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Carpe Noctem – Vitrun

Setzt man sich einige Zeit lang mit extremer Musik auseinander, wird man früher oder später mit großer Wahrscheinlichkeit eine gewisse Ernüchterung an sich selbst bemerken. Fans von modernen Extreme-Metal-Gruppen wie Anaal Nathrakh oder Archspire, die das allgemeine Verständnis von brachialer Musik immer wieder infrage stellen, dürften es wohl amüsant finden, dass es mal eine Zeit gab, zu der Metallica in dieser Hinsicht unübertroffen waren. Dennoch tun sich auch heute noch dann und wann Bands hervor, die die Grenzen klanglicher Brutalität nicht nur ausloten, sondern sogar erweitern. Wer an dieser Stelle wohlwollend an Deathspell Omega denkt, sollte unbedingt auch CARPE NOCTUM auf den Zahn fühlen. „Vitrun“, das mittlerweile zweite Album der Isländer, ist dafür die perfekte Gelegenheit.

Wer mit der Diskografie ihrer französischen Brüder im Genre vertraut ist, muss nicht lange rätseln, um zu erkennen, was die Musik von CARPE NOCTEM auszeichnet: Dissonanzen. „Vitrun“ mag beileibe nicht die erste Platte sein, auf der misstönende Klänge das Mittel zum Zweck sind, dennoch ist es faszinierend, wie sich das Quintett jenes bizarre Stilmittel im konkreten Fall zunutze macht. Im Zusammenspiel fühlen sich die feindseligen, zwischen Screams und Growls angesiedelten Schrei-Vocals, die grauenerregenden, infernalischen Riffs und die tollwütig tobenden Schlagzeugrhythmen wie ein alles verschlingender Mahlstrom an, der einen ohne Zwischenstopp in den tiefsten Kreis der Hölle hinabzieht.

Der schwarz-weiße Albtraum, der auf dem hypnotischen Artwork abgebildet ist, wird auf „Vitrun“ zur akustischen Realität. Doch CARPE NOCTEM haben weit mehr vorzuweisen als nur übel klingenden Lärm. Das Chaos hat hier nämlich System, der Wahnsinn Methode und die Isländer haben die Zügel fest in der Hand. Völlig gleich, wie weit es die Black-Metaller bei der Vertonung ihrer finsteren Vision auch treiben mögen – man höre sich bloß das aberwitzige Shredding auf „Og Hofið Fylltist Af Reyk“ an –, nicht ein einziges Mal verlieren CARPE NOCTEM dabei die Kontrolle.

Gerade die besagte Nummer offenbart außerdem, dass „Vitrun“ in seinen gemäßigteren Momenten nicht das kleinste Stück Eindringlichkeit abhanden kommt. Ganz im Gegenteil: hätten CARPE NOCTEM auf die schleifenden Doom-Einlagen, die unheimlichen Dark-Ambient-Sounds mit ihren metallisch scharrenden Geräuschen und Keyboards sowie auf die ausgesprochen interessanten Psychedelic-Untertöne („Sá Sem Slítur Vængi Flugunnar Hefur Náð Hugljómun“) verzichtet, wäre ihnen wohl kaum ein derart eindrucksvolles und verstörendes Klangkunstwerk gelungen.

„Vitrun“ ist definitiv keine Platte, deren Langzeitwirkung auf Eingängigkeit oder Zugänglichkeit beruht. Gleichwohl schaffen es CARPE NOCTEM, darauf die beiden Problempunkte zu umschiffen, an denen vergleichbar herausfordernde, ungewöhnliche Veröffentlichungen oft zugrunde gehen. Zum einen erwecken die sechs Stücke trotz allen Wahnsinns zu keiner Zeit den Anschein von Beliebigkeit, zum anderen bietet die mächtige, aber stets ausgewogene Produktion keinerlei Angriffsfläche für Kritik. Demzufolge kann man „Vitrun“ nur als herausragendes Beispiel grenzüberschreitender, extremer Tonkunst betrachten, das CARPE NOCTEM als Meister ihres Fachs ausweist. Wer sich nicht davor scheut, tief in den Abgrund zu schauen, sollte hier mehr als nur einen Blick riskieren.

Selvans / Downfall Of Nur – Collaboration

Kollaborationen zwischen zwei Bands sind von ihrem Grundgedanken her spannende Zusammenkünfte, schließlich soll sie das Beste aus zwei Welten in sich tragen. Keine der beiden Bands stellt einen oder zwei Songs zur Verfügung, woraus eine Split entsteht, sondern sie nehmen gemeinsam Tracks auf; denkt man beispielswese an „Supernaturals: Record One“ (2007), dem Zusammenspiel von Ufomammut und ihren Labelkollegen Lento, zeigt sich, welche Kraft eine solche Kollaboration besitzen kann.

