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Abo Alsleben – Mayhem live in Leipzig: Wie ich den Black Metal nach Ostdeutschland brachte

„Mayhem Live In Leipzig“ ist eine Veröffentlichung, die Geschichte geschrieben hat: als einziger Release von Mayhem in der Besetzung mit Dead und Euronymous, vor allem aber als das Black-Metal-Live-Album schlechthin, aufgenommen in Ostdeutschland, wenige Monate nach dem Mauerfall. „Mayhem Live In Leipzig“ ist nun auch der Titel eines Buches: Es geht um Mayhem, besagte Show und das Leben als Metalhead im Ostdeutschland der Wendezeit.

Der Autor, Abo Alsleben, wird als „hedonistischer Lebenskünstler“ vorgestellt, der immer noch Metal hört, in diversen Bands aktiv war/ist und Bücher über seinen Heimatstadtteil Leipzig-Connewitz verfasst. Doch Alslebens eigentliches Verdienst steckt im Untertitel von „Mayhem Live In Leipzig – Wie ich den Black Metal nach Ostdeutschland brachte“: Alsleben ist der Veranstalter, der Mayhem 1990 nach Leipzig brachte. Veranstalter klingt allerdings professioneller, als Alsleben das wohl selbst ausdrücken würde. So ist „Mayhem Live In Leipzig“ als Konzert wie als Buch vom Charme des Dilettantischen geprägt.

Ähnlich persönlich wie Mikis Wesensbitter in seinem lesenswerten Ost-Erinnerungswerk „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß! Die ganze Wahrheit über ’89“ berichtet auch Alsleben über sein Leben vor und kurz nach der Wende – „frei von der Leber weg aufgeschrieben“, wie es im Vorwort heißt – und dadurch umso lebendiger: Die Jugenderlebnisse als Metalhead in der DDR mit dem Überspielen von Platten und Kaufen von Bandfotos, Basteln von Metal-Accessoires und Feiern auf Undergroundkonzerten werden genauso nachvollziehbar wie die „Nachteile“ der Wende: Der „Reiz des Verbotenen [war] dahin, ebenso wie die Freude über seltene Platten und der Anreiz zum Selbermachen. Dem Kommerz konnte man eigentlich nur in der Underground-Szene entfliehen“. Aus deren Untiefen heraus entwickelt sich eine Brieffreundschaft zwischen Alsleben und dem Norweger Euronymous, Gitarrist der damals aufstrebenden Mayhem, aus der heraus schlussendlich die Idee erwächst, dass Alsleben Konzerte für Mayhem in Ostdeutschland organisieren könnte.

Die Briefe von Euronymous sind – neben einigen Livefotos der Tour – tatsächlich das Highlight des Buches: Als Scan des Originals sowie in deutscher Übersetzung abgedruckt, bieten diese tiefe Einblicke in die Gedanken des jungen Euronymous alias Øystein Aarseth: seine kommunistische Weltsicht („I have to admit that I’m very much into left wing ideas“), seine Sicht auf die Metal-Szene und natürlich seine Ideen mit Mayhem und Deathlike Silence Productions. Dass die Antworten von Alsleben – logischerweise – fehlen, stört überraschend wenig, stehen die Briefe doch zumeist für sich allein. Zwar zitiert Alsleben auch immer wieder aus den Briefen, diese vorweg am Stück zu lesen, ist dennoch lohnenswert. Die dokumentierte Brieffreundschaft endet nach elf Briefen mit den Details zu den drei Shows in Anaberg Buchholz, Bergisdorf/Zeitz und Leipzig, deren Verlauf Abo Alsleben aus seinen Erinnerungen wiedergibt.

Diesbezüglich wirkt Alslebens „flapsige Schreibe“, die sich oft nach mitgeschriebener Erzählung liest, so „unprofessionell“ wie sympathisch – und passt damit perfekt zu der Art, wie damals auch die Shows organisiert (und gespielt) wurden. Vielleicht punktet „Mayhem Live In Leipzig: Wie ich den Black Metal nach Ostdeutschland brachte“ deswegen nicht unbedingt sprachlich – dafür aber mit Authentizität. Schwierig wird es erst, als Alsleben über die psychischen Probleme von Dead sinniert und sich in Erklärungsversuche für dessen Selbstmord versteigt: Diese Form der Hobbypsychologie ist beim Thema Depression grundsätzlich unangebracht.

