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Berthold Seliger – Vom Imperiengeschäft

Mit „Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderbericht“ legte Konzertveranstalter Berthold Seliger 2013 (Neuauflage: 2015) ein spannendes, um nicht zu sagen mitreißendes Sachbuch vor: Wer verdient im Musik-Business heute womit eigentlich noch wie viel Geld? Vom Live-Sektor bis zur Tonträgerindustrie, Lizenzinhabern und Verwertungsgesellschaften, Sponsoring, der sozialen Situation für Künstler in Deutschland und der diese prägenden Politik: Übersichtlich und gut gegliedert wurde hier der gesamte „Geschäftsbereich Musik“ durchleuchtet.

Mit „Vom Imperiengeschäft: Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“ legt Seliger nun nach: Was im Vorgänger bereits angeklungen war und beim Lesen immer wieder für Kopfschütteln sorgte, steht hier nun im Fokus: Die Dominanz weltumspannender Konzerne im Musik- und Kulturbetrieb, denen nicht nur Fans, sondern auch und vor allem Künstler hoffnungslos ausgeliefert sind.

Auch diesmal gliedert Seliger seine Abrechnung in vier Kapitel, die sich mit unterschiedlichen Themenfeldern befassen. Deren erstes, schlicht „Imperiengeschäfte“ betitelt, bietet im Endeffekt eine aktualisierte und ausgearbeitete Darstellung der bereits in „Das Geschäft mit der Musik“ angesprochenen Problemfelder (etwa die skandalöse Kartellbildung und Gewinngenerierung im Sektor Konzertticket-Verkauf). Hat man dieses Buch in der aktualisierten Fassung gelesen, findet sich hier nicht viel grundlegend neues – wenngleich die zugespitzte Situation, untermauert durch aktuelle Zahlen, durchaus als dramatisch bezeichnet werden kann. Das könnte sie allerdings auch, würde Seliger nicht derart demonstrativ auf dem Terminus „Imperiengeschäft“ herumreiten, dass einem dieser nicht nur in allem, wofür er steht, sondern auch ganz profan sprachlich schon bald zum Hals heraus hängt.

In den folgenden Kapiteln zu Festivals („Hippies, kalifornische Ideologie und das Silicon Valley“) sowie Kulturstätten („Immobilienverwertung, Kulturorte und der öffentliche Raum“) geht Seliger dann aufs große Ganze: Wortreich und durchaus fundiert erzählt er etwa die Entstehungsgeschichte des Musikfestivals als Veranstaltungsart nach – dass es sich hier seit Woodstock, also von Anbeginn an, um ein durchkommerzialisiertes Business handelt, ist allerdings eine wenig überraschende Erkenntnis. Immer mehr lässt Seliger dabei seinen Emotionen und politischen Ansichten freien Lauf: Etwa, wenn er für Festivals eine Frauenquote bei den Bands fordert, eifrig Karl Marx zitierend erklärt, warum das künstlerische Prekariat von heute dem Lumpenproletariat von damals entspricht oder gleich das gesamte sozioökonomische Kulturkonstrukt heutiger Großtstädte, von Smart-Towns bis zur Gentrifizierung, ins Visier nimmt. Streckenweise wird sein Werk vom Sachbuch regelrecht zum Manifest.

Diesen nicht mehr auf Imperiengeschäfte, sondern eigentlich den gesamten Kapitalismus ausgeweiteten Feldzug führt Seliger zuletzt auch in Kapitel 4, „Kulturelles Prekariat und konzeptive Ideologien“ weiter: Auch hier durchaus mit vielen Argumenten und Beispielen – wirklich konkrete und tatsächlich auch umsetzbare Alternativen stellt Seliger den weltumspannenden Problemen dabei allerdings nur wenige entgegen. Wie sollte er auch: Schlussendlich ist Seliger Konzertveranstalter, nicht Wirtschaftsweiser oder der Hüter über den Stein der Weisen. Als Leser hätte man es sich nur so sehr gewünscht, auf all die Missstände, von unterbezahlten Künstlern bis hin zu staatlich subventionierten, aber kapitalistisch agierenden Spielstätten „einfache“ Lösungen präsentiert zu bekommen.

