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Avslut & Nordjevel – Förslavad / Krigsmakt (Split)

Sie gehören zu den vielversprechendsten Newcomern der schwedischen Black-Metal-Szene: AVSLUT und NORDJEVEL. Das erste Album der erstgenannten, „Deceptis“, erschien 2018, das von NORDJEVEL 2016. Zwar hat sich diese Band personell mittlerweile stark gewandelt und hinsichtlich ihres zweiten Albums „Necrogenesis“ etwas an Schwung verloren – für die vorliegende Split soll das aber nicht stören: Beim Beitrag von NORDJEVEL handelt es sich um die „Krigsmakt“-EP von 2017.

Los geht es jedoch mit brandneuem Material aus der Feder von AVSLUT. Wie schon auf ihrem Debüt wissen AVSLUT auch hier mit kraftvollem, melodischem Black Metal zu gefallen: Pathetische Leadgitarren schwingen sich etwa in „Återfödelsen“ über furioses Drumming, das dem Stück wie auch dem folgenden „Offerdöd“ ordentlich Kraft verleiht: Epik trifft auf das richtige Maß Aggression – stark! Mit dem deutlich ruhigeren Titeltrack „Förslavad“ wecken AVSLUT zudem Erinnerungen an die heillos unterbewerteten Svart wiewohl, in der Melodieführung, Dark Funeral. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Genau hier knüpfen NORDJEVEL mit „Krigsmakt“ an – die auf ihrem Debüt ja bereits „mit einer so geballten Ladung atmosphärisch erhabener, tiefschwarzer Aggression auf den Hörer einknüppelten, wie es zuletzt wahrscheinlich Dark Funeral mit ihrem letzten Album ‚Angelus Exuro Pro Eternus‚ schafften“, wie der Kollege an entsprechender Stelle schrieb. Tatsächlich passt diese Beschreibung auch auf „Krigsmakt“ und „Into Ever Deeper Depths“ perfekt: Schnelle, griffige Gitarrenmelodien flirren über das atemberaubende Schlagzeug von Fredrik Widings, bekannt von den Marduk-Alben „Frontschwein“ und „Viktoria“. An diese erinnert dann auch „For De Falne“, das zwischen den zuvor genannten Nummern mit Kriegslärm beginnt, sich durchs Gefecht schleppt und mit Engelschören entschwebt.

Müsste man an der „Förslavad / Krigsmakt“-Split von AVSLUT und NORDJEVEL etwas kritisieren, wäre es wohl das Layout. Mit mäßigem Erfolg wurde hier versucht, das Cover der Vinyl-Veröffentlichung von AVSLUT und der Original-Version von „Krigsmakt“ zu vereinen – ein neues Bild oder ein Wendecover wären fraglos eine bessere Lösung gewesen. Sieht man jedoch von dieser Trivialität ab, ist „Förslavad / Krigsmakt“ ohne Frage eine rundum perfekte Split: Beide Bands liefern je eine in sich schlüssige Viertelstunde Musik ab, die sich stilistisch ähnlich genug sind, um zusammen zu funktionieren, aber verschieden genug, um die Spannung hochzuhalten. Wenn dieser Release keine Werbung für den schwedischen Black Metal unserer Tage ist – was dann?

Abbath – Outstrider

ABBATH. Kaum ein Name hat im Black Metal in den letzten Jahren so eine Eigendynamik entwickelt. Als Schlachtruf hat er auf Festivals (endlich!) die ominöse Helga verdrängt. Und auch musikalisch kann man durchaus von „Eigendynamik“ sprechen, seit sich ABBATH von Immortal abgekehrt hat, und nicht mehr nur mit seinem Rock-Projekt I gänzlich eigenverantwortlich agiert.

Dass ABBATH in der Szene nicht nur als Koryphäe, sondern auch seines Humors wegen höchste Beliebtheit genießt, ist bekannt – so muss man wohl nicht nur das Cover, auf dem aus Abbaths markantem Corpsepaint ein waldgesäumter Pfad wird, sondern auch den Albumtitel seines zweiten Solowerkes, „Outstrider“, mit etwas Humor betrachten. Schließlich gibt es zwar „stride out“ (in etwa: „weit ausschreiten, große Schritte machen“), nicht jedoch das Substantiv.

