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Nine Inch Nails – Ghosts VI: Locusts

„Ghosts VI: Locusts“ ist der sechste Teil der 2008 von NINE INCH NAILS gestarteten Soundtrack-für-einen-Film-den-es-nie-gegeben-hat-Reihe „Ghosts“ und wurde am selben Tag wie „Ghosts V: Together“ ohne Vorankündigung kostenlos als Download veröffentlicht – Musik als verbindendes Element und Selbsttherapie im Zeitalter von Corona und Ausgangsbeschränkungen. „Music – whether listening to it, thinking about it or creating it – has always been the thing that helped us get through anything – good or bad. With that in mind, we decided to burn the midnight oil and complete these new Ghosts records as a means of staying somewhat sane“, schreiben Trent Reznor und Atticus Ross dazu in den Release-Notes. Ein durchaus nachvollziehbarer Ansatz.

Im Vergleich zu „Ghosts V: Together“ schlägt der sechste Teil dabei weniger versöhnliche Töne an, schon nach wenigen Takten ist klar, dass sich „Ghosts VI: Locusts“ prima als Soundtrack eines Horror- oder Psycho-Thrillers machen würde. Die Grundzutaten sind bei beiden Alben weitestgehend identisch: Piano und Synthesizer dominieren das Klangbild, hier allerdings auch mal von  einer traurigen Jazztrompete und noisigen Gitarrendrones („Around Every Corner“) oder groovigen Drums („Run Like Hell“) unterstützt, was in Sachen Spannung einen Riesenunterschied zum Schwesteralbum ausmacht.

„Ghosts VI: Locusts“ bietet von ruhigen Piano- und Synthesizerklängen („Trust Fades“) bis hin zu verzerrten Noise-Eskapaden („Almost Dawn“) eine hohe Bandbreite an Soundlandschaften und zeigt sich damit deutlich abwechslungsreicher als „Ghosts V“ – und schlägt dabei stilistisch eher in die Kerbe der ersten vier Teile bzw. „regulärer“ NINE-INCH-NAILS-Alben. Im Gegensatz zu „Together“ klingt „Locusts“ durch seine melodischen Strukturen und das Sounddesign über weite Strecken sehr bedrohlich und ist so sicher nicht für jedermann der geeignete Soundtrack für ein gutes Buch bei einem Glas Wein.

„Ghosts VI: Locusts“ fordert mit seiner beklemmenden Atmosphäre mehr Aufmerksamkeit vom Zuhörer als Teil fünf, macht dadurch als Album aber auch mehr Spaß. Ein Schrittchen näher an „The Slip„, „The Bad Witch“ oder sogar „The Fragile“ dran, liegt der Vergleich zu den Soundtrackarbeiten von Reznor und Ross, wie auch schon bei „Ghosts V: Together„, trotzdem näher. Eben doch mehr Ambient als Industrial(-Rock). NINE-INCH-NAILS-Fans wird und soll das nicht abschrecken und Filmmusik-Freunde dürfen auch gefahrlos ein Ohr riskieren.

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Nine Inch Nails ‎– Ghosts V: Together

Zwölf Jahre ist es her, seit Trent Reznor mit seinem damals noch neuen Weggfährten Atticus Ross den Soundtrack für einen Film veröffentlicht hat, der nie gedreht worden ist: Das Doppelalbum „Ghosts I-IV“ beinhaltete 36 instrumentale, lediglich durchnummerierte Musikstücke, die nur selten klassischen Songstrukturen folgten – aber ohne Frage in jeder Sekunde nach NINE INCH NAILS klangen. Ein ungewöhnliches Werk, quasi Reznors und Ross‘ erster gemeinsamer Ausflug in die Welt der „klassischen“ Filmmusik (ersterer bereits vorbelastet durch die Arbeit an den Compilation-Soundtracks für Oliver Stones „Natural Born Killers“ und David Lynchs „Lost Highway“). 2020 veröffentlichen die beiden aus dem Nichts den fünften und sechsten Teil der Reihe als kostenlosen Download – zwei außerordentlich gegensätzliche Werke, wie schon nach den ersten Sekunden klar ist.