Doch die Welt ist nun einmal nicht „einfach“, das zumindest wird auch durch „Vom Imperiengeschäft“ einmal mehr klar. Vielleicht ist das Buch in seinem deutlich politischeren, weiter gefassten Ansatz etwas überambitioniert angelegt – vielleicht braucht es aber auch genau solche Einzelkämpfer wie Berthold Seliger, die den Finger in die Wunde legen, auch wenn sie wissen, dass sie damit allein kein Wunder vollbringen. Wer sich nur mehr Einblick in das Musikbusiness erhofft, ist mit „Das Geschäft mit der Musik“ definitiv besser beraten. Wer bereit ist, auch den einen oder anderen Bogen mitzugehen, um etwas mehr Verständnis für das „große Ganze“ im Kulturbetrieb zu bekommen, ist auch mit „Vom Imperiengeschäft“ nicht schlecht beraten.

Berthold Seliger – Das Geschäft mit der Musik

Ein Journalist kann noch so gut recherchieren – am Ende kann trotzdem niemand Skandale und Missstände so gut aufzeigen wie ein echter Insider. Jemand, der eine Szene oder Branche jahrzehntelang beobachtet hat, in ihr und für sie gelebt hat. Jemand wie Berthold Seliger, was das Musikbusiness anbelangt.

1988 gründete er eine Konzertagentur, war als deutscher Tournee-Veranstalter unter anderem für Lou Reed und Van der Graaf Generator tätig. Nebenher bloggt und publiziert er, natürlich zum Thema Musik. Und er hätte  vermutlich schon nach den ersten Sätzen vehement gegen den Begriff „Musikbusiness“ protestiert. Denn was Seliger ausmacht, ist, dass Musik für ihn Kunst geblieben ist, obwohl er selbst sein Geld in der Branche verdient. Und dass er über die Jahre einen gewaltigen Groll auf all jene aufgestaut hat, die das anders sehen. Auf dieser explosiven Mischung – Insiderwissen und Zorn – basiert sein 2013 erstveröffentlichtes, mittlerweile in 7. Auflage (2015) vorliegendes Werk „Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht“.

Mag der Titel und die Rubrik „Sachbuch“ angestaubt und bieder klingen – das Buch ist alles, nur das nicht. Das ist bereits nach dem Vorwort klar, einem emotionalen Manifest gegen den Musikkapitalismus. Und das zeigen die insgesamt 350 Seiten, auf denen Seliger Kapitel um Kapitel mit der Musikindustrie abrechnet und so anschaulich wie detailliert darlegt, wer im Musikbusiness wo und wie Geld verdient. So viel sei vorweg verraten: Die Künstler sind es in den seltensten Fällen. Wenn doch, sind sie, wenn es nach Seliger geht, meist keine Künstler mehr: Nicht zu Unrecht kritisiert er etwa im Kapitel „Sponsoring“, dass die Stars von heute für Geld alles tun – und ihre Integrität als Künstler dabei oft weit hintanstellen.

Vornehmlich geht es aber nicht um die Künstler, sondern ihre „Verwerter“ – sei das nun die GEMA, deren dubiosen Strukturen und Verteilungsschlüsseln Seliger ein eigenes Kapitel gewidmet hat, die Live-Industrie oder die Tonträgerindustrie, der Seliger in einem flammenden Plädoyer fürs Streaming die Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte um die Ohren haut. Ob der Brisanz der von ihm dargestellten Methoden zur Monetarisierung von Musik liest sich sein Insiderbericht über weite Strecken eher wie ein Wirtschaftskrimi denn wie ein Sachbuch. Das Opfer sind dabei – wenig überraschend – oft die Künstler, aber immer die Fans.

Am deutlichsten wird das direkt im ersten Kapitel, in dem Seliger ausführlich und, wie auch im restlichen Buch stets mit Zahlen, Fakten und unzähligen Quellen untermauert, die geradezu mafiös anmutenden Verstrickungen aufdeckt, die „Veranstalter, Agenten, Tickets und Big Data“ im Live-Sektor verbinden und Fans das Grauen lehren sollten: Die Machenschaften global agierender Monopolisten, die als Konzertveranstalter, Ticketverkäufer, Hallenbetreiber und Festivalveranstalter auftreten, Bands fast nach Belieben pushen oder blockieren können und Fans mit kreativen Zusatzgebühren abzocken. Dieses Thema sollten niemandem egal sein, der bei Ticketmaster (Live Nation) oder Eventim Konzerttickets kauft. Und das wiederum ist so ziemlich jeder Konzertbesucher weltweit – sind die beiden genannten Firmen doch mittlerweile fast „alternativlos“.

