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Jinjer – Cloud Factory (Re-Issue)

Es ist gewiss nicht zuletzt der gemeinsamen Tour vergangenen Winter mit Arch EnemyWintersun und Tribulation zu verdanken, dass JINJER immer mehr Aufmerksamkeit generieren und ihre Hörerschaft vergrößern. Das sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ukrainer auch musikalisch eine Menge auf dem Kasten haben. Die bunte und doch homogen klingende Mixtur aus unter anderem Metalcore, Melodic Death Metal und Thrash-Schlagseite überzeugt seit mittlerweile drei Alben – das zweite davon, welches auf den Namen „Cloud Factory“ hört und im Jahr 2014 seine Veröffentlichung erfuhr, bringen JINJER über ihre neue Labelheimat Napalm Records neu in die Läden.

„Cloud Factory“ macht zunächst rein musikalisch betrachtet auch nach vier Jahren noch eine Menge Spaß. Die acht Songs sind abwechslungsreich und, wie bereits angedeutet, durch verschiedenartige stilistische Einflüsse geprägt, ohne jedoch willkürlich und unstrukturiert zusammengeschustert zu wirken. Ein roter Faden zieht sich durchaus durch die Nummern und hält die verschiedenen Bestandteile zusammen, mit denen JINJER immer wieder gekonnt zu überraschen wissen. Nähert sich der Hörer zum ersten Mal an die Nummern an, weiß er im Grunde nie, ob ihn als nächstes brachiales Melodeath-Riffing oder ein Metalcore-Breakdown oder auch mal eine Akustik-Passage erwartet. Umsetzen können JINJER alle Facetten ihrer Musik jedoch tadellos.
Über den Instrumenten thronen die grandiosen und vielseitigen Vocals von Tatiana Shmailyuk, einer begabten Sängerin, die für ebenso viel Abwechslung sorgt wie die Instrumentalfraktion. Hier geben sich energetisches Growling und Core-Shouting gegenseitig die Klinke in die Hand, immer wieder abgelöst von melodischem Klargesang. Das funktioniert alles wunderbar und geht mit der instrumentalen Untermalung stets eine passende, stimmige Symbiose ein.

Die acht Songs, die das zweite JINJER-Album bietet, sind zumeist eher kurz bis mittellang gehalten, sodass die Platte quantitativ gesehen etwas weniger bietet als ein handelsübliches Metal-Album. Allerdings erlauben sich die Ukrainer dabei immerhin keinen qualitativen Ausrutscher nach unten, sondern überzeugen mit jeder der Nummern, auch wenn der große Aha-Effekt im Laufe der Platte ein wenig zurückgeht und die Songs, trotz der vielen Einflüsse, auf Dauer etwas ähnlich anmuten. Wirkliche Highlights zu bestimmen ist bei der trotzdem gleichbleibend hohen Qualität nicht einfach, da „Cloud Factory“ durchaus als Gesamtwerk zu empfehlen ist. „Who Is Gonna Be The One“, das mit einer schmissig-jazzigen Passage ausklingen darf, und der balladeske Rausschmeißer „Bad Water“ setzen jedoch besondere Akzente.

Als Bonus gibt es noch Live-Versionen der Songs „A Plus Or Minus“ und dem eben erwähnten „Who Is Gonna Be The One“ oben drauf. Wer „Cloud Factory“ bereits in seiner ursprünglichen Version sein Eigen nennen darf, muss anhand der Neuauflage nicht unbedingt einen Pflichtkauf auf seiner Liste notieren. Wer das Album jedoch noch nicht besitzt, sollte sich diese Gelegenheit keinesfalls entgehen lassen.

Arlington – A Walk Through Jackson County

Eine klassische Story: Drei Freunde nehmen Instrumente zur Hand und gründen eine Band. 2016 entstand so das Alternative-Rock-Trio ARLINGTON. MIt „A Walk Through Jackson County“ legen sie ihr Debütalbum vor und konnten damit direkt beim renommierten Label Rise Records landen. Produziert wurde der Longplayer von Matt Bayles (Pearl Jam, Mastodon, The Sword).