„‚Ghosts V: Together‘ is for when things seem like it might all be okay, and „Ghosts VI: Locusts„… well, you’ll figure it out“, schreiben Reznor und Ross in die Release-Notes und nehmen direkten Bezug auf die Corona-Krise. Und ja, „Ghosts V: Together“ ist dabei definitiv das positivere Werk. Analog anmutende, warme Synthesizerflächen und in Watte gepackte Pianoklänge lullen den Zuhörer sofort ein. Die Arrangements bauen dabei zumeist auf sich steigernde Wiederholungen auf. Gab es auf den ersten vier Teilen noch vereinzelte Industrial-Ausbrüche, sucht man Schlagzeug oder Gitarren auf „Ghosts V: Together“, zumindest bis Minute 63, vergeblich: Erst in „Still Right Here“ gibt es einen offensiv elektronischen Beat und verzerrte Gitarren auf die Ohren, ein schönes Finale, soundästhetisch sofort als NINE INCH NAILS erkennbar.

Der Ambient-Charakter macht das 70 Minuten lange Album ein bisschen gleichförmig, allerdings sind nach einigen Durchläufen durchaus musikalische Perlen wie „Your Touch“ erkennbar. Vermutlich hätte eine Gesamtlänge von unter einer Stunde „Ghosts V: Together“ im Hinblick auf Spannung und Abwechslung ganz gut zu Gesicht gestanden. Die Produktion ist typisch Reznor/Ross, die wie so oft das Kunststück vollbringen, die Musikstücke in einem warmen und gleichzeitig kaltem Glanz erstrahlen zu lassen. Irgendwie schön, aber trotzdem richten sich bei manchen Passagen die Nackenhaare auf – was ja auch schon irgendwie ein Qualitätsmerkmal ist.

„Ghosts V: Together“ ist kein klassisches NINE-INCH-NAILS-Album, sondern eher in der Tradition von Reznors Soundtrackarbeiten wie „Before The Flood“ oder „The Social Network“ zu betrachten. Kein Industrial, kein Synth-Pop, sondern ein Soundtrack – bestens geeignet für einen gemütlichen Abend mit einem Gläschen Rotwein und einem guten Buch. Für lau eigentlich ein No-Brainer für Freunde entspannter elektronischer Klänge und Filmmusik ganz allgemein.

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Nine Inch Nails – Ghosts I-IV

Innerhalb von drei Monaten nahm NINE-INCH-NAILS-Mastermind Trent Reznor gemeinsam mit seiner rechten Hand Atticus Ross eine Art Kompilation instrumentaler Stücke auf, die im März 2008 unter dem recht unspektakulären Titel „Ghosts I-IV“ auf den Markt gekommen sind.

Der Kontrast zwischen dem, was die beteiligten Musiker in ihrer Vergangenheit für Arbeiten veröffentlichten und wie die vier einzelnen „Ghosts“ klingen, könnte größer kaum sein: Mit Alan Moulder holten sich NINE INCH NAILS den Produzenten von Marilyn Mansons Debüt „Portrait Of An American Family“ (1995) an Bord, mit Adrian Belew den Sänger und Gitarristen der Prog-Rock-Giganten King Crimson und mit Brian Viglione den Schlagzeuger der Punk-Kabarett-Gruppe The Dresden Dolls.

„Ghosts I-IV“ klingt allerdings an keiner Stelle auch nur ansatzweise nach einer der genannten Bands, geschweige denn ist das Sammelsurium von insgesamt 36 Songs ähnlich zu dem, was NINE INCH NAILS bisher unters Industrial liebende Volk brachten.

„Ghosts I“
Während es sich bei den ersten beiden Tracks noch um verträumte, sehr ruhige Songs handelt, gesellen sich bei dem dritten Lied ein wenig mehr Tonspuren dazu und in Song Nummer vier sogar die obligatorische Gitarre. In Zusammenspiel mit dem fünften Song entsteht auf „Ghosts I“ erstmalig ein gewisser Nine-Inch-Nails-Flair, wenn auch eher minimalistisch als eindeutig.