Sieht man davon ab, sind Abo Alslebens „Mayhem-Memoiren“ ein lebhafter Rückblick auf die Ankunft des Black Metal in der Ex-DDR, der vor allem von den berichteten Situationen und Trivialitäten lebt. Ergänzt um nie zuvor publizierte Zeitdokumente wie Fotos und Briefe ist „Wie ich den Black Metal nach Ostdeutschland brachte“ für alle Black-Metal-Fans (auch und gerade aus den neuen Bundesländern) und insbesondere für alle Mayhem-Fans seine 20 € wert. Nicht zuletzt, weil die hier belegte Begeisterung von Euronymous, einem der Gründungsväter des Black-Metal-Mythos, für linke Ideen einmal mehr deutlich macht, wie schwachsinnig es ist, rechte Umtriebe in der Szene als „naturgegeben“ zu tolerieren.

Till Lindemann – 100 Gedichte

Zehntausende rezitieren rund um den Globus seine Gedichte in deutscher Sprache. Die Rede ist nicht etwa von Goethe oder Schiller, sondern von Till Lindemann. Wenngleich es für den einen oder anderen Literaturwissenschaftler und Deutschlehrer ein Graus sein dürfte, dürfte der Berliner mit seinem Textwerk für Rammstein tatsächlich längst der meistgelesene deutschsprachige Lyriker sein.

Doch Till Lindemann textet nicht nur zur Musik, sondern musiziert auch mit Texten: Nach „Messer“ und „In stillen Nächten“ bringt der Berliner nun seinen dritten Gedichtband heraus: „100 Gedichte“. Ganz loslösen von seinem musikalischen Schaffen kann man diese Werke freilich nicht: Waren schon Passagen aus „In stillen Nächten“ auf „Rammstein“ wiederzufinden, rutschte das Gedicht „Ach so gern“ kurz vor Fertigstellung von „100 Gedichte“ auf „F & M“ von Lindemann.

Ansonsten jedoch stehen Lindemanns Gedichte für sich selbst: Mal als Zweizeiler („Leise“), mal als mehrteilige, mehrseitige Geschichte („Kopf hoch“), mal gereimt, mal nicht, ist die stilistische Bandbreite diesmal größer denn je. Gleich geblieben ist die Wortgewalt, die unverkennbare Sprache von Till Lindemann: Interpunktionslos, auf den ersten Blick oft holprig, findet er doch gerade so stets starke Bilder.

Wie schon das Cover verdeutlicht, sind Penisse und Tiere (und was man damit anstellen kann) auch diesmal Lindemanns zentrale Motive. Da erheitert der eine Text mit einer makabren Pointe im letzten Vers, überrascht der nächste durch bezaubernde Romantik, verstört der nächste auf voller Länge durch rohe Gewalt und Sex-Phantasien. Dazwischen sorgen, wie schon im Vorgängerwerk, Zeichnungen von Matthias Matthies – thematisch durchweg so sexuell wie skurril – für die richtige Atmosphäre.

Doch der Humor von Lindemann steckt nicht nur in den Texten, sondern auch in deren Gesamtheit: „Dreh dich nicht um“ bricht mitten in der Strophe ab und wird so nahtlos in „Das Hündchen wackelt mit dem Schwanz“ fortgeführt, dass es fast wie ein Satzfehler wirkt. Man kann das als Kunstkniff sehen – oder als kleinen Jokus: Am Ende sind es eben doch nur 99 Gedichte.

99 oder 100 – schlussendlich irrelevant. Genug Lyrik enthält „100 Gedichte“ so oder so, wirken die Texte doch für sich genommen und einzeln gelesen sowieso stärker als am Stück verschlungen wie ein Roman. Oder ein totes Tier. Oder …

Werner Lindemann – Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters

Als Timm 19 ist, nimmt er in einem Dorfeine Lehrstelle an und zieht dafür zu seinem Vater aufs Land. Der ist hauptberuflich Dichter und Denker. Als Kinderbuchautor hat er mit Worten umzugehen gelernt; der Umgang mit dem eigenen Kind hingegen ist für ihn eine neue Herausforderung, der er sich nicht nur als Vater, sondern auch als Schriftsteller stellt.