Mal zitiert Seliger dabei Adorno, mal Jahresbilanzen – und zwischendurch lässt er seinem Ärger unverblümt freien Lauf. Genau diese Mischung macht „Das Geschäft mit der Musik“ als stellenweise recht subjektiv verfasste Abrechnung zwar angreifbar, aber eben auch so lesenswert. Hier will jemand nicht nur dokumentieren, sondern aufklären, etwas erreichen: Eine Musikwelt, die nicht länger von Markt und Marken dominiert wird. Warum das erstrebenswert wäre, wird besonders in den letzten Kapiteln klar, wenn Seliger das Ergebnis der mangelhaften staatlichen Kulturförderung in Deutschland darlegt: Eine zahnlose und unpolitische, da finanziell von Erfolg und Sponsoren abhängige „Musikkultur“, die nur noch von Mittelständlern und sozial priveligierten genossen, vor allem aber auch gemacht werden kann.

Wer sich als Ticketkäufer schon mal gefragt hat, warum es beim Vorverkaufspreis immer „plus Gebühren“ heißt und diese immer teurer werden, wer als Musiker endlich fundiert über die GEMA schimpfen möchte und wer sich fragt, warum die Musikindustrie den Trend zum Streaming so verschlafen hat, dass nun einige wenige Konzerne den Markt beherrschen, ist mit diesem Buch goldrichtig beraten: Hier werden die zentralen Segmente des heutigen Musik-Business bis auf die Knochen durchleuchtet. Spannend und verständlich, vor allem aber mit dem Feuer eines Mannes, für den Musik eben nicht nur Produkt, Content oder verwertbares Material, sondern Kultur ist.

Alistration – Ein kleiner Metal-Guide – Schwermetallische Cartoons

Wer kennt es nicht: Zum 100. Mal die Frage „Warum hörst du Metal, da versteht man ja nicht mal die Texte“, zum 1000. Mal das Klischee vom Metalhead, der nie lacht? Auf diese und andere dumme Sprüche bietet der „Ein kleiner Metal-Guide“ des Nürnberger Design-Studenten Ali, alias Alistration, mit seinen „schwermetallischen Cartoons“ künftig eine Antwort. Dem Fragesteller in die Hand gedrückt, hält das Büchlein diesen zum einen beschäftigt, sodass fürs Erste keine weiteren dummen Fragen kommen und klärt im Idealfall sogar tatsächlich einige der gängigsten Klischees auf.

Aufgeteilt in fünf Kapitel, von den „Anfängen“, über „Genres“, „ein paar größere Bands“ und „Klischees“ bis hin zu „Live“ erzählt Ali mal mit etwas mehr Text und einem begleitenden Cartoon, mal in einer fortlaufenden Comic-Kurzgeschichte allerlei zum Thema Metal. Dass Ali dabei die Entstehung des Genres etwas vereinfachter darstellt als etwa Sam Dunn in seiner Dokumentation „Metal – A Headbanger’s Journey“ oder diverse andere (selbsternannte) Genrechronisten, liegt in der Natur der Sache. Gerade der Textteil des Kapitels „Genres“ ist dann aber doch sehr eindeutig für Genrefremde geschrieben. Um in der Materie nicht Bewanderten – Eltern, Geschwistern oder Lebenspartnern etwa – die Basics zu vermitteln, reicht das. Der eingefleischte Metalhead hingegen wird sich hier eher langweilen: Zu grundlegend (und ironiefrei) sind die hier vermittelten Informationen wie Erklärungen und Anspieltipps zu Metallica, Maiden, Slayer und Co.

Auch und gerade für Szenegänger sind hingegen die beigestellten Cartoons witzig, die mit viel Humor und Liebe zum Detail überzeugen und oft zumindest rudimentäre Szenekenntnisse voraussetzen. Zwar wird hier viel gekalauert, jedoch auch offenkundig aus eigener Erfahrung über Musikermarotten gelästert und mit viel Liebe zum Detail ein Klischee nach dem anderen aufs Korn genommen. Wirklich schnell ins Herz geschlossen hat man dabei die drolligen Protagonisten der Comic-Strips, die sich nicht ganz freiwillig entscheiden, eine Black-Metal-Band zu gründen – wenngleich auch hier vielfach altbekannte Witze (bildlich wie sprachlich) nachgezeichnet werden und die Geschichte arg an den auf sehr ähnlichem Humor basierenden Kinofilm „Heavy Trip“ erinnert.