Letzteres gelingt NINE INCH NAILS erst mit Song Nummer acht, der am ehesten dem nahe kommt, wofür Reznors Herzensprojekt zuletzt stand. Die restlichen Tracks hingegen sind klassische, ruhige Ambient-Nummern, dich sich zum easy listening hervorragend eignen, aber nicht charakterstark genug sind, um in Erinnerung zu bleiben.

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„Ghosts II“
Während die ersten neun Songs größtenteils nur zaghaft ihren Weg aus den Lautsprechern fanden, werden NINE INCH NAILS mit dem zweiten Teil der „Ghosts“-Reihe ein wenig kantiger – ein klein wenig. Ein stimmungsvolles Klavier, düstere Loops: Es scheint, als sei „Ghosts II“ der böse Zwilling seines Vorgängers.

Das Klavier zieht sich auch durch die nächsten Tracks und bietet somit den Wiedererkennungswert, den „Ghosts I“ hat vermissen lassen. Holt Reznor wie in Track zwölf noch seine Gitarre heraus, wird das Ambient-Projekt düsterer als auf den ersten neun Songs.

Mit dem 14. Lied kommt (endlich!) Melodik ins Spiel; ein cooler Track, der zwar ebenfalls so minimalistisch gehalten wurde wie die Songs zuvor, aber einem kreativen Songaufbau verdächtig nahe kommt. Nachdem Track Nummer 15 locker aus einem Steam-Punk-Spiel stammen könnte, wandeln NINE INCH NAILS mit dem 16. Song auf den Arcade-Sound-Spuren, die seit jeher gerne für Remixe verwendet werden.

Nach dem sich langsam aufbauenden, einen deutlichen Interlude-Charakter besitzenden Lied 17 bricht mit dem 18. Track das Finale von „Ghosts II“ an; dem Teil der Kompilation, der nicht grundlegend anders ist als „Ghosts I“, aber dennoch facettenreicher.

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„Ghosts III“
Finally, Industrial is back! Und nicht nur das, auch in puncto Rhythmik schlagen NINE INCH NAILS wortwörtlich neue Töne an. Während sich der 20. Track als erste der 36 Nummern mit Steigerung herauskristallisiert, wartet der 21. Song mit einer coolen Dynamik auf – „Ghosts III“ liefert im ersten Drittel mehr ab als „Ghosts I“ in Summe.

Auch auf „Ghosts III“ bleiben NINE INCH NAILS zwar dem Motto treu, dass jeder Part nur um die 25 Minuten Spielzeit, verteilt auf neun Songs, beträgt, aber die Weiterentwicklung zu „Ghosts II“ und besonders zu den ersten neun Tracks ist deutlich hörbar.

So kantenlos „Ghosts I“ noch war, so brachial werden in „Ghosts III“ Brüche herbeigeführt, so kratzig klingen die Samples hier. Eine Nummer wie Song 23 ist völlig befreit von Struktur, wohingegen der 24. Track dank Drum-Patterns eine gewisse Geradlinigkeit erhält. Der vorletzte Song überrascht mit Charakter; NINE INCH NAILS verflechten hier einzelne Tonspuren zu einem druckvollen Aufbau, ehe das 27. Lied den dritten Zyklus der „Ghosts I-IV“-Reihe ein wenig mit Jam-Session-Charakter beendet.

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„Ghosts IV“
Der erste Teil war etwas zu gediegen, der zweite brachte endlich etwas Schwung, will heißen Melodik und Rhythmik in die Tracks und im dritten Teil verbanden NINE INCH NAILS eben genau diese Punkte noch mit Atmosphäre. Von Kapitel zu Kapitel steigerten sich die Songs, wurden greifbarer, umfassender, dynamischer. Dieser Logik folgend, könnte sich der abschließende Teil „Ghosts IV“ somit zum Klassenprimus mausern.