Dieses Szenario ist nicht das Setting eines brandneuen, zeitgeistgeschwängerten Coming-of-Age-Romans, sondern die Grundlage des bereits 1988 erschienenen und zumindest in Teilen autobiografischen Tagebuchs „Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters“. Die Zweck-WG ist zeitlich wie räumlich in der tiefsten DDR zu verorten, 1982/83, in der mecklenburgischen Gemeinde Zickhusen. Die Ausbildung ist eine Schreinerlehre in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft und Werner Lindemann ist tatsächlich angesehener Kinderbuchautor. Aber Timm heißt eigentlich Till Lindemann und ist heute nicht Handwerker, sondern Weltstar.

Diesen Erfolg seines Sohns erlebt Werner Lindemann nicht mehr mit: Er verstirbt 1993, ein Jahr, bevor Till und seine Freunde Rammstein gründen. Umso anrührender wirken bisweilen das väterliche Bemühen, den oft unwiligen Sohn auf den rechten Weg zu bringen. Was der Vater notiert, sind Momentaufnahmen, isolierte Szenen aus dem oft auch recht belanglos erscheinenden Alltag. Dennoch ergeben sie im Ganzen ein stimmiges Bild des Zusammenlebens – wenngleich wohl keines, über das man sich als Sohn freut. Immer wieder möchte man beiden zurufen: Es wird alles gut! Denn leicht machen es sich Werner und Timm gegenseitig nicht, immer wieder gibt es Streit, einmal wird der sogar handfest.

Dazwischen streut Werner Lindemann immer wieder lebhafte Erinnerungen an seine eigene (Vor-)Kriegsjugend ein. Beide – die Jugenderinnerungen wie die Notizen aus dem Alltag – bleiben jedoch stets fragmentarisch: kurze Niederschriften wenige Momente langer Unterhaltungen oder isolierter Gedanken, lückenhaft, aneinandergereiht; mal sprachlich simpel gehalten, mal fast poetisch aufbereitet. Wären Haikus damals schon im Trend gewesen – mit Versen wie „Rapsfeld – goldenes Parkett für tanzende Bienen“ hätte Werner Lindemann fraglos punkten können. Dass in den Tagebuch-Passagen schlussendlich alles etwas trivial wirkt, überrascht zunächst, und ist doch nur logisch: Timm ist zwar Till. Aber eben (noch) kein Rockstar.

Das „Nachwort von Till Lindemann“ fällt in mehrfacher Hinsicht ernüchternd aus. Zum einen, weil es eigentlich kein Nachwort ist, sondern lediglich das Transkript eines Gespräches zwischen Till Lindemann und dem Verleger Helge Malchow. Zum anderen, weil Till darin so manche Darstellung aus „Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters“ als fingiert oder zumindest stark zurechtgebogen entlarvt.

Ursprünglich 1988 im DDR-Verlag Der Morgen veröffentlicht und 2006 neu aufgelegt, war „Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters“ lange vergriffen und nur zu Sammlerpreisen erhältlich. Aus dieser Perspektive ist die aktuelle Wiederveröffentlichung durch Kiepenheuer & Witsch nur sinnvoll: Dass das Buch leider auf vielen Ebenen etwas trivialer ist, als man sich das erhofft hätte, lässt sich für 12 € leichter verschmerzen als für 120 €.

Berthold Seliger – Vom Imperiengeschäft

Mit „Das Geschäft mit der Musik: Ein Insiderbericht“ legte Konzertveranstalter Berthold Seliger 2013 (Neuauflage: 2015) ein spannendes, um nicht zu sagen mitreißendes Sachbuch vor: Wer verdient im Musik-Business heute womit eigentlich noch wie viel Geld? Vom Live-Sektor bis zur Tonträgerindustrie, Lizenzinhabern und Verwertungsgesellschaften, Sponsoring, der sozialen Situation für Künstler in Deutschland und der diese prägenden Politik: Übersichtlich und gut gegliedert wurde hier der gesamte „Geschäftsbereich Musik“ durchleuchtet.

Mit „Vom Imperiengeschäft: Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören“ legt Seliger nun nach: Was im Vorgänger bereits angeklungen war und beim Lesen immer wieder für Kopfschütteln sorgte, steht hier nun im Fokus: Die Dominanz weltumspannender Konzerne im Musik- und Kulturbetrieb, denen nicht nur Fans, sondern auch und vor allem Künstler hoffnungslos ausgeliefert sind.