„Don’t Mind“ stellt einen fröhlich-munteren Rocker zum Einstieg dar, der allerlei Indie-Elemente mit sich bringt. Auch gesanglich zeigen sich die drei Musiker hier zwischen frohlockend-hellen Tonlagen und erdig-rockiger Herangehensweise bereits sehr variabel. Die Band setzt aber auch auf tanzbare Rocknummern mit Funk-Einschlag („Ride Out“) oder auf eine bluesige Note mit kraftvollem Refrain („Mud“).

Was schon nach kurzer Zeit auffällt ist der erstklassige Mix, der alle Instrumente mit guter Intensität herausstellt. Seien es hintergründige Riffs, der mehrstimmige Gesang das locker-flockig gespielte Schlagzeug – hier wurde ganze Arbeit geleistet. Gegen das bis dahin Gebotene präsentiert sich „Motion“ als Rockballade mit dezenten Verweisen an die schwedischen Graveyard, bevor ARLINGTON ihren gewohnten Stil wieder augreifen.

Mit teils punkigen („Native Tongue“), teils wiederholt Indie-behafteten Titeln („Damn Shame“) wird „A Walk Through Jackson County“ weitergeführt. Ein weiterer Lichtblick ist das Solo in „Better Men Than Me“, welches zwar nicht bahnbrechend ist, aber die Liebe der Kalifornier zur Musik sehr gut unterstreicht. Knapp 41 Minuten Abspieldauer für elf Titel sind unterm Strich absolut in Ordnung.

Freunde schnörkelloser Rockmusik im Grenzbereich zwischen Alternative, Indie, etwas Punk und poppigen Momenten werden mit „A Walk Through Jackson County“ vollauf zufrieden sein. Aber auch Hörer mit anderen Präferenzen sollten dem Debüt ein Ohr schenken, ist es doch sehr liebevoll produziert, pendelt mit spielerischer Leichtigkeit zwischen härteren und soften Momenten und hat fast durchgängig diese positive Atmosphäre, die den Herbst und Winter um einiges erträglicher machen kann.

Atreyu – In Our Wake

Nach zwei mäßig gelungenen Alben und einer längeren Erholungspause konnten ATREYU mit ihrer 2015er Comeback-Platte „Long Live“ endlich wieder ein Stück des Enthusiasmus ihrer Frühwerke in die Gegenwart zurückholen. Die zugegebenermaßen etwas alberne, aber definitiv markante Vampir-Ästhetik von „The Curse“ haben die Amerikaner zwar endgültig hinter sich gelassen und nicht jeder der neuen Tracks zündete richtig, doch zumindest hatte die Metalcore-Truppe einen akzeptablen Kompromiss zwischen Melodie und Härte gefunden. Auf dem Nachfolger „In Our Wake“ verwerfen ATREYU diese neu gefundene Balance jedoch einmal mehr und wenden sich abermals dem kontroversen Sound von „Lead Sails Paper Anchor“ zu.

Daraus, dass sich ATREYU auf ihrem siebenten Album an ihrer bisher kommerziellsten Veröffentlichung orientieren würden, hatte die Band vorab kein Geheimnis gemacht. Angeblich hätten sich ach so viele Fans eine Rückkehr zu diesem Stil gewünscht und als Produzent sollte wie schon bei „Lead Sails Paper Anchor“ John Feldman herhalten – die Katastrophe schien schon längst vorprogrammiert. Tatsächlich entsagen ATREYU dem Metalcore auf „In Our Wake“ beinahe vollständig. Bis auf ein paar vereinzelte Screams und eine Handvoll halbgarer Breakdowns ist von der rohen Energie der ersten drei Alben nichts mehr übrig.