Mit 34 Minuten Spielzeit ist das Finale der Quadrologie der längste und glücklicherweise tatsächlich der spannendste Teil. Die Ingredienzien der letzten beiden Teile wurden hier zusammengewürfelt und heraus gekommen sind smoothe Ambient-Nummern (Track 29), schleppende, gitarrenlastige Tracks mit Tiefgang (Song 31) und beatorientierte, sanft stampfende Lieder (Track 32, 33).

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Als NINCH-INCH-NAILS-Fan erwartet man bei Trent Reznor stets das Unerwartete, immerhin hat der US-Amerikaner ebenso eine Industrial-Rock-Institution wie „Pretty Hate Machine“ (1989) als auch das sehr synth- und electronicalastige „With Teeth“ (2005) aus seinen Ärmeln geschüttelt.

Nicht verwunderlich also, dass Reznor ein Jahr nach Veröffentlichung des Konzeptalbums „Year Zero“ (2007) mit „Ghosts I-IV“ schon wieder einen gänzlich anderen Weg eingeschlagen und rein instrumentalen Ambient auf vier Silberlinge gepresst hat.

Ob ihm dieses Wagnis gelungen ist? Natürlich, schließlich kann ein Multiinstrumentalist mit den kompositorischen Fertigkeiten eines Reznors schlichtweg nichts Unhörbares produzieren. Die Geister scheiden sich eher an der Frage, ob „Ghosts I-IV“ für jeden taugt, der zuvor sehr gerne NINE INCH NAILS hörte.

Auch wenn viele Trademarks eingeflossen sind, ist „Ghosts I-IV“ unterm Strich der Exot in der Discografie, mit dem sich kaum neue Fans gewinnen lassen bzw. diese wieder von Bord gehen, sobald sie die vorherigen Alben gehört haben. Dennoch: Bitte riskiert ein Ohr, ihr eingefleischten NIN-Fans und open-minded Hörer dort draußen, denn versteht man „Ghosts I-IV“ als kreative Blaupause eines experimentierfreudigen Reznors, kann man seinen Spaß damit haben – eben weil dieses Experiment durchaus gelungen ist.

Mamiffer – The Brilliant Tabernacle

MAMIFFER ist das experimentelle Musikprojekt der in Seattle ansässigen Pianistin und Sängerin Faith Coloccia, die 2008 begann, mit diversen Session-Musikern aus ihrem Umfeld instrumentale, atmosphärische Musik aufzunehmen – mit dabei unter anderem Aaron Turner (Isis, Sumac), der später auch ihr Ehemann werden sollte. Das Resultat war das Debüt „Hirror Ennifer“, stilistisch irgendwo zwischen Ambient und Post-Rock angesiedelt. Am bekanntesten dürfte der Song „Flower On The Field“ aus dem Jahre 2014 sein, den Prada in einem Werbespot mit Ethan Hawke verwendet hat – was die Studioaufnahmen für den dritten Longplayer „Statu Nascendi“ finanzierte. Nun ist „The Brilliant Tabernacle“ erschienen – wie schaut es fünf Jahre später im Hause Coloccia/Turner aus?

Der inzwischen fünfte Longplayer (neben unzähligen Split-Alben und -EPs, teilweise in unterschiedlichsten Editionen und auch regelmäßig auf Tape veröffentlicht) schlägt ebenfalls in die Ambient-Kerbe und bietet auf 38 Minuten sieben Kompositionen, die weitestgehend auf dem Piano und Coloccias stets melodischer Stimme basieren. Die Atmosphäre ist der mancher Swans-Songs aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern nicht unähnlich, denn Coloccia baut ihre Songs auch gerne mit Hilfe von repetitiven Strukturen basierend auf einem zentralen Thema auf – und kommt dabei im Gesamtpaket immer wieder wie eine weniger theatralische und mädchenhaftere Jarboe rüber.

