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Ungfell – Tôtbringære (Re-Release)

Mit „Mythen, Mären, Pestilenz“ haben UNGFELL wie aus dem Nichts eines der größten musikalischen Highlights des Jahres 2018 über das Label Eisenwald herausgebracht. Auf geradezu überschwängliche Weise verwob das Duo darauf zur Vertonung einer üppigen Auswahl an Schweizer Sagen dramatischen, melodiereichen Black Metal mit urigem, mitunter beinahe schon festlichem Folk. Dass Bandleader Menetekel und Schlagzeuger Vâlant mit ihrer zweiten Platte derart überraschend von sich reden machen konnten, lässt sich womöglich damit erklären, dass das erst im Jahr davor erschienene Debüt „Tôtbringære“ von UNGFELL im Alleingang digital veröffentlicht worden war. Es ist somit durchaus sinnvoll, dass Eisenwald dem Album nunmehr einen Re-Release auf physischen Tonträgern verpasst, um es rückwirkend ein wenig mehr in den Fokus zu rücken.

Ein kurzes Hineinhören genügt für die Feststellung, dass UNGFELL ihren charakteristischen Stil bereits 2017 gefunden hatten. Nach dem von scharrenden Streichern, Akustikgitarren und mysteriösen Flöten getragenen Intro „Viures Brunst“, das mit den in den Hintergrund gemischten Schreien bereits einen Vorboten des in den Folgetracks herannahenden Unheils vorausschickt, legen die Schweizer auf „Die bleiche Göttin“ richtig los. Schwungvolles, melodiöses und in gewisser Weise fast schon theatralisches Tremolo-Riffing, ungestümes Schlagzeugspiel und mit heiserer, hoher Stimme gekreischte Screams bestimmen von da an auch in weiterer Folge des Albums das Geschehen.

Zwar schlagen UNGFELL zwischendurch immer wieder auch mittelalterliche, balladeske Töne an, die etwa im wehmütig gesungenen Schlussteil von „Trommler Tod“ wie ein Jahrhunderte altes Klagelied klingen, doch der Fokus liegt – gefühlt ein wenig mehr noch als auf „Mythen, Mären, Pestilenz“ – auf schwarzmetallischer Wildheit. Ebendiese wissen UNGFELL jedoch derart gekonnt in die richtigen Bahnen zu lenken, dass sich die Tracks strukturell nie zu sehr ähneln oder wiederholen. Kompositorischen Kunstgriffen wie den seltsam nostalgischen, bedrückenden Clean-Gitarren auf „Die bleiche Göttin“ oder dem abgefahrenen, absichtlich schief gespielten Solo auf „Trommler Tod“ ist es zu verdanken, dass „Tôtbringære“ sich über weite Strecken schnell einprägt und durchwegs spannend bleibt.

Während Menetekel als Black-Metal-Songwriter somit offensichtlich schon 2017 bemerkenswert talentiert war, merkt man UNGFELL bezüglich Performance und Aufnahmequalität auf dem Debüt noch eine gewisse Unerfahrenheit an. Alles klingt noch ein bisschen ungeschliffen, was insbesondere aufgrund des für den Re-Release neu hinzugefügten Tracks „Das Hexenmal“ auffällt: Hier klingen sowohl die Vocals als auch die Produktion als Ganzes um einiges kraftvoller und die verspielten Akustikelemente sind enger mit den harschen Black-Metal-Exzessen verknüpft als in den übrigen Songs.

UNGFELL mag es auf ihrem ersten Album noch ein wenig an technischer Gründlichkeit gemangelt haben, doch in seiner Substanz ist „Tôtbringære“ ohne jeden Zweifel eine hörenswerte Platte. Zu großen Teilen ist dies gewiss darauf zurückzuführen, dass die Schweizer ihre morbiden Geschichten nicht einfach nur mit Worten, sondern direkt durch ihre dynamischen Arrangements erzählen, wozu auch die immer wieder gezielt darin platzierten, stimmigen Details wie etwa die grotesk verfremdeten Säuglingsschreie auf dem Track „Wechselbalg“ beitragen. Dass man UNGFELL im Auge behalten sollte, war nach ihrem zweiten Album sonnenklar – nach dem Re-Release ihres Debüts steht nunmehr auch fest, dass die Band bereits davor eine Menge zu bieten hatte.