Doch keine Sorge: Ansonsten ist „Outstrider“ alles andere als klamaukig. Nach dem Augenzwinkern zur Begrüßung geht es direkt strammen Schrittes den eisigen Pfad entlang, den Immortal geebnet und „Abbath“ beschritten hatte. Mit ABBATH-typisch kehligem Krächzen und rockig angehauchtem Black Metal, der sich auch nicht vor Flitzefinger-Soli scheut.

Dass ABBATH nicht nur Bassist King (der wegen der Verbindung zum christlichen Mystizismus im Albumkonzept seine künstlerische Integrität in Gefahr sah) ersetzen musste, sondern schlussendlich seine gesamte Band mit überraschend unprominenten Musikern neu aufgestellt hat, schadet dem Werk nicht im Geringsten. Gerade besagte Soli des bislang anderweitig kaum in Erscheinung getretenen Leadgitarristen Ole André Farstad können technisch absolut überzeugen.

Was technisch leider nicht überzeugt, ist der Sound. „Outstrider“ ist nicht nur deutlich lauter gemastert als der Vorgänger, sondern leider auch ziemlich unausgewogen. Während die Gitarrenwände alles „weggainen“, geht nicht nur die Kontur der Riffs verloren, sondern bisweilen auch das (diesmal dafür erfreulich knackig abgemischte) Schlagzeug. Besonders auffällig ist dies, wenn aus dem nichts eine Solospur aufpoppt und fast unangenehm vehement alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Was bei dieser Gitarrenbetonung im Sound unerfreulich deutlich wird: Riffs der wirklich schmissigen Sorte, die man jetzt für immer im Ohr hat, sind in den gebotenen 38:49 Minuten eher Mangelware. Das rockige erste Riff von „Harvest Pyre“ ist ein solches, die flotten Black-Metal-Riffs in „Scythewinder“ fallen nach etwas Einhörzeit eventuell auch noch in diese Kategorie. Die einen Tick zu generischen Midtempo-Gitarren im Titeltrack „Outstrider“ nicht mehr unbedingt. Der Rest? Gut, ja, aber eben auch nicht mehr. Und ob es das Bathory-Cover „Pace Till Death“ wirklich gebraucht hätte, sollte zumindest kritisch hinterfragt werden.

Als Mix aus truem Black Metal und Rock (stilistisch allerdings weit vom Black ’n‘ Roll etwa später Satyricon entfernt) funktioniert „Outstrider“ wie schon sein Vorgänger an sich gut. Doch obwohl ABBATH ein wenig mit noch mehr Akustiktigarren und noch mehr wilden Soli experimentiert, vermag das Album den Erwartungen nicht ganz zu entsprechen. Das liegt nicht zuletzt am völlig übertrieben gemasterten Sound, der selbst leise gedreht noch klingt, als hätte man die Volume-Regler auf elf von zehn aufgerissen. Vor allem aber werden auf „Outstrider“ allenfalls im Titel „große Schritte“ gemacht. Musikalisch tritt ABBATH damit auf der Stelle.

Sol Sistere – Extinguished Cold Light

Eine wohlüberlegte Rezension zu einem Musikalbum zu verfassen, kann sich manchmal ziemlich kompliziert gestalten – mitunter so kompliziert, dass man bei zwei Alben mit völlig unterschiedlichen Stärken und Schwächen am Ende doch dieselbe Punktzahl vergibt. Ein bloßer Zahlenwert hat letztlich eben nur begrenzte Aussagekraft. Es gibt Platten, die einfach rundum gelungen sind, solche, bei denen im Grunde rein gar nichts stimmt, Platten voller atemberaubender Melodien, die jedoch grauenhaft umgesetzt wurden, und andere, die technisch einwandfrei, wenn auch nicht sonderlich aufsehenerregend sind. Und dann gibt es noch Alben wie „Extinguished Cold Light“, die zweite Platte der chilenischen Black-Metaller SOL SISTERE, die irgendwie in keine dieser Kategorien so recht hineinpassen wollen.