„Für Fans und solche, die es werden wollen“ wirbt der Klappentext von „Ein kleiner Metal-Guide – Schwermetallische Cartoons“. Zumindest ersteres ist fraglich, ist die Anzahl an Einzelcartoons doch im Verhältnis zu für Metalheads altbekanntem „Wissen“ recht gering, zumal auch die im Comic erzählte Story leider ziemlich vorhersehbar verläuft. Wer jedoch ein humoriges Geschenk für notorische Metal-nicht-Versteher sucht, ist mit dem „kleinen Metal-Guide“ nicht schlecht beraten: Für den kurzen Überblick, vielleicht sogar das „spielerische Annähern“ an die beste Musik der Welt dürfte es reichen.

Tim Hackemack – More Than Fashion

Wer sich für Punk interessiert, könnte bereits 2016 über den Namen Tim Hackemack gestolpert sein: In seinem Buch „Yesterday’s Kids“ porträtierte der freischaffende Journalist und Fotograf 77 über 40-jährige Punks. Das Resultat war nicht zuletzt ein schöner Beweis, dass Punk alles, nur keine Jugendkultur ist. Erneut im Hirnkost-Verlag veröffentlicht Hackemack nun sein zweites Buch, „More Than Fashion“. Wieder dreht sich alles um Punks, diesmal jedoch konkret um deren Outfits.

Doch obwohl es auf 437 Seiten um Klamotten geht, soll das Werk „kein scheiß Modebuch“ sein, wie Hackemack bereits im Vorwort unmissverständlich klarstellt. Vielmehr ist der Bildband als Hommage an das Allerheiligste jedes Punks gedacht: an seine Jacke. Sie ist oftmals politisches, musikalisches und kreatives Statement in einem – und damit ohne Frage ein Kulturgut, das eine Würdigung in Form eines Bildbandes verdient hat.

Konkret werden in „More Than Fashion“ die Jacken von rund 90 Punks präsentiert, jeweils mit einem mal längeren, mal kürzeren Begleittext des stolzen „Gestalters“. Wie die Länge, so variiert auch der Tiefgang der Texte: Es gibt hier lustige Anekdoten zu lesen – oft fallen die Texte aber auch eher banal aus: Jacke von H&M oder Mama, viel Arbeit mit dem Anbringen der Nieten und – wenn auch lange nicht getragen – ein Kleidungsstück, von dem man sich nie trennen will.

Wie mit den Texten geht es einem auch beim Betrachten der Bilder: Kultige, teils schon komplett zerfallene Kunstwerke (meist die mit dem „spannenderen Jackenleben“) wechseln sich mit vielleicht reich verzierten, aber (noch?) recht charakterlosen Kleidungsstücken ab. Gerade bei letzteren ist es mitunter schwer, die Jacken von (Szene-)Mode abzugrenzen: Wird lediglich einem Szenelook nachgeeifert, oder ist auch das schon DIY-Kultur und Individualismus? Selbst Szenegänger wie Alt-Punk Karl sehen das kritisch:  „Wer etwas auf sich hielt, machte seine Jacke zum Erkennungszeichen – einfach nur ein paar Bandnamen draufmalen reichte nicht. Wer mit einer hastig zusammengekloppten Jackenbemalung aufkreuzte, war gleich unten durch.“ Der eine oder andere Punk aus „More Than Fashion“ wäre mit seiner Jacke wohl durch’s Raster gefallen.

Hat Tim Hackemack also zu willkürlich ausgewählt, oder alles richtig gemacht, weil er die volle Bandbreite abdeckt? Ansichtssache. Fakt ist: Die Auswahlkriterien, nach denen Tim Hackemack die Punks und ihre Jacken für das Buch ausgewählt hat, bleiben etwas undurchsichtig. Das gibt „More Than Fashion“ zwar einerseits eine gewisse Vielfalt, macht die stilistische Bandbreite der abgebildeten Jacken groß – gibt dem Ganzen aber andererseits einen etwas willkürlichen Charakter. So haben sich zwischen kultige Punk-Unikate beispielsweise auch ein paar Metalkutten oder Kutten der Turbojugend in das Buch verirrt. Was letztere angeht, hat Punk Hermann eine klare, in Punkerkreisen weit verbreitete Meinung: „Das Kotzen bekomme ich bei den ganzen uniformierten Turbojugend-Deppen. Die sind so Rock’n’Roll wie Nickelback.“

„Ich war auf der Suche nach Punk-Jacken, egal, wie sie aussahen“ schreibt Hackemack im Vorwort. Entsprechend willkürlich wirkt die Auswahl der „Studienobjekte“ in „More Than Fashion“. Das ist etwas schade, wird der Grundgedanke – zu zeigen, dass Punk mehr als eine Mode ist – dadurch mitunter eher untergraben als untermauert. Gerade diese Ambivalenz, aber auch die zum Glück reichlich zu findenden urigen, abgewetzten, abgelebten Exemplare machen „More Than Fashion“ trotzdem zu einem spannenden Werk für Punk-Sympathisanten und Szenegänger.