Selbst die brutaleren Tracks wie „Nothing Will Ever Change“ wirken schrecklich aufgesetzt – dass ATREYU in ebenjener Nummer in einem kurzen Break für ein phlegmatisches „Fuck it“ innehalten, entbehrt nicht einer gewissen traurigen Ironie. Doch was bleibt auf „In Our Wake“, wenn der Metalcore hier auf das nötigste Mindestmaß zurückgefahren wurde? Die Antwort lässt sich ganz einfach kurz und prägnant zusammenfassen: seichter, stereotypischer Arena-Rock. Klebrige Mitsing-Refrains waren für ATREYU zwar schon zu Zeiten von „The Curse“ charakteristisch, doch offensichtlich haben die Amerikaner inzwischen den Millennial-Whoop für sich entdeckt und sich dazu entschieden, damit ihre ohnehin schon allzu massentauglichen Gesangsmelodien weiter zu banalisieren.

Zwar legt Brandon Saller, der ATREYU schon längst wesentlich mehr mit seinen Vocals als mit seinem unauffälligen Drumming prägt, eine ausgelassene Gesangsperformance hin („The Time Is Now“), doch diese ist – wie auch die Instrumente – so hoffnungslos totproduziert, dass man sich kaum daran erfreuen kann. Schnulzige Pop-Balladen wie „Terrified“ werden dadurch genauso schnell zum penetranten Ohrengraus wie plumpe Pseudo-Knaller von Schlag eines „Blind Deaf & Dumb“.

Den absoluten Totalausfall verhindert auf „In Our Wake“ eigentlich nur Dan Jacobs, der zwar nicht ein einziges interessantes Riff, aber zumindest ein paar halbwegs spaßige Soli aus dem Ärmel schüttelt. Ob ebenjene ausreichen, um die Rock-/Metal-Hörerschaft eine Dreiviertelstunde lang bei Laune zu halten, ist allerdings äußerst fraglich. In den übrigen Aspekten geben sich ATREYU zwar gewohnt professionell, aber völlig fehlgeleitet. Während in den minimalistischen Strophen kaum jemals etwas Nennenswertes passiert, sind die generischen Refrains durch und durch auf Eingängigkeit getrimmt. Die aufdringliche, gekünstelte Produktion setzt dem Ganzen dann auch noch die Krone auf. Außer jenen Fans, die ATREYU für „Lead Sails Paper Anchor“ tatsächlich gefeiert haben, werden hieran wohl nur die wenigsten Gefallen finden.

Anathema – Internal Landscapes – The Best Of 2008-2018

ANATHEMA haben im Verlauf ihrer fast dreißigjährigen Karriere eine ziemliche Metamorphose durchlebt: Was in den frühen Neunzigern als Gothic Metal begonnen hat, verwandelte sich um die Jahrtausendwende zusehends in eine Art melancholischen Alternative Rock mit progressiven Strukturen. Gerade in den letzten zehn Jahren gab es kaum noch metallische Ausbrüche zu verzeichnen und auf diese Phase bezieht sich die vorliegende Best-Of-Compilation „Internal Landscapes – The Best Of 2008 – 2018“.

Diese Abgrenzung von den Frühwerken der Briten macht nicht nur stilistisch Sinn, denn ANATHEMA haben in der Vergangenheit bereits (auch neu aufgenommene oder umarrangierte) ältere Songs auf verschiedenen Alben neu veröffentlicht (z. B. auf den „Resonance“-Alben von 2001 und 2002 oder auf dem um orchestrale Elemente ergänzte Album „Falling Deeper“ von 2011). Bei den Tracks auf „Internal Landscapes – The Best Of 2008 – 2018“ handelt es sich allerdings von zwei Ausnahmen abgesehen (einmal die semiakustische Version von „Are You There?“, ursprünglich 2008 auf „Hindsight“ veröffentlicht, und die orchestrale Version von J’ai Fait Une Promesse“ vom zuvor erwähnten „Falling Deeper“-Album) um die Originalversionen, die für die Compilation unverändert übernommen wurden. Neu ist allerdings das Mastering, welches lediglich für ein wenig Homogenität in Sachen Dynamik und Lautheit auf „Internal Landscapes – The Best Of 2008 – 2018“ sorgen soll.