Mosaic – Cloven Fires (Single)

MOSAIC sind ohne jeden Zweifel eines der interessantesten Musikprojekte Deutschlands. Auf unnachahmliche, seltsam nostalgische Weise vermischte die Truppe um Mastermind Martin van Valkenstijn in ihren bisherigen Veröffentlichungen Black Metal, Neofolk und Ambient – und doch erschien in all den Jahren nicht ein einziges Full-Length-Album. Der bemerkenswert umfangreiche Re-Release ihrer 2014er EP „Old Man‘s Wyntar“ enthielt mit seiner opulenten Laufzeit von beinahe 80 Minuten zwar genug Material für zwei volle Alben, doch ein offizielles Debüt ließ nach wie vor auf sich warten. Die lange, lediglich von einzeln veröffentlichten Songs unterbrochene Wartezeit hat nun jedoch ein Ende. Als kleinen Vorgeschmack auf das inzwischen endlich angekündigte Debüt „Secret Ambrosian Fire“ legen MOSAIC mit „Cloven Fires“ nunmehr eine vielversprechende Single vor.

Dass MOSAIC ihre Zuhörer gebührend auf das kommende Album einstimmen wollen, erscheint im Hinblick auf Valkenstijns Zielsetzung, welche er bereits in unserem Interview zu „Old Man’s Wyntar“ darlegte, nur konsequent. Im Gegensatz zu der kalten, desolaten und verschlossenen Natur der EP soll das in Aussicht gestellte Debütalbum direkter und hitziger klingen – ein Ausblick, der sich mit dem auf „Cloven Fires“ Dargebotenen passgenau deckt. Die Single umfasst zwei Songs, die zusammen gerade mal sieben Minuten andauern: den Titeltrack, der die vier Transformationsstufen der Alchemie thematisiert, und das bereits zuvor kreierte, nunmehr jedoch erstmals veröffentlichte „Ambrosia“. Es liegt auf der Hand, dass MOSAIC in den beiden, für ihre Verhältnisse auffällig kompakten Stücken schnell auf den Punkt kommen.

Nicht minder bemerkenswert ist der Umstand, dass die Deutschen hier zwar ihre meditativen Neofolk- und Ambient-Einflüsse weitgehend ausgespart, dabei aber doch keinen Funken ihrer mystischen Ausstrahlung und ihrer Einzigartigkeit verloren haben. So nutzen MOSAIC im von den Geräuschen eines knisternden Feuers eröffneten Titeltrack etwa gängige Black-Metal-Stilmittel in Form von eruptivem Tremolo-Riffing und schroff-treibendem Drumming, versehen diese allerdings mit einem eigentümlichen Twist. Insbesondere dank der ungezügelten, gerade wegen ihrer nicht ganz perfekten Technik umso intensiveren Screams, der seltsam verschrobenen Clean-Vocals und der obskur langgezogenen Leadgitarren klingt der Song trotz seiner Andersartigkeit unverwechselbar nach MOSAIC.

Auf „Ambrosia“ bewegen Valkenstijn und seine Mitmusiker sich hingegen in eine kaum zu kategorisierende Richtung. Die Gitarren schlagen hier noch bizarrere, ominöse Töne an, die Rhythmik gleicht einem verhängnisvollen Marsch und die Texte trägt Valkenstijn nunmehr ausschließlich in seinem charakteristischen, bewusst altmodisch produzierten Spoken-Word-Stil vor. Was beide Tracks eint, ist die ungreifbare, brodelnde Atmosphäre, die MOSAIC darin heraufbeschwören und die in der nebulösen Produktion ihre Vollendung findet.

„Cloven Fires“ mag quantitativ nicht viel hergeben, doch MOSAIC packen den Hörer darauf von der ersten bis zur letzten Sekunde und befeuern damit die Vorfreude auf „Secret Ambrosian Fire“, wie es kaum noch mehr möglich wäre. Sowohl das aufbrausende, schwarzmetallische „Cloven Fires“ als auch das surrealere „Ambrosia“ zeigen MOSAIC von einer neuen Seite und reihen sich zugleich nahtlos in das Schaffen der Band ein. Damit dürfte unzweifelhaft feststehen, dass MOSAIC auch ohne Akustikgitarren und sphärische Keyboardflächen zu Großem fähig sind – und dass Black Metal auch dreißig Jahre nach seinem Aufkommen immer noch frisch und spannend klingen kann.