Tim Hackemack – Yesterday’s Kids

Tim Hackemack, Jahrgang 1979, ist im ländlichen Westfalen aufgewachsen. Nach dem Abitur machte er seinen Magister in Anglistik und Germanistik in Düsseldorf, mittlerweile ist er freischaffender Fotograf und Journalist. Entscheidend ist jedoch die Zeit zwischen den Lebenslauf-Eckpunkten, die Jugend in der Musikszene, die Phase einer Subkultur: Hackemack verdingte sich als Konzertveranstalter, schrieb und fotografierte für Fanzines und veröffentlichte mit verschiedenen Bands fünf Alben. Sein Steckenpferd: Punk Rock.

Irgendwann mag Hackemack dabei ein Gedanke gekommen sein: Dass Punk eigentlich gar keine Phase ist. Und auch keine Jugendkultur. Zumindest ist das der wohl zentrale Gedanke hinter „Yesterday’s Kids“, einem so ambitionierten wie liebevoll aufgezogenen Projekt: Selbst Szenegänger, selbst Fotograf, machte sich Hackemack 2012 zum Ziel, Punker zu portraitieren – und zwar solche, die die 40 überschritten haben und somit der lebende Gegenbeweis zur „Jugendkultur-These“ sind. 77 sind es am Ende geworden, vielleicht, weil 1977 in England alles begann, vielleicht, weil es sich so ergeben hat.

Hackemack bedient sich dabei der kurzweiligen Kombination aus Interview und Fotoportrait: Über die Einstiegsfrage „Wann und wie bist du zum Punk gekommen?“ hangelt sich Hackemack in die Vergangenheit seiner Protagonisten, die zwar längst nicht mehr alle mit Nietenjacke und Irokesenschnitt herumlaufen, ihre Ideale von früher aber im Großen und Ganzen beibehalten haben. Auf Fotos von früher verzichtet Hackemack hingegen: Bisweilen lassen nur der Text oder der von den Portraitierten selbstgewählte Ort für das Fotoshooting ihren Punk-Background erahnen – anderen wiederum steht ihr Lebenswandel auch heute noch ins Gesicht geschrieben. Sei es in Form von Tattoos oder vom Leben gezeichneten Gesichtern.

Gerade diese Vielfalt macht den Reiz von „Yesterday’s Kids“ aus: So mischen sich unter die größtenteils völlig unbekannten Altpunks auch ganz unauffällig einige Szenegrößen – Karl Nagel etwa, Mit-„Organisator“ der Chaostage und ehemaliger Kanzlerkandidat der Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD), oder Erich Zanger, Mitbegründer ebenjener Spaßpartei sowie der Szene-Biermarke Pogorausch. Wiewohl ein Buch wie „Yesterday’s Kids“ all diesen Personen die perfekte Bühne für die „rosarote Rückblickbrille“ und große Jugendverklärung böte, fallen die Portraits kritisch, witzig und alles in allem sehr bodenständig aus: „Was soll ich groß sagen, Punk ist halt da, wie ein Körperteil“ konstatiert etwa Oli, der nicht nur seiner Tattoos wegen auch heute noch unverkennbar als Szenegänger zu identifizieren ist.

Vier Jahre hat Tim Hackemack an dem Projekt gearbeitet, neben seinem Job, seiner Familie und seiner eigenen Band, und dabei über 15.000 km zurückgelegt. Das Resultat ist alle Mühen wert: „Yesterday’s Kids“ ist eine gelungene Hommage an eine Szene, die oft kritisch und selten selbstkritisch beleuchtet wird – aus gebührender Distanz und zugleich quasi auf Tuchfühlung mit ihren Wegbereitern. Vor allem aber aus einer spannenden Perspektive: dem Blick zurück auf eine lange vergangene Jugend, die trotzdem nicht verschwendet war. Denn ob Nadelstreifen oder Nietenweste – ein bisschen Punk steckt auch heute noch in jedem der 77 „Yesterday’s Kids“.

Adam Nergal Darski – Beichten eines Ketzers

Adam Nergal Darski ist ohne Frage ein Genie. Als Musiker, sagen die einen, als Selbstdarsteller die anderen. Am Ende stimmt vermutlich beides. Fakt ist: Nergal ist eine der vielleicht spannendsten Personen der aktuellen Extreme-Metal-Szene. Bandkopf der Szene-Superstars Behemoth, Moderator der polnischen The-Voice-Sendung, offen im Umgang mit seiner besiegten Leukämie-Erkrankung und nie um eine Meinung verlegen. Mit anderen Worten: Der Traum eines jeden Biographen.

