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Peter Wolff – Repeat

„We Destroy Lines Growing Circles“ – die fünf Songtitel auf PETER WOLFFS Solo-Debüt ergeben aneinandergereiht diesen mysteriösen Satz, dessen Bedeutung uns wohl verschlossen bleiben wird – aber es handelt sich bei „Repeat“ um musikalische Trauerarbeit, mit der WOLFF den Verlust eines ihm nahestehenden Menschen aufgearbeitet hat. Mit seinem Vorleben als Gitarrist in der Sludge-Doom-Post-Black-Metal-Band Downfall Of Gaia hat das Album aber definitiv nichts mehr zu tun, im Gegenteil: Er hätte sich kaum weiter von seinem bisherigen Schaffen entfernen können.

Neo- oder Modern-Classic sind Schlagworte, die dem Zuhörer beim Anhören von „Repeat“ in den Sinn kommen. Das dominierende, über allem stehende Instrument auf der Platte ist zweifelsfrei das Piano, mit sattem Frequenzspektrum und merklich Raum aufgenommen. Die gespielten Melodien sind minimalistisch, repetitiv, aber ungemein atmosphärisch und in vielen Fällen berührend. Ergänzt werden sie durch verschiedenste, eher oldschool anmutende Synthesizer-Flächen, -Bässe oder Modulationen, weitere Naturinstrumente wie Gitarren oder Schlagzeug sucht man hier allerdings vergeblich (auch wenn „Growing“ eine Art Percussionspur bietet). Eine bedrohliche Stimmung scheint über allem zu liegen und über die 35 Minuten Spielzeit greifbarer zu werden. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die nicht song-, sondern eher soundtrack-artige Arrangementarbeit von PETER WOLFF massiv – obwohl auch immer wieder Passagen völliger Stille in den Tracks auftauchen und einen regelrecht die Luft anhalten lassen, da man weiß, dass etwas unangenehm Intensives folgen könnte. Jede Note, jede Pause, jede Kleinigkeit hat ihren festen, sorgfältig ausgewählten Platz innerhalb des musikalischen Gefüges. Der Einsatz von Field Recordings („We“), wohl Stadtgeräusche, unterstreicht dabei den filmischen Aspekt der Stücke weiter.

„Repeat“ könnte problemos Bestandteil der Filmmusik eines weiteren Blade-Runner-Teils sein, klingt dabei jedoch ohne Frage zeitloser als die ursprünglichen Synthesizer-Kompositionen von Vangelis. Ambient im besten Sinne. Vergleiche mit Max Richter oder auch Trent Reznors Soundtrackarbeit bieten sich ebenfalls an, zumal auch letztere Werke oft auf minimalistischen, sich wiederholenden Piano-Phrasen basieren, die zur rechten Zeit durch manchmal regelrecht schräge, elektronische Elemente ergänzt werden. Nicht unbedingt virtuos – aber darum geht es hier auch nicht. So spricht PETER WOLFFS Album durchaus Nine-Inch-Nails-Fans an, während auch das Bohren und der Club of Gore wohlgesonnene Gehör daran Freude finden könnte. Zum Nebenbeihören ist „Repeat“ aber in den meisten Lebenssituationen wohl zu sperrig – außer, man spürt wirklich gar nichts mehr.

 

Martyria – Martyria

Obwohl man leicht auf die Idee kommen könnte, hat Metal keineswegs ein Monopol auf obskure Musik aus dem Underground. In Sachen Geheimniskrämerei könnten sich viele Black-Metal-Kapellen etwa einiges von dem griechischen Ambient-Projekt MARTYRIA abschauen. Mit seinem selbstbetitelten Debüt erscheint das verschiedengeschlechtliche Duo wie aus dem Nichts auf der weltmusikalischen Bildfläche und regt damit sowohl personell als auch thematisch Assoziationen zu den Prophecy-Wunderkindern Noêta an. Obwohl sich durchaus stilistische Gemeinsamkeiten finden lassen, sollte man die beiden Musikgruppen jedoch auf keinen Fall in einem Topf werfen.