Instrumental begleitet wird Coloccia auf „The Brillian Tabernacle“ von ihrem Ehemann an der Gitarre (der auch für die eine oder andere noisige Einlage, wie das Finale des Openers „All That Is Beautiful“, verantwortlich ist), aber auch von sieben weiteren Musikern, die sowohl akustische Elemente wie Flöte, Violine oder diverse Percussion als auch elektronische Bausteine in Form von Synthesizern beisteuern. Die Homogenität auf Albumlänge leidet dadurch nicht – im Gegenteil: Die Varianz in der Instrumentalisierung sorgt für Abwechslung und das MAMIFFER-Album läuft somit ganz knapp nicht Gefahr, aufgrund fehlender Abwechslung zu langweilen.

Der dritte Song „So That The Heart May Be Known“ bleibt dabei mit seinem kanonartigem Gesangsarrangement ziemlich im Ohr hängen, während „Two Hands Together“ Freunden von Mogwais Soundtrackarbeiten (allen voran für die französische Zombieserie „Les Revenant“) ziemlich gut gefallen dürfte. Apropos: Für die Untermalung von Bewegtbild würde sich jede Sekunde auf „The Brilliant Tabernacle“ eignen – vielleicht vor allem das aufgrund seines eher elektronischen Gesamtcharakters minimal aus dem Rahmen fallende „Hymn Of Eros“.

MAMIFFERs neuester Output ist eine runde Geschichte – aber aufgrund seines chilligen Charakters eher für die ruhigen Momente im Leben. Der einzige Wermutstropfen ist die mit 38 Minuten recht knappe Spielzeit von „The Brilliant Tabernacle“, die aber sicher auch dem Umstand, dass das Ding hauptsächlich auf Vinyl veröffentlicht wurde, geschuldet ist. Wer Ambient und Soundtracks, Bands wie die Swans oder auch die zugänglicheren Werke von Björk oder Anna von Hauswolff mag, darf gerne mal ein Ohr riskieren und dürfte nicht enttäuscht werden.

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Örnatorpet – Hymner Från Snökulla

Nicht viel ist bekannt über ÖRNATORPET, abgesehen davon, dass es der Name eines schwedischen Dungeon-Synth-Projektes ist. Wer eigentlich dahintersteckt, ist selbst durch eine Internetrecherche nicht zu eruieren. Was sich jedoch schnell herausfinden lässt, ist, dass unter diesem Namen allein im Jahr 2018 mehrere Alben veröffentlicht wurden – ein beachtlicher Output, mag es sich dabei auch um eher simple, rein instrumentale Stücke handeln. Für den Release seiner neuesten Platte „Hymner Från Snökulla“ konnte sich ÖRNATORPET einen Platz im Roster von Nordvis Produktion sichern, einem Label, das in der Vergangenheit ein Händchen für ansprechende, Keyboard-basierte Musik unter Beweis gestellt hat. Tatsächlich macht das Album zwischen den Frühwerken von Summoning und Lustre gar keinen schlechten Eindruck.

Wirft man einen Blick auf das winterliche, aber keineswegs unwirtliche oder desolate Bild, welches das Albumcover ziert, bekommt man bereits eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie „Hymner Från Snökulla“ klingt: angenehm kühl, geruhsam, leuchtend hell und auch ein kleines bisschen geheimnisumwittert. Genügsamkeit ist die Devise, nach der sich ÖRNATORPET in seinen konsequent gesangslosen Musikstücken richtet. Die fehlenden Vocals werden hier nicht etwa durch eine Vielfalt an Instrumenten kompensiert, sondern es wird ausschließlich auf dem Keyboard musiziert. Doch auch kompositorisch verzaubern die Tracks gerade aufgrund ihrer Bescheidenheit. Anstatt Schichten über Schichten aufzutürmen und den Hörer damit zu bedrängen, hält sich ÖRNATORPET beim Songwriting gezielt zurück.

Nichtsdestotrotz wird im Verlauf des Albums eine Vielzahl an Möglichkeiten ausgereizt, die sich beim Einsatz synthetischer Tastenklänge anbieten. So wirken manche Stücke in ihrem Minimalismus geradezu meditativ („Över Frusen Mark – I“), wohingegen andere ein wenig verspielter und fließender arrangiert sind, wie ein eleganter Tanz durch eine wundersam funkelnde Schneelandschaft („Älvorna Dansa Över Isen“). Von den finsteren Kerkergewölben, die den zumeist eher beklemmenden Klangwelten des Dungeon Synth ihren ominösen Namen verleihen, hält sich ÖRNATORPET auf „Hymner Från Snökulla“ dezidiert fern.