An sich merkt man der fünfköpfigen Truppe die Erfahrung, die ihre Mitglieder nicht nur in SOL SISTERE, sondern auch in mehreren anderen Bands sammeln konnten, auf „Extinguished Cold Light“ deutlich an. Die mittelhohen Screams strotzen vor Kraft, selbiges gilt für das überwiegend im Tremolo-Stil gespielte, dezent melancholische Riffing und die mit massenhaft Double-Bass und Blast-Beats aufwartenden Drums. Vereinzelt garnieren die Black-Metaller ihre bis zu neun Minuten langen Tracks auch mit stimmigen Zusätzen wie etwa schwebenden, unverzerrten Gitarren („Swallow The Misery“) oder wehklagenden Streicher-Outros („Juxtaposed Universe“). Die wunderbar füllige, organische Produktion steht hier ebenfalls auf der Habenseite.

Nichtsdestotrotz liegt eine bedauernswerte Ironie in dem Umstand, dass einer der Tracks den Titel „Insignificance Upon Us“ trägt. Was SOL SISTERE im Zuge ihrer gut fünfzig Minuten langen Platte von sich geben, könnte nämlich tatsächlich kaum belangloser sein. Nicht, dass die Kompositionen keinen Sinn ergäben oder keinerlei Hörwert besäßen – blendet man aus, dass auf „Extinguished Cold Light“ ein Song wie der andere klingt und keinem davon auch nur ein Quäntchen Einzigartigkeit innewohnt, kann man das Album gewiss ganz gut am Stück hören, ohne sich dabei allzu sehr zu langweilen.

Einen Grund, ihre Musik jener ihrer zahlreichen Genre-Kollegen vorzuziehen, liefern SOL SISTERE dem Hörer mit ihren größtenteils unnötig ausschweifenden Songs jedoch nicht. Obwohl (und in gewisser Weise gerade weil) sich die fünf Musiker keine nennenswerten Fehler zu Schulden kommen lassen, hinterlässt die Band keinen bleibenden Eindruck – selbst nach mehrmaligem Hören bleibt nicht ein einziger Track hängen.

So oft, wie in Rezensionen die Mär vom ewiggestrigen, engstirnigen Trve-Black-Metaller angestrengt wird, könnte man meinen, es handele sich dabei bloß um einen längst überholten Stereotyp. Alben wie „Extinguished Cold Light“ machen es jedoch nicht gerade leicht, mit diesem Klischee aufzuräumen. Den ausgelutschten Vergleich mit Darkthrone müssen SOL SISTERE allein schon dank der wärmeren und fülligeren Produktion ihrer zweiten Full-Length-Platte zwar nicht über sich ergehen lassen, ein signifikantes Alleinstellungsmerkmal oder auch bloß einprägsames Songmaterial kann man den Chilenen allerdings genauso wenig zugutehalten. Schlussendlich haben SOL SISTERE mit „Extinguished Cold Light“ eine halbwegs passable Sammlung von Songs kreiert, über die es erschreckend wenig zu sagen gibt.

Batushka – Hospodi

Wenn sich Bands zerstreiten, geschehen oft die abstrusesten Dinge. Ein Paradebeispiel dafür geben aktuell die Streithähne von BATUSHKA ab. Deren Zwist wurde zuletzt so offensiv medial ausgetragen, dass das Internet dafür bereits den wunderschönen Begriff „Batushkadashians“ gefunden hat. Welcher der Protagonisten dieser „Reality-Show“ warum im Recht sein könnte, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden – lassen wir lieber die Musik sprechen.