Auch Verehrer von „Beyond Life And Death“ sollten es sich besser zweimal überlegen, ob sie sich ebenfalls das Erstlingswerk von MARTYRIA zulegen. Während nämlich Noêta trotz ihrer atmosphärischen Tiefe vergleichsweise leicht zugängliche, mit einer bekömmlichen Menge Neofolk angereicherte Musik kreieren, gehen MARTYRIA ohne Umwege den Pfad des Ambient. Auf „Martyria“ gibt es dementsprechend keine packenden oder ergreifenden Melodien und schon gar kein Strophe-Refrain-Schema, sondern ausschließlich sphärische Klangflächen und minimalistische Perkussionen, die im Zusammenspiel eine einlullende Wirkung entfalten sollen.

Der Opener „Logos“, auf dem sich MARTYRIA gänzlich auf das geisterhafte Zusammenspiel der männlichen und weiblichen Vocals verlassen und diese nur spärlich mit raschelnden Rhythmen unterlegen, lässt sofort an Noêtas „Beyond Life“ zurückdenken. Völlig anders, aber in ähnlichem Maße einnehmend gestaltet sich das nachfolgende „Pneuma“, das mit einem seltsam kehligen, an ein Didgeridoo erinnernden Dröhnen, dezenten Glocken und einer Maultrommel geradezu hypnotisierend wirkt.

Unglücklicherweise nimmt die Faszination, die man beim Hören von „Martyria“ empfindet, mit der Zeit stetig ab. Der fast schon unheimliche Gesang, der den Eröffnungstrack prägt, kommt immer seltener zum Einsatz und die Klangräume werden zunehmend leerer, sodass einige Abschnitte lediglich aus der immergleichen Perkussion oder einem einzigen langgezogenen Ton bestehen. Selbst routinierten Ambient-Hörern machen es MARTYRIA somit wohl nicht leicht, ihnen ohne gedankliches Abschweifen aufmerksam zuzuhören.

Was MARTYRIA auf ihrem ominösen ersten Album geschaffen haben, hat gewiss einiges an Beachtung verdient. Die bloße Vorstellung, man erkunde zu den finsteren Klängen dieser Platte ein unterirdisches Grabmal, sollte schauderhaft genug sein, um der Hörerschaft einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. In einem herkömmlicheren Setting tut sich jedoch vor allem im späteren Mittelteil des Albums zu wenig, um die anfangs noch fesselnde Sogkraft der Musik aufrechtzuerhalten. Insbesondere ihre gespenstischen Stimmen sollten die beiden Musiker/innen in Zukunft noch prägnanter einsetzen – dann sollte einem atmosphärischen Opus Magnum nichts mehr im Weg stehen.

Bardspec – Hydrogen

Ivar Bjørnson ist mehr als nur der Gitarrist und beisteuernde Gesang bei Enslaved, der Norweger ist neben Einar Selvik (Wardruna) ebenso die treibende Kraft hinter dem gemeinsamen Projekt der beiden und nun auch das alleinige Mastermind seines Ambient-Projektes BARDSPEC. Fernab des progressiven Viking-/Black-Metal-Gemischs seiner Hauptband und ebenso weit entfernt vom Neofolk-lastigen Nebenprojekt mit Selvik zeigt BARDSPEC eine Seite am Musiker Bjørnson, die nirgendwo anders zu Tage treten kann. Folgerichtig liegt mit „Hydrogen“ das Debüt eines Projektes vor, welches das realisieren soll, was in keine andere seiner aktuellen Bands passt und dennoch zu schade ist, um ungehört zu bleiben.