All zu schwer hatten es die beiden Polen Krzysztof Azarewicz und Piotr Weltrowski dementsprechend wohl nicht, als sie Nergal für ihr Projekt in über 100 Gesprächen mit Fragen löcherten. Unter dem Titel „Beichten eines Ketzers. Der Heilige und der Heide: Behemoth And Beyond“ erscheint das Ergebnis dieser Bemühungen, die Nergal-Biographie „Spowiedź Heretyka“ von 2012, drei Jahre nach der englischen Fassung nun endlich auch in deutscher Sprache.

Durchweg im Interviewstil gehalten, nähert sich das Buch dem Black-Metal-Shootingstar aus verschiedenen Blickwinkeln an: Nach einem Vorwort von Randall Blythe (Lamb Of God) erwarten den Leser 13 Kapitel und damit insgesamt 388 Seiten Nergal pur.

Angefangen bei seiner Kindheit und seinen ersten Kontakten zu Religion, Sexualität und Black Metal arbeitet sich das Buch langsam aber sicher zur Black-Metal-Ikone Nergal vor: Zu seinen Kontakten in der Szene, von der strittigen Bekanntschaft mit Rob Darken bis zu seinen Erfahrungen mit Jon Nödtveidt, über das Geldverdienen mit Behemoth bis zu Themen wie seinem Fernseh-Engagement, Diäten und seinem förmlichen Kirchenaustritt.

Während der Band dabei vergleichsweise wenig Beachtung geschenkt wird (hierzu sei an dieser Stelle das Buch Behemoth: Des Teufels Konquistadoren“ empfohlen), befasst sich „Beichten eines Ketzers“ ganz mit der Person hinter der Musik. Das ist interessant, beispielsweise, wenn Nergal eindrücklich und detailreich von der schrecklichen Zeit der Leukämie-Erkrankung berichtet. Es lässt das Buch jedoch passagenweise auch in den Boulevard abrutschen: Etwa, wenn die Autoren gefühlt sämtliche Frauengeschichten aus Nergals Leben im Detail erfragen oder all zu suggestiv zu Werke gehen.

Nicht nur einmal bekommt man das Gefühl, die Interviewer hätten von Nergal etwa gerne ein Bekenntnis zu rechtem Gedankengut gehört. Etwa, wenn sie ihn mit stumpfen Fragen wie „Bist du ein Antisemit?“, „Bist du vielleicht ein Rassist?“ oder „Hast du Hitler bewundert, als du jung warst?“ löchern, auf die Nergal aber so abgeklärt wie sympathisch-verständnislos reagiert. Diesem Kritikpunkt steht der aus dieser offensichtlich sehr entspannten Gesprächssituation entstandene, flüssige Gesprächsstil entgegen, der, überaus gelungen ins Deutsche transferiert, dafür sorgt, dass sich das Buch insgesamt leicht und unterhaltsam liest.

Dass Adam Nergal Darski gerne und viel über sich redet, steht außer Frage – für Biographen und Biographie-Fans ist das jedoch ein Segen. Mag auch nicht jede Erkenntnis aus dem Buch eine Lebensweisheit sein – es finden sich darin auch Sätze wie Seit ich einen Geschirrspüler habe, bin ich richtig gut im Abwaschen“. Am Ende des schick aufgemachten Wälzers angekommen, hat man jedoch das Gefühl, der polnischen Metal-Ikone etwas näher gekommen zu sein. Mehr kann eine Biographie nicht erreichen.

Behemoth – Des Teufels Konquistadoren

BEHEMOTH sind im extremen Metal ohne Frage die Band der Stunde: Spätestens seit ihrem Album „Demigod“ (2004) führt der Weg der Polen steil nach oben. Mittlerweile sind BEHEMOTH international eine nicht mehr wegzudenkende Instanz – nicht zuletzt in Deutschland. Höchste Zeit also, dass mit „Des Teufels Konquistadoren“ die authorisierte Band-Biographie aus dem Jahr 2012 nun, drei Jahre nach der englischen Fassung (2015), auch auf Deutsch verfügbar gemacht wird.

Schon auf den ersten Blick fällt die unglaubliche Anzahl an Abbildungen auf: Das gesamte Buch ist gespickt mit Fotos aus den verschiedenen Schaffensperioden von Behemoth, teils offizielles Material, vor allem aber aus privaten Archiven. In Kombination mit dem abwechslungsreichen Layout macht „BEHEMOTH – Des Teufels Konquistadoren“ so schon optisch einiges her.