Gleiches Prinzip mit ähnlicher Wirkung wenden die Italiener SELVANS mit ihren argentinischen Labelkollegen von DOWNFALL OF NUR an. Unbetitelt, nur mit dem Namen beider Bands für sich stehend, haben sie eine vier Tracks umfassende Scheibe auf den Markt gebracht, welche die ähnlichen Stärken beider Projekte auf den Punkt bringen: Eine Vielzahl von folkloritischen Klängen trifft auf treibenden Black Metal, das wütende Growlen von SELVANS‘ Sänger Sethlans trifft auf die Launeddas vom DOWNFALL OF NUR-Mastermind Antonio, Flöten und Rasseln sowie verschiedene aus der Natur entnommene Samples vereinen sich zu einem Klangbild, was stark an Negura Bunget und Dordeduh erinnert.

Dennoch gelingt es SELVANS und DOWNFALL OF NUR nicht nur wie deren Abklatsch zu klingen, sondern im Gegenteil, beide Bands gehen noch detaillierter und wesentlich verträumter zu Werke. Kombinieren Negura Bunget Black Metal mit atmosphärischer Folklore, gehen SELVANS und DOWNFALL OF NUR andersrum vor, indem die (sehr an Wolves In The Throne Room erinnernden) Black-Metal-Parts in ein Gerüst von ausschweifenden Intros sowie dem Zusammenspiel von Rasseln, älteren Blasinstrumenten und naturalistischer Samples eingebaut werden.

Aufgrund dieser Kombination gelingt es beiden Bands, in dem einen Moment hochgradig fragil und im nächsten Augenblick dynamisch zu klingen; dabei bilden die dominante Folklore und der atmosphärische Black Metal stets eine Einheit: Beides wirkt zusammen, nicht losgelöst vom anderen. Selbst die gern zu kitschig in Szene gesetzten symphonischen Parts weben SELVANS und DOWNFALL OF NUR harmonisch in das Klangbild ein.

Beide Bands, die jeweils erst mit einem Album auf dem Markt vertreten sind, hätten mit dieser Kollaboration keine bessere Werbetrommel auf die Beine stellen können: In den 40 Minuten verquicken sie traditionelle Instrumente mit einem treibenden Härtegrad und unter Verwendung von Samples und dichten Keyboard-Teppichen fügen SELVANS und DOWNFALL OF NUR dies sogar harmonisch zusammen. Rundum gelungen!

Orkan – Elements

Im Black Metal ging der Trend schon lange zur Zweitband. Dass es dabei nicht immer darum geht, neue Stilrichtungen zu erkunden, zeigt sich gerade in diesem Jahr wieder besonders deutlich. Bei Funeral Mist etwa, wo Marduk-Fronter Mortuus voll in die Kerbe seiner Hauptband schlägt, auf „The Order“ von Lucifer’s Child , wo Gitarrist George Emmanuel seine Prägung durch Rotting Christ kaum verheimlichen kann, oder auf dem neuen ORKAN-Album, „Element“.

Hinter dem Projekt steckt der langjährige Live-Gitarrist von Taake, Gjermund Fredheim – und er wandelt mit seinem Projekt ebenfalls nicht weit abseits der Pfade, die er im Gefolge von Hoest beschreitet: Auch ORKAN haben sich „True Norwegian Black Metal“ auf die Fahnen geschrieben, auch hier geht es vor allem um eisige Atmosphäre, kreiert durch einen trockenen Sound und langgezogenes 16tel-Riffing mit scharfen Screams.

Allerdings, das kann man kaum anders sehen, agieren ORKAN dabei auf einem deutlich höheren Niveau, als Taake das seit einigen Alben tun: Waren die Songs, genauer: die Riffs der letzten drei, vier Alben größtenteils belangloses Geschrammel, das vornehmlich aufgrund der unbestreitbaren Größe der ersten drei Taake-Alben Beachtung fand, ist „Elements“ durchweg spannend – und das ebenfalls ganz ohne „progressive“ Ausbrüche und große Experimente.