BARDSPEC ist neben Godflesh-Mitbegründer Justin K. Broadricks Projekt Jesu ein weiterer Beweis dafür, dass auch den Metal-Musikern ambiente Kompositionen durch den Kopf schweben, die nicht konträrer zu dem sein könnten, womit ihr Name vordergründing in Verbindung gebracht wird. Ist es bei Jesu die träumerische Melodik, die nicht nur Godflesh-Fans erstaunt, so ist es bei BARDSPEC eine fragile Klanglandschaft, die Bjørnson minimalistisch arrangiert.

Die sechs Tracks funktionieren in ihrer Summe, jedoch nicht als einzelne Teile, denn der Zauber von „Hydrogen“ entfaltet sich ausschließlich im Ganzen – und als solches ist BARDSPEC wohl auch zu verstehen, als eine Atmosphäre, nicht etwa als ein Hit-Produzent. Eine Atmosphäre, die sich auf knapp 55 Minuten Spielzeit erstreckt und es durchgängig schafft, irgendwie meditativ, mitunter hypnotisch, besonders aber einnehmend auf den Hörer zu wirken.

Seine geliebte Gitarre legt Bjørnson dabei nicht zur Seite, sondern schenkt ihr auch auf „Hydrogen“ genügend Raum zur Entfaltung. Im Gegensatz zur ihrer Verwendung bei Enslaved findet sie bei dem rein instrumentalen BARDSPEC ihren Platz als Stilmittel, welches die sich lang erstreckenden Melodie-Teppiche kreiert. Kein Riff, kein Akkord dröhnt aus der Gitarre, sondern ausschließlich Töne, die dem Elektronischen in den Songs noch mehr Tiefe verleihen. Ein wenig blitzt der Vergleich mit den modernen Ulver hervor, allerdings kann er sich nicht lange halten, da BARDSPEC reduzierter in der Komposition und nicht so fokussiert melodisch arbeiten, wie es die Herren um Garm tun.

Ivar Bjørnson, ein Musiker voller Überraschungen. Mit seinem Ambient-Projekt fügt er seinem musikalischen Schaffen eine Nuance hinzu, die den Überraschungsmoment völlig auf ihrer Seite hat. Verfliegt dieser, schaffen es BARDSPEC allerdings auf Anhieb, auch mit ihren verträumt-atmosphärischen Stücken für positive Verwunderung zu sorgen. Für vielseitig interessierte Hörer und Freunde des ambienten Flairs ist „Hydrogen“ eine fesselnde Entdeckung, der man schnell und lang verfällt.

Laibach – Also sprach Zarathustra

LAIBACH gelten lange schon als die Band für die skurrilen Aktionen: Ob nun die eigenwillige Interpretation von Landeshymnen („Volk“) und Welthits („NATO“), der Soundtrack zur Mond-Nazi-Kommödie „Iron Sky“ oder die etwas andere Umsetzung des Musicals „Sound Of Music“ zum nordkoreanischen Liberation Day in Pjönjang – bei LAIBACH muss man mit allem rechnen. Nun nehmen sich die Slovenen also Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ vor, warum auch nicht.

Entstanden ist das schlicht unter dem Titel des Nietzsche-Klassikers veröffentlichte Material als musikalische Untermalung einer Theateradaption des Stückes durch das Anton Podbevšek Teater, die im März 2017 im slowenischen Novo Mesto Premiere feierte. Doch was als Begleitmusik zu einem Theaterstück funktionieren mag, funktioniert isoliert gehört noch lange nicht. Was LAIBACH dem Hörer hier zu bieten haben, ist mitnichten mit ihrem letzten Werk „Spectre“ zu vergleichen.

Statt auskomponierten Rock-Songs gibt es diesmal eher Soundkollagen, die im schlechtesten Sinne ganz nach Theater klingen: Gewollt improvisiert, pseudokreativ und schlussendlich verkünstelt. Synthesizer wabern durch den Raum, dazwischen schlagen zur groben Rhythmisierung Geräusche aus der Kategorie Industrial / Fabriklärm. Was zu Beginn („Die Unschuld I“) durchaus noch etwas hermacht, klingt im weiteren Verlauf des Werkes bald ziellos und schlichtweg langweilig.

