure Probleme angehört (Oh, I feel like shit, but at least I feel something“), und versucht, alledem noch etwas Gutes abzugewinnen.

Als ihr euch ohne Jesper erst im Nebel verrannt und euch mit „Siren Charms“ dann erst mal wieder selbst finden musstet, nicht mehr so recht wusstet, wer ihr seid, vor allem aber nicht mehr, was ihr wollt: Ich war für euch da, habe mich bemüht, euch zu verstehen und habe auch an dieser Wendung noch etwas gefunden, das ich gut finden konnte. Auch, weil ich das so wollte. Weil ich immer noch an euch geglaubt habe, vor allem aber an uns: Daran, dass alles wieder gut wird, dass ihr irgendwann merkt, dass nicht nur ich euch brauche, sondern auch ihr mich, euren treuen Begleiter.

Braucht ihr aber nicht, habt ihr gesagt, habt ihr mir ins Gesicht geschrien, oder besser gesagt: gesungen. Höhnisch, mit einem ganzen Kinderchor im Rücken. Und jeder andere hätte verstanden, dass es Zeit ist, zu gehen. Hätte sich enttäuscht abgewandt, sich den Frust weg- und Mut angesoffen und wäre am nächsten Morgen mit einer anderen Band im CD-Player aufgewacht. Ich natürlich nicht. Ich Trottel habe wirklich noch daran geglaubt, dass das mit uns nochmal was werden kann. Habe euch Zeit gegeben, geduldig gewartet, zweieinhalb Jahre.

Und jetzt kommt ihr mit „I, The Mask“ daher.

Mit zwölf Songs, deren billige Riffs ausschließlich Mittel zu einem Zweck sind: Möglichst schnell zu einem Mitsing-Refrain zu kommen. Mitsingbar wohlgemerkt nur für jugendliche Stimmchen, nicht für mich. Dabei habt ihr meine Stimme damals doch so geliebt: leicht heiser, schon während der Show. Aber bei „Only For The Weak“ und wie sie alle hießen, unsere Songs, trotzdem immer noch aus voller Kehle. Und jetzt? Jetzt bleiben die Mitsing-Refrains am Ende nicht einmal im Ohr. Und soll ich euch was verraten? Ich bin sogar froh darüber. Weil ihr eh nur wieder und immer wieder das Gleiche erzählt. Und zwar musikalisch wie textlich.

Musikalisch die gleiche Leier wie schon auf „Battles“: Dass ihr ins Radio wollt, euch eben nicht mehr auf ein Ding festlegen wollt, euch in dem Melodic Death Metal von damals eben nicht mehr so richtig „wiederfindet“, eben auch mal „was Neues ausprobieren“ müsst – und dass ich euch das doch wohl nicht verbieten könne! Dass es ja wohl genauso gut euer Recht sei, kontextfrei ein orientalisches Riff in einem ansonsten generischen IN-FLAMES-Song unterzubringen („Deep Inside“), wie ansonsten ein ganzes Album lang aus dem gleichen, so vielleicht nie geschriebenen IN-FLAMES-Song zu klauen. Schließlich wärt ihr Künstler und niemandem etwas schuldig – und schon gar nicht einem verbitterten Kerl wie mir! Schließlich gäbe es viele andere (jüngere!) Typen da draußen, die sehr wohl zu schätzen wüssten, was ihr zu bieten habt. Und eure Refrains mitsingen könnten. Und sich auch nicht ständig darüber beschweren würden, was ihr da eigentlich singt.

Denn ja, es stimmt schon: In den letzten Jahren habe ich immer öfter abgeschaltet, wenn ihr mich wieder einmal in eine Diskussion über das Leben, das Universum und den ganzen Rest verwickeln wolltet. „Do you think about the end?“ habt ihr gefragt, „Is my life just a big mistake?“ und „Will somebody save me?“ Diese Art Teenage-Angst-Philosophie war leider schon zu Teenagerzeiten nicht mein Fall. Und jetzt bin ich dafür echt zu alt. Und wenn ich das bin, dann wärt ihr es verdammt noch mal eigentlich auch. Aber nein: „Who am I? So many faces …“. Am Arsch.