So ist auch „Elements“ kein stilistisch extrem abwechslungsreiches Album – in dem Sektor, auf den ORKAN abzielen, bleiben sie jedoch vielseitig: Mal bedächtig, mal eruptiv, mal melodisch, mal eher monoton ist das Riffing eigentlich durchweg unterhaltsam. Dazu kommen der gelungene Sound, das atemberaubende Artwork und mit dem finalen „Heim“ eine kleine Überraschung zum Albumende, wenn man denkt, man habe von ORKAN schon alles gehört. Mehr braucht es dann auch gar nicht für ein stimmiges Black-Metal-Album!

Stilistisch ist das Projekt des Taake-Gitarristen Emmanuel nahe genug an Taake und doch weit genug davon entfernt, um alle zu beglücken, die Taake mögen, aber von den letzten Alben enttäuscht wurden. Vielleicht ging es Emmanuel ja genauso – was eine Erklärung wäre, was ins Songwriting nicht involvierte Musiker einer etablierten Genregröße dazu treibt, noch eine eigene Band ähnlicher Ausrichtung zu betreiben.

Helrunar – Vanitas Vanitatvm

Mit ihrer 2015er Platte „Niederkunfft“ haben HELRUNAR eine signifikante Wandlung durchlaufen. Wo vormals frostiger Black Metal mit nordisch-mythologischen Texten den Ton angab, wurden plötzlich die Schrecken des ausklingenden Mittelalters in Form von schwedischem Death-Doom der alten Schule vertont. Drei Jahre später folgt mit „Vanitas Vanitatvm“ nunmehr eine partielle Rückbesinnung. Zwar bleibt der altertümliche, heidnische Themenkreis weiterhin unangetastet, doch aus musikalischer Sicht kann man das gut einstündige Album, ganz wie von der Band vorab angekündigt, als stilistisches Bindeglied zwischen den beiden Vorgänger-Releases betrachten – HELRUNAR rücken 2018 also wieder den Black Metal in den Mittelpunkt des Geschehens.

Konnte man zuletzt durchaus mit Recht argumentieren, dass „Niederkunfft“ ob seiner Weltuntergangsstimmung das bis dato morbideste Album der deutschen Black-Metaller darstellte, so gilt es nunmehr, diese These zu überdenken. Auf „Vanitas Vanitatvm“ rechnen HELRUNAR nämlich nicht nur mit der verblendeten Bevölkerung vor der Epoche der Aufklärung, sondern mit der gesamten Gesellschaft – auch in modernen Zeiten – ab. Konzeptionell greift Sänger und Texter Skald Draugir diesmal nämlich das Vanitas-Motiv der Werke des deutschen Barock-Dichters Andreas Gryphius auf und prangert damit die allseits um sich greifende, geistlose Eitelkeit der Menschen an.

Die Worte, die HELRUNAR dafür finden, sind grässlich und schonungslos unverblümt – und doch mit einer Spitzfindigkeit formuliert, die keinen Zweifel daran lässt, dass sich der historisch und mythologisch interessierte Verfasser eingehend mit der Materie auseinandergesetzt hat. Das mit garstigen, mittelhohen Screams, geradezu unmenschlichen, furchteinflößenden Growls („Lotophagoi“) und in verheißungsvollen Sprechpassagen vorgetragene Grauen erfüllt auch die Instrumentalisierung. Nie klangen die eisigen Tremolo-Riffs („In Eis und Nacht“), die schon das Debüt „Frostnacht“ auszeichneten, kälter, finsterer oder epischer und auch die durch und durch doomigen Leadmelodien und Soli stehen denen auf „Niederkunfft“ in nichts nach.

Mit dem geifernden „Nachzehrer“, in welchem sich unheimliche Clean-Strophen an einen tonnenschweren Refrain schmiegen, haben HELRUNAR ihrer nicht mehr ganz neuen Vorliebe für unheilvollen Doom Metal sogar einen ganzen Song geweiht. Beachtet man dann noch die stimmigen Einschübe wie etwa den trostlosen, rein akustisch-instrumentalen Titeltrack und die mächtige, herrlich organische Produktion, dürfte wohl außer Frage stehen, dass HELRUNAR hiermit abermals Großes geschaffen haben.