Der Textanteil ist dabei auf wenige Phrasen heruntergebrochen, die teilweise in ihrer kontextfreien Absurdität an das Metallica-Lou-Reed-Projekt „Lulu“ denken lassen. Etwa, wenn LAIBACH-Fronter Milan Fras stumpf und immer wieder in gebrochenem Deutsch „Ich bin ein Verkundiger“ proklamiert. Auch das ist bei der Größe der literarischen Vorlage eine herbe Enttäuschung. Etwas mehr Eigenständigkeit beim veröffentlichten LAIBACH-Werk gegenüber der reinen Theaterstück-Begleitung wäre doch wünschenswert gewesen. Nicht zuletzt, da der Gesang von Milan Fras und Mina Špiler einen Großteil des Wiedererkennungswertes im ansonsten sehr vielseitigen LAIBACH-Kontextes ausmacht.

Statt dessen schnarchen LAIBACH dem Hörer in „Schlaflied III“ knapp vier Minuten lang etwas vor. Mag das auch noch so gut zum Konzept passen – als „Musik“ ist es eine Attacke auf den gesunden Geist.

Im Kontext der Bühnenaufführung mag die Musik von LAIBACH absolut stimmig gewesen sein – ohne das Stück vor Augen zu haben, ist LAIBACHs Soundtrack „Also sprach Zarathustra“ jedoch vollkommen witzlos. Mit LAIBACH, wie man sie zuletzt auf „Spectre“ zu hören bekam, aber auch mit den kontrovers diskutierten frühen Werken der Band ist diese CD nicht zu vergleichen.

Vielmehr betreiben die Slovenen mit der Veröffentlichung der als Begleitmusik zum Theaterstück produzierten Stücke als „Album“ schlichtweg Resteverwertung. In der Folge ist „Also sprach Zarathustra“ leider nicht mehr als eine Sammlung höhepunktsloser Ambient-Nummern, die nahezu sämtliche Trademarks der Band missen lassen, ohne – wie es dem Vorgänger „Spectre“ gelungen war – dafür neue einzuführen. Enttäuschend? Ja. Überraschend? Nein. Bei LAIBACH muss man eben wirklich mit allem rechnen.

Zu – Jhator

Wenn eine Band sich für ihr neues Album von tibetanischen Begräbnisritualen inspirieren lässt, zieht man mindestens eine Augenbraue nach oben. Meistens erliegen derartige Experimente der Gefahr, in esoterischen Quatsch auszuarten. Wenn diese Band allerdings ZU ist, die sich bereits mehr als zwanzig Jahre lang in quasi allen härteren und ruhigeren Genres ausgetobt hat, weicht die Skepsis schnell dem Interesse. Was die Italiener mit „Jhator“ vorlegen, ist auf der einen Seite eine metaphysische und stellenweise cineastisch wirkende musikalische Reise durch endlose Klangflächen. Auf der anderen Seite erforschen sie die kühlen, dennoch melancholischen Weiten einer übertechnologisierten Zukunft.

Die 43 Minuten Spielzeit von „Jhator“ teilen ZU auf zwei Stücke auf, die beide bewusst diffus strukturiert sind. „A Sky Burial“ beginnt nach einigen Gongschlägen mit einer Mischung aus Vogelgesang und Insektenschwirren, das von Schalmei-Klängen begleitet wird. Die asiatischen Melodien und Harmonien sind von bassigem Vibrieren unterlegt, was für eine atmosphärische, grenzenlose Stimmung sorgt. Schicht für Schicht wird auf- und abgetragen, scheinbare Strukturen in endlose Flächen aufgelöst und melancholische Sehnsucht mit innerer Ruhe vermengt. Nach gut 15 Minuten führen ZU diese Fäden zusammen: Eine repetitive Gitarrenmelodie trifft auf düstere Cello- und Klaviertöne, die von einem verschleppten Schlagzeug unterstützt werden. Hier erinnern ZU an Bands wie Earth und transportieren die Stimmung atmosphärischer Crust-Punk-Alben.