Eine gewisse Mystik haftet den wohlklingenden Nummern trotzdem an – allen voran „I Gläsande Skare Kring Knottriga Enar“, das mit seinen grazilen Tonfolgen das absolute, mit gerade mal zwei Minuten Laufzeit leider viel zu kurze Highlight der Platte darstellt. Dem Charakter der Musik entsprechend wartet das 50-minütige Album außerdem mit einem wunderbar reichhaltigen und kristallklaren Sound auf. Dass ein paar der Songs wie etwa das abschließende „Postludium – Midnatt Råder“ eine Spur zu einlullend geraten sind, ist letzten Endes der einzige Negativpunkt, den man ÖRNATORPET vorhalten kann.

Besonders zum Ende hin merkt man, dass auf „Hymner Från Snökulla“ noch ein bisschen mehr möglich gewesen wäre. Bis auf „I Gläsande Skare Kring Knottriga Enar“ und „Älvorna Dansa Över Isen“ gibt es im Verlauf der Platte nämlich keine allzu großen Überraschungen. Dennoch ist ÖRNATORPET hiermit eine im wahrsten Sinne des Wortes traumhafte Sammlung instrumentaler Kompositionen gelungen, die selbst in ihren geringfügig langatmigeren Abschnitten ein schönes, kohärentes Bild abgibt. Letzteres zeigt sich vor allem in den zweiteiligen Stücken, die melodisch miteinander verbunden sind. Aufgeschlossene Dungeon-Synth-Fans, die auch helleren Klangfarben nicht abgeneigt sind, sollten hier ohne zu Zögern zugreifen.

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Peter Wolff – Repeat

„We Destroy Lines Growing Circles“ – die fünf Songtitel auf PETER WOLFFS Solo-Debüt ergeben aneinandergereiht diesen mysteriösen Satz, dessen Bedeutung uns wohl verschlossen bleiben wird – aber es handelt sich bei „Repeat“ um musikalische Trauerarbeit, mit der WOLFF den Verlust eines ihm nahestehenden Menschen aufgearbeitet hat. Mit seinem Vorleben als Gitarrist in der Sludge-Doom-Post-Black-Metal-Band Downfall Of Gaia hat das Album aber definitiv nichts mehr zu tun, im Gegenteil: Er hätte sich kaum weiter von seinem bisherigen Schaffen entfernen können.

Neo- oder Modern-Classic sind Schlagworte, die dem Zuhörer beim Anhören von „Repeat“ in den Sinn kommen. Das dominierende, über allem stehende Instrument auf der Platte ist zweifelsfrei das Piano, mit sattem Frequenzspektrum und merklich Raum aufgenommen. Die gespielten Melodien sind minimalistisch, repetitiv, aber ungemein atmosphärisch und in vielen Fällen berührend. Ergänzt werden sie durch verschiedenste, eher oldschool anmutende Synthesizer-Flächen, -Bässe oder Modulationen, weitere Naturinstrumente wie Gitarren oder Schlagzeug sucht man hier allerdings vergeblich (auch wenn „Growing“ eine Art Percussionspur bietet). Eine bedrohliche Stimmung scheint über allem zu liegen und über die 35 Minuten Spielzeit greifbarer zu werden. Dieser Eindruck verstärkt sich noch durch die nicht song-, sondern eher soundtrack-artige Arrangementarbeit von PETER WOLFF massiv – obwohl auch immer wieder Passagen völliger Stille in den Tracks auftauchen und einen regelrecht die Luft anhalten lassen, da man weiß, dass etwas unangenehm Intensives folgen könnte. Jede Note, jede Pause, jede Kleinigkeit hat ihren festen, sorgfältig ausgewählten Platz innerhalb des musikalischen Gefüges. Der Einsatz von Field Recordings („We“), wohl Stadtgeräusche, unterstreicht dabei den filmischen Aspekt der Stücke weiter.