„Vanitas Vanitatvm“ ist gewiss sperrig und möglicherweise eine Spur zu lang – zwei Vorwürfe, die HELRUNAR spätestens seit ihrem Doppelalbum „Sól“ nicht ganz zu Unrecht von manchen vorgehalten werden. Aber gibt es heute denn wirklich noch jemanden, der von den Deutschen ein Album von der Eingängigkeit ihres Debüts erwartet? Wer sich schon mit den bisherigen Folgewerken von „Frostnacht“ nicht anfreunden konnte, wird wohl auch über ihr fünftes Full-Length nicht zu HELRUNAR zurückfinden. Alle andere bekommen hierauf hingegen ein sowohl lyrisch als auch musikalisch beeindruckendes Stück schwarzer Tonkunst geboten, das sämtliche Aspekte in sich trägt, für die HELRUNAR in der Szene mit gutem Grund bewundert werden.

Empty – Vacío

Obwohl es im Black Metal unzählige Bands gibt, die mit brennendem Eifer experimentieren und damit das Genre als solches voranbringen, muss man sich, um diese zu finden, oft erst an einer Heerschar aus immergleichen Nachahmungstätern vorbeikämpfen. Mit den austauschbaren Traditionalisten wollen EMPTY offenbar auch nichts zu tun haben, denn auf „Vacío“, ihrem mittlerweile fünften Album, trauen sich die Spanier so manches Mal aus der schwarzmetallenen Komfortzone heraus. Die in der Stilrichtung unabdingbare Düsternis kommt dabei jedoch keineswegs zu kurz, was sich schon im schummrigen Artwork niederschlägt. Somit bleibt nur noch fraglich, ob EMPTY mit ihrem Streben nach Innovation Erfolg haben.

Für einige der Ideen, die EMPTY im Zuge der dreiviertelstündigen Spielzeit in die Tat umsetzen, hat sich das Trio zweifelsfrei Lob verdient. Da wären etwa die unheimlichen Keyboardflächen, die auch nach dem beklemmenden Intro „The Yellow Rain“ immer wieder in Erscheinung treten und die auch sonst alles andere als fröhlichen Kompositionen in ein schwarzes Licht tauchen. Oder aber die elegant gezupften Akustikgitarren, die dem finsteren Zehnminüter „Filandom Under The Sign Of Misfortune“ zu Beginn noch eine anmutige Note verleihen. Selbst das abschließende „Deathlorn“, auf dem EMPTY den Track „Lovelorn“ der renommierten Neoklassik-Formation Arcana einer schwärzenden Metal-Behandlung unterziehen, funktioniert erstaunlich gut und bildet sogar das atmosphärischste Stück der Platte.

Unglücklicherweise muss das Loblied an dieser Stelle jedoch ein abruptes Ende nehmen. Der Großteil der übrigen Versuche, sich auf „Vacío“ über den Black-Metal-Standard zu erheben, geht nämlich leider schief – mitunter sogar kolossal. Das eiskalte Gruselklavier, mit dem „We All Taste The Same For The Worms“ seinen Anfang nimmt, wäre beispielsweise ein hervorragender Auftakt gewesen, hätten sich EMPTY dabei bloß nicht so furchtbar viele technische Ungenauigkeiten erlaubt. Zwar nicht so fehlerhaft eingespielt, dafür aber hinsichtlich der Gesamtstimmung eher unpassend wirken hingegen die hellen Clean-Gitarren auf „The Pilgrim Of Desolation“.

Sieht man dann noch davon ab, dass die herkömmlichen Black-Metal-Elemente, die auf „Vacío“ letztlich doch nicht so selten das Rampenlicht besetzen, größtenteils kaum für denkwürdige Momente sorgen, wird man schließlich noch mit gesanglichen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Zwar passen die schluchzenden Screams grundsätzlich zur Stimmung und bringen einiges an Abwechslung mit sich, sie klingen allerdings derart ungeübt und schwach, dass man sie kaum ernstnehmen kann.

Empty haben mit „Vacío“ gewissermaßen ein Album der Extreme kreiert. Es finden sich darauf tatsächlich ein paar gekonnt realisierte, hörenswerte Geistesblitze, aber eben auch eine ganze Reihe peinlicher Fehlentscheidungen. Bei der Aufnahme sollten sich EMPTY in Zukunft wirklich mehr Perfektionismus angewöhnen und auch die verworrene Produktion lässt hier eine Menge Feinarbeit vermissen. Der Teufel liegt nun einmal bekanntlich im Detail und genau an diesen scheitern EMPTY. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich jedoch zumindest die eingangs erwähnten Stellen anhören – manch einer mag vielleicht sogar dazu bereit sein, dafür die sonstigen Mängel in Kauf zu nehmen.

