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Mosaic mit neuer Single

MOSAIC geben mit „Es geht kein Hauch“ einen ersten Einblick in die EP „Fensterverse und Nachtgespinste“, die genau wie das Debütalbum „Secret Ambrosian Fire“ am 13. Dezember erscheinen wird.

MOSAIC-Mastermind Martin van Valkenstijn vertont auf der EP Gedichte von Ulrike Serowy und ließ sich musikalisch von der Moderne beeinflussen.

Botanist – Ecosystem

Sowohl stilistisch als auch konzeptionell ist BOTANIST ein wahrhaft einzigartiges Musikprojekt. Sechs Alben und allerlei andere Releases hat Mastermind Otrebor – teilweise im Alleingang, teilweise in Zusammenarbeit mit verschiedenen Musikern – bereits unter diesem Namen herausgebracht und dabei einen unverwechselbaren, „Green Metal“ getauften Sound begründet. Das zentrale Instrument, das BOTANIST zur Vertonung ihrer floralen Textkonzepte nutzen, ist das Hackbrett, was den vielfach nach Fachbegriffen für obskure Pflanzenarten benannten Songs einen exotischen Charakter verleiht. Auf ihrer siebten Platte „Ecosystem“, welche nach „The Shape Of He To Come“ das zweite von der gesamten Band in Teamarbeit geschriebene „Collective-Album“ darstellt, setzen sich die amerikanischen Avantgarde-Black-Metaller mit dem Ökosystem der Mammutbaumwälder der US-Westküste und dessen Wechselwirkung mit den Menschen auseinander.

Die Alben, die Otrebor und Co zuvor kreiert haben, entziehen sich nicht nur jedem Vergleich mit Veröffentlichungen anderer Bands, auch untereinander weisen sie mitunter eklatante Unterschiede auf. Somit ist „Ecosystem“ nicht einfach bloß der logische Nachfolger von „The Shape Of He To Come“ und nach demselben Schema aufgebaut, sondern ein auf eigenen Beinen stehendes, von seinen Vorläufern unabhängiges Werk. Der mal eher wundersam-weltvergessene, mal geradezu verstörende, jedoch stets auf sonderbare Weise einnehmende Grundton, der BOTANIST seit jeher auszeichnet, zieht sich zwar auch diesmal wie ein dichtes Wurzelwerk durch die Tracks, treibt hier jedoch andersartige Sprösslinge.

Von den sowohl klanglich als auch hinsichtlich ihrer Länge imposanten Stücken des ersten „Collective-Albums“ haben sich die Amerikaner abgewandt. Obwohl auch „Ecosystem“ mitunter ziemlich ungestüm nach vorn prescht und ebenfalls ungewöhnliche Rhythmen und Dissonanzen beinhaltet („Harvestman“), haben BOTANIST ihren Stil im Großen und Ganzen ein wenig abgemildert. Anstatt auf dem Hackbrett gewaltige Riffwälle heraufzubeschwören, setzen die Green-Metaller diesmal vermehrt auf die Wirkungskraft einzelner Noten. Die im Vergleich zum Vorgänger wieder deutlich kompakteren Songs klingen deshalb etwas dünner und weniger wuchtig, dafür aber ein Stück graziler.

Auffällig ist neben der Tatsache, dass „Ecosystem“ mit seiner Laufzeit von 34 Minuten kaum länger als der erst kurz zuvor erschienene Re-Release der EP „Hammer Of Botany“ ist, vor allem der höhere Clean-Vocals-Anteil. Hiermit haben sich BOTANIST jedoch leider keinen Gefallen getan, klingt der kauzige Klargesang doch viel zu zittrig und schwach, um den Songs effektiv zu mehr Dynamik zu verhelfen („Abiotic“). Um die Screams ist es leider nur geringfügig besser bestellt. Waren diese auf „The Shape Of He To Come“ noch von einer beunruhigenden Eindringlichkeit, so klingt das heisere, mickrige Krächzen auf „Ecosystem“ im Vergleich dazu geradezu mitleiderregend.

Obwohl BOTANIST auf ihrem zweiten im Kollektiv kreierten Album sowohl instrumental als auch gesanglich die eindrucksvolle Intensität der letzten Platte vermissen lassen, hat die Truppe mit „Ecosystem“ doch einmal mehr ein beachtenswertes, einmaliges Tonkunstwerk geschaffen. Trotz ihrer offenkundigen Mängel verströmen einige der Songs wie etwa das sich auf eigenartige Weise zwischen Melancholie und Euphorie räkelnde, kraftvoll treibende „Red Crown“ eine faszinierende Aura, sodass man nicht umhin kommt, der Band dafür Bewunderung entgegenzubringen. Der Eindruck, dass BOTANIST schon Großartigeres zustande gebracht haben, lässt sich beim Hören letztlich jedoch nur schwer aus den Gedanken verbannen.

White Ward – Love Exchange Failure

Das Schöne am Underground ist ja, dass immer wieder wie aus dem Nichts Überraschungen auftauchen – Bands, die vorher niemand kannte, und die bereits mit dem Debüt begeistern können. WHITE WARD sind eine solche Band: 2012 gegründet, legten die Post-Black-Metaller nach einigen Kurzveröffentlichungen 2017 mit „Futility Report“ ein grandioses erstes Album vor: Atmosphärisch, düster, avantgardistisch angehaucht und von vorne bis hinten stimmig. Entsprechend hoch sind jedoch die Erwartungen an die Band aus dem ukrainischen Odessa, was den Nachfolger „Love Exchange Failure“ anbelangt.

„Die Band“ muss an dieser Stelle jedoch relativiert werden: Nach diversen Besetzungsewechseln ist von den WHITE WARD, die auf dem Debüt zu hören waren, nur noch das Duo Yuriy Kazaryan (Gitarre) und Andrey Pechatkin (Bass) übrig. Nachdem Pechatkin jedoch seit jeher quasi alleine für das Songwriting verantwortlich zeichnet, dürften die Änderungen am Gesamtkonzept eher dessen Launen denn den neuen Musikern zuzuschreiben zu sein. Um Befürchtungen zu zerstreuen, bevor sie auftauchen: Saxophon spielt auch im neuen Soundgewand von WHITE WARD noch eine zentrale Rolle.

War das Cover von „Futility Report“ eher naturmystisch angehaucht und vielleicht etwas klischeebeladen „teuflisch“, wirkt „Love Exchange Failure“ direkt auf den ersten Blick modern-urban. Ein Eindruck, der sich auch in der Musik widerspiegelt: Polizeisirenen hallen fern durch die Straßen, Piano, mit Besen gestreichelte Trommeln und ein herzzerreißend melancholisches Saxophon begrüßen den Hörer im knapp 12-minütigen Opener und Titeltrack in bester Bohren-und-der-Club-Of-Gore-Manier (vgl. „Sunset Mission“), ehe WHITE WARD nach gut dreieinhalb Minuten fulminant auf Black Metal umsteigen: Das Piano darf bleiben, ansonsten geben jetzt E-Gitarren, Screams und kraftvolles Schlagzeugspiel den Ton an. Das Resultat klingt mal furios, mal eher doomig – und durchweg atemberaubend. Nicht zuletzt, weil WHITE WARD das große Ganze immer wieder um kleine Details ergänzen – um Soli, Piano-Läufe und sonstige Einschübe. Kurz gefasst: Bereits dieser erste Track ist nichts weniger als ein Meisterwerk.

Mit seiner Länge ist „Love Exchange Failure“ nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel: Songs über zehn Minuten gehören auch diesmal fest zum Repertoire der Ungarn. Dazwischen haben WHITE WARD jeweils eine kürzere Nummer eingestreut – wenn man denn sechs bis acht Minuten Spielzeit als „kürzer“ durchgehen lässt. Dazu gehört das fast schon unspektakuläre, weil durchgehend schwarzmetallen gehaltene „Poisonous Flowers Of Violence“, aber auch der wohl abgefahrenste Song des Albums, „Surfaces And Depths“, der nicht nur des Gesangs wegen an Todtgelichter meets Blutmond denken lässt.

Und auch dazwischen lassen WHITE WARD so viel geschehen, dass man es bestenfalls anreißen kann: Ambient trifft auf Black Metal mit Doom-Jazz-Breaks („Dead Heart Confession“), Piano und Noise-Sounds werden eher experimentell verquickt („Shelter“), entspannt-melodischer Doom-Jazz trifft auf das wohl furioseste Riffing des Albums mit verspielten Gitarrenläufe („No Cure For Pain“) … jedes einzelne Stück ließe sich auch so wortreich beschreiben, dass es einem eigenen Review gleich käme.

Mag „Love Exchange Failure“ wegen all dieser Ideen zunächst auch etwas zerfahren klingen, ergibt im Gesamtkontext spätestens ab dem dritten Hördurchgang alles Sinn: der schroffe Black Metal, das düstere Saxophon, der sanfte Klargesang. So gelingt WHITE WARD mit ihrem zweiten Album bereits der zweite beeindruckende Wurf: Diese Vielfalt, diese atmosphärische Dichte muss den Ukrainern erst einmal jemand nachmachen.

Moonfrost – III

Black Metal in Kombination mit Post-Rock, Symphonic Metal, Thrash Metal oder Sludge ist ja nichts neues mehr. Black Metal in Kombination mit Post-Punk, Alternative Rock, Avantgarde Rock und Progressive Rock hingegen findet man nicht so häufig. Vor allem nicht auf einem Album. MOONFROST aus der Schweiz haben für ihren dritten Langspieler einfach mal ihren melodischen Black Metal über Bord geworfen und sich dazu entschlossen, so viele Genres wie möglich in die acht Songs von „III“ zu packen. Herausgekommen ist ein Album, dass stellenweise genauso verwirrend klingt, wie es das Cover vermuten lässt.

„Too Drugged To Dream“ startet mit Black-Metal-Drumming, schwenkt dann aber ziemlich schnell um auf Alternative Rock/Metal, zu dem sich schließlich noch heisere Growls gesellen, die schon wieder mehr nach Black Metal klingen. Irgendwie passt der Songtitel hier wie die Faust aufs Auge, klingt der Track doch wie eine wilde Fahrt durch allerlei Genres. Setzen MOONFROST diese Reise auch auf dem folgenden „Frontier Spirit“ fort, schwenken die Schweizer mit „Transitions“ einen komplett anderen Weg ein und servieren einen recht straighten Alternative-Black-Rock-Song mit einem fetten Solo. „Obsidian“ schließt die erste Hälfte des Albums ab und brilliert noch einmal mit einem ganzen Haufen verschiedener Einflüsse. Von atmosphärischen Melodien hin zu progressiv anmutenden Riffs schlagen MOONFROST hier einen musikalischen Haken nach dem anderen.

Doch gerade als man sich an diesen doch recht wilden Stilmix und die rauen Vocals gewohnt hat, verliert „III“ rapide an Dynamik. Während der zweiten Albumhälfte pendeln sich MOONFROST im Midtempo ein und liefern bei weitem nicht mehr so packende Riffs ab. Dieser Break kommt unerwartet und es scheint fast so, als wäre die Band hier dem alten A- und B-Seiten-Schema gefolgt. Lediglich „Halcyon“ vermag mit seinem Groove zu überzeugen.

Nicht erst ab der zweiten Albumhälfte fällt die ziemlich mittelmäßige Produktion des Albums auf. Klar könnte man jetzt sagen, dass es sich um die Scheibe einer Underground-Band handelt, aber niemand geringeres als Alan Douches zeichnet sich für den Sound von „III“ verantwortlich. Der Mann hat bereits für Converge und Mastodon gearbeitet und da bei weitem bessere Ergebnisse abgeliefert. „III“ klingt viel zu flach und blechern und büßt so einiges an Wucht und Dynamik ein.

MOONFROSTs drittes Album lässt sich wohl als eine Art ersten Schritt auf einem neuen Weg beschreiben. Vom melodischen Black Metal der Anfangszeit ist nichts mehr geblieben und der neue Sound braucht definitiv noch Feintuning. Dennoch sind unverkennbar gute Ansätze vorhanden, die neugierig auf die nächsten Veröffentlichungen machen.

Kamancello – Kamancello II: Voyage

KAMANCELLO sind ein Zusammenschluss von zwei Musikern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, kulturelle Grenzen und Fesseln zu sprengen. Zum einen besteht es aus dem Cellisten Raphael Weinroth-Browne (lest unser Interview hier), den man vielleicht als Live-Cellist von Leprous kennt. Zum anderen gehört zu KAMANCELLO Shahriyar Jamshidi, ein kurdischer Sänger, Komponist und Kamantsche-Spieler (eine 4-saitige Stachelgeige, wie sie in verschiedenen Kulturkreisen wie im persischen Raum, aber auch in Aserbaidschan, in regionalen Abwandlungen verwendet wird).

Wenn sich nun zwei so begnadete, erfahrene Musiker zusammenfinden und feststellen, dass sie das gleiche Ziel verfolgen, nämlich die Musik grenz- und glaubensübergreifend zu ungeahnten Höhen und Neuerungen zu bringen, kann ja eigentlich nur etwas ganz Einmaliges dabei herauskommen. Bereits 2017 hatten sie mit dem selbstbetitelten Album „Kamancello“ unter Kennern für einen Wow-Effekt gesorgt. Nun setzen sie mit „Kamancello II: Voyage“ einen drauf, denn das gesamte Album ist in einem Rutsch aufgenommen worden und von der ersten bis zur letzten Sekunde improvisiert. In dem Moment, wo die beiden Visionäre zu spielen anfingen, haben sie die Stücke also komponiert. Wer nun denkt, dabei könne es sich nur einen abstrakten Sound-Brei handeln, liegt falsch. Alle vier Stücke sind ausgereifte Klanggebilde, natürlich streckenweise experimentell, aber es mangelt ihnen an nichts, was ein vorher komplett komponiertes, geprobtes Stück nicht auch bieten könnte. Das Ergebnis ist eine kurzweilige Reise durch einerseits natürlich klassische Cello-Klänge, andererseits fernöstlich angehauchte Sound-Konstrukte, die der Bezeichnung „Osten-trifft-Westen“, die KAMANCELLO sich selbst gegeben haben, gerecht wird.

Eröffnet wird mit „Emergent“. Es kann als Vorstellungsrunde bezeichnet werden, denn hier spielt man mit dem Aufeinandertreffen der zwei Stile, dem orientalischen Klang der Kamantsche und dem gewohnten Klang des Cellos. Dieses benutzt hier zwar vertraute Elemente, folgt aber durchaus auch der Melodielinie der Kamanche und versucht, sich streckenweise dem Stil anzupassen, oder ihn spielerisch zu ummalen. All dies kommt komplett ohne Gesang aus. Es ist insgesamt schwer vorstellbar, dass das gesamte Hör-Erlebnis komplett improvisiert ist. Streckenweise klingt es, als hätten die Vordenker von KAMANCELLO wochenlang daran herumkomponiert.

Im zweiten Stück „Tenebrous“ wird es anfangs sentimental, ja sogar traurig, was sich später im vierten Track „Threnody“ wiederholt.  Man kann sich dem als Hörer einfach hingeben und sich treiben lassen. Beide Stücke werden im Verlauf virtuoser, schneller und abwechslungsreicher. KAMANCELLO spielen sich durch verschiedene Emotionswelten, scheuen sich nicht davor, avantgardistisch vorzugehen und einfach rauszulassen, was sie fühlen. Und gleichzeitig schaffen sie es trotzdem, dass die beiden kulturellen Welten nicht aneinander abprallen, sondern sich zu einer Einheit zusammenfügen. Wer mit einer solchen Herangehensweise oder so einer Intention nichts anfangen kann, wird dieses Album sicherlich gar nicht erst antesten müssen. Aber wer es mag, sich auch mal auf etwas Außergewöhnliches einzulassen, und wer bereit ist, sich von dem Klangerlebnis einfach tragen zu lassen, kann hier vielleicht einiges an Bereicherung finden. In jedem Fall sei versprochen, dass der Hörgenuss pur und einmalig sein wird.

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Botanist – Hammer Of Botany (EP; Re-Release)

Als Musiker einen völlig neuartigen Stil zu kreieren, ist gewiss kein leicht umzusetzendes Vorhaben, weshalb selbst die einfallsreichsten Black-Metal-Bands ihre Einflüsse nur selten gänzlich aus ihrer eigenen Arbeit heraushalten können. Der amerikanische Multi-Instrumentalist Otrebor ist jedoch einer dieser Ausnahmekünstler, deren Schaffen sich nahezu jedweder Referenz entzieht. Sein ehemaliges Soloprojekt BOTANIST, das seit dem letzten Release „Collective: The Shape Of He To Come“ als mehrköpfige Band agiert, ist bekannt für seinen unverwechselbaren, „Green Metal“ getauften Stil, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ein verzerrtes Hackbrett jenen Platz einnimmt, der im Metal sonst der E-Gitarre vorbehalten ist. Anlässlich ihres Einzugs in ein neues Labelzuhause veröffentlichen BOTANIST nunmehr ihre 2015er EP „Hammer Of Botany“ erneut.

Wer das Minialbum bereits sein Eigen nennt und sich daher nicht angesprochen fühlt, sollte sich an dieser Stelle trotzdem nicht übereilt abwenden, denn mit „Oplopanax Horridus“ enthält der Re-Release einen bisher unveröffentlichten Track, womit BOTANIST die Laufzeit der ursprünglich gut zwanzigminütigen EP um ganze 13 Minuten verlängert haben. Trotz seiner vermeintlichen Überlänge im Vergleich zu den sonst eher kompakt gehaltenen Tracks ist die neue Nummer keineswegs bloß als ein zu Marketingzwecken lieblos ans Ende der EP geklatschtes Gimmick zu betrachten. Vielmehr beinhaltet „Oplopanax Horridus“ sämtliche Trademarks, für die BOTANIST von Fans und Kritikern geschätzt werden, womit Otrebor den Beweis erbringt, dass sein eigentümliches, musikalisches Konzept nicht nur über kurze Strecken funktioniert.

Ebenjene Eigenheiten zeichnen allerdings auch die übrigen Songs auf „Hammer Of Botany“ aus. Das für BOTANIST (und nur für BOTANIST!) typische Spiel mit dem Hackbrett schwankt beständig zwischen unnahbarer, beinahe schon leuchtend heller Anmut („Pelargonium Triste“) und blankem, albtraumhaft verdrehtem Wahnsinn („Flame Of The Forest“), dem das polternde, eigenwillige Drumming in puncto Kreativität in nichts nachsteht. Charakterlose Standard-Blast-Beats und Riffs braucht man hier nicht zu befürchten.

Einzig die stark verzerrten, heiseren Screams tun den ansonsten geradezu magischen Tracks aufgrund ihres allzu offensichtlichen Mangels an Gesangstechnik und Stimmvolumen eher weh als wohl. Glücklicherweise hat man es hierbei jedoch mit einem verhältnismäßig kleinen Übel zu tun, da in manchen der Stücke zusätzlich geheimnisvoll geflüstert („The Footsteps Of Spring“) oder einlullend gesungen wird, sodass der dürftige Schreigesang nur einen Teil der Vocals ausmacht. In Anbetracht der außergewöhnlichen Instrumentierung, die BOTANIST auf dem Kurzalbum zum Besten geben, kann man ihnen diesen Schwachpunkt durchaus verzeihen.

Als Appetithappen für jene Hörer, die BOTANIST womöglich erst durch die Unterstützung ihrer neuen Labelheimat kennenlernen, eignet sich „Hammer Of Botany“ ausgesprochen gut. Neugierige können sich anhand der EP sowohl über die Stärken als auch über die geringfügigen Schwächen der Band einen repräsentativen Überblick verschaffen und darauf basierend entscheiden, ob sie sich mit dem doch recht verschrobenen Sound des Projekts anfreunden können. All jene Fans, die BOTANIST ohnehin schon längst am Haken haben, bekommen mit „Oplopanax Horridus“ immerhin einen spannenden neuen Track geboten, der die Wartezeit auf das nächste Full-Length-Album zumindest ein bisschen erträglicher machen sollte.

Pensées Nocturnes – Grand Guignol Orchestra

Wer seinen Asterix studiert hat, weiß, dass der Gallier als solcher oder zumindest einige ausgewählte Exemplare gemeinhin für verrückt erklärt wurden. Vaerohn, der Kopf hinter PENSEES NOCTURNES, scheint in direkter Linie von den Unbeugsamen abzustammen – zum einen, da auch ihm ein gewisses Maß an Verrücktheit nicht abzusprechen ist, zum anderen, weil seine Produktivität und Kreativität den Verdacht nahelegt, dass er das wohlgehütete Zaubertrank-Rezept kennt: Mit „Grand Guignol Orchestra“ veröffentlicht er nun bereits sein sechstes Album in zehn Jahren. Jedes einzelne klingt, als habe er daran ein Jahrzehnt komponiert.

Wie nicht anders zu erwarten, hat sich Vaerohn PENSÉES NOCTURNES auch für dieses Album neu erfunden. Als musikalischen Schauplatz hat er sich diesmal ganz die Welt des Theaters, der Schaustellerei und des Zirkus zu eigen gemacht, die bereits auf  „Nom d’Une Pipe“ als Einfluss zu vernehmen war. Und dabei ein Stück Musik erschaffen, das selbst für seine Verhältnisse auf einem neuen Level verstörend ist. Das beginnt beim Titel „Grand Guignol Orchestra“, wohl angelehnt an das um 1900 eröffnete Horror-Theater „Théâtre du Grand Guignol“ in Paris, setzt sich im Artwork, das ebensogut einen Splatter-Film anpreisen könnte, und dem Bühnenoutfit der Band (durchweg überzeugenden Horrorclowns) fort und reicht bis in die Grundfesten der Musik hinein.

Hier wartet den aufgeschlossenen Hörer Black Metal im eigentlichen Sinne nur noch in Versatzstücken – stattdessen wirft Vaerohn Zirkusmusik, Chanson, Motown-Bläser, Gedonner und Apokalypse in die Manege und lässt daraus unter Zuhilfenahme von geradezu psychotischem Geschrei einen surrealen, verstörenden Soundtrack zu exakt dem Horrorfilm entstehen, von welchem man als halbwegs normaler Mensch wohl nur froh sein kann, dass er nie gedreht wurde.

Das Ganze ist – und das ist das eigentlich Absurde – einmal mehr so grandios wie zugleich quasi unzumutbar. Und gerade deswegen schlicht genial. In ihrer völligen Verrücktheit ergeben sämtliche Komponenten exakt dort, wo Vaerohn sie einsetzt, zu 100 Prozent Sinn. Und doch gilt es nach 47:40 Minuten erst einmal tief durchzuatmen, ehe man sich damit auseinandersetzen mag, was man da eben gehört hat. In Gänze nachvollzogen hat man es aber, soviel sei vorweggenommen, auch nach zehn Durchläufen nicht.

Denn wiewohl die Werke von PENSÉES NOCTURNES stets verschroben waren, setzt Vaerohn mit „Grand Guignol Orchestra“ auch dahingehend neue Maßstäbe: Stellenweise wirkt das Album durch das verquere, multiinstrumentale Arrangement tatsächlich und nicht nur scheinbar etwas chaotisch – um nicht das anmaßende Wort „unausgereift“ zu verwenden. Allein diesem vielleicht etwas spießigen Kritikpunkt ist es geschuldet, dass PENSÉES NOCTURNES mit „Grand Guignol Orchestra“ ihren bereits rekordverdächtigen Metal1.info-Score von bislang dreimal voller Punktzahl nicht um eins erhöhen können.

Mit der Zirkus-Thematik hat Vaerohn nicht nur für die Live-Shows seiner Truppe, sondern auch für das Konzept von „Grand Guignol Orchestra“ einen grandiosen Einfall gehabt, den er erwartbar verquer wie zugleich konsequent in die Tat umgesetzt hat. Wer bislang dachte, „Las Masquerade Infernale“ von Arcturus wäre verrückte Avantgarde gewesen, bekommt das Ganze von PENSÉES NOCTURNES nochmal in komplett wahnsinnig vorgeführt: Lieblich und liebenswert und doch hässlich und fast unerträglich zugleich, verschiebt „Grand Guignol Orchestra“ einmal mehr die Grenzen des musikalisch Denkbaren. Inwieweit man bereit ist, hier mitzugehen und sich darauf einzulassen, ist freilich auch diesmal jedem einzelnen überlassen.

A Forest Of Stars – Grave Mounds And Grave Mistakes

Ein Album von A FOREST OF STARS zu rezensieren, ist in etwa mit einer Klausur im Lieblingsmodul an der Uni zu vergleichen: Man steckt zwar sattelfest im Thema, so sehr, dass man sich selbst privat dazu beliest, doch in der Klausur fallen einem die darin gestellten Fragen dennoch ungeahnt schwer zu beantworten.

Selbst wenn man eingefleischter A FOREST OF STARS-Fan ist und die Diskografie der Band um jeden Neuzugang bereichernd findet, ist es dennoch schwierig, die Begeisterung für diesen avantgarden, stellenweise psychedelischen Black Metal in Worte zu fassen. Dafür sind A FOREST OF STARS zu eigen, zu kantig und dennoch ergreifend und ins Ohr gehend.

Mit ihrem neusten Streich „Grave Mounds And Grave Mistakes“ unterstreichen das die Briten erneut so deutlich wie zuvor, aber dennoch irgendwie anders – irgendwie leichter zugänglich. A FOREST OF STARS machen auf ihrem fünften Album dabei nichts grundlegend anderes als auf dem Vorgänger „Beware The Sword You Cannot See„. Gleichermaßen könnte sich „Grave Mounds And Grave Mistakes“ zwischen das hervorragende Debüt „The Corpse Of Rebirth“ und dem zweiten Album einreihen, ohne deplatziert oder rein gepresst zu wirken.

Nach dem zweiten oder dritten Durchlauf von „Grave Mounds And Grave Mistakes“ dämmert einem auch langsam, warum: Die sieben Damen und Herren um Sänger Mister Curse haben nicht einen Song komponiert, dem es an harmonischen Übergangen, nahezu epischen Songaufbauten und Ohrwurmmotiven mangelt. Die akustischen, entschleunigenden Momente im mittleren Teil von „Precipice Pirouette“ funktionieren innerhalb des Tracks ebenso gut wie das leicht variable Riffing in den letzten drei Minuten des Songs, das von Minute zu Minute an Intensität gewinnt.

Ebenso ist der im Grunde genommen drastische Wandel in „Premature Invocation“, von hallenden Gitarren und groovigen Bass hin zu den gewaltigen Ausbrüchen,  alles andere als drastisch im Ohr. Zu brillant gelingt A FOREST OF STARS diese Kombination. Der Groschen fällt bei „Taken By The Sea“ endgültig: Während der Klang sanfter Streichinstrumente sowie der fragile Gesang von Katheryne, Queen Of The Ghosts seit jeher zum Sortiment der Briten gehört, gelingt es ihnen auf „Grave Mounds And Grave Mistakes“ erstmalig, diese Stilmittel nicht nur ergänzend, sondern auch tragend einzusetzen. Die Steigerung in den letzten beiden Minuten zeigt, dass A FOREST OF STARS ihre Stärke nicht nur in schnellen und lauten Umbrüchen besitzen, sondern auch in schlichtweg gefühlvollen Songs.

Dennoch ist mit „Children Of The Night Soil“ sowie „Scripturally Transmitted Disease“ noch genügend Mosh-Material da, dass bis auf wenige bremsende Momente das Tempo hält, sei es durch die typischen Violinen-Intermezzi („Children Of The Night Soil“) oder pulsierende Synthwave-Einlagen („Scripturally Transmitted Disease“).

Nach fordernden wie auch außergewöhnlichen 65 Minuten, die den Hörer zwischen Wahnsinn, Trauer und Okkultismus changieren lassen, steht fest, was zuvor zu erahnen war: „Grave Mounds And Grave Mistakes“ ist ein sehr gutes Album geworden. „Grave Mounds And Grave Mistakes“ ist aber auch ein besseres Album als „Beware The Sword You Cannot See“, was wiederum überrascht. Denn A FOREST OF STARS gelingen trotz Motiv- und Tempowechsel homogene Songs, deren Passagen fließend ineinander übergeben oder aufeinander bauen. Diesen Kniff verwenden die Briten seit Beginn vor elf Jahren, aber auf ihrem fünften Album verfeinerten sie ihn zur nahezu zur Brillanz.