Was bisher geschah: BATUSHKA haben sich getrennt. Von Grahm zerfressen veröffentlicht der verstoßene Gitarrist Krzysztof Drabikowski „sein“ zweites Album „Панихида“ („Panihida“); unter dem Bandnamen Батюшка (ebenfalls BATUSHKA also), digital und in Eigenregie. Rund einen Monat später zieht nun Bartłomiej Krysiuk mit dem „offiziellen“ zweiten BATUSHKA-Album nach. „Offiziell“ zumindest insofern, als Krysiuk nicht nur die Konzertzusagen, sondern – viel wichtiger – auch den Deal mit Metal Blade Records auf seiner Seite hat. Was er nicht mehr auf (beziehungsweise an) seiner Seite zu haben scheint, ist hingegen ein fähiger Songschreiber mit einer echten Vision. Denn was Krysiuk hier als „Litourgiya„-Nachfolger abliefert, ist in entscheidenden Punkten an Belanglosigkeit kaum zu übertreffen.

Natürlich startet auch „Hospodi“ mit orthodoxen Gesängen – etwas anderes wäre in diesem Kontext aber auch nicht zu erwarten gewesen. Das eigentliche Problem offenbart sich erst danach, und zwar Riff um Riff. Vom authentisch sakralen Flair, den die wunderschönen Melodien und nicht zuletzt der geheimnisvolle, etwas ungeschliffene Sound von „Litourgiya“ zu erzeugen vermochten, ist auf „Hospodi“ nichts mehr zu spüren. Da helfen auch Kastagnettengeklapper, Glockengebimmel und gelegentliche Chöre als „atmosphärische Elemente“ nichts.

Warum das so ist, ist schnell erklärt: Während „Litourgiya“ gar nicht anders hätte klingen können, so organisch wie hier orthodoxer Chor und Black Metal verschmolzen wurden, könnte man sich „Hospodi“ sehr gut auch ohne diese zum bloßen Beiwerk degradierte Elemente vorstellen. Anders als sein Vorgänger (und tatsächlich auch anders als „Панихида“/“Panihida“) ist „Hospodi“ nämlich eigentlich ein ganz gewöhnliches Black-Metal-Album, das sich als orthodoxer Black Metal tarnt. Und das in etwa so elegant, wie ein Kind beim Versteckspielen, hinter dem Vorhang, als Zimmerpflanze.

Über Songs, wie man sie auch von einer ziemlich beliebigen polnischen Black-Metal-Band geboten bekommen könnte, wird hier gelegt, wonach das Image verlangt. Doch weder das über weite Strecken ziemlich witzlose Riffing, noch der Standard-Black-Metal-Sound des Albums werden diesem Anspruch gerecht – und damit den hohen Erwartungen an einen Nachfolger zu „Litourgiya“. Was nicht einmal heißen soll, dass „Hospodi“ in Gänze schlecht ist: „Wieczernia“ etwa funktioniert als schmissiger Black-Metal-Song durchaus. Trotz der Chöre – aber eben nicht wegen. Dass Bartłomiej Krysiuks BATUSHKA den Reigen nach merklich zu langen 51:15 Minuten ausgerechnet mit einem Song namens „Liturgiya“ beschließen, grenzt da schon fast an Ironie – ist die Nummer doch bestenfalls im Namen ein gelungener Verweis auf das leider von beiden Splitterparteien unerreichte Debüt.

Die Frage, wem der Bandname nun zusteht, lässt sich natürlich nicht über die Qualität der anschließend veröffentlichten Alben beider Parteien entscheiden – zumal es, wie so oft, auch hier fraglos nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Doch mag Bartłomiej Krysiuk auch die Triebfeder hinter der steilen Karriere von BATUSHKA gewesen sein – am Ende zählt bei einer Band eben doch die Musik. Und wer auch immer für Krysiuk „Hospodi“ geschrieben hat: Mit dem kompositorischen Geschick von Drabikowski, oder vielleicht auch nur mit dem glücklichen Händchen dessen, der tatsächlich eine eigene Vision verfolgt, kann diese Auftragsarbeit nicht mithalten.