Für die Songauswahl war das Sextett übrigens selbst verantwortlich: ANATHEMA haben auf ihrer neuen Werkschau Titel von jedem regulären Album seit „We’re Here Because We’re Here“ gewählt, inklusive dem im letzten Jahr veröffentlichten „The Optimist“. Aufgrund des Umfangs des Katalogs wird man es wohl nicht jedem Fan recht machen können, aber grundsätzlich kann man ANATHEMA attestieren, dass die Auswahl das musikalische Spektrum der Band aus Liverpool gut repräsentiert. So finden sich neben dem zweigeteilten „Untouchable“ von „Weather Systems“ auch das großartige „Distant Satellites“ vom gleichnamigen Longplayer und „Springfield“ vom letzten Album auf der Zusammenstellung.

Musikalisch und tontechnisch ist „Internal Landscapes – The Best Of 2008 – 2018“ über jeden Zweifel erhaben. Wer sich einen Überblick über ANATHEMAS nicht-metallische Phase machen möchte, ist mit der Compilation gut beraten, Steven Wilson– und Pineapple Thief-Fans ebenso. Wer allerdings die regulären Alben der letzten Dekade im Regal stehen hat, muss für sich entscheiden, ob er das Ding braucht – wobei die Die-Hard-Fans schon der Vollständigkeit halber zugreifen dürften. Nett aufgemacht ist die Platte ja, inklusive Begleittext von Danny Cavanagh himself.

Nosound – Allow Yourself

Mit ihrer luftig-leichten Mischung aus Alternative, Progressive und Post-Rock konnten NOSOUND mittlerweile auch außerhalb der Grenzen ihres Heimatlandes auf sich aufmerksam machen. Nicht zu Unrecht kann die italienische Band, die ursprünglich von Giancarlo Erra als Soloprojekt geführt wurde, auf einige gewonnene Musikpreise und Kollaborationen mit namhaften Musikern wie Vincent Cavanagh (Anathema) zurückblicken. Obwohl eine derart erfolgreiche Musikgruppe zumeist bereits einen gefestigten Sound vorzuweisen hat, mit dem sie sicher fahren kann, erlauben sich NOSOUND auf ihrem sechsten Album „Allow Yourself“, ihre klangliche Identität von Grund auf zu erneuern – und fordern zugleich den Hörer im Albumtitel dazu auf, sich darauf einzulassen.

Bis auf eine Handvoll Ausnahmen wie etwa den drängenden Lo-Fi-Auftakt von „Don’t You Dare“ oder die vereinzelt auftretenden, träumerischen Clean-Gitarren („At Peace“) lassen NOSOUND diesmal weitgehend die Finger von herkömmlicher Rock-Instrumentalisierung. Den dadurch frei gewordenen Klangraum befüllt das Quintett in seinen drastisch gekürzten Songs vornehmlich mit verschiedenartigen Keyboard-Sounds und elektronischen Perkussionen. Für den Wagemut, den eigenen Schöpfungsprozess vollständig umzustrukturieren und damit die Notwendigkeit zu schaffen, sich selbst neue Techniken anzueignen, haben sich NOSOUND auf alle Fälle ein gehöriges Maß an Anerkennung verdient, zumal man den Songs kaum anmerkt, dass die Italiener darauf ungewohntes Terrain beschreiten.