Auch diesmal gliedert Seliger seine Abrechnung in vier Kapitel, die sich mit unterschiedlichen Themenfeldern befassen. Deren erstes, schlicht „Imperiengeschäfte“ betitelt, bietet im Endeffekt eine aktualisierte und ausgearbeitete Darstellung der bereits in „Das Geschäft mit der Musik“ angesprochenen Problemfelder (etwa die skandalöse Kartellbildung und Gewinngenerierung im Sektor Konzertticket-Verkauf). Hat man dieses Buch in der aktualisierten Fassung gelesen, findet sich hier nicht viel grundlegend neues – wenngleich die zugespitzte Situation, untermauert durch aktuelle Zahlen, durchaus als dramatisch bezeichnet werden kann. Das könnte sie allerdings auch, würde Seliger nicht derart demonstrativ auf dem Terminus „Imperiengeschäft“ herumreiten, dass einem dieser nicht nur in allem, wofür er steht, sondern auch ganz profan sprachlich schon bald zum Hals heraus hängt.

In den folgenden Kapiteln zu Festivals („Hippies, kalifornische Ideologie und das Silicon Valley“) sowie Kulturstätten („Immobilienverwertung, Kulturorte und der öffentliche Raum“) geht Seliger dann aufs große Ganze: Wortreich und durchaus fundiert erzählt er etwa die Entstehungsgeschichte des Musikfestivals als Veranstaltungsart nach – dass es sich hier seit Woodstock, also von Anbeginn an, um ein durchkommerzialisiertes Business handelt, ist allerdings eine wenig überraschende Erkenntnis. Immer mehr lässt Seliger dabei seinen Emotionen und politischen Ansichten freien Lauf: Etwa, wenn er für Festivals eine Frauenquote bei den Bands fordert, eifrig Karl Marx zitierend erklärt, warum das künstlerische Prekariat von heute dem Lumpenproletariat von damals entspricht oder gleich das gesamte sozioökonomische Kulturkonstrukt heutiger Großtstädte, von Smart-Towns bis zur Gentrifizierung, ins Visier nimmt. Streckenweise wird sein Werk vom Sachbuch regelrecht zum Manifest.

Diesen nicht mehr auf Imperiengeschäfte, sondern eigentlich den gesamten Kapitalismus ausgeweiteten Feldzug führt Seliger zuletzt auch in Kapitel 4, „Kulturelles Prekariat und konzeptive Ideologien“ weiter: Auch hier durchaus mit vielen Argumenten und Beispielen – wirklich konkrete und tatsächlich auch umsetzbare Alternativen stellt Seliger den weltumspannenden Problemen dabei allerdings nur wenige entgegen. Wie sollte er auch: Schlussendlich ist Seliger Konzertveranstalter, nicht Wirtschaftsweiser oder der Hüter über den Stein der Weisen. Als Leser hätte man es sich nur so sehr gewünscht, auf all die Missstände, von unterbezahlten Künstlern bis hin zu staatlich subventionierten, aber kapitalistisch agierenden Spielstätten „einfache“ Lösungen präsentiert zu bekommen.

Doch die Welt ist nun einmal nicht „einfach“, das zumindest wird auch durch „Vom Imperiengeschäft“ einmal mehr klar. Vielleicht ist das Buch in seinem deutlich politischeren, weiter gefassten Ansatz etwas überambitioniert angelegt – vielleicht braucht es aber auch genau solche Einzelkämpfer wie Berthold Seliger, die den Finger in die Wunde legen, auch wenn sie wissen, dass sie damit allein kein Wunder vollbringen. Wer sich nur mehr Einblick in das Musikbusiness erhofft, ist mit „Das Geschäft mit der Musik“ definitiv besser beraten. Wer bereit ist, auch den einen oder anderen Bogen mitzugehen, um etwas mehr Verständnis für das „große Ganze“ im Kulturbetrieb zu bekommen, ist auch mit „Vom Imperiengeschäft“ nicht schlecht beraten.