Inhaltlich beginnt das Werk, wie nicht anders zu erwarten: am Anfang. In einem Mix aus Interview und erzählter Geschichte macht Łukasz Dunaj die ersten Gehversuche von BEHEMOTH nacherlebbar. Anekdoten von dilettantischen Aufnahmen, Besetzungsprobleme und all die anderen Geschichten, von denen jeder Musiker einige auf Lager hat, sorgen hier für Unterhaltungswert, wenngleich die BEHEMOTH-Frühwerke musikalisch wohl nur für die wenigsten Fans von heute von Relevanz sind.

Je weiter man sich in der BEHEMOTH-Geschichte fortbewegt, desto größer werden die Namen in den Storys: Anekdoten von Touren mit Bands wie Deicide, Satyricon oder Six Feet Under – nicht ohne den einen oder anderen Seitenhieb – aber auch die Hintergründe zu den später entstandenen Alben bis einschließlich „The Satanist“ geben einen umfangreichen Einblick in den BEHEMOTH-Kosmos.

Ein weiterer spannender Aspekt, neben den Erzählungen von und über die Band, sind die im Buch gesammelten Interviews mit Personen aus dem BEHEMOTH-Umfeld – „Bandentdecker“ Tomasz Krajewski von Pagan Records, der der Band damals ihren ersten Labelvertrag gab, ehemalige Bandmitglieder (Mateusz „Havoc“ Śmierzchalski und Marcin “Novy” Nowak) oder Helfer aus zweiter Reihe wie Arek Malczewski (Live-Sound) und Tomasz Daniłowicz (Cover-Artworks). Durch deren Blicke auf die Band bekommt das Buch eine weitere Dimension – was von dem Interview mit Rob Darken nicht gesagt werden kann: Jede Seite, die dem NSBM-Vorreiter in dem Buch eingeräumt wird, ist eine zu viel. Schon allein, weil er nichts Wesentliches zur BEHEMOTH-Story beigetragen hat und entsprechend wenig Konkretes aus dieser Zeit zu berichten weiß.

Auch die persönliche Ebene kommt nicht zu knapp. Natürlich ist „BEHEMOTH – Des Teufels Konquistadoren“ nicht so sehr auf Nergal und dessen Lebenswandel und Ansichten fokussiert wie das ebenfalls brandaktuell in deutscher Fassung erschienene „Adam Nergal Darski – Beichten eines Ketzers“. Die Krebserkrankung des Fronters und deren Auswirkungen auf die Band bleiben aber natürlich auch in der Bandbiographie nicht unerwähnt.

Abgerundet wird „BEHEMOTH – Des Teufels Konquistadoren“ durch eine mit Liner-Notes versehene Auflistung der BEHEMOTH-Diskographie und Einzelveröffentlichungen der Bandmitglieder, sowie je einem Steckbrief von Nergal, Inferno, Orion und Seth.

Klammert man das überflüssige Darken-Interview aus, ist „BEHEMOTH – Des Teufels Konquistadoren“ alles in allem eine inhaltlich lesenswerte und auch lesenswert niedergeschriebene Reise durch die spannende Entwicklungsgeschichte der polnischen Metal-Legende. Sein Stil, die vielen Abbildungen und O-Ton-Passagen machen das 569-Seiten-Werk zu einem unterhaltsam Buch, das allen BEHEMOTH-Fans tiefe Einblicke in die Historie dieser Ausnahmeband liefert.

Bruce Dickinson – What Does This Button Do? – An Autobiography

Es gibt Musiker-Biographien, bei denen man sich fragt: warum? – und solche, bei denen man sich fragt: warum erst jetzt? Die Autobiographie von Bruce Dickinson fällt definitiv in zweitere Kategorie, gehört der Pilot, der es im Fechtsport weit und im Metal mit IRON MAIDEN noch viel weiter gebracht hat, doch ohne Frage zu den spannendsten Persönlichkeiten der Metal-Szene. Nun also, kurz vor seinem 60. Geburtstag, hat der Brite die Muße gefunden und veröffentlicht mit „What Does This Button Do? – An Autobiography“ sein Leben in Buchform.