Aureole – Alunar (Re-Release)

Viele Metal-Musiker spielen nicht bloß in einer einzigen Band, sondern leben sich in mehreren Projekten aus – in vielen Fällen ohne ersichtlichen Grund, beschränken sich die stilistischen Unterschiede jener Outlets doch oftmals auf unwesentliche Kleinigkeiten. Im Fall von Markov Soroka macht es jedoch durchaus Sinn, dass der Ukrainer für seinen musikalischen Output mehrere Soloprojekte gegründet hat. Unter dem Namen Tchornobog experimentiert Soroka mit Black und Death Metal, Drown ist im Funeral Doom angesiedelt und AUREOLE dient dem Einzelgänger als Atmospheric-Black-Metal-Sprachrohr. Ein derart vielseitiger Musiker sollte freilich nicht lange unentdeckt bleiben und so veröffentlichen Prophecy Productions, die Soroka mitsamt den genannten Projekten unter ihre Fittiche genommen haben, das Debüt von AUREOLE, welches erstmals 2014 unter dem Titel „Alunar“ erschien, fünf Jahre danach erneut.

Obwohl Sorokas künstlerische Alter Egos kaum musikalische und konzeptionelle Schnittpunkte aufweisen, teilen sie sich doch eine gemeinsame Erzählwelt. AUREOLE spielt sich innerhalb dieses Narrativs in den unergründlichen Weiten des Weltraums ab. Den Angelpunkt des Debüts „Alunar“ stellt die namensgebende, fiktive Zitadelle dar, welche auf dem in tristen Grautönen gehaltenen Artwork abgebildet ist. Besagtes Coverbild vermittelt tatsächlich einen überaus treffenden Eindruck davon, was man sich unter der Platte in musikalischer Hinsicht vorzustellen hat: „Alunar“ klingt genau so karg, einsam und – leider auch – schwerfällig wie eine in den Wirren eines kosmischen Sturms ausharrende Festung.

Minimalismus ist hierbei Sorokas meistbenutztes, klangliches Erzählwerkzeug. Die bis zu zwölf Minuten langen Songs basieren jeweils auf ein bis zwei Motiven, die sich durch den gesamten Track ziehen und kaum weiter ausgebaut werden. Mal handelt es sich dabei um ein bedrückendes, in zähem Down-Tempo gespieltes Tremolo-Riff, mal um eine unscheinbare Keyboardtonfolge oder Ambient-Soundfläche – womit AUREOLE schon beinahe an der Grenze des Bewertbaren kratzt. Denn: Die gewollte Atmosphäre fängt Soroka damit zwar durchaus überzeugend ein, de facto bleibt das Album jedoch weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Um eine Platte mit einer Laufzeit von einer Dreiviertelstunde mit nur einer Handvoll Melodien interessant zu gestalten, braucht es Fingerspitzengefühl, das auf „Alunar“ schlichtweg fehlt. So klingt etwa die Produktion recht unausgeglichen und übertrieben rau (insbesondere bezüglich der zu leisen Screams), die Gitarren wurden ungenau eingespielt und die eintönigen Melodien und Rhythmen werden viel zu oft unverändert wiederholt. Da hilft es leider wenig, dass AUREOLE an sich eine interessante Auswahl synthetischer, spaciger Soundelemente zum Besten gibt.

Dass in der Musik letztlich alles eine Frage des Timings ist, kann man auf „Alunar“ gut beobachten. Auf der einen Seite funktioniert das vierminütige „III – The Senility Of The Hourglass“ mit seiner bedächtig rasselnden Perkussion und seinen ungewöhnlichen, mysteriösen Keyboardklängen ganz hervorragend, auf der anderen Seite fehlt es dem elf Minuten langen, geradezu ausgehöhlten „V – Alunar, Decrepit…“, das über weite Strecken bloß von einem glockenhaften Geräusch getragen wird, an fesselnden Arrangements. AUREOLE ist gewiss ein interessantes Projekt, das nicht bloß Atmospheric Black Metal von der Stange produziert. Dennoch lässt sich kaum beschönigen, dass Soroka seine Ideen auf dem Debüt wesentlich besser aufbereiten hätte können.