Batushka – Panihida

Der bisherige Werdegang der polnischen Black-Metaller BATUSHKA kann ohne Übertreibung als abenteuerlich bezeichnet werden. 2015 veröffentlichte die Gruppe mit „Litourgiya“ ein unsagbar starkes Debüt – und das vollkommen anonym. Durch dieses Album und die beeindruckenden Live-Shows der Band versammelten BATUSHKA schnell und verdientermaßen eine große und begeisterte Hörerschaft um sich. Ende 2018 kam es dann zum Bruch zwischen den nun nicht mehr ganz so anonymen Mitgliedern Bartłomiej Krysiuk (Gesang) und Krzysztof Drabikowski  (Gitarre, Bass), die beide die Rechte an der Band jeweils für sich beanspruchen. Inmitten dieses Streits, der mittlerweile auch gerichtlich ausgefochten wird, veröffentlicht Kryzysztof Drabikowksi nun mit „Panihida“ ohne große Ansage seinen Nachfolger zu „Litourgiya“.

Bereits der Vergleich des Vorab-Songs „Pecn‘ 1“ (die Tracklist funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie die von „Litourgiya“) mit dem von Bartłomiej Krysiuk und seiner BATUSHKA-Version ins Rennen geschickten Song „Chapter I: The Emptiness – Polunosznica“ verdeutlichte, dass Drabikowskis BATUSHKA-Fortführung (alias Батюшка) deutlich stärker den Spirit des Debüts atmet. Dies ist ein Eindruck, der sich auf „Panihida“ fortlaufend bestätigt, und zwar nicht nur in stilistischer, sondern erfreulicherweise auch in qualitativer Hinsicht.

Alles, was man an „Litourgiya“ hatte und schätzte, findet sich auch auf „Panihida“ wieder. Das Wechselspiel zwischen imposanten liturgischen Chören und garstigen Screams, beides abermals in altslawischer Sprache, wird gewohnt stimmig dargeboten und durch atmosphärische Riffs und Melodiebögen untermauert, die der Musik abermals eine gewisse, ganz besondere Schönheit verleihen und erneut so manche „reine“ Black-Metal-Band alt aussehen lassen. All zu weit bewegen sich BATUSHKA im Vergleich zu „Litourgiya“ also nicht von der Stelle, das macht aber nichts, denn „Panihida“ verdeutlicht auf jedem der acht Songs, dass Drabikowski die guten Ideen innerhalb des eigenen stilistischen Rahmens noch längst nicht ausgegangen sind. Da genügen kleine Abweichungen wie vergleichsweise tiefe Screams, die etwa auf „Pecn‘ 3“ zu hören sind, oder der behutsame, stimmungsvolle Aufbau bis zum musikalischen Ausbruch in „Pecn‘ 5“ dann auch vollkommen, um den abermals hervorragenden Gesamteindruck zu vervollkommnen.

Die stilistische Ähnlichkeit zu „Litourgiya“ nimmt der Platte und ihren Songs nichts von ihrer Existenzberechtigung – im Gegenteil: Bereits mit „Pecn‘ 2“ stellen BATUSHKA nicht nur ihre bisher längste, sondern auch eine ihrer bislang stärksten Nummern vor. Im Gegensatz zum bedrohlich-schleppenden, teilweise schon leicht unheimlich klingenden Album-Einstieg legt der über siebeneinhalb Minuten lange Song zu Beginn ein hohes Tempo vor, ohne etwas von seiner Anmut einzubüßen. Die auf „Pecn‘ 1“ noch spärlich eingesetzten Screams entfalten sich nun in all ihrer Intensität, und wenn die Energie dann im Mittelteil in eine fast schon erlösende und ausführliche Akustik-Passage mündet, tut sich damit ein atmosphärischer Höhepunkt auf, dessen Grundidee nicht neu ist, der sich so stimmig aber wahrlich nicht auf jedem Album ausmachen lässt. Doch auch wenn gewissermaßen das Herzstück der Platte schon an zweiter Stelle platziert ist, bietet „Panihida“ noch vieles mehr. Um das festzustellen, ist es fast egal, welchen Song man herauspickt, insbesondere „Pecn‘ 3“ und „Pecn‘ 6“ erinnern aber ebenfalls eindrucksvoll daran, wofür der Hörer BATUSHKA seit dem Debüt schätzt. Auch für dieses Album gilt jedoch, dass es am besten als Gesamtwerk funktioniert.