In seinen besten Momenten klingt „Allow Yourself“ mit seinem an Ambient und Electronic-Musik orientierten Klängen ein wenig nach Björks „Vespertine“ und Radioheads „Kid A“. Dieser Eindruck wird vor allem durch die anschmiegsamen Lounge-Keyboards forciert, die einigen der Tracks einen wohligen, behütenden Charakter verleihen („Shelter“). Zwischen eindrucksvollen Nummern wie dem mehrstimmigen, melancholischen, sich immer weiter steigernden „This Night“ findet sich jedoch leider auch so manche Komposition, die nicht so recht ins Bild passen will.

Erras quengelnder Gesang, der den Grenzen seiner Stimmbandbreite oft gefährlich nahe kommt, wurde etwa auf „Growing In Me“ äußerst störend nachbearbeitet, was den besagten Track unter anderem zu einem Tiefpunkt der Platte degradiert. Andere Aspekte wie die eher monotonen Streicher, mit denen NOSOUND dann und wann ihre Keyboardflächen bedecken, oder unscheinbare Nummern wie „Saviour“ bieten hingegen schlicht zu wenig Aufregendes, um die Atmosphäre nicht in Langeweile umschlagen zu lassen.

Dass Bands, die sich in stilistisches Neuland vorwagen, ein gewisses Risiko eingehen, ist keine leere Phrase, weshalb es mitunter vorkommen kann, dass ein solcher Versuch fehlschlägt. Auf „Allow Yourself“ ist dies leider in mancher Hinsicht der Fall. Während man NOSOUND hinsichtlich der hervorragenden Tonqualität nicht den geringsten Vorwurf machen kann und der Großteil der vielschichtigen Arrangements durchaus Sinn macht, gibt es insgesamt doch zu viele Momente, in denen die Italiener ihren kreativen Bogen entweder zu locker oder sogar überspannen. „Allow Yourself“ hat definitiv seine schönen, ergreifenden Momente – ob diese stark genug sind, um das Album als Ganzes zu tragen, ist jedoch fragwürdig.

Shining (Nor) – Animal

Das Problem am „verrückten Genie“ ist, dass es eben nicht nur genial, sondern per Definition auch verrückt ist, was beim Versuch, seine Motivation für bestimmte Aktionen nachzuvollziehen, mitunter Probleme bereitet. Beispiel gefällig? Der norwegische Ausnahmemusiker Jørgen Munkeby, der mit seiner Band SHINING das Genre des Black Jazz begründete, um nun, drei Alben später, auf einmal 90s-Pop zu machen.

Richtig gelesen: Auf „Animal“, so der Titel der CD, sucht man vertrackte Rhythmen ebenso vergeblich wie extremen Metal oder das bisherige Trademark der Band, Munkebys so virtuoses wie verrücktes Saxophonspiel. Stattdessen bieten SHINING dem Hörer vornehmlich Easy-Listening-Nummern, die hart an der Grenze zum Kitsch entlangschrammen.

Hart ist an den Songs selbst nämlich nur noch wenig: Während die Gitarren zumeist weit in den Hintergrund gerückt sind und das Saxophon gar gänzlich aus dem SHINING-Kosmos verdrängt wurde, spielen auf Eingängigkeit getrimmte Synthesizermelodien auf dem Album die zentrale Rolle. Und weil SHINING keine halben Sachen machen, wurde auch der energische Schreigesang von früher größtenteils durch melodische Gesangsmelodien ersetzt.

Wo SHINING noch Metalelemente verwenden, bleiben die Riffs vergleichsweise simpel, so dass Stücke wie der Titeltrack „Animal“ oder auch „Smash It Up!“ unweigerlich an Elektro-Metal-Bands wie Semargel oder Pain denken lassen. Und diese Nummern sind noch die härtesten: Schon der Einstiegs-Ohrwurm „Take Me“ würde auf einer klassischen Trashpop-Party über weite Strecken kaum mehr aus dem Rahmen fallen. Und zumindest bei jedem, der altersbedingt am „Sound der 90er“ nicht vorbeigekommen ist, dürfte schließlich der Refrain von „When The Lights Go Out“ fast unweigerlich Erinnerung an „Everybody (Backstreet’s Back)“ wecken.