„Repeat“ könnte problemos Bestandteil der Filmmusik eines weiteren Blade-Runner-Teils sein, klingt dabei jedoch ohne Frage zeitloser als die ursprünglichen Synthesizer-Kompositionen von Vangelis. Ambient im besten Sinne. Vergleiche mit Max Richter oder auch Trent Reznors Soundtrackarbeit bieten sich ebenfalls an, zumal auch letztere Werke oft auf minimalistischen, sich wiederholenden Piano-Phrasen basieren, die zur rechten Zeit durch manchmal regelrecht schräge, elektronische Elemente ergänzt werden. Nicht unbedingt virtuos – aber darum geht es hier auch nicht. So spricht PETER WOLFFS Album durchaus Nine-Inch-Nails-Fans an, während auch das Bohren und der Club of Gore wohlgesonnene Gehör daran Freude finden könnte. Zum Nebenbeihören ist „Repeat“ aber in den meisten Lebenssituationen wohl zu sperrig – außer, man spürt wirklich gar nichts mehr.

 

Martyria – Martyria

Obwohl man leicht auf die Idee kommen könnte, hat Metal keineswegs ein Monopol auf obskure Musik aus dem Underground. In Sachen Geheimniskrämerei könnten sich viele Black-Metal-Kapellen etwa einiges von dem griechischen Ambient-Projekt MARTYRIA abschauen. Mit seinem selbstbetitelten Debüt erscheint das verschiedengeschlechtliche Duo wie aus dem Nichts auf der weltmusikalischen Bildfläche und regt damit sowohl personell als auch thematisch Assoziationen zu den Prophecy-Wunderkindern Noêta an. Obwohl sich durchaus stilistische Gemeinsamkeiten finden lassen, sollte man die beiden Musikgruppen jedoch auf keinen Fall in einem Topf werfen.

Auch Verehrer von „Beyond Life And Death“ sollten es sich besser zweimal überlegen, ob sie sich ebenfalls das Erstlingswerk von MARTYRIA zulegen. Während nämlich Noêta trotz ihrer atmosphärischen Tiefe vergleichsweise leicht zugängliche, mit einer bekömmlichen Menge Neofolk angereicherte Musik kreieren, gehen MARTYRIA ohne Umwege den Pfad des Ambient. Auf „Martyria“ gibt es dementsprechend keine packenden oder ergreifenden Melodien und schon gar kein Strophe-Refrain-Schema, sondern ausschließlich sphärische Klangflächen und minimalistische Perkussionen, die im Zusammenspiel eine einlullende Wirkung entfalten sollen.

Der Opener „Logos“, auf dem sich MARTYRIA gänzlich auf das geisterhafte Zusammenspiel der männlichen und weiblichen Vocals verlassen und diese nur spärlich mit raschelnden Rhythmen unterlegen, lässt sofort an Noêtas „Beyond Life“ zurückdenken. Völlig anders, aber in ähnlichem Maße einnehmend gestaltet sich das nachfolgende „Pneuma“, das mit einem seltsam kehligen, an ein Didgeridoo erinnernden Dröhnen, dezenten Glocken und einer Maultrommel geradezu hypnotisierend wirkt.

Unglücklicherweise nimmt die Faszination, die man beim Hören von „Martyria“ empfindet, mit der Zeit stetig ab. Der fast schon unheimliche Gesang, der den Eröffnungstrack prägt, kommt immer seltener zum Einsatz und die Klangräume werden zunehmend leerer, sodass einige Abschnitte lediglich aus der immergleichen Perkussion oder einem einzigen langgezogenen Ton bestehen. Selbst routinierten Ambient-Hörern machen es MARTYRIA somit wohl nicht leicht, ihnen ohne gedankliches Abschweifen aufmerksam zuzuhören.

