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Imperial Triumphant – Alphaville

Nirgends ist die unvorstellbar große Kluft zwischen dem Elend der untersten Unterschicht und der Dekadenz der in ihren Wolkenkratzern für viele Menschen buchstäblich unerreichbaren Upperclass auf derart groteske Weise präsent wie in den Megastädten dieser Welt. Den Ekel, den man angesichts dieser Ungerechtigkeit in sich aufsteigen spürt, haben die in New York ansässigen IMPERIAL TRIUMPHANT in Ansätzen bereits auf „Abyssal Gods“ (2015) und umso deutlicher auf ihrem Durchbruchsrelease „Vile Luxury“ (2018) zum Ausdruck gebracht: Ihren widerwärtigen, dissonanten Extreme Metal maskierten IMPERIAL TRIUMPHANT auf diesen Alben vermehrt mit opulentem, trügerisch glänzendem Jazz. Auf „Alphaville“ loten die Avantgarde-Metaller die Möglichkeiten der Verbindung dieser Extreme nun weiter aus.

Ihr Faible für futuristische Schwarz-Weiß-Filme über technokratische Dystopien war den drei Musikern zuvor bereits deutlich anzusehen: Sowohl die goldenen Masken ihrer Bühnenkluft als auch ihr Bandlogo weisen auf Inspirationen von Fritz Langs Monumentalfilm „Metropolis“ (1927) hin. Dass IMPERIAL TRIUMPHANT ihr viertes Album „Alphaville“ nach Jean-Luc Godards gleichnamigem, den klassischen Konflikt zwischen Mensch und Maschine darstellenden Film noir aus dem Jahr 1965 betitelt haben, könnte man demnach als stilistisches Statement auffassen: „Alphaville“ markiert keinen Paradigmenwechsel wie seinerzeit „Vile Luxury“, sondern baut vielmehr auf dem kreativen Fundament jener Platte auf, ohne dabei weniger visionär zu sein.

Den geifernden Moloch hinter urbanem Luxus vertonen IMPERIAL TRIUMPHANT nach wie vor in Form von bestialischen Growls, verstörend misstönenden Gitarrenriffs, desorientierend chaotischen Schlagzeugexzessen und unheimlichen Keyboardflächen. Die geschmackvollen Jazz-Einschübe wirken hingegen wie die letzten Überreste einer diese Monstrosität verbergenden Fassade. So bizarr und gewaltig klingen die Songs, dass man bisweilen meinen könnte, die Band bearbeite ihre Instrumente in einem Anfall blinder Wut mit einem Vorschlaghammer – und das nicht bloß aufgrund der rohen, wuchtigen Produktion. Dass die komplexen Arrangements bis ins kleinste Detail durchdacht und gezielt umgesetzt wurden, zeigt sich allerdings in ihrer eindringlichen, musikalischen Bildsprache.

So denkt man bei dem hektischen Zusammenspiel von Bass und Drums sowie den Samples von Bahnhofgeräuschen in „Excelsior“ unweigerlich an eine geschäftige Menschenmenge, die dem amerikanischen Traum hinterherjagt – einem Traum, von dem nach dem naiv-romantischen Barbershop-Gesang zu Beginn des später extrem ausartenden „Atomic Age“ nichts als ein verstrahlter Trümmerhaufen übrig bleibt. „City Swine“ klingt mit seinem tonnenschwer wummernden Saiten- und Tastenspiel hingegen wie das Auseinanderbrechen einer Präsidentensuite inmitten eines einstürzenden Hochhauses. Lediglich im Intro von „Transmission To Mercury“ mit seinem geschmeidigen Wechselspiel von Klavier und Posaune lassen IMPERIAL TRIUMPHANT zu, dass man sich für einen Moment an der Pracht des Wohlstands erfreut.

Dass ironischerweise ausgerechnet die Coverversion von Voivods „Experiment“ als geradlinigster Track der rund einstündigen Platte dasteht, spricht Bände darüber, wie schwer die künstlerische Vision, die IMPERIAL TRIUMPHANT mit „Alphaville“ umgesetzt haben, zu schlucken ist. Wie bereits auf der Vorgängerplatte ergründen die New Yorker die verführerisch schillernden Abgründe einer maschinengleich summenden Millionenstadt in Form von Musikstücken, die in ihrer Grässlichkeit nicht leicht zu ertragen und doch unfassbar beeindruckend sind. Nach dem umjubelten „Vile Luxury“ haben IMPERIAL TRIUMPHANT erneut eines der bemerkenswertesten, erschütterndsten Metal-Alben der letzten Jahre kreiert, das jeder aufgeschlossene Extreme-Metal-Liebhaber gehört haben sollte.

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(Dolch) – Feuer

Dass (DOLCH) keine Metal-Band wie jede andere sind, konnte man bereits an dem Titel ihrer EP „III: Songs Of Happiness, Words Of Praise“ (2017) ablesen. Hinter dem gloriosen Titel verbarg sich eine Sammlung experimenteller Lieder zwischen Black und Doom Metal, die auf verschrobene Weise faszinierend klangen und sogar einen gewissen Humor durchscheinen ließen. Der sperrige Sound und die überschießenden Noise-Spielereien raubten dem Kurzalbum allerdings so viel von seinem Reiz, dass sich kaum Zugang finden ließ und man allenfalls auf ein ansprechenderes Debütalbum zu hoffen wagte. Dieses haben (DOLCH) zwei Jahre später mit „Feuer“ nachgelegt.

Tatsächlich machen (DOLCH) auf ihrer ersten Full-Length-Scheibe alles, was man sich schon auf der EP von ihnen gewünscht hätte. Dabei haben sich die Deutschen keineswegs angebiedert: Der hypnotische, verführerische Frauengesang, die harsch rauschenden Gitarrenriffs und die über ganze Songs hinweg in demselben getragenen Tempo voranschreitenden Drums sind sicherlich nicht jedermanns Sache. Gerade die obskur anmutende Kombination dieser Stilmittel machte jedoch schon „III: Songs Of Happiness, Words Of Praise“ zu einem überaus interessanten Tonkunstwerk. Im Gegensatz dazu haben (DOLCH) diesmal jedoch zusätzlich für eine deutlich griffigere Produktion und einen effektvolleren Einsatz ihrer Geräuschkulisse Sorge getragen.

So klingt die Musik der Band dank der hervorragenden Arbeit von Produzent Michael Zech (Secrets Of The Moon) und dem Mix von V. Santura (Dark Fortress) zwar nach wie vor ungewöhnlich nebulös, aber doch eine Spur kraftvoller und präsenter als zuvor. Auch vergeuden (DOLCH) keine Zeit mehr auf minutenlanges, nichtssagendes Noise-Dröhnen und schmücken die Tracks stattdessen wesentlich gezielter mit stimmigen Details aus. Im betrüblich marschierenden „A Funeral Song“ hört man zum Schluss beispielsweise, wie ein Grab zugeschaufelt wird, und „A Love Song“ lullt den Hörer durch die ständige Wiederholung eines Spoken-Word-Samples ein.

Vor allem begeistert „Feuer“ allerdings dadurch, dass (DOLCH) sich im Rahmen ihrer bewusst monotonen Arrangements überraschend wandelbar geben. So verströmt etwa „Halo (Afraid Of The Sun)“ eine auf betörende Weise finstere Stimmung, „Psalm 7“ beginnt mit ominösen Clean-Gitarren im Stil von Bethlehem und im Titeltrack beeindrucken die Blackened-Doom-Metaller zuletzt noch einmal mit besonders imposantem, majestätischem Tremolo-Picking.

Mögen (DOLCH) ihren Stil auf „Feuer“ auch ein wenig zugänglicher gestaltet haben, so ist die Herausforderung, mit der man sich hier als Hörer konfrontiert sieht, doch nicht zu unterschätzen. Mit ihren langsamen, absichtlich eintönigen Songs wird die Band sicherlich auch diesmal nicht jeden Skeptiker von sich überzeugen können. Nachdem (DOLCH) es mit ihren Experimenten in der Vergangenheit mitunter übertrieben hatten, ist es ihnen auf ihrem Debüt nun jedoch gelungen, ein außergewöhnlich atmosphärisches Album zu kreieren, das über seine volle Laufzeit von gut 50 Minuten hinweg spannend bleibt. Man darf gespannt sein, wie (DOLCH) ihre hiermit begonnene Albentrilogie mit dem Titel „Feuer, Nacht & Tod“ fortsetzen werden.

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Live-Konzert im Stream: Vulture Industries

Die norwegischen Avantgarde-Metaller von VULTURE INDUSTRIES streamen am morgigen Samstagabend um 22 Uhr ein Live-Konzert aus Bergen.

Zu dem Stream gelangt ihr über diesen Link.

Außerdem gibt es bis Sonntag, den 21.06.2020, ein eigens für dieses Event designtes T-Shirt von Costin Chioreanu zu kaufen: https://vultureindustries.bigcartel.com/

Das Statement der Band zum bevorstehenden Stream-Konzert:

For no other reasons than the anguishing prospect of beeing bored to death by the dull reality of covid-19 and a deep philantropic urge to keep you all amused, we give you VULTURE INDUSTRIES live from the historic location Vestindien. Now a museum, this was once Bergens own House of the rising sun. This evening we will dub it House of the irregular and invite you all to join us by the docs for an hour of musical rarities new and old.

Get exclusive t-shirts at vultureindustries.bigcartel.com.

Charity is endorsed and appreciated, but not obligatory;

Paypal: paypal.me/VultureIndustries

Vipps: 92266316

vulture

Shining (Nor)

  • English Version

    Interviews are usually done during the promotional stage of an album or a tour – and then they centre around these topics. However, albums and shows wouldn’t exist if the interview partners weren’t such enthusiastic instrumentalists. In our series „Saitengespräche“ (pun: „string talks“/“side conversations“) we want to take this into account – with interviews that focus entirely on instruments, amplifiers, effects, and other tech stuff. From gear nerds for gear nerds – and for those who aspire to be.

    In this part of the series we talk to Jørgen Munkeby, multiinstrumentalist of SHINING (Nor).

    When did you start playing an instrument?
    I started playing the sax when I was nine years old, which was in 1989. I had played a little bit guitar and piano before that, but sax was the first instrument that I played seriously.

    What made you want to learn this instrument back then?
    I actually don’t know why I chose the sax. I remember that I wanted to play either the drums or the sax. I had never listened to any music with sax in it, so I have no idea why it ended up being the sax I chose.

    When did you start the next instrument and how many instruments do you play today?
    Hmm, I guess the next instrument I played seriously was the flute. I was given a cheap flute from my aunt who had stopped playing and I practiced the hell out of that flute. I started playing it as a second instrument in my band at that time, Jaga Jazzist, and also did a lot of touring in Europe with the club DJ band Bobby Hughes Experience, where I almost only played flute.

    Do you remember which model was your first guitar?
    The first guitar I bought was a Fender Strat. That’s not a Stratocaster, but something actually called Strat. It was a wine red guitar with black humbuckers, black headstock, and a Floyd Rose tremolo bar. I thought it looked super cool! But I didn’t have an amp, so I played it through my cassette recorder and through the stereo speakers. I cranked up the input gain on the mic preamp and played away. That distortion sounded like wasps, but I guess that’s why I’ve always loved DI fuzz and that awesome NIN guitar sound.

    How many guitars and saxophones do you own?
    I’ve actually started selling a lot of stuff and instruments, because I had way too many of them. Now I only own one saxophone, but I do own about 5-10 guitars. I’m actually not sure. I’ll have to count them.

    Do the instruments have different uses for you, so do you have different ones for different bands or occasions, like studio, live gigs and holidays?
    I have four black SG guitars that I have set up pretty similar. They’re supposed to be interchangeable and sound and feel the same way, just for simplicity. The only difference is that two of them are set up to a drop C tuning, and the other two are set up for drop D, but all four can work in both tunings. Then I have some guitars that I use very different, for instance a Telecaster, which I only use when I really need that sound, which isn’t that often.

    What do you attach particular importance to from a technical point of view, what criteria must an instrument meet for you to be satisfied with it?
    It needs to sound cool and it needs to feel ergonomically ok for my body. And also, I prefer that it doesn’t cost a lot, and also that it’s easy to replace if it gets lost or damaged. The best thing would be if it was a plain stock instrument that I could get in any store for only a few hundred dollars. That way I know that I can always get an instrument if I can’t use my own instruments.

    You often hear about musicians who seem to have a special connection to their instrument. Do you feel the same way? Do you have a favourite instrument?
    Nah, I don’t have a special connection to my instruments. I do like to play them, though, but it’s nothing nostalgic. All the instruments that I’ve gotten used to are my favorites. Until I get used to another one, and then that becomes my new favorite.

    Did you make special modifications to yout guitar, or is it a custom model anyway? Can you tell us the technical details here?
    I try to keep my guitars as stock and unmodified as possible, so they are easy to replace. I never change out pickups or stuff like that. But I often modify the wiring in my guitars so that I bypass the neck pickup and have that position as a hard mute instead. My sax has been modded pretty heavily through the 25 years I’ve had it. But that’s a little bit too much to get into here, unfortunately.

    Is there a model, such as the instrument of a great role model, that you would like to play one day?
    No, not really. Just get me stuff that works and sound good. What I really need are great songs and great technique. The instruments are less important.

    Amps are often leased for tours – is that okay with you or do you have your own amp with you? Which model do you play?
    I used to bring a Marshall JCM 2000 with a 1960A cab on tour. It’s a great combo, but waaaay too big. Then I stripped down a DI amp simulator. Then I got rid of my guitar FX board and switched to an Axe-FX. Now I’m hoping to find something even smaller, hopefully completely compatible with native plugins so that I can use the same plugins in the studio and live.

    Besides the instrument and the amplifier, sound effects play an important role in the sound. Do you rely on single pedal mines, a multi-effect board or a combination?
    I use a lot of different stuff. I’m so used to forging guitar tones in my computer and DAW now, so I need all that flexibility and routing options from the Axe-Fx also. But the essence of my guitar sound are a Gibson SG (or sometimes and Edwards SG), TS808 (50% blend usually), a Marshall amp, a Custom Marshall 1960 cab IR response that I’ve combined myself, an EQ+compressor etc. If I have a delay in the chain, I often like it to be a tape delay in front of the amp.

    Let’s go into detail: Please explain the elements of your effect loop. Which devices do you use, in which order and why?
    Right now I’m using Axe-Fx live, and Bias FX in the studio.

    Mind game: You are only allowed to take one single (!) effect on stage – which one do you choose? Which effect pedal makes up your sound?
    Axe-Fx, if that’s allowed. If not I will take the Morley JD-10, which is an awesome sounding analog guitar simulator from the 80s, I think. I have four of them.

    Do you have an effect that you use in a completely different way than originally intended, or that you have perhaps even (re)built yourself?
    I used to drive AD converters to clipping on the way in when recording on almost all instruments. That was a big part of the sound on „Blackjazz“. I liked how that added an extra edge to an already distorted sound. But I don’t that that much anymore now.

    Do you use a noise gate – why (not)?
    I always use a noise gate. Usually just to remove hiss or hum, but sometimes I use it as a hard side-chain gate, especially with very distorted sounds. But I like them to not cut the delays.

    Is your effect board „ready“ or in constant change?
    It’s changing all the time since I’m updating the sounds when I have new songs or new needs. But I try to not change out the gear too often. That’s way too expensive and takes too much time. I’d rather spend my time on making music!

    Finally, do you have a tip for beginning musicians?
    Just go for it! Do your thing! Be brave!

  • Deutsche Version

    Interviews werden in der Regel in der Promophase zu einem Album oder einer Tour geführt – und dann über diese Themen. Doch Alben und Shows gäbe es nicht, wären die Gesprächspartner nicht so begeisterte Instrumentalisten. In unserer Serie „Saitengespräche“ wollen wir dem Rechnung tragen – mit Interviews, die sich ganz um Instrumente, Verstärker, Effekte und andere Technik drehen. Von Gear-Nerds für Gear-Nerds – und solche, die es werden wollen.

    In Teil 8 der Serie unterhalten wir uns mit Jørgen Munkeby, Multiinstrumentalist bei SHINING (Nor).

    Wann hast du angefangen, ein Instrument zu spielen?
    Ich habe mit neun Jahren angefangen Saxophon zu spielen, das war 1989. Davor hatte ich ein wenig Gitarre und Klavier gespielt. Aber das Saxophon war das erste Instrument, das ich ernsthaft gespielt habe.

    Was hat dich damals dazu gebracht, dass du dieses Instrument lernen willst?
    Ich weiß eigentlich nicht, warum ich mich für das Saxophon entschieden habe. Ich erinnere mich, dass ich entweder Schlagzeug oder Saxophon spielen wollte. Ich hatte noch nie Musik mit Saxophon gehört, also habe ich keine Ahnung, warum ich mich letztendlich für das Saxophon entschieden habe.

    Wann hast du mit dem nächsten Instrument begonnen und wie viele Instrumente spielst du heute?
    Hmm, ich schätze, das nächste Instrument, das ich ernsthaft spielte, war die Flöte. Ich bekam eine billige Flöte von meiner Tante geschenkt, die aufgehört hatte zu spielen, und ich habe auf dieser Flöte verdammt viel geübt. Ich habe angefangen, sie als zweites Instrument in meiner damaligen Band Jaga Jazzist zu spielen und tourte auch viel in Europa mit der Club-DJ-Band Bobby Hughes Experience, wo ich fast nur Flöte gespielt habe.

    Weißt du noch, welches Modell deine erste Gitarre war?
    Die erste Gitarre, die ich mir gekauft habe, war eine Fender Strat. Das ist keine Stratocaster, sondern ein Modell, dass tatsächlich Strat heißt. Es war eine weinrote Gitarre mit schwarzen Humbuckern, schwarzer Kopfplatte und einem Floyd-Rose-Tremolo. Ich fand, dass die supercool aussah! Aber ich hatte keinen Verstärker, also spielte ich sie über meinen Kassettenrekorder und über die Stereolautsprecher. Ich drehte die Eingangsverstärkung am Mikrofonvorverstärker hoch und spielte los. Diese Verzerrung klang wie Wespen, aber ich schätze, deshalb habe ich DI-Fuzz und diesen fantastischen NIN-Gitarrensound schon immer geliebt.

    Wie viele Gitarren und Saxophone besitzt du?
    Ich habe tatsächlich angefangen, viele Sachen und Instrumente zu verkaufen, weil ich viel zu viele davon hatte. Jetzt besitze ich nur noch ein Saxophon, aber ich besitze etwa fünf bis zehn Gitarren. Ich bin mir eigentlich nicht sicher, ich müsste sie zählen.

    Haben die Instrumente für dich unterschiedliche Einsatzbereiche, also hast du etwa verschiedene für verschiedene Bands oder Anlässe, etwa Studio, Liveauftritte und den Urlaub?
    Ich habe vier schwarze SG-Gitarren, die ich ziemlich ähnlich aufgebaut habe. Sie sollen austauschbar sein, gleich klingen und sich gleich anfühlen, nur der Einfachheit halber. Der einzige Unterschied besteht darin, dass zwei von ihnen auf die C und die anderen beiden auf D gestimmt sind, aber alle vier würden in beiden Stimmungen funktionieren. Dann habe ich noch einige Gitarren, die ich sehr verschieden einsetze, zum Beispiel eine Telecaster, die ich nur dann benutze, wenn ich diesen Klang wirklich brauche, was nicht so oft der Fall ist.

    Worauf legst du aus technischer Sicht besonderen Wert, welche Kriterien muss ein Instrument für dich erfüllen, damit du damit zufrieden bist?
    Es muss cool klingen und sich ergonomisch passend für meinen Körper anfühlen. Und außerdem ist es mir lieber, wenn es nicht viel kostet und leicht zu ersetzen ist, wenn es verloren geht oder beschädigt wird. Am besten wäre, wenn es ein einfaches Instrument von der Stange wäre, das ich in jedem Geschäft für ein paar hundert Dollar bekommen könnte. Dann weiß ich, dass ich immer an ein Instrument bekommen kann, wenn ich nicht auf meinen eigenen spielen kann.

    Man hört ja oft von Musikern, die eine spezielle Verbindung zu ihrem Instrument zu haben scheinen. Empfindest du das auch so? Hast du ein Lieblingsinstrument?
    Nein, ich habe keine besondere Verbindung zu meinen Instrumenten. Ich spiele sie zwar gerne, aber das ist nichts Nostalgisches. Alle Instrumente, an die ich mich gewöhnt habe, sind meine Favoriten. Bis ich mich an ein anderes gewöhnt habe und dann wird das zu meinem neuen Lieblingsinstrument.

    Hast du an deinen Instrumenten spezielle Modifikationen vorgenommen, oder sind es sowieso Custom-Modelle? Kannst du uns hier die technischen Details nennen?
    Ich versuche, meine Gitarren so original und unmodifiziert wie möglich zu halten, damit sie leicht zu ersetzen sind. Ich wechsle niemals Tonabnehmer oder ähnliches aus. Aber ich modifiziere oft die Verdrahtung in meinen Gitarren, indem ich die Verbindung zum Halspickup kappe und diese Schalterposition stattdessen als harten Mute nutze. Mein Saxophon ist in den 25 Jahren, in denen ich es habe, ziemlich stark modifiziert worden. Aber leider ein bisschen zu viel, um hier darauf einzugehen.

    Gibt es ein Modell, etwa das Instrument eines großen Vorbilds, das du gerne einmal spielen würdest?
    Nein, eigentlich nicht. Besorg mir einfach Instrumente, die funktionieren und gut klingen. Was ich wirklich brauche, sind großartige Lieder und großartige Technik. Die Instrumente sind weniger wichtig.

    Für Touren werden Verstärker ja oft geleast – ist das für dich in Ordnung oder hast du deinen eigenen Amp dabei? Welches Modell spielst du?
    Früher habe ich einen Marshall JCM 2000 mit einem 1960A Taxi auf Tournee mitgenommen. Das ist eine tolle Kombination, aber viel zu groß. Dann habe ich mich auf einen DI-Amp-Simulator verkleinert. Dann habe ich mein Gitarren-Fx-Board abgeschafft und bin zu einem Axe-FX gewechselt. Jetzt hoffe ich, etwas noch Kleineres zu finden, idealerweise vollständig kompatibel mit Native-Plugins, sodass ich die gleichen Plugins im Studio und live verwenden kann.

    Neben dem Instrument und dem Verstärker haben Soundeffekte einen wichtigen Anteil am Klang. Setzt du auf einzelne Tretminen, ein Multieffektboard oder eine Kombination?
    Ich benutze viele verschiedene Sachen. Ich bin so daran gewöhnt, Gitarrensunds in meinem Computer und in der DAW zu schmieden, also brauche ich all diese Flexibilität und Routing-Möglichkeiten vom Axe-FX auch live. Aber die Essenz meines Gitarrensounds sind ein Gibson SG (oder manchmal und Edwards SG), TS808 (normalerweise auf 50%), ein Marshall-Verstärker, ein Custom Marshall 1960 Cab IR Response, den ich selbst zusammengestellt habe, ein EQ+Kompressor und so weiter. Wenn ich ein Delay in der Kette habe, habe ich es gerne als Tape-Delay vor dem Verstärker.

    Lass uns ins Detail gehen: Erkläre uns doch bitte die Elemente deiner Effektschleife. Welche Geräte nutzt du, in welcher Reihenfolge geschaltet und warum?
    Im Moment benutze ich live den Axe-FX live und im Studio den Bias FX.

    Gedankenspiel: Du darfst nur einen Einzel(!)effekt mit auf die Bühne nehmen – für welchen entscheidest du dich? Welches Effektpedal macht deinen Sound aus?
    Axe-FX, wenn das erlaubt ist. Wenn nicht, dann nehme ich den Morley JD-10, ein fantastisch klingender analoger Gitarrensimulator aus den 80er-Jahren, glaube ich. Ich habe vier davon.

    Hast du einen Effekt, den du ganz anders nutzt, als eigentlich vorgesehen, oder den du vielleicht sogar selbst (um)gebaut hast?
    Früher habe ich beim Aufnehmen AD-Wandler für das Clipping beim Input fast aller Instrumente verwendet. Das hat einen großen Teil des Sounds auf dem „Blackjazz“-Album ausgemacht. Ich mochte es, wie das dem bereits verzerrten Sound zusätzlichen Biss verlieh. Aber inzwischen nutze ich diesen Effekt nicht mehr so oft.

    Benutzt du ein Noise-Gate – warum (nicht)?
    Ich benutze immer ein Noise-Gate. Normalerweise nur, um Zischen oder Brummen zu entfernen, aber manchmal nutze ich es als hartes Side-Chain-Gate, besonders bei sehr verzerrten Sounds. Aber ich mag es nicht, wenn die Delay-Zeit dadurch reduziert wird.

    Ist dein Effektboard „fertig“ oder in stetem Wandel?
    Es ändert sich ständig, da ich die Sounds immer dann aktualisiere, wenn ich neue Songs oder neue Bedürfnisse habe. Aber ich versuche, die Ausrüstung dabei nicht zu oft auszuwechseln. Das ist viel zu teuer und dauert zu lange. Ich verbringe meine Zeit lieber damit, Musik zu machen!

    Hast du zum Abschluss noch einen Tipp für angehende Musiker?
    Macht einfach! Zieht euer Ding durch! Seid mutig!


    Im nächsten Teil der Serie kommt Peter Huss (SHINING, SE) zu Wort!


    Die bisherigen Teile der Serie findest du hier:

Arcturus – La Masquerade Infernale

Mitte der 1990er-Jahre schien der norwegische Black Metal an seine stilistischen Grenzen zu stoßen – er beschränkte sich oft auf gewollte Riff-Monotonie, kreischend-krächzigen Gesang und eine rohe, verwaschene Produktion. ARCTURUS versuchten schon mit ihrem Debüt-Album „Aspera Hiems Symfonia“ einen anderen Weg einzuschlagen: das Verweben der traditionellen, schwarzmetallischen Klangkunst mit Klargesang und großzügig eingesetzten Keyboard-Zwischenspielen. Mit „La Masquerade Infernale“ gehen die Skandinavier noch einen großen Schritt weiter, denn Screams findet man hier genauso wenig wie brachiale Ausbrüche.

ARCTURUS nehmen sich konzeptionell unter anderem die sagenumwobenen Geschichten des Johann Georg Faust zum Vorbild. Schon die ersten Töne des Openers verdeutlichen, wie sich das musikalisch gekonnt umsetzen lässt: „Master Of Disguise“ wird von theatralischem Gesang, mäandrierenden Keyboardmelodien und beunruhigenden Gitarrensoli dominiert und gilt gleichzeitig als Blaupause für das gesamte Album. Man hat stets das Gefühl, Teil eines bizarren Wanderzirkus mit gruseligen Clowns und wunderlichen Artisten zu sein. Anteil an dieser eigenwilligen Atmosphäre haben auch die von Gastmusikern eingesetzten Streichinstrumente. Insbesondere das Quasi-Instrumental „Ad Astra“ wird streckenweise von Streichern (und Bläsern) dominiert und entpuppt sich als eine der schönsten jemals von ARCTURUS veröffentlichten Kompositionen.

Auch der salbungsvolle, teils sprechend vorgetragene Gesang von G. Wolf, eher bekannt als Garm (Ulver), der oft im unteren Bass/Bariton-Bereich bleibt, ist ein weiterer Verstärker der barockartigen Stimmung, die „La Masquerade Infernale“ erzeugt. Unterstützt wird er dabei stellenweise vom aktuellen Frontmann Simen Hestnæs (auch Borknagar), der mit dem pathetischen Einsatz seiner einzigartigen Stimmbänder ebenfalls nicht geizt – ganz im Gegenteil: In „The Chaos Path“, bei dem er die Lead-Vocals übernimmt, klingen ARCTURUS wohl noch einmal ein Stück weit schräger als auf dem Rest der Platte. Man kann über die expressive Art des Gesanges geteilter Meinung sein, ohne diesen würde dieses Album jedoch einen Teil seiner subtil-schaurigen Aura verlieren und in seiner Gesamtheit nicht funktionieren.

Das teils schwer ergründliche, karnevalistisch anmutende Leitmotiv wird hervorragend durch Jan Axel von Blombergs (alias Hellhammer) kreativem Schlagzeugspiel unterstützt und auch die Gitarrenarbeit beschränkt sich nicht auf ein hintergründliches Fundament, sondern übernimmt oft mit flirrenden und abgedrehten Soli die Zügel. Darüber hinaus verleihen die Keyboard-Sounds von Songwriter Steinar „Sverd“ Johnsen der Musik eine gruselige und gleichzeitig faszinierende, fast schon körperlich zu greifende Substanz, die den Hörer wie eine Endlosspirale in seinen Bann zieht.

„La Masquerade Infernale“ ist ein zeitloses Kunstwerk, gebildet durch die Summe seiner hervorragend zusammengesetzten Einzelteile. Sicher, es bedarf Zeit, um dieses irritierende Konstrukt zu entflechten – ist dies einmal geschafft, öffnen sich die Zelte zu einem in dieser Form einzigartigen Klangerlebnis. ARCTURUS ist mit diesem Werk eine ewig glänzende Perle des Avantgarde Metals gelungen und sie werden zu Recht zu den innovativsten Künstlern dieses Genres gezählt.

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Dornenreich

Interviews werden in der Regel in der Promophase zu einem Album oder einer Tour geführt – und dann über diese Themen. Doch Alben und Shows gäbe es nicht, wären die Gesprächspartner nicht so begeisterte Instrumentalisten. In unserer Serie „Saitengespräche“ wollen wir dem Rechnung tragen – mit Interviews, die sich ganz um Instrumente, Verstärker, Effekte und andere Technik drehen. Von Gear-Nerds für Gear-Nerds – und solche, die es werden wollen.

In Teil 5 der Serie unterhalten wir uns mit Eviga von DORNENREICH.

Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?
Da muss ich elf oder zwölf gewesen sein.

Was hat dich damals dazu gebracht, Gitarre zu lernen?
Soweit ich mich erinnern kann, habe ich einfach irgendwann damit begonnen, der akustischen Gitarre meiner Mutter Töne zu entlocken. Zugleich wuchs meine Begeisterung für Metal und als ich dann eines Tages auch noch die ersten Songbooks von Metallica, Megadeth, Sepultura und Pantera in einem lokalen Buchgeschäft entdeckte hatte, nahm meine ernsthafte Beschäftigung mit der Gitarre ihren Lauf.

Hast du vorher schon ein anderes Instrument erlernt (oder erlernen müssen)?
Nein. Und weil ich eben nicht von außen dazu angetrieben worden bin, war meine eigenständige Entdeckung der Gitarre dann wohl auch eine magischere Erfahrung für mich (als für viele dazu Verdonnerte) und verlieh mir einen entsprechend langen Atem beim Erlernen des Instruments. Das war tatsächlich mein großer Schatz, – und wenn man so etwas in der Jugend hat, ist das von unschätzbarem Wert, gibt Halt und Richtung.

Weißt du noch, welches Modell deine erste Gitarre war?
Hm … meine erste E-Gitarre war eine Samick. Mehr als bescheiden tatsächlich, genauso wie mein erster 10-Watt-Verstärker. Aber für mich war das der Beginn von etwas Gewaltigem. (lacht)

Wie viele Gitarren/Bässe besitzt du?
Ich verfüge über vier E-Gitarren. Dazu kommen fünf Akustikgitarren und eine Bass-Gitarre. „Verfügen“ sage ich übrigens deshalb, weil bei den Akustikgitarren zwei Endorsement-Gitarren eingerechnet sind.

Haben die Instrumente für dich unterschiedliche Einsatzbereiche, also hast du etwa verschiedene für verschiedene Bands oder Anlässe, etwa Studio, Liveauftritte und den Urlaub?
Unter meinen Akustikgitarren gibt es ein Modell, das nicht mehr hergestellt wird, weswegen ich diese Gitarre in der Regel ausschließlich daheim und für Aufnahmen nutze. Streng genommen wird zwar auch meine Haupt-E-Gitarre nicht mehr hergestellt, doch ich fühle mich dieser Gitarre so verbunden, dass ich sie permanent einsetze. Es ist dies meine schwarze Ibanez, die jeder kennt, der mich schon auf der Bühne gesehen hat. Tatsächlich wurden seit 1998 beziehungsweise seit dem zweiten DORNENREICH-Album alle Alben und alle meine Konzerte (auch die, die ich mit Empyrium und Sun Of The Sleepless bestritten habe) mit dieser Gitarre eingespielt beziehungsweise gespielt. Eine Ausnahme davon bildet bislang lediglich das kommende DORNENREICH-Album, für das ich mit anderen E-Gitarren gearbeitet habe.

Worauf legst du aus technischer Sicht besonderen Wert, welche Kriterien muss ein Instrument für dich erfüllen, damit du damit zufrieden bist?
Tatsächlich ist für mich neben dem direkten Klang- beziehungsweise Klangfarbenkriterium einer Gitarre insbesondere auch noch das Spielgefühl bedeutsam, das einem ein Instrument vermittelt. Da mein Spiel zentral von Instinkt und Emotion gesteuert wird, ist es für mich persönlich immens wichtig, wie ein Instrument in meiner Hand liegt, wie sehr mich ein Instrument dazu einlädt, ja verführt, immer weiter lustvoll darauf zu spielen, wenn man so sinnlich will. (lacht)

Man hört ja oft von Musikern, die eine spezielle Verbindung zu ihrem Instrument zu haben scheinen. Empfindest du das auch so? Hast du ein Lieblingsinstrument?
Es ist ja bestimmt schon klar geworden, dass ich zu meiner Ibanez ein besonderes Verhältnis habe – historisch gewachsen sozusagen. (lacht) Die für mich wichtigste Gitarre, auf der ich tatsächlich alle Stücke ersinne, seien sie nun akustisch oder metallisch angelegt, ist allerdings eben die Akustikgitarre, die ich ausschließlich daheim beziehungsweise für Aufnahmen nutze, weil das Modell nicht mehr hergestellt wird. Da du mich aber nach meinem Lieblingsinstrument gefragt hast, muss ich hier noch anfügen, dass das tatsächlich das Schlagzeug im Allgemeinen ist. Ja, im Herzen bin ich tatsächlich mehr Schlagzeuger als Gitarrist … und das hört man meinem oft ja doch sehr perkussiven und stark rhythmisierten Gitarrenspiel auch deutlich an, meine ich.

Gibt es ein Modell, etwa das Instrument eines großen Vorbilds, das du gerne einmal spielen würdest?
Tatsächlich nicht – und ich merke sogar gerade, dass ich überhaupt noch nie darüber nachgedacht habe. Da ich jetzt aber nun mal gerade darüber nachdenke, finde ich, dass es bestimmt faszinierend wäre, ein Instrument spielen zu dürfen, das bereits eine lange – und vielleicht eben auch sehr aufregende – Reise hinter sich hat.

Und womit spielst du deine Gitarren – welche Plektren verwendest du und warum diese?
In der Regel klassische Dunlop Nylon Plecs – sowohl für die Akustik- als auch für die E-Gitarre. Diese Plecs fühlen sich für mich einfach gut an und stellen für mich persönlich die Verbindung zwischen Hand und Saite optimal her – was in erster Linie freilich darin begründet liegt, dass ich diese Plecs schon seit über 20 Jahren regelmäßig nutze und sich eine entsprechend große Vertrautheit eingestellt hat. Und das ist für mich von zentraler Bedeutung, denn letzten Endes ergibt sich eine gute Gesamtklanglichkeit meiner Wahrnehmung nach weniger daraus, welcher Klang sich grundsätzlich mit einem bestimmten Plec erzeugen lässt, als vielmehr daraus, dass sich ein Gitarrist mit einem Plec so richtig wohlfühlt.

Für Touren werden Verstärker ja oft geleast – ist das für dich in Ordnung oder hast du deinen eigenen Amp dabei? Welches Modell spielst du?
Bei unseren eigenen Konzertreisen habe ich immer meinen Randall-Amp dabei, der meinem rhythmisierten und oft auch extrem hart akzentuierten Spiel schmeichelt. Zudem versorgt er unseren Live-Sound auch mit eben der kantigen Wucht, die wir insbesondere in früheren Jahren dringend gebraucht haben, als wir ohne Bass gespielt haben. Das genaue Modell ist mir entfallen. Und da das gute Stück im Proberaum steht, kann ich dieses Geheimnis im Moment nicht lüften.

Neben dem Instrument und dem Verstärker haben Soundeffekte einen wichtigen Anteil am Klang. Setzt du auf einzelne Tretminen, ein Multieffektboard oder eine Kombination?
Selbst bin ich generell – und auch im Felde von Sounds – ein Verfechter von Minimalismus. Will meinen: Wenn der Grundklang von Gitarre und Amp gut ist, ist das für mich ideal. Ein guter Zerr-Sound, ein schöner Clean-Sound – fantastisch. Allerdings hat das auch mit meinem grundlegenden Verständnis von Konzerten zu tun, die für mich weit mehr mit Energie und situativer Magie denn mit einer möglichst exakten Reproduktion des Albumsounds zu tun haben. Dazu gehört dann auch, dass wir bei DORNENREICH live nicht mit Click-Track etc. spielen, sondern immer ganz frei im Moment miteinander agieren und aufeinander reagieren. Mein Minimalismus in puncto E-Gitarren-Live-Sound liegt dabei erstens darin begründet, dass ich von meinen Interessen her das naturgegebene Gegenteil eines Technik-Nerds bin (lacht) und es liegt zweitens daran, dass ich über die Jahre viele, viele Kollegen verzweifeln gesehen habe, wenn es live zu klanglichen Problemen oder kompletten Ausfällen auf Seiten der Gitarre kam und sie – allzu oft der Verzweiflung nahe – vor dem labyrinthischen Signalfluss erschauderten, der sich aus den unzähligen Effektboard- und Tretminen-Aufbauten zwangsläufig ergeben musste.

Lass uns ins Detail gehen: Erkläre uns doch bitte die Elemente deiner Effektschleife. Welche Geräte nutzt du, in welcher Reihenfolge geschaltet und warum?
Dazu kann ich lediglich sagen, dass ich zu „Flammentriebe“-Zeiten eine spezielle Korg-Tretmine für eine weitere Einfärbung des Zerrsounds meines Randalls im Einsatz hatte. Für den Fall kniffliger Bühnensituationen habe ich immer ein Noise-Gate-Tretmine dabei.

Gedankenspiel: Du darfst nur einen Einzel(!)effekt mit auf die Bühne nehmen – für welchen entscheidest du dich? Welches Effektpedal macht deinen Sound aus?
Da bin ich aus meiner Sicht fein raus. Denn abgesehen von meinem Amp und dem dazugehörigen Footswitch für ein rasches Umschalten zwischen Clean-Sound und Zerr-Sound brauche ich lediglich meinen Korg-Tuner, um loslegen zu können.

Hast du einen Effekt, den du ganz anders nutzt als eigentlich vorgesehen oder den du vielleicht sogar selbst (um)gebaut hast?
Nein. Allerdings fällt mir in diesem Zusammenhang ein, dass ich für das kommende Album einige sehr spezielle Percussion-Sounds entwickelt habe. An mangelnder Experimentierfreudigkeit liegt es also definitiv nicht, dass ich nicht viele Gitarreneffekte nutze. (lacht)

Wozu benutzt du ein Noise-Gate?
Ich nutze es nur im Notfall, um nicht in den Griff zu bekommenden Brummschleifen etwas entgegensetzen zu können. Aber in der Regel gilt für mich: Je mehr Effekte/Geräte/Kabel, desto mehr Stress beim Umbau (gerade auch bei Festivals) und erst recht mehr Stress im Störfall …

Hast du zum Abschluss noch einen Tipp für angehende Musiker?
Solange man nicht vergisst, was beim Spielen eines Instruments das erste Feuer der Begeisterung in einem selbst ausgelöst hat und solange man spürt, dass dieses Feuer kontinuierlich in einem selbst lodert, wird sich alles andere ergeben.


Im nächsten Teil der Serie kommt JF Dagenais (KATAKLYSM/EX DEO) zu Wort!


Die bisherigen Teile der Serie findest du hier:

Tētēma – Necroscape

Mit „Corpse Flower“, seiner Kollaboration mit Jean-Claude Vannier, hat Mike Patton zuletzt ein etwas zugänglicheres Werk veröffentlicht – um diesen „positiven“ Eindruck mit „Necroscape“ zumindest teilweise wieder zunichtezumachen. Das Album ist das Resultat der zweiten Zusammenarbeit mit dem Avantgarde-Elektronik-Künstler Anthony Pateras unter dem Namen TĒTĒMA. Unterstützt  werden die beiden von dem Violinisten Erkki Veltheim und dem bereits vom 2014 erschienenen Erstling „Geocidal“ bekannten Schlagzeuger Will Guthrie, die die in den letzten fünf Jahren auf unterschiedlichste Weise erzeugten Klangcollagen Pateras‘ um weitere Facetten ergänzen sollen.

Stilistisch ist „Necroscape“ schwer in eine Schublade einzuordnen. Avantgardistischer Elektro-Noise-Art-Rock oder sowas in der Art, wobei neben genannten Elementen auch Versatzstücke aus Industrial, Soul, Weltmusik und allen möglichen anderen Richtungen bei TĒTĒMA zum Einsatz kommen. Basis der Songs sind auf Band aufgenommene Geräusche und Klänge aus Pateras‘ Synthesizer- und Keyboardsammlung, die in Verbindung mit den ausgesprochen analog produzierten Drums und Geigen sehr warm und organisch klingen.

Mike Pattons stimmliche Bandbreite auf „Necroscape“ ist extrem groß. Von cleanem, melodisch-zerbrechlichem Gesang („Milked Out Million“, zumindest die Strophe) bis hin zu verzerrt-wütendem Gebrüll („Cutlass Eye“) ist alles dabei, was das musikalische Chamäleon im Gepäck hat. Ebenfalls im Gepäck: die inzwischen wohl obligatorische Gesangseffektphalanx, von der Patton auch bei TĒTĒMA ausgiebigen Gebrauch macht.