Naheliegenderweise kann „Panihida“ nicht mehr ganz den Überraschungseffekt hervorrufen, den das Debüt mit sich brachte. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass BATUSHKA unter der Führung von Kryzysztof Drabikowksi ein weiteres Meisterwerk gelungen ist, welches den Stil des Debüts konsequent fortführt und ihm in nichts nachsteht. Es wird sich zeigen müssen, welche Impulse Bartłomiej Krysiuk mit „Hospodi“ hinzufügen kann. Doch egal, auf welche Seite man sich im Streit der Beiden Musiker stellt, so man es für nötig erachtet, Partei zu ergreifen: Mit „Panihida“ steht bereits jetzt fest, dass Drabikowski nicht auf Krysiuk angewiesen ist, um BATUSHKA fortzusetzen.

Batushka – Litourgiya

Das waren noch Zeiten, als die Musiker der polnischen Ausnahme-Black-Metal-Band BATUSHKA noch ebenso mystisch und geheimnisvoll waren wie ihre Musik und die orthodoxen Messen nachempfundenen Live-Auftritte. Wer hätte 2015, als die Band auf der Bildfläche erschien, gedacht, dass sich die beiden zu dieser Zeit noch anonym agierenden Musiker Bartłomiej Krysiuk (Gesang) und Krzysztof Drabikowski  (Gitarre, Bass) Jahre später öffentlich um die Rechte an der Band zanken sollten? Von Unstimmigkeiten war 2015 jedenfalls noch nichts zu bemerken, denn mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums „Litourgiya“ machten sich BATUSHKA praktisch im Handumdrehen zur Legende – und das vollkommen zu Recht. Angesichts des jüngst von Drabikowski und seiner Fortführung der Band veröffentlichten Albums „Panihida“ ist es daher an der Zeit, ebenfalls einen Blick zurück auf „Litourgiya“ zu werfen.

Die altslawischen Lyrics, die im Wechselspiel von liturgischen Chören und harschen Screams vorgetragen werden, bilden das markanteste Merkmal der acht Nummern des Debüts, durchnummeriert von „Yektenia 1“ bis „Yektenia 8“. Nun waren BATUSHKA natürlich nicht die erste Band, die Chorgesänge in Black Metal eingebaut haben, eine derart stimmige Atmosphäre, wie sie auf „Litourgiya“ zu finden ist, dürfte vorher allerdings nur selten erreicht worden sein. Das Zusammenspiel der Chöre und der Screams wirkt zu jeder Zeit perfekt durchdacht. Den Chören fehlt zudem jedwede Spur von Kitsch, im Gegenteil klingen sie mächtig, beschwörend, teils sogar düster und unheimlich. Die Stimmung, die BATUSHKA alleine durch den Gesang auf ihrem Debüt aufbauen, sucht in der Tat ihresgleichen. Und wenn hin und wieder ein wenig von der Formel abgewichen wird, etwa indem die Black-Metal-Vocals einmal so gut wie gar nicht verwendet werden (Yektenia 7) oder eine mantra-artige Klargesangspassage den Gesang ergänzt (Yektenia 6), macht dies das Gesamtbild gleich noch interessanter.

Der packende Wechselgesang ist allerdings bei weitem nicht der einzige Aspekt, durch den BATUSHKA eine Vielzahl anderer Black-Metal-Gruppen übertrumpfen. Auch die Elemente, die zum Standard-Repertoire des Genres gehören, erfahren auf „Litourgiya“ eine durch und durch meisterliche Umsetzung. Längst nicht immer bekommt der Hörer solche kraftvoll und garstig klingenden Screams zu hören, und derart erhabene und anmutige Gitarrenmelodien, wie sie „Yektenia 1“ oder „Yektenia 3“ bieten, sorgen schon einmal für Gänsehaut. Es ist überaus beachtenswert, dass sich BATUSHKA bei ihrem Debüt also nicht nur auf dem speziellen Gesang ausgeruht haben, sondern hörbar darauf bedacht waren, dass alle Bestandteile der Musik zusammen eine herausragende Komposition ergeben. Letztlich macht genau das „Litourgiya“ immer wieder zu einem ganz besonderen Hörerlebnis.