Die Schunkelnummer „When I’m Gone“ und das schmalzige Duett von Munkeby mit Linnea Dale in „Hole In The Sky“ zum Abschluss runden den bisher gewonnenen Eindruck ab: „Animal“ könnte auch als Cover-Album mit Alternative-Metal-Versionen der besten 90er-B-Seiten durchgehen. Denn so sehr der Stilwechsel auch verstören mag, kann man doch nicht leugnen, dass SHINING das, was sie da tun, einmal mehr nahezu perfekt machen: Absolut konsequent durchgezogen und bis ins letzte Detail zu Ende gedacht.

„Animal“ ist wie eine Tüte Gummibärchen: Natürlich hört man damit nicht auf, bevor einem schlecht ist. Wirklich Bauchschmerzen bereitet aber nicht die Musik selbst, die – in der richtigen Stimmung – durchaus Spaß macht, sondern die Tatsache, dass SHINING diesem global betrachtet eher gewöhnlichen Sound ihren wirklich einzigartigen Black Jazz geopfert haben.

Heads. – Collider

HEADS. aus Berlin. Eine Band wie ein Instagram-Filter, der alle Farben auf Null setzt, den Kontrast dafür auf Hundert. Auf ihrem zweiten Album „Collider“ zeichnet die deutsch-australische Formation ein monochromes Schattenbild voll urbaner Depression. Als Ausdrucksmittel dient dem Power-Trio dafür ein spröder Noise-Rock: intensiv, eigenständig und bereits in diesem frühen Stadium der Karriere nahe an der Perfektion.

Allzu einfach macht es die Gruppe ihren Hörern allerdings nicht. Denn jedem Ton wohnt eine passive Aggression inne, die sich zunächst wie eine Mauer zwischen Rezipient und Künstler schiebt. Diese manifestiert sich etwa in Ed Frasers Stimme, die vom ersten bis zum letzten Ton dieser Scheibe nicht den Modus prätentiöser Lustlosigkeit verlässt. Stoisch, kalt und gefühlsvergessen brummelsingt sich der Frontmann durch die zehn Tracks – wie ein geisterhafter Lou Reed im Meth-Kater. Ein stimmiger Klang-Gestus angesichts der Texte, die den Nihilismus umarmen. Da geht es ums Keine-Lust-mehr-Haben, ums Begrabensein, um Wege, die nie zu einem Ziel führen, um Auswege, die doch nur Fallen sind.

Die Musik dazu ist hoch effizient – und effektiv. In klassischer Bandbesetzung – Gesang, Gitarre, Bass, Schlagzeug – bauen HEADS. erdrückende Plattenbau-Trutzburgen in mannigfaltigen Graustufen. Klar, Noise-Rock-Legenden wie Sonic Youth sind nicht weit. Die drückende Schwere, die überwältigende Behäbigkeit verweisen hingegen eher auf Doom, Sludge und Stoner. Verantwortlich dafür ist die Rhythmus-Fraktion, bestehend aus Chris Breuer am Bass und Peter Voigtmann am Schlagzeug. Sie repräsentieren im Bandgefüge das typisch Deutsche, liefern Wertarbeit – simpel meist, immer wirkungsvoll. Wie gut verzahnte Zahnräder. Über diesem Fundament tobt sich Frontmann Ed Fraser an der Gitarre aus und füllt damit – oft dissonant – den oberen Bereich des Frequenzspektrums aus. Dabei gelingt ihm ohne allzu viel Distortion ein gewaltig flirrender Furor, der den Hörer mit sich in den Abgrund zieht. Im nächsten Moment reißt sein Spiel (wie im Opener „At The Coast“) den wolkengrauen Himmel mit Post-Rock-Sprenkeln auf.