Was MARTYRIA auf ihrem ominösen ersten Album geschaffen haben, hat gewiss einiges an Beachtung verdient. Die bloße Vorstellung, man erkunde zu den finsteren Klängen dieser Platte ein unterirdisches Grabmal, sollte schauderhaft genug sein, um der Hörerschaft einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. In einem herkömmlicheren Setting tut sich jedoch vor allem im späteren Mittelteil des Albums zu wenig, um die anfangs noch fesselnde Sogkraft der Musik aufrechtzuerhalten. Insbesondere ihre gespenstischen Stimmen sollten die beiden Musiker/innen in Zukunft noch prägnanter einsetzen – dann sollte einem atmosphärischen Opus Magnum nichts mehr im Weg stehen.

Bardspec – Hydrogen

Ivar Bjørnson ist mehr als nur der Gitarrist und beisteuernde Gesang bei Enslaved, der Norweger ist neben Einar Selvik (Wardruna) ebenso die treibende Kraft hinter dem gemeinsamen Projekt der beiden und nun auch das alleinige Mastermind seines Ambient-Projektes BARDSPEC. Fernab des progressiven Viking-/Black-Metal-Gemischs seiner Hauptband und ebenso weit entfernt vom Neofolk-lastigen Nebenprojekt mit Selvik zeigt BARDSPEC eine Seite am Musiker Bjørnson, die nirgendwo anders zu Tage treten kann. Folgerichtig liegt mit „Hydrogen“ das Debüt eines Projektes vor, welches das realisieren soll, was in keine andere seiner aktuellen Bands passt und dennoch zu schade ist, um ungehört zu bleiben.

BARDSPEC ist neben Godflesh-Mitbegründer Justin K. Broadricks Projekt Jesu ein weiterer Beweis dafür, dass auch den Metal-Musikern ambiente Kompositionen durch den Kopf schweben, die nicht konträrer zu dem sein könnten, womit ihr Name vordergründing in Verbindung gebracht wird. Ist es bei Jesu die träumerische Melodik, die nicht nur Godflesh-Fans erstaunt, so ist es bei BARDSPEC eine fragile Klanglandschaft, die Bjørnson minimalistisch arrangiert.

Die sechs Tracks funktionieren in ihrer Summe, jedoch nicht als einzelne Teile, denn der Zauber von „Hydrogen“ entfaltet sich ausschließlich im Ganzen – und als solches ist BARDSPEC wohl auch zu verstehen, als eine Atmosphäre, nicht etwa als ein Hit-Produzent. Eine Atmosphäre, die sich auf knapp 55 Minuten Spielzeit erstreckt und es durchgängig schafft, irgendwie meditativ, mitunter hypnotisch, besonders aber einnehmend auf den Hörer zu wirken.

Seine geliebte Gitarre legt Bjørnson dabei nicht zur Seite, sondern schenkt ihr auch auf „Hydrogen“ genügend Raum zur Entfaltung. Im Gegensatz zur ihrer Verwendung bei Enslaved findet sie bei dem rein instrumentalen BARDSPEC ihren Platz als Stilmittel, welches die sich lang erstreckenden Melodie-Teppiche kreiert. Kein Riff, kein Akkord dröhnt aus der Gitarre, sondern ausschließlich Töne, die dem Elektronischen in den Songs noch mehr Tiefe verleihen. Ein wenig blitzt der Vergleich mit den modernen Ulver hervor, allerdings kann er sich nicht lange halten, da BARDSPEC reduzierter in der Komposition und nicht so fokussiert melodisch arbeiten, wie es die Herren um Garm tun.

Ivar Bjørnson, ein Musiker voller Überraschungen. Mit seinem Ambient-Projekt fügt er seinem musikalischen Schaffen eine Nuance hinzu, die den Überraschungsmoment völlig auf ihrer Seite hat. Verfliegt dieser, schaffen es BARDSPEC allerdings auf Anhieb, auch mit ihren verträumt-atmosphärischen Stücken für positive Verwunderung zu sorgen. Für vielseitig interessierte Hörer und Freunde des ambienten Flairs ist „Hydrogen“ eine fesselnde Entdeckung, der man schnell und lang verfällt.

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