Warum genau das Buch so und nicht anders heißt, wird – wenn der Satz auf den 384 Seiten auch ein paar mal auftaucht – nicht so recht klar; ebenso wenig, warum der Titel beim Cover-Layout eher wie ein Werbe-Info-Pickerl designt wurde denn wie, nun ja, der Titel. Sieht man davon ab, gibt sich „What Does This Button Do?“ als klassische Musiker-Biographie zu erkennen: Bruce auf dem Cover, ein paar Seiten mit Schnappschüssen aus dem Leben des Briten zwischendurch und los geht es natürlich bei Adam und Eva, beziehungsweise in der Schulzeit des Jungen, der mit erstem Namen eigentlich Paul heißt.

Der Einstieg in das Buch fällt nicht ganz leicht. Denn sieht man von einigen Lausbubenstreichen ab, berichtet Dickinson hier (in der Originalfassung in zudem nicht ganz einfach verständlichem Englisch) nicht wahnsinnig viel Erfahrenswertes auf doch recht vielen Seiten – ein Problem, mit dem man auch in den folgenden Kapiteln konfrontiert wird. Hier schreibt Dickinson sehr ausführlich, streckenweise aber auch sehr trocken, über seine beiden großen Leidenschaften, den Fechtsport und die Fliegerei. Wirklich nahe kommt man dem Ausnahmesänger dabei jedoch nicht. Selbst einen Beinahe-Absturz während des Flugunterrichts schildert Dickinson – heute selbst Fluglehrer und Pilot mit Musterberechtigung bis zur Boeing 747 – überraschend unemotional. Wirklich spannend liest sich einzig die Episode über die Umstände des Auftritts mit seinem Solo-Projekt 1994, mitten im Bosnienkrieg also, im belagerten Sarajewo. Die Aktion, mitten im Kriesengebiet aufzutreten, wirkt in Dickinsons Erzählung jedoch eher leichtsinnig denn in irgend einer Weise sinnvoll.

Je weiter sich Bruce Dickinson an die Jetzt-Zeit heranarbeitet, desto lebendiger werden seine Geschichten – und lassen ihn mal (in seiner Doppelfunktion als Airline-Pilot und MAIDEN-Sänger) übermenschlich, mal (beim Kampf mit der Krebserkrankung) überaus menschlich erscheinen. Mangelnder Personenbezug lässt sich „What Does This Button Do?“ jedenfalls nicht ankreiden: Auf den 384 Seiten geht es quasi ausnahmslos um Bruce Dickinson. Das Thema IRON MAIDEN hingegen wird über weite Strecken nur überraschend beiläufig behandelt – wenn Dickinson etwa erzählt, dass er lieber Fechten gegangen ist, während der Rest der Band im Studio war, um ein neues Album aufzunehmen. Zweifel daran, dass er sich (neben Steve Harris) als die zentrale Figur bei MAIDEN sieht, lässt Dickinson dennoch nie aufkommen. So sehr man dabei hofft, dass dieser mal mehr, mal weniger unterschwellig arrogante Ton von der Erzählweise, nicht von Dickinsons Charakter herrührt – schöner zu Lesen macht das „What Does This Button Do?“ nicht unbedingt.

Am Ende ist „What Does This Button Do?“ vielleicht vor allem deswegen etwas enttäuschend, weil der Tausendsassa Dickinson für eine spannende, vielseitige und tiefgründige Autobiographie wie gemacht scheint – und „What Does This Button Do?“ all das eben nur in Maßen geworden ist. Zwar ist das Buch eine echte Autobiographie und keine als solche verkappte Bandgeschichte. Ein unterhaltsamer, aufschlussreicher Abriss eines Musikerlebens, wie das beispielsweise Scott Ian (Anthrax) oder Al Jourgensen (Ministry) mit ihren Memoiren gelungen ist, ist „What Does This Button Do?“ jedoch nicht.

Auf das Erzählen von lustigen Begebenheiten sei er nicht aus gewesen, lässt Dickinson den Leser im Nachwort wissen. Und auch das Private, familiäre Themen wie Liebschaften, Hochzeiten oder Kinder wurden mit voller Absicht komplett ausgespart. So erfährt man auf den 384 Seiten zwar viel über das Leben von Bruce Dickinson, jedoch enttäuschend wenig Persönliches aus seinem Leben: Auf der Gefühlsebene bleibt das Buch erschreckend oberflächlich. Erst auf den letzten Seiten, als er von seinem harten Kampf mit dem Krebs berichtet, gewährt Dickinson dem Leser echte, tiefe Einblicke in sein Gefühlsleben. Das ist schade – bleibt einem die Person Bruce Dickinson doch auch nach der Lektüre seiner Lebensgeschichte enttäuschend fremd.