Dabei ist es auch kein Debakel, dass vereinzelte Songs für sich genommen vielleicht etwas weniger Eindruck als die übrigen schinden können („Yektenia 2“; „Yektenia 8“). Bei einem derart hochwertigen Album wie „Litourgiya“ handelt es sich dabei nur um geringfügige qualitative Unterschiede, darüber hinaus wird die Platte ohnehin vielmehr als durch den einzelnen Song durch den Gesamteindruck definiert, der auch nach vielen Durchläufen nichts von seiner Wirkung einbüßt.

Es ist gewissermaßen ironisch, dass „Litourgiya“ trotz seines zarten Alters von vier Jahren in der Black-Metal-Szene bereits Kultstatus genießt, hebt sich die Platte doch sowohl gesanglich als auch instrumental merklich vom handelsüblichen Album des Genres ab. Doch egal welche Hörer mit welchen Vorlieben dem Debüt von BATUSHKA auch ihre Ehrerbietung entgegenbringen, verdient ist sie allemal. Hinsichtlich der Zukunft der Band ist noch nicht alles entschieden, sicher ist allerdings, dass die mittlerweile geteilte Gruppe mit „Litourgiya“ ein besonderes Album geschaffen und damit sehr früh Geschichte geschrieben hat.

Thron – Abysmal

Die eigenen Mitglieder anonym zu halten ist ein Trend, der sich in den letzten Jahren vor allem im Black Metal wieder verstärkt durchgesetzt hat. Auch THRON aus Deutschland geben die Namen ihrer Musiker nicht preis, obwohl sie zumindest live ohne Verschleierung auftreten und die Mitglieder so vermutlich früher oder später identifiziert werden. Nach ihrem selbstbetitelten Debütalbum hat die Formation nun den Nachfolger „Abysmal“ veröffentlicht.

Wer die Musik von THRON mögen will, der braucht ein großes Herz für Bands wie Dissection oder Necrophobic. Denn THRON schwimmen nicht nur im Fahrwasser dieser Bands, sie versuchen sie geradezu zu imitieren. Wie auch immer man zu derartigen Ansätzen stehen mag (manche nennen es „Hommage“), keiner dürfte bestreiten können, dass THRON das auf beeindruckende Art und Weise hinbekommen. In Songs wie „Bloodred“ oder „Hidden Shadows“ dürfte es selbst langjährigen Necrophobic-Fans schwer fallen, eindeutig zu bestimmen, ob hier ein neues Lied der Schweden vorliegt oder eben die Musik einer ganz anderen Band. Zumal THRONs Sänger ex-Necrophobic-Fronter Tobias Sidegård teilweise auch zum Verwechseln ähnlich klingt.

Dementsprechend kann man sich auch über die Qualität des Songwritings kaum beschweren. Da THRON sich eng an etablierten Genre-Elementen abarbeiten, funktionieren die Songs durchgehend einwandfrei. Unter den zehn Stücken ist tatsächlich kein Ausreißer nach unten dabei. So ganz erreichen die Kompositionen das Hitpotential der musikalischen Vorbilder zwar nicht. Die fünf Schwarzwälder beweisen aber mit starken Tracks wie dem Opener „Beyond The Gates“, dem Dissection-inspirierten „Blood Of Serpents“ oder dem mitreißenden „Dead Souls“, dass sie sich im Black und Death Metal bestens zurechtfinden.

Mit „Abysmal“ ist THRON damit zwar kein Genre-Meilenstein gelungen. Diesen Stil derart überzeugend zu spielen und den großen Legenden somit in kaum etwas nachzustehen (außer eben Innovation), muss man aber auch erst mal hinbekommen. Zusammen mit einer rundum gelungenen Produktion ist „Abysmal“ damit ein Album geworden, bei dem man als Fans geschwärzten Death Metals und melodischen Black Metals wenig falsch machen kann.