Und nach alledem habt ihr, IHR auch noch den Mut, MICH zu fragen: „How could you leave me behind?“ und „Stay with me“ zu winseln? Euer Ernst? Wer hat denn hier wen zurückgelassen, mh? Aber eines ist klar: ICH werde nicht ausziehen, da könnt ihr noch so oft „This is our house!“ plärren. Wenn hier einer geht, dann seid ihr das. Und zwar besser schnell, ehe ich mich vergesse. Am besten jetzt sofort. Ah, und „I, The Mask“ könnt ihr gleich mitnehmen.

Euren Fehltritt mit „Battles“ hätte ich euch vielleicht noch verzeihen können. Aber so geht es nicht weiter. Sorry, IN FLAMES, aber das war’s dann wohl mit uns.

Within Temptation – Resist

Man erinnere sich: Als WITHIN TEMPTATION das letzte Mal auf ein „modernes Cartoon-Artwork“ setzten („The Unforgiving“), war das nicht nur optisch, sondern auch musikalisch ziemlich schief gegangen. Wie überhaupt so einiges seit dem Hit-Album „Mother Earth“: Nur kurz sei da an das fast skurrile Coveralbum „The Q-Music Sessions“ oder auch das seitens der Fans nur mäßig euphorisch rezipierte Studioalbum „Hydra“ erinnert.

Für „Resist“ haben sich die Niederländer erneut für ein futuristisches Motiv entschieden – das Cover könnte ebensogut ein Filmplakat für einen Actionfilm zieren. Und wo Action drauf ist, ist auch Action drin – daran soll wohl gleich der Opener keinen Zweifel lassen: „The Reckoning“ mit Gastsänger Jacoby Shaddix (Papa Roach) legt direkt mit der Wucht eines Alternative-Metal-Hits los: Modern, ohrwurmig und druckvoll. Vielleicht sogar von allem etwas zu viel: Ob es hier einen Dubstep-Break gebraucht hätte, lässt sich ebenso diskutieren wie die Frage, bis zu welchem Level an „Druck“ ein Master noch als gelungen zu bezeichnen ist. Auf Bass-verstärkenden Stereoanlagen dürfte „Resist“ jedenfalls mindestens ein grenzwertiges Vergnügen sein.

Grenzwertig ist „Resist“ aber auch musikalisch – und zwar stark abhängig von den Erwartungen an das Album: Von der noch auf „Hydra“ zelebrierten Pseudo-Epik haben sich WITHIN TEMPTATION komplett losgesagt. Stattdessen setzen die Niederländer voll auf fast poppige Eingängigkeit: Was bei „Endless War“ oder „Raise Your Banner“, bei dem Sharon den Adel wenigstens zum Ende hin die Größe ihrer Stimme aufblitzen lässt, – ja, sogar beim überkitschigen „Supernova“ – fraglos gut funktioniert, kippt im weiteren Verlauf des Albums immer mehr ins Gegenteil.

Ob den Adel mit ihren 44 Jahren wirklich auf cool machen und „Ya“ statt „You“ singen muss („Holy Ground“), ist ebenso fragwürdig wie die musikalische Entwicklung im weiteren Verlauf des Albums: Schon besagter Song reicht nicht ansatzweise an die Stücke davor heran – und ist damit leider nicht Ausreißer, sondern Vorreiter: Ob das blasse „In Vain“, das verschwurbelte „Firelight“ oder der plumpe Pop-Song „Mad World“, den so ähnlich auch Modern Talking verbrochen hätten haben könnten – je länger „Resist“ läuft, desto mehr fragt man sich, was die da oben in Holland eigentlich … okay, blöde Metapher.