Trinitas – Trinitas (EP)

Azathoth war von 1994 bis 2007 Sänger bei Dark Fortress. Vargher ist Gitarrist und Songwriter bei Naglfar und Bewitched. Und Tromentor trommelte von 1996 bis 2018 bei Desaster, ehe er bei Asphyx und Sodom anheuerte. Gemeinsam frönen die drei nun als TRINITAS der Liebe zum truen Black Metal.

Dass aus der deutsch-schwedischen Kollaboration zwischen Azathoth und Vargher Großes erwachsen kann, haben die beiden bereits bei ihrem gemeinsamen Projekt Eudaimony unter Beweis gestellt. Ging es dort jedoch vornehmlich um gefühlvolle Melancholie, ist die Musik von TRINITAS das exakte Gegenteil: roh, hässich und kalt. Vor allem aber von der ersten bis zur letzten Note voll Verachtung – für verkopftes Songwriting, für polierten Sound, für Melodien. Für all diesen Detailkram eben, mit dem sich Black-Metal-Bands heute so abgeben.

In wohl gewollt räudiger Demo-Qualität bietet das Trio dem Hörer auf seiner ersten, selbstbetitelten EP „Trinitas“ drei Songs, die an kompositorischer Primitivität kaum zu überbieten sind: Ein simples Schrammelriff reiht sich an das andere, dazu bearbeitet Tormentor ziemlich unaufgeregt seine Kessel. Während sich auch Vargher – bekannt für seine geschmeidigen Gitarrensoli bei Naglfar – tatsächlich beherrschen konnte und nichts von seiner Fingerfertigkeit durchblicken lässt, gelingt es Azathoth nicht so ganz, sein Talent zu verbergen: Eigentlich schon für „Stab Wounds“ zu böse, passt seine Stimme zwar perfekt zum truen Black Metal von TRINITAS – überstrahlt die Instrumente aber in ihrem Facettenreichtum wie auch in ihrem vollen Klang und lässt sie wie Guidetracks aus der Vorproduktion klingen.

Für absolut authentischen 1990er-Charme hätte ruhig auch der Gesang etwas flacher klingen dürfen. Sieht man davon ab, fangen TRINITAS die Atmosphäre damaliger Veröffentlichungen ziemlich gut ein.

Blickt man auf das bisherige Schaffen der Beteiligten, steht „Trinitas“ am ehesten in der Tradition von „On Twilight Enthroned“, das Vargher 1996 mit seiner damaligen Band Throne Of Ahaz veröffentlichte: Zwar hatten diese etwas mehr hallgeschwängerte Atmosphäre zu bieten – die true Attitüde hinter der Musik ist aber durchaus vergleichbar. Naglfar, Dark Fortress oder Eudaimony zu mögen, reicht hingegen definitiv nicht aus, um auch dieser EP (über Azathoths Meisterleistung am Mikrofon hinaus) etwas abgewinnen zu können.

The Deathtrip – Demon Solar Totem

Schon bei Dødheimsgard gaben sich Kvohst und Aldrahn die Klinke in die Hand: 2005 hatte Kvohst dort Aldrahn abgelöst und „Supervillain Outcast“ eingesungen, ehe Aldrahn 2013 (temporär) zurückkehrte. Bei THE DEATHTRIP verhält es sich genau andersherum: Nachdem Kvohst das Black-Metal-Projekt 2007 mit Paul Groundwell (Thine) gegründet hatte, übernahm direkt Aldrahn, der auch auf dem Debüt „Deep Drone Master“ (2014) zu hören ist. Seit diesem Jahr nun ist Kvohst zurück, sodass mit „Demon Solar Totem“ nun doch noch ein THE-DEATHTRIP-Album mit Kvohst am Mikrofon erscheint.

Nun stehen der Norweger Aldrahn alias Bjørn Dencker und der Brite Mathew Joseph McNerney, wie Kvohst mit bürgerlichem Namen heißt, bekanntlich für zwei gänzlich andere Gesangsstile. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie sich nicht hinter den Instrumenten verstecken lassen. So ist der Wechsel am Mikrofon – wie schon bei Dødheimsgard – weit mehr als eine Personalie.