Berthold Seliger – Das Geschäft mit der Musik

Ein Journalist kann noch so gut recherchieren – am Ende kann trotzdem niemand Skandale und Missstände so gut aufzeigen wie ein echter Insider. Jemand, der eine Szene oder Branche jahrzehntelang beobachtet hat, in ihr und für sie gelebt hat. Jemand wie Berthold Seliger, was das Musikbusiness anbelangt.

1988 gründete er eine Konzertagentur, war als deutscher Tournee-Veranstalter unter anderem für Lou Reed und Van der Graaf Generator tätig. Nebenher bloggt und publiziert er, natürlich zum Thema Musik. Und er hätte  vermutlich schon nach den ersten Sätzen vehement gegen den Begriff „Musikbusiness“ protestiert. Denn was Seliger ausmacht, ist, dass Musik für ihn Kunst geblieben ist, obwohl er selbst sein Geld in der Branche verdient. Und dass er über die Jahre einen gewaltigen Groll auf all jene aufgestaut hat, die das anders sehen. Auf dieser explosiven Mischung – Insiderwissen und Zorn – basiert sein 2013 erstveröffentlichtes, mittlerweile in 7. Auflage (2015) vorliegendes Werk „Das Geschäft mit der Musik. Ein Insiderbericht“.

Mag der Titel und die Rubrik „Sachbuch“ angestaubt und bieder klingen – das Buch ist alles, nur das nicht. Das ist bereits nach dem Vorwort klar, einem emotionalen Manifest gegen den Musikkapitalismus. Und das zeigen die insgesamt 350 Seiten, auf denen Seliger Kapitel um Kapitel mit der Musikindustrie abrechnet und so anschaulich wie detailliert darlegt, wer im Musikbusiness wo und wie Geld verdient. So viel sei vorweg verraten: Die Künstler sind es in den seltensten Fällen. Wenn doch, sind sie, wenn es nach Seliger geht, meist keine Künstler mehr: Nicht zu Unrecht kritisiert er etwa im Kapitel „Sponsoring“, dass die Stars von heute für Geld alles tun – und ihre Integrität als Künstler dabei oft weit hintanstellen.

Vornehmlich geht es aber nicht um die Künstler, sondern ihre „Verwerter“ – sei das nun die GEMA, deren dubiosen Strukturen und Verteilungsschlüsseln Seliger ein eigenes Kapitel gewidmet hat, die Live-Industrie oder die Tonträgerindustrie, der Seliger in einem flammenden Plädoyer fürs Streaming die Fehlentscheidungen der letzten Jahrzehnte um die Ohren haut. Ob der Brisanz der von ihm dargestellten Methoden zur Monetarisierung von Musik liest sich sein Insiderbericht über weite Strecken eher wie ein Wirtschaftskrimi denn wie ein Sachbuch. Das Opfer sind dabei – wenig überraschend – oft die Künstler, aber immer die Fans.

Am deutlichsten wird das direkt im ersten Kapitel, in dem Seliger ausführlich und, wie auch im restlichen Buch stets mit Zahlen, Fakten und unzähligen Quellen untermauert, die geradezu mafiös anmutenden Verstrickungen aufdeckt, die „Veranstalter, Agenten, Tickets und Big Data“ im Live-Sektor verbinden und Fans das Grauen lehren sollten: Die Machenschaften global agierender Monopolisten, die als Konzertveranstalter, Ticketverkäufer, Hallenbetreiber und Festivalveranstalter auftreten, Bands fast nach Belieben pushen oder blockieren können und Fans mit kreativen Zusatzgebühren abzocken. Dieses Thema sollten niemandem egal sein, der bei Ticketmaster (Live Nation) oder Eventim Konzerttickets kauft. Und das wiederum ist so ziemlich jeder Konzertbesucher weltweit – sind die beiden genannten Firmen doch mittlerweile fast „alternativlos“.

Mal zitiert Seliger dabei Adorno, mal Jahresbilanzen – und zwischendurch lässt er seinem Ärger unverblümt freien Lauf. Genau diese Mischung macht „Das Geschäft mit der Musik“ als stellenweise recht subjektiv verfasste Abrechnung zwar angreifbar, aber eben auch so lesenswert. Hier will jemand nicht nur dokumentieren, sondern aufklären, etwas erreichen: Eine Musikwelt, die nicht länger von Markt und Marken dominiert wird. Warum das erstrebenswert wäre, wird besonders in den letzten Kapiteln klar, wenn Seliger das Ergebnis der mangelhaften staatlichen Kulturförderung in Deutschland darlegt: Eine zahnlose und unpolitische, da finanziell von Erfolg und Sponsoren abhängige „Musikkultur“, die nur noch von Mittelständlern und sozial priveligierten genossen, vor allem aber auch gemacht werden kann.