Essenz – Manes Impetus

Es gibt gewöhnliche Bands, die sich leicht einem Genre zuordnen lassen, und ungewöhnliche, bei denen das aus verschiedenen Gründen schwerer fällt. ESSENZ gehören in Kategorie 2. Ihr neues Album, „Manes Impetus“, zeigt das einmal mehr – aber auch, dass gute Musik nicht immer Spaß machen muss.

Stumpfe Schläge auf hartes Metall. Mit diesem kalten Sound begrüßen ESSENZ ihre Hörer, ehe die Gitarren einsetzen und „Peeled & Released“ über den Hörer hereinbricht, ein knapp zwölfminütiger Mix aus fiesem Black und bedrohlichem Doom Metal. Schon jetzt ist klar: Auch das neue Werk der 2007 gegründeten Band aus Berlin ist alles, nur kein Feelgood-Album. Denn freundlicher als diese ersten Klänge wird es auch im weiteren Verlauf nicht mehr.

Verschroben und etwas wirr – oder doch eher kalt und berechnend? Diese Ambivalenz von ESSENZ ist bereits in diesem ersten Song quasi greifbar und bleibt auch im weiteren Verlauf der CD ein immer wiederkehrendes Element: Spröde Noise-Sounds, wie am Ende von „Unfolding Death“, treffen auf sich langsam und bedrohlich auftürmende Arrangements (wie im direkt folgenden „Amortal Abstract“). Mal schleppen sich ESSENZ dahin wie ein angefahrenes Tier, mal überrascht das Quartett mit einem Ausbruch überbordender Energie, der sich jäh in einem rockigen oder rabiaten Riff entlädt.

Dabei sind die Strukturen der Songs deutlich klarer als auf dem vier Jahre zuvor erschienenen „Mundus Numen“: „Manes Impetus“ ist leichter als „Black Metal“ (jedoch eher im Stile von Bands wie Celeste denn im klassischen Sinne) klassifizierbar als der ziemlich verquere Vorgänger oder das stilstisch fast amorphe Debüt „KVIITIIVZ – Beschwörung des Unaussprechlichen“. Auf die gesamte Spielzeit von 57:20 Minuten gesehen geht das jedoch leider etwas zu Lasten der Vielfalt und damit Abwechslung.

Mit ihrem dritten Album bleiben sich ESSENZ in vielerlei Hinsicht treu. Auch „Manes Impetus“ ist ein unbequemes Album, das es dem Hörer alles andere als leicht macht – leider auch, weil es nicht ganz so viele Überraschungen beinhaltet wie sein Vorgänger. Stattdessen vertonen ESSENZ diesmal düsteres Chaos und tristen Stumpfsinn, klingen entmutigend und schroff, geben sich unnahbar und bleiben gerade deswegen nach wie vor faszinierend.

Marrasmieli – Marrasmieli (EP)

MARRASMIELI sind eine finnische Pagan-Black-Metal-Band, die erst Anfang 2018 gegründet wurde. Direkt mit ihrem ersten Release landete die Band jetzt beim etablierten Underground-Label Naturmacht Productions, die dem Trio eine 200 Einheiten starke Digipak-Auflage zukommen lassen. „Marrasmieli“ ist eine zwei Songs starke EP, die eine tiefgründige und dunkle Melancholie erschaffen soll.

Ein Krähenschrei leitet die rund 20 Minuten Schaffen von Nattvind, Zannibal und Maelgor ein, die im ebenfalls selbstbetitelten Stück schnell in typisch melodischen Black Metal übergehen. Die Gitarrenleads kommen entsprechend unterkühlt daher und versprühen eine angenehm schneidende Atmosphäre klirrender Kälte. Auch der Gesang entspricht mindestens dem qualitativen Normalstandard des Genres, wenn nicht sogar etwas darüber. Gegen Ende werden die metallischen Anteile komplett zurückgefahren, dafür übernehmen die Akustikgitarre und liebliches Flötenspiel kurzzeitig die Federführung.

Das Herzstück ist allerdings das rund 13-minütige „What Nature Fears“, welches eigentlich alles beinhaltet, dass man an melodischem Black Metal nordischer Sorte mögen kann: Seien es die wehmütigen Gitarrenmelodien, die langgezogen-monotonen Sequenzen oder die an richtiger Stelle eingesetzten Screams. Auch in Sachen Tempo variieren MARRASMIELI innerhalb des Songs immer wieder, sodass keine Langeweile durch zu ausufernde und gleichbleibende Parts aufkommt. Auch Ambient-Parts finden in diesem Kontext einen Weg in die Komposition.