Positiv sticht die exzellente Produktion hervor, der das Kunststück gelingt, die muskelbepackten Klangwälle nicht in Lärm zu ertränken. Jedes Instrument lässt sich problemlos verfolgen. Bei aller Transparenz klingt die Scheibe jedoch keineswegs kalt und technisch – ganz im Gegensatz zu ihren lyrischen Bildern. An allen Ecken und Enden knarzt es im Gebälk. Die stets leicht angezerrten Instrumente vermitteln beinahe analog klingende Wärme. Ein Sound, der dazu einlädt, die Regler auf Elf zu drehen – und der auch dann nicht nervt.

Als Anspieltipp taugt am besten das verhältnismäßig eingängige „Wolves At The Door“. Da „Collider“ allerdings einen sehr konstanten Flow entwickelt, erscheint es wenig sinnvoll, einzelne Nummern dem Albumkontext zu entreißen. Da hilft nur: Kaufen, auflegen und immer wieder hören. Denn mit jedem Durchgang entwickelt „Collider“ eine stärkere Sogwirkung. Und irgendwann folgst du HEADS. gerne in ihre triste, graugefilterte Welt der Desillusion. Dann weicht die Mauer, die anfängliche Distanz löst sich auf in Nähe – und „Collider“ begeistert.

Time, The Valuator – How Fleeting, How Fragile

Das deutsche Quartett TIME, THE VALUATOR versteht sich als vielversprechender neuer Act in der modernen Rock-Sphäre. Die Musiker konnten bereits Erfahrungen bei Bands wie Tracy Ate A Bug, Neberu, Volumes, Estates oder Miles Beneath sammeln. Für das Debüt „How Fleeting, How Fragile“ 12 Tracks zusammengetragen, die mit Elementen aus Progressive Rock, Djent, Alternative Rock und Pop Genregrenzen sprengen möchten. Sänger Phil Bayer und Gitarrist Rene Möllenbeck sagen dazu: „Time, The Valuator streben danach, etwas zu schaffen an das man sich erinnert.“

Der Longplayer startet mit „Terminus“ in einer sehr gelungenen Mischung aus energiegeladenen und sphärisch-entspannten Anteilen. Vor allem die Vocals von Phil Bayer überzeugen mit ihrer Intensität zwischen Melodik und Wut. Variabel zeigt sich der Frontmann aber auch im weiteren Verlauf, so lässt er beispielsweise an Rap erinnernde Parts einfließen („The Violent Sound“). Ein Großteil des Albums lädt eher zum verwegenen Träumen ein, aber kurze brachialere Momentaufnahmen sind ebenfalls vorzufinden. Die Mischung aus beiden Bereichen ist durchaus nahezu perfekt gelungen.

Musikalisch bewegen sich TIME, THE VALUATOR im progressiven Alternative Rock, der marginale Ausflüge in den Core-Bereich zulässt. Damit erinnern sie stark an die Franzosen Novelists, deren Frontmann Matteo Gelsomino auch einen Gastauftritt hat („Fugitive“). Der Titel schwingt sich durch ebendiesen mit Leichtigkeit zum Besten empor, was „How Fleeting, How Fragile“ zu bieten hat. „Cloud City“ besticht durch seine Klaviermelodie, während in „Heritage“ ein jazziges Piano ans Gehör dringt.

Ein flüchtiger Moment ist „How Fleeting, How Fragile“ nicht geworden, dafür agieren TIME, THE VALUATOR zu atmosphärisch dicht und mit entsprechender intensiv-emotionaler Herangehensweise. Fragil ist das Songkonstrukt durch die oftmals zerbrechlich scheinenden Vocals und die seichten Gitarrenläufe dafür umso mehr. Wer leicht progressiv angehauchten Alternative Rock mag, der kann mit diesem Debüt durchaus zufrieden sein. Mit mehr Mut zu genrefremden Einflüssen könnte noch etwas mehr aus dem Grundkonstrukt herausgeholt werden. TIME, THE VALUATOR sind aktuell dennoch einer der spannendsten Newcomer in Sachen Rock aus Deutschland.