Wer sich als Ticketkäufer schon mal gefragt hat, warum es beim Vorverkaufspreis immer „plus Gebühren“ heißt und diese immer teurer werden, wer als Musiker endlich fundiert über die GEMA schimpfen möchte und wer sich fragt, warum die Musikindustrie den Trend zum Streaming so verschlafen hat, dass nun einige wenige Konzerne den Markt beherrschen, ist mit diesem Buch goldrichtig beraten: Hier werden die zentralen Segmente des heutigen Musik-Business bis auf die Knochen durchleuchtet. Spannend und verständlich, vor allem aber mit dem Feuer eines Mannes, für den Musik eben nicht nur Produkt, Content oder verwertbares Material, sondern Kultur ist.

Alistration – Ein kleiner Metal-Guide – Schwermetallische Cartoons

Wer kennt es nicht: Zum 100. Mal die Frage „Warum hörst du Metal, da versteht man ja nicht mal die Texte“, zum 1000. Mal das Klischee vom Metalhead, der nie lacht? Auf diese und andere dumme Sprüche bietet der „Ein kleiner Metal-Guide“ des Nürnberger Design-Studenten Ali, alias Alistration, mit seinen „schwermetallischen Cartoons“ künftig eine Antwort. Dem Fragesteller in die Hand gedrückt, hält das Büchlein diesen zum einen beschäftigt, sodass fürs Erste keine weiteren dummen Fragen kommen und klärt im Idealfall sogar tatsächlich einige der gängigsten Klischees auf.

Aufgeteilt in fünf Kapitel, von den „Anfängen“, über „Genres“, „ein paar größere Bands“ und „Klischees“ bis hin zu „Live“ erzählt Ali mal mit etwas mehr Text und einem begleitenden Cartoon, mal in einer fortlaufenden Comic-Kurzgeschichte allerlei zum Thema Metal. Dass Ali dabei die Entstehung des Genres etwas vereinfachter darstellt als etwa Sam Dunn in seiner Dokumentation „Metal – A Headbanger’s Journey“ oder diverse andere (selbsternannte) Genrechronisten, liegt in der Natur der Sache. Gerade der Textteil des Kapitels „Genres“ ist dann aber doch sehr eindeutig für Genrefremde geschrieben. Um in der Materie nicht Bewanderten – Eltern, Geschwistern oder Lebenspartnern etwa – die Basics zu vermitteln, reicht das. Der eingefleischte Metalhead hingegen wird sich hier eher langweilen: Zu grundlegend (und ironiefrei) sind die hier vermittelten Informationen wie Erklärungen und Anspieltipps zu Metallica, Maiden, Slayer und Co.

Auch und gerade für Szenegänger sind hingegen die beigestellten Cartoons witzig, die mit viel Humor und Liebe zum Detail überzeugen und oft zumindest rudimentäre Szenekenntnisse voraussetzen. Zwar wird hier viel gekalauert, jedoch auch offenkundig aus eigener Erfahrung über Musikermarotten gelästert und mit viel Liebe zum Detail ein Klischee nach dem anderen aufs Korn genommen. Wirklich schnell ins Herz geschlossen hat man dabei die drolligen Protagonisten der Comic-Strips, die sich nicht ganz freiwillig entscheiden, eine Black-Metal-Band zu gründen – wenngleich auch hier vielfach altbekannte Witze (bildlich wie sprachlich) nachgezeichnet werden und die Geschichte arg an den auf sehr ähnlichem Humor basierenden Kinofilm „Heavy Trip“ erinnert.

„Für Fans und solche, die es werden wollen“ wirbt der Klappentext von „Ein kleiner Metal-Guide – Schwermetallische Cartoons“. Zumindest ersteres ist fraglich, ist die Anzahl an Einzelcartoons doch im Verhältnis zu für Metalheads altbekanntem „Wissen“ recht gering, zumal auch die im Comic erzählte Story leider ziemlich vorhersehbar verläuft. Wer jedoch ein humoriges Geschenk für notorische Metal-nicht-Versteher sucht, ist mit dem „kleinen Metal-Guide“ nicht schlecht beraten: Für den kurzen Überblick, vielleicht sogar das „spielerische Annähern“ an die beste Musik der Welt dürfte es reichen.