Das dreiköpfige Musikergespann MARRASMIELI, was übersetzt soviel wie Novembergeist bedeutet, liefert auf seiner ersten Veröffentlichung erstaunlich qualitatives Material ab. Nicht nur das Können an den Instrumenten weiß zu überzeugen, auch die Atmosphäre gefällt auf ganzer Linie. Lediglich in Sachen Gesang hätte die Produktion an einigen Stellen differenzierter sein können. Innovativ sind die drei Finnen dabei sicher nicht, aber manchmal zählt eben das Herzblut zur Sache. Dieser Plan geht hier nur mit minimalen Abstrichen auf. Bleibt zu hoffen, dass dieses Niveau auf dem ersten Longplayer gehalten werden kann.

Finnr’s Cane – Elegy

Bei dem Begriff Post-Black-Metal denkt man wohl oft als Erstes an eine moderne Variante des schwarzen Genres, nicht selten mit urbanen Bezügen wie etwa im Fall von Amesoeurs, Harakiri For The Sky oder Lantlôs. Es gibt aber auch eine ursprünglichere, folkiger ausgerichtete Strömung, in der naturmystische Texte mit akustischen Instrumenten untermalt werden – hier seien etwa Wolves In The Throne Room genannt. In der letzteren Gruppe nehmen FINNR‘S CANE gewissermaßen eine Sonderstellung ein, verzichten die Kanadier doch zugunsten eines Cellos gänzlich auf die ansonsten obligatorische Bassgitarre. Mit „Elegy“ feiert das Trio nunmehr sein zehnjähriges Bestehen – satte fünf Jahre nach dem letzten Full-Length-Release.

Dass die Entstehung der Platte somit die halbe bisherige Laufbahn der Band in Anspruch genommen hat, dürfte die an FINNR’S CANE gestellten Erwartungen nicht unwesentlich in die Höhe getrieben haben – nicht, dass diese bei einer Musikgruppe, die es sich in den Kopf gesetzt hat, Black, Doom, Post-Metal und Ambient in einen kohärenten Kontext zu setzen, nicht ohnedies schon schwindelerregend hoch wären. Tatsächlich waren FINNR’S CANE in den letzten Jahren offensichtlich nicht untätig, denn rein kompositorisch zeigen sich die Kanadier auf „Elegy“ von ihren besten Seite. Jeder einzelne der Tracks besitzt ganz eigene, markante Charakteristika, ohne dass die Platte dadurch zu einer bloßen Ansammlung unzusammenhängender Songs degradiert würde.

Sei es nun der hoffnungslose Grundton des Openers „Willow“, das seinem Titel mit seinem erdigen Tremolo-Riffing alle Ehre machende „Earthsong“ oder das intensiv-dramatische „Strange Sun“ mit seiner ungewöhnlichen Melodieführung – selbst mit rein schwarzmetallenen Stilmitteln decken FINNR’S CANE ein ausgesprochen breites, emotionales Spektrum ab. Dabei belassen es die Prophecy-Schützlinge jedoch nicht. Auf „Empty City“ malen FINNR’S CANE mit Flöten und trockenen Akustikgitarren beispielsweise ein Bild einer verlassenen Stadt, die langsam von der Natur zurückerobert wird, wohingegen „Lacuna“ über seine eleganten, gramvollen Piano- und Keyboardarrangements auf sich aufmerksam macht.

Ideenreichtum ist eine Sache, die technische Umsetzung jedoch leider eine andere. Davon abgesehen, dass FINNR’S CANE weder über den unscheinbaren klaren noch über den gescreamten Gesang nennenswerte Akzente setzen, leidet „Elegy“ unter seiner viel zu schroffen Produktion. In dem unausgeglichenen, grobschlächtigen Sound geht insbesondere das Cello nahezu vollständig unter.

Mit „Elegy“ hätten FINNR’S CANE unter Umständen sogar das herausragendste Prophecy-Highlight des Jahres für sich verbuchen können. Die mangelhafte Klangqualität setzt dem Album jedoch derart schwer zu, dass das Alleinstellungsmerkmal der Band, das Cello, ganz und gar nicht zur Geltung kommt und die an sich fast schon anmutige Instrumentierung viel zu ungeschliffen daherkommt. „Elegy“ bleibt dementsprechend leider hinter seinen Möglichkeiten zurück, was es in gewisser Weise zum Inbegriff eines Rohdiamanten macht. Schlussendlich haben FINNR’S CANE hiermit trotz allem ein denkwürdiges, stimmungsvolles Album geschaffen, das man gehört haben sollte.