 

Panzerfaust – The Suns Of Perdition, Chapter I: War, Horrid War

„Krieg“ ist die furchteinflößende Überschrift einiger der finstersten Kapitel der Menschheitsgeschichte – und zugleich eine Thematik, die in der Musik und insbesondere in den extremeren Metal-Genres oft aufgegriffen wird. Während sich jedoch Bands wie Sabaton, die in ihren Songs mit Vorliebe die (vermeintlichen) Heldentaten historischer Persönlichkeiten besingen, mitunter dem Vorwurf ausgesetzt sehen, die bittere Realität zu glorifizieren, gibt es auch solche, die die Gräuel des Krieges wirklichkeitsnah und ungeschönt vertonen. Dass dies bei „The Suns Of Perdition, Chapter I: War, Horrid War“, dem vierten Album der kanadischen Black-Metaller PANZERFAUST, wohl der Fall ist, legt bereits die Beschreibung des veröffentlichenden Labels nahe: Das Album ließe sich demzufolge am Besten mit einem Zitat von George Orwell beschreiben und zwar als „Stiefel, der unablässig auf ein menschliches Gesicht tritt“.

Explizit darauf hinzuweisen, dass man den Extremismus, der oftmals die Wurzel bewaffneter Konflikte und damit verbundener Gräueltaten ist, weder gutheißen noch verharmlosen will, sollte eigentlich nicht notwendig sein. Dass sich PANZERFAUST dennoch zu dieser Klarstellung angehalten sehen, lässt sich vermutlich mit den erschreckend radikalen Ansichten vieler ihrer Genre-Kollegen erklären, unterstreicht allerdings auch nochmals das unvorstellbare Grauen, das die Kanadier auf dem ersten Album ihrer geplanten Tetralogie auf schonungslose Weise musikalisch abbilden. Tatsächlich haben PANZERFAUST mit „The Suns Of Perdition“ sowohl aus klanglicher als auch lyrischer Sicht definitiv nichts für Zartbesaitete geschaffen.

Songs wie das treibende „Stalingrad, Massengrab“, in dem man hinter den brachialen Gitarrenriffs und den zerstörerischen Schlagzeugsalven die Geräusche eines Kampfgeschwaders vernehmen kann, und das verstörende Sample-Zwischenspiel „Crimes Against Humanity“ sprechen nicht bloß ihrer Titel wegen eine unmissverständliche Sprache. Die vielseitigen Vocals, die von in seiner Grobheit kaum noch als Gesang durchgehendem Grölen über zornentbrannte Screams bis hin zu machtvollen Growls reichen, bilden zusammen mit der wie ein schweres Kriegsgerät alles dem Erdboden gleichmachenden Instrumentierung eine so konsistente wie morbide Einheit.

Trotz der niederschmetternden Wucht, mit der die halbstündige Platte die Gehörgänge torpediert, lassen PANZERFAUST keineswegs kompositorische Vielfalt vermissen. Auf dem phasenweise wie eine düstere Litanei klingenden „The Decapitator‘s Prayer“ bedienen sich die Kanadier zum Beispiel an im isländischen Black Metal gebräuchlichen, dissonanten Tonfolgen und mit dem dreizehnminütigen „The Men Of No Man‘s Land“, das im Mittelteil von einer unheimlichen, verzerrten Tonaufnahme von „Stille Nacht“ unterbrochen wird, lassen PANZERFAUST die Platte als qualvollen Todesmarsch ausklingen.

Das erste „The Suns Of Perdition“ mag mit seiner Laufzeit von einer halben Stunde recht kurz sein, schmerzlos ist es jedoch keinesfalls. Von den Schrecken der grässlichsten Episoden der Geschichte des 20. Jahrhunderts, denen PANZERFAUST hiermit ein Mahnmal gesetzt haben, bekommt man durch die vor schierer Brutalität geradezu berstenden Tracks einen furchtbar bildhaften Eindruck. Selbst während der kurzen Momente, in denen die Black-Metaller das Feuer einstellen, ist die desolate Stimmung beinahe physisch greifbar. Insbesondere aufgrund der Samples und der teilweise sogar recht unkonventionellen Arrangements kommt es hier nie zu einem Abstumpfungseffekt, sodass PANZERFAUST den Hörer in einen Zustand schrecklichen Staunens versetzen und ihn dort bis zuletzt gefangen halten.