Die Songs sind allesamt um die drei bis vier Minuten lang und ausgesprochen facettenreich – und dabei immer irgendwie bekloppt („Dead Still“), gelegentlich catchy („Wait Till Mornin‘“) und meistens aber auf den ersten Durchlauf schwer nachvollziehbar („Milked Out Million“, eben der andere Teil). Merkwürdigerweise kristallisieren sich aber nach mehrmaligem Hören wirklich großartige musikalische Momente („Haunted On The Uptake“) und sogar so etwas wie Strukturen heraus. Eigentlich macht das sogar Spaß, ergibt auf eine kaputte Art Sinn, ist in jeder Sekunde spannend, in seiner Gesamtheit nahezu genial und genau deshalb auch wieder völlig wahnsinnig.

Es dauert wohl einen Moment, bis sich die Synapsen entsprechend den Anforderungen, die „Necroscape“ an den Zuhörer stellt, verschaltet haben. Aber wenn dieser Prozess erfolgreich abgeschlossen ist, belohnt das Album mit einzigartigen Soundlandschaften, einer ziemlich eigenen Produktion und einem stimmlichen Repertoire, welches seinesgleichen sucht – Vergleiche mit anderen Platten fallen schwer. Wie (von Faith No More mal abgesehen) so ziemlich alle Patton-Projekte kein leicht verdauliches Vergnügen… aber ein Vergnügen, und sogar ein ziemlich großes – zumindest, wenn man ein wenig abgehärtet und open-minded ist.

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Igorrr – Spirituality And Distortion

Es gibt Dinge, über die muss man nicht diskutieren: Die Erde ist rund, die Herdplatte ist heiß und IGORRR sind verrückt. Daran lässt Gautier Serreauch, der Mann hinter dem Avantgarde-Projekt, auch mit dem nunmehr vierten IGORRR-Album „Spirituality And Distortion“ nicht den geringsten Zweifel.

Zweifel kommen einem höchstens beim Hören der 14 Stücke: Ob dieser 55-Minuten-Brainfuck noch als Musik im klassischen Sinne durchgeht. Ob er sich unbeschadet überstehen lässt. Und ob man das Erlebte später in (nachvollziehbare) Worte fassen können wird. Tatsächlich fordert „Spirituality And Distortion“ starke Nerven und alle Aufmerksamkeit, die man aufzubringen in der Lage ist. Ist die Schwelle zum persönlichen Wahnsinn erst überschritten, sind rationale Zweifel an der Hörbarkeit des verqueren Opus erst wie im Rausch verblasst, macht das Album – so viel sei noch vorweggenommen – dafür süchtig.

Eine Konzertgitarre mit Balkan-Flair, fettes Metal-Riffing, die virtuose Stimme von Sängerin Laure Le Prunenec, fiese Beats, noch fiesere Growls: Das sind in etwa die Elemente, mit denen IGORRR den Hörer in „Downgrade Desert“ überrumpeln. Denn natürlich haben IGORRR diese nicht wohldosiert aneinandergereiht, sondern wild übereinander geschichtet. Um „Nervous Waltz“ im Anschluss mit einer versöhnlichen Geige beginnen zu lassen, als sei nichts geschehen. Doch genau das ist, was „Spirituality And Distortion“ so gefährlich macht: Es passiert immer etwas. Meist rechnet man nicht damit. Zu den Geigen gesellen sich Metal-Gitarren, Trip-Hop-Beats und rabiates Schlagzeugspiel, Piano und Gesang – ehe alles in rhythmisch bis ins Skurrile zerhackstückten Elektronica-Bass-Orgien aufgeht.

So geht es Song um Song: Immer wenn man denkt, man habe sich in etwa auf IGORRR eingelassen, habe die Grenzen ihrer musikalischen Welt ungefähr umrissen, habe die Sache im Griff, kommt von irgendwo ein Cembalo („Hollow Tree“), eine orientalische Gitarre („Camel Dancefloor“) oder fieser Death Metal („Parpaing“) daher – jeweils in wohl allen mathematisch möglichen Kombinationen mit den bereits genannten Elementen. Und damit ist man erst bei der Hälfte des Albums. Absurderweise dauern die Songs von „Spirituality And Distortion“ nämlich selten länger als drei Minuten, was sich lediglich durch das bisweilen absurde Tempo erklären lässt, das IGORRR anschlagen: In „Musette Maximum“ etwa wird eine Ziehharmonika gequält, wie wohl selten eine Ziehharmonika zuvor in der etwa zweihundertjährigen Geschichte dieser Instrumentengruppe.

Dass ausgerechnet brutale Extreme-Metal-Parts der Entspannung dienen könnten, ist eine Logik, der außerhalb des Mikrokosmos Avantgarde /Extreme Metal wohl kein Mensch folgen dürfte. Tatsächlich sind die Metal-lastigen Songs wie „Parpaing“, „Himalaya Massive Ritual“ oder „Polyphonic Rust“ aber noch das Normalste an Spirituality And Distortion. Und dann kommt ein „Kung-Fu Chèvre“ daher, in dem zwischen alle ad Absurdum geführte Volkstümlichkeit mit voller Inbrunst ein Schaf blökt. Auch schon egal. Wer es bis zu diesem letzten Song geschafft hat, wundert sich auch darüber nicht mehr.

Es mag aus diesen Zeilen nicht unmissverständlich herauszulesen gewesen sein, aber auf seine ohne Frage sehr (sehr!) eigene Art ist „Spirituality And Distortion“ nichts weniger als genial. Ob man allerdings dem Urteil einer Person trauen sollte, die gerade ein 55:30-Minuten-IGORRR-Album mehrere Male am Stück gehört hat, ist überaus fraglich. Oder, um das Paradoxon des Epimenides zu bemühen, das zu lösen nun jedem selbst überlassen sei:

Alle IGORRR-Hörer sind unzurechnungsfähig
ein IGORRR-Hörer

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