Tim Hackemack – More Than Fashion

Wer sich für Punk interessiert, könnte bereits 2016 über den Namen Tim Hackemack gestolpert sein: In seinem Buch „Yesterday’s Kids“ porträtierte der freischaffende Journalist und Fotograf 77 über 40-jährige Punks. Das Resultat war nicht zuletzt ein schöner Beweis, dass Punk alles, nur keine Jugendkultur ist. Erneut im Hirnkost-Verlag veröffentlicht Hackemack nun sein zweites Buch, „More Than Fashion“. Wieder dreht sich alles um Punks, diesmal jedoch konkret um deren Outfits.

Doch obwohl es auf 437 Seiten um Klamotten geht, soll das Werk „kein scheiß Modebuch“ sein, wie Hackemack bereits im Vorwort unmissverständlich klarstellt. Vielmehr ist der Bildband als Hommage an das Allerheiligste jedes Punks gedacht: an seine Jacke. Sie ist oftmals politisches, musikalisches und kreatives Statement in einem – und damit ohne Frage ein Kulturgut, das eine Würdigung in Form eines Bildbandes verdient hat.

Konkret werden in „More Than Fashion“ die Jacken von rund 90 Punks präsentiert, jeweils mit einem mal längeren, mal kürzeren Begleittext des stolzen „Gestalters“. Wie die Länge, so variiert auch der Tiefgang der Texte: Es gibt hier lustige Anekdoten zu lesen – oft fallen die Texte aber auch eher banal aus: Jacke von H&M oder Mama, viel Arbeit mit dem Anbringen der Nieten und – wenn auch lange nicht getragen – ein Kleidungsstück, von dem man sich nie trennen will.

Wie mit den Texten geht es einem auch beim Betrachten der Bilder: Kultige, teils schon komplett zerfallene Kunstwerke (meist die mit dem „spannenderen Jackenleben“) wechseln sich mit vielleicht reich verzierten, aber (noch?) recht charakterlosen Kleidungsstücken ab. Gerade bei letzteren ist es mitunter schwer, die Jacken von (Szene-)Mode abzugrenzen: Wird lediglich einem Szenelook nachgeeifert, oder ist auch das schon DIY-Kultur und Individualismus? Selbst Szenegänger wie Alt-Punk Karl sehen das kritisch:  „Wer etwas auf sich hielt, machte seine Jacke zum Erkennungszeichen – einfach nur ein paar Bandnamen draufmalen reichte nicht. Wer mit einer hastig zusammengekloppten Jackenbemalung aufkreuzte, war gleich unten durch.“ Der eine oder andere Punk aus „More Than Fashion“ wäre mit seiner Jacke wohl durch’s Raster gefallen.

Hat Tim Hackemack also zu willkürlich ausgewählt, oder alles richtig gemacht, weil er die volle Bandbreite abdeckt? Ansichtssache. Fakt ist: Die Auswahlkriterien, nach denen Tim Hackemack die Punks und ihre Jacken für das Buch ausgewählt hat, bleiben etwas undurchsichtig. Das gibt „More Than Fashion“ zwar einerseits eine gewisse Vielfalt, macht die stilistische Bandbreite der abgebildeten Jacken groß – gibt dem Ganzen aber andererseits einen etwas willkürlichen Charakter. So haben sich zwischen kultige Punk-Unikate beispielsweise auch ein paar Metalkutten oder Kutten der Turbojugend in das Buch verirrt. Was letztere angeht, hat Punk Hermann eine klare, in Punkerkreisen weit verbreitete Meinung: „Das Kotzen bekomme ich bei den ganzen uniformierten Turbojugend-Deppen. Die sind so Rock’n’Roll wie Nickelback.“

„Ich war auf der Suche nach Punk-Jacken, egal, wie sie aussahen“ schreibt Hackemack im Vorwort. Entsprechend willkürlich wirkt die Auswahl der „Studienobjekte“ in „More Than Fashion“. Das ist etwas schade, wird der Grundgedanke – zu zeigen, dass Punk mehr als eine Mode ist – dadurch mitunter eher untergraben als untermauert. Gerade diese Ambivalenz, aber auch die zum Glück reichlich zu findenden urigen, abgewetzten, abgelebten Exemplare machen „More Than Fashion“ trotzdem zu einem spannenden Werk für Punk-Sympathisanten und Szenegänger.