Mit „The Dawning Moon Of Mind“ driften ZU von dieser ruhigen, beruhigenden Stimmung in bedrückende, sperrige Dimensionen ab. Auch wenn das zweite Stück auf „Jhator“ seine Momente besitzt, können ZU mit diesem Wechsel das sehr hohe Niveau nicht ganz aufrechterhalten. Zunächst melodische, dann dissonante Akustikgitarrentöne werden von tiefen, bedrohlichen Bässen begleitet. Elektronisches Zirpen und Kratzen mischt sich in die Musik, die von Glitches und kaltem Pfeifen unterstützt werden. Synthesizer zeichnen das Bild einer trostlosen, neonfarbenen, kalten Stadt, die trotz ihrer endlosen Bauten nahezu klaustrophobisch wirkt, was durch arhythmische Beckenschläge unterstützt wird. In der zweiten Hälfte versinkt das Lied allmählich in den Tiefen des Meeres, bevor Streicher eine melancholische, neoklassische Stimmung erzeugen, die immer wieder von statischem Rauschen verschluckt wird und schließlich vom Wind verweht wird.

„Jhator“ ist ein eindringliches, zunächst beruhigendes, dann düsteres und fast schon verstörendes Album. Zwischen Ambient und Drone erzeugen ZU ein Werk, das atmosphärisch betäubend und außerweltlich wirkt. Der bewusste Bruch zur Mitte des Albums geht leider auch mit einem Abfall in der Qualität der Musik einher, ohne dabei zu enttäuschen. Es wird spannend sein zu verfolgen, wohin ZU ihre musikalische Reise in der Zukunft treiben wird.

Demen – Nektyr

Eine kryptische Mail mit ein paar Hörproben, dann wochenlange Funkstille und schließlich eine weitere kurze Mail, diesmal mit einem Namen: Irma Orm. So nahm die Zusammenarbeit zwischen DEMEN – dem Ambient-Projekt der besagten schwedischen Dame – und dem Recordlabel Kranky seinen Anfang. So rätselhaft und gerade noch auf das Nötigste reduziert wie seine rätselhafte Entstehungsgeschichte ist auch die Musik, der man nun auf dem Debütalbum „Nektyr“ lauschen kann. Ungefähr 35 Minuten lang hält DEMEN den Hörer darauf in einem düsteren Raum mit Wänden aus sphärischem Gesang und mysteriösen Keyboards gefangen, von dem man sich schon vorab anhand des Artworks ein Bild machen kann.

Ebenjene „Wände“ sollte man sich jedoch nicht etwa als undurchdringliche Betonwälle vorstellen, die oft als Metapher für Death oder Doom Metal herhalten, sondern vielmehr als dunkel gefärbte Glasscheiben, die den Anschein von Transparenz erwecken, sich aber doch nicht durchschauen lassen. Die Klänge, die Irma mit ihrer Stimme und ihren Keyboardkünsten kreiert, sind nämlich alles andere als greifbar. Melodien werden bei DEMEN nur sehr spärlich eingesetzt, die mitunter sogar recht langen Tracks kommen über weite Strecken instrumental daher und die Räume zwischen den Tönen sind oft leer wie ein Vakuum. Das macht es zum Teil etwas schwer, sich ganz in die Klangwelt fallen zu lassen, die die geheimnisvolle Schwedin mit ihren minimalistischen Kompositionen erschafft, da man sich gewissermaßen nirgends festhalten kann („Korridorer“).
Gerade das kurze „Mea“, in dem die verwaschenen, stimmungsvollen Keyboards einfach den Gesangslinien folgen, zeigt, dass die glasklaren und doch geisterhaften, mit viel Hall unterlegten Vocals die Songs an vielen Stellen zugänglicher gestalten hätten können, ohne dabei der mystischen Stimmung in die Quere zu kommen. Doch auch so entfaltet das Debüt von DEMEN nach mehrmaligem Hören eine wesentlich eindringlichere Wirkung als man es zu Beginn vielleicht vermuten würde.
Tatsächlich prägen sich mit der Zeit immer mehr Passagen ein, so zum Beispiel der Rhythmuswechsel im späteren Verlauf des Neunminüters „Morgon“, bei dem die sonst eher gemäßigte Perkussion im Hintergrund unerwartet an Kraft gewinnt und mysteriöser, wortloser Gesang über die flächigen Keyboards hinwegschwebt. Trotz der Monotonie innerhalb der einzelnen Tracks, kann man sie jeweils klar voneinander unterscheiden, das Album aber dennoch als stimmiges Ganzes betrachten.