Dass WITHIN TEMPTATION mit „Mercy Mirror“ zumindest noch einen ordentlichen (fast so was wie epischen) Song abliefern, geht da fast unter – oder wird vom brachialen „Trophy Hunter“, das das Sound-Problem mit den pumpenden Bässen noch einmal über 5:51 Minuten hinweg veranschaulicht, direkt wieder aus dem Kopf geprügelt. Schade: Auch der Song hätte durchaus Potenzial gehabt, WITHIN TEMPTATION, wie man sie kannte, und WITHIN TEMPTATION, wie sie selbst gerne wären, auf einen Nenner zu bringen.

Mit „Resist“ wagen WITHIN TEMPTATION einen großen Schritt – vielleicht einen zu großen: Vom Symphonic Metal der Anfangsjahre ist bei den Niederländern ja lange schon nichts mehr übrig – mit „Resist“ schmeißen sie nun auch den wenig erfolgbringenden Alternative-Metal über Bord, um frisch und modern zu klingen. Das klappt stellenweise überraschend gut. Über weite Strecken klingt das Resultat jedoch erschreckend belanglos, nicht zuletzt, weil den Adels famose Stimme bei den oft unspektakulären Gesangslinien nur noch selten wirklich voll zur Entfaltung kommt. Und manchmal auch ein bisschen peinlich: Wenn WITHIN TEMPTATION mit „Yas“, Pseudo-Dubstep-Elementen oder übertrieben „modernem“ Sound scheinbar krampfhaft versuchen, jünger zu klingen, als sie sind.

Dead Letter Circus – Dead Letter Circus

Bereits 2005 wurden DEAD LETTER CIRCUS in Brisbane, Australien gegründet – über ihr Heimatland hinaus sind die Alternative-Rocker aber noch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Als Einflüsse nennt die Band u.a. Tool, Deftones oder Soundgarden. Das selbstbetitelte Album „Dead Letter Circus“ ist bereits der fünfte Longplayer des Quintetts, mit dem sich die Musiker aus Down Under nun auch über den Tellerrand des Musikliebhabers hinaus Gehör verschaffen wollen.

Erstaunlich ist dabei wie spielerisch Alternative Rock mit progressiven Elementen, aber auch poppigen Einschüben zu einem stimmigen Ganzen vermengt werden. „The Real You“ wartet beispielsweise mit vertrackten Schlagzeug-Rhythmen auf, während sich darüber der radiotaugliche Refrain energetisch in die Höhe schraubt. Leider kommt relativ schnell erste Ernüchterung auf, da die folgenden Songs alle nach einem sehr ähnlichen Schema gestrickt sind („Change“, „Running Out Of Time“).

Dass DEAD LETTER CIRCUS aber auch Abwechslung ihre Songs bringen können, beweisen sie glücklicherweise doch: „We Own The Light“ birgt sehr verhaltene Strophen in sich, die die Hookline in ein noch kraftvolleres Licht stellen. Weitere Highlights sind die Soundtrack-verdächtige Ambient-Ballade „Ladders For Leaders“ und das kraftvolle „Say It Won’t Be Long“. In Bezug auf Produktion und Mix kann man eigentlich nichts bestanden, hier wurde definitiv vorzeigbare Arbeit geleistet. Auch Frontmann Kim Benzie liefert stimmlich eine sehr gute Leistung ab.

DEAD LETTER CIRCUS beherrschen ihr Metier weitgehend, setzen auf hörerfreundliche Refrains und klingen nicht wie ein bloßer Abklatsch ihrer Vorbilder. Dennoch überzeugt „Dead Letter Circus“ nicht auf ganzer Linie, da sich viele Songs in einer gewissen Gleichförmigkeit verlieren. Hier wären einige auflockernde Elemente eine nette Beigabe gewesen. Wer Alternative Rock mit leichten Prog-Einflüssen nicht abgeneigt ist, der kann dennoch gerne die Scheibe antesten. Qualitativ geben sich die Australier nämlich keine Blöße und legen solide Rockmusik vor.