Vielmehr hat sich der Charakter von THE DEATHTRIP im Gesamten stark gewandelt: Stellenweise erinnert „Demon Solar Totem“ an Kvohsts <code>, dann wieder lässt es an die neueren Werke von Secrets Of The Moon denken („Angel Fossils“). Selbst Songs wie „Surrender To A Higher Power“, das mit vergleichsweise genretypischen, schnellen Passagen aufwartet, bekommen durch Kvohsts bisweilen fast spirituell-entrückt wirkenden Gesang jene unverkennbare Atmosphäre, die allen Kvohst-Bands eigen ist.

Dass der melodische Black Metal von THE DEATHTRIP dabei musikalisch betrachtet gar nicht so spektakulär ist und etwa mit den ersten beiden Alben von <code> nur stellenweise – wie im finalen Zehnminüter „Awaiting A New Maker“ – mithalten kann, verkommt bei dieser Gesangsdarbietung fast zur Nebensache. Zumal die Riffs wie auch der Gitarrensound, der diesmal zugleich bissiger und organischer klingt als auf dem Debüt, dafür eine sehr authentische Oldschool-Black-Metal-Atmosphäre erzeugen können.

Demon Solar Totem“ ist kein Album, das sich gleich beim ersten Hören voll entfaltet oder im Ohr bleibt. Wer THE DEATHTRIP jedoch etwas Zeit schenkt, entdeckt hinter der rohen Fassade immer mehr spannende Details. So schlagen Kvohst und Groundwell mit „Demon Solar Totem“ eine Brücke zwischen „trve“ und „avantgarde“: Bei diesem Album könnten sich eventuell tatsächlich Fans beider Spielarten des Black Metal treffen.

Blut Aus Nord – Hallucinogen

Das Cover von „Hallucinogen“ kommt einem Paukenschlag gleich: Nicht nur, dass Menschen mit Trypophobie angewidert wegschauen dürften. Vielmehr ist das Dargestellte so BLUT AUS NORD-untypisch und doch so passend zum Albumnamen, dass man nicht so recht einzuschätzen vermag, was die nunmehr 13.Platte des französischen Duos parat hält.

Nachdem BLUT AUS NORD den Black Metal in den vergangenen 25 Jahren mit großartigen Alben beschenkt und die Vielfältigkeit des Genre hervorragend veranschaulicht hat, machen Vindsval und W.D. Field auf „Hallucinogen“ genauso großartig und vielfältig weiter. Denn nicht nur, dass Artwork und Titel stimmig sind, es ist auch die Musik von BLUT AUS NORD, die nun Halluzinogen-indiziert wirkt, ohne dabei an den Grundfesten der Band zu rütteln.

Diese Grundfesten stellen eben jene Black-Metal-Wurzeln mit einem zutiefst melodischem Spiel dar, entweder in überlangen epischen Tracks („Memoria Vetusta„-Reihe) oder im erdrückenden Industrial-Gewand („777„-Trilogie). Egal, welches Subgenre BLUT AUS NORD bedienen, ihre Markenzeichen stechen stets heraus. So auch auf „Hallucinogen“: Obwohl es äußerlich hart mit dem bisherigen Stil bricht, spiegelt das Innere des Albums die Seele des Projektes wieder.

Die treibenden ersten beiden Tracks „Nomos Nebuleam“ und „Nebeleste“ erinnern gleichermaßen an die erhabene Epik eines „Memoria Vetusta II: Dialogue With The Stars“ (2009) wie an die packende Atmosphäre eines „777 – The Desanctification„(2011) – und überraschen im weiteren Verlauf mit Neuerungen. Denn nicht nur, dass der Gesang nahezu verschwindet, er wird vielmehr durch sakral inszenierte Chorpassagen ersetzt. Ihre Knüppeleien aus Anfangstagen vergessen BLUT AUS NORD dabei nicht, allerdings werden sie auf „Hallucinogen“ nur vereinzelt eingesetzt („Mahagma“), dominiert wird das Album vom Mid-Tempo und dem durchweg fokussierten Duett von Schlagzeug und Gitarre.

Tatsächlich halluzinogen wird es erst am Ende mancher Songs, wenn Vindsval seine Saiten sachte anspielt und mit Hall unterlegt („Anthosmos“, „Haallucinählia“). Nicht der bahnbrechendste Trick, aber immerhin wirkungsvoll. An diesen Stellen, die sich in ihrem Aufbau in den sieben Songs kaum merklich