Tim Hackemack – Yesterday’s Kids

Tim Hackemack, Jahrgang 1979, ist im ländlichen Westfalen aufgewachsen. Nach dem Abitur machte er seinen Magister in Anglistik und Germanistik in Düsseldorf, mittlerweile ist er freischaffender Fotograf und Journalist. Entscheidend ist jedoch die Zeit zwischen den Lebenslauf-Eckpunkten, die Jugend in der Musikszene, die Phase einer Subkultur: Hackemack verdingte sich als Konzertveranstalter, schrieb und fotografierte für Fanzines und veröffentlichte mit verschiedenen Bands fünf Alben. Sein Steckenpferd: Punk Rock.

Irgendwann mag Hackemack dabei ein Gedanke gekommen sein: Dass Punk eigentlich gar keine Phase ist. Und auch keine Jugendkultur. Zumindest ist das der wohl zentrale Gedanke hinter „Yesterday’s Kids“, einem so ambitionierten wie liebevoll aufgezogenen Projekt: Selbst Szenegänger, selbst Fotograf, machte sich Hackemack 2012 zum Ziel, Punker zu portraitieren – und zwar solche, die die 40 überschritten haben und somit der lebende Gegenbeweis zur „Jugendkultur-These“ sind. 77 sind es am Ende geworden, vielleicht, weil 1977 in England alles begann, vielleicht, weil es sich so ergeben hat.

Hackemack bedient sich dabei der kurzweiligen Kombination aus Interview und Fotoportrait: Über die Einstiegsfrage „Wann und wie bist du zum Punk gekommen?“ hangelt sich Hackemack in die Vergangenheit seiner Protagonisten, die zwar längst nicht mehr alle mit Nietenjacke und Irokesenschnitt herumlaufen, ihre Ideale von früher aber im Großen und Ganzen beibehalten haben. Auf Fotos von früher verzichtet Hackemack hingegen: Bisweilen lassen nur der Text oder der von den Portraitierten selbstgewählte Ort für das Fotoshooting ihren Punk-Background erahnen – anderen wiederum steht ihr Lebenswandel auch heute noch ins Gesicht geschrieben. Sei es in Form von Tattoos oder vom Leben gezeichneten Gesichtern.

Gerade diese Vielfalt macht den Reiz von „Yesterday’s Kids“ aus: So mischen sich unter die größtenteils völlig unbekannten Altpunks auch ganz unauffällig einige Szenegrößen – Karl Nagel etwa, Mit-„Organisator“ der Chaostage und ehemaliger Kanzlerkandidat der Anarchistische Pogo-Partei Deutschlands (APPD), oder Erich Zanger, Mitbegründer ebenjener Spaßpartei sowie der Szene-Biermarke Pogorausch. Wiewohl ein Buch wie „Yesterday’s Kids“ all diesen Personen die perfekte Bühne für die „rosarote Rückblickbrille“ und große Jugendverklärung böte, fallen die Portraits kritisch, witzig und alles in allem sehr bodenständig aus: „Was soll ich groß sagen, Punk ist halt da, wie ein Körperteil“ konstatiert etwa Oli, der nicht nur seiner Tattoos wegen auch heute noch unverkennbar als Szenegänger zu identifizieren ist.

Vier Jahre hat Tim Hackemack an dem Projekt gearbeitet, neben seinem Job, seiner Familie und seiner eigenen Band, und dabei über 15.000 km zurückgelegt. Das Resultat ist alle Mühen wert: „Yesterday’s Kids“ ist eine gelungene Hommage an eine Szene, die oft kritisch und selten selbstkritisch beleuchtet wird – aus gebührender Distanz und zugleich quasi auf Tuchfühlung mit ihren Wegbereitern. Vor allem aber aus einer spannenden Perspektive: dem Blick zurück auf eine lange vergangene Jugend, die trotzdem nicht verschwendet war. Denn ob Nadelstreifen oder Nietenweste – ein bisschen Punk steckt auch heute noch in jedem der 77 „Yesterday’s Kids“.