„Nektyr“ ist definitiv kein Easy-Listening, gerade wegen seiner reduzierten Instrumentalisierung muss man der Platte einiges an Aufmerksamkeit widmen, um sie würdigen zu können und selbst dann verbleiben einige Stellen weiterhin in gewisser Weise verschlossen. Nichtsdestotrotz baut sich mit zunehmendem Hören eine eigentümliche Faszination auf, denn atmosphärisch ist die fließend zwischen hell und dunkel wechselnde Musik von DEMEN auf jeden Fall. Wer beklemmendem Ambient grundsätzlich etwas abgewinnen kann und kein Problem damit hat, sich in der Leere zwischen den Noten zu verlieren, der dürfte in „Nektyr“ ein neues Kleinod für seine Sammlung finden.

Richard Barbieri – Planets + Persona

Von den vielen Musikprojekten, bei denen RICHARD BARBIERI bereits erfolgreich mitgewirkt hat, sollten vor allem Porcupine Tree auch Metal-Fans ein Begriff sein. Doch obwohl er den Sound ebenjener Prog-Institution entscheidend mitgeprägt hat, verwirklichte sich der talentierte Keyboarder darüber hinaus in seiner Soloarbeit. Neun Jahre nach „Stranger Inside“ legt RICHARD BARBIERI nun mit „Planets + Persona“ das dritte Album unter eigenem Namen vor. Wer dabei mit zwar kreativen, aber letztlich stets leicht verträglichen Songs wie bei Porcupine Tree rechnet, der sollte vorsichtig sein – Kategorisierungen wie Ambient, Electro und Experimental kommen nämlich nicht von ungefähr.

„Planets + Persona“ beinhaltet (abgesehen von einigen verschrobenen, unverständlichen Sprach-Samples) keinerlei Vocals und auch einprägsame, fesselnde Melodien sind hier Mangelware. Stattdessen eröffnet und beendet RICHARD BARBIERI seine knapp einstündige dritte Platte mit seltsam abgehackten, schneidenden Perkussionen, beklemmenden Electro-Sounds und extrem minimalistischem Piano. Zwischen „Solar Sea“ und „Solar Storm“, die mit ihrer kompromisslos experimentellen Herangehensweise leider eher irritieren denn faszinieren, finden sich doch hin und wieder ein paar Stellen, die selbst ungeübten Hörern im Gedächtnis bleiben dürften.
„Planets + Persona“ besteht nämlich nicht nur aus eigenartigen, rhythmischen Geräuschen wie Klappern, Kratzen und Klopfen sowie sphärischen, mal düsteren („Night Of The Hunter“), dann wieder hell schimmernden („Shafts Of Light“) Keyboardflächen. Der Hauptgrund dafür ist, dass RICHARD BARBIERI in seinen Ambitionen von einigen Gastmusikern unterstützt wird, die das Album mit ihren Instrumenten um einige Facetten bereichern. In nahezu jedem Track sorgen geschmeidig-jazzige Saxophoneinlagen für beruhigende Stimmung, „New Found Land“ strahlt mit seinen gefühlvollen Streichern und Akustikgitarren ein hoffnungsvolles, akustisches Licht aus, während ebenjene Stilmittel zu Beginn von „Night Of The Hunter“ quirlige Neugierde ausdrücken.
Dass neben den Keyboardkünsten von RICHARD BARBIERI auch analoge, zum Teil fast schon improvisiert wirkende Instrumente zum Einsatz kommen, resultiert in Kombination mit der sehr natürlichen Produktion in einem angenehm organischen Sound, der gerade im Ambient so nicht selbstverständlich ist. Dennoch bleibt „Planets + Persona“ über weite Strecken eine ziemlich schwer zu erfassende Angelegenheit.

Die Arrangements, die RICHARD BARBIERI nun schon zum dritten Mal erdacht hat, sind natürlich sehr atmosphärisch, keine Frage. Zum Teil fühlt man sich tatsächlich in einen überwiegend hellen Raum mit einigen dunklen Ecken versetzt, der in Form des Artworks äußerst treffend visualisiert wird. Diesen Raum hätte RICHARD BARBIERI jedoch lieber noch etwas mehr füllen sollen, denn die meisten der überwiegend langen Songs wirken etwas leer und dadurch im übertragenen Sinne nicht gerade einladend. So hinterlässt das musikalisch reduzierte Full-Length zwar einen interessanten Eindruck, für ein erleuchtendes, fesselndes und sich einprägendes Hörerlebnis reicht es allerdings nicht.

Random Forest – Panoramic

Wieder einmal sind es Aaron Gilbert und David Walters, die gemeinsam als RANDOM FOREST mit einer vier Songs starken EP aufhorchen lassen. „Panoramic“ ist abermals lupenreiner Ambient, gepaart mit Post-Rock-Elementen und thematisiert in knapp 16 Minuten auf instrumentale Weise Geschichten rund um das Panorama, das uns allgegenwärtig umgibt und lädt auch zu gedanklichen Höhenflügen ein.

„The Great Plains“ startet entsprechend dezent und lässt die Gedanken jenseits vom Alltag in die Ebenen des Planeten Erde schweifen. In dezenter Schlagzeugarbeit manifestiert sich ein Post-Rock-Einschlag, der aber niemals die großartigen Melodien überlagert. Im Titelsong „Panoramic“ gehen RANDOM FOREST andere Wege und setzen auf kraftvolle Drums und Gitarren, die sich mit den Keyboard- und Synthesizer-Flächen in wahnwitzige Höhen schrauben. So entsteht das Kopfkino eines Fliegers, der in rasantem Tempo immer höher steigt und in Windeseile diese Welt hinter sich lässt, um deren Schönheit aus der Vogelperspektive zu betrachten. Dagegen startet „Manitoba“, benannt nach der östlichsten Prärieprovinz Kanadas, mit klaren Gitarrenmelodien, die sich zunehmend mit Klavier und Schlagzeug vermischen, bevor sie nach einem entschleunigten Moment fast komplett in den Hintergrund verschwinden und somit für die weitläufigen Klangsphären Platz schaffen, die RANDOM FOREST zu dem besonderen Musikprojekt machen, das es ist. Auch „To The Vanishing Point“ bedient sich vorrangig an dieser Herangehensweise, hat aber passenderweise als Abschlussstück auch eine melancholische und wehmütige Seite inne. Somit nähert man sich immer weiter dem Fluchtpunkt, der langsam alles Irdische verschwimmen lässt und einen leider auch relativ abrupt in die Realität entlässt.

Inspiriert von der Schönheit der Natur, die überall um uns herum ist, haben Aaron Gilbert und David Walters als RANDOM FOREST bereits zum vierten Mal ein starkes Ausrufezeichen im Bereich Ambient mit Post-Rock-Einflüssen kreiert. „Panoramic“ nimmt einen auf eine Reise Richtung Himmel mit und liefert einen leider relativ schnell wieder am Boden ab. Langsam wird es Zeit für das Debütalbum des britischen Projekts, das definitiv über genügend Ideenreichtum und Klasse verfügt, um den Hörer auch über eine längere Zeit interessiert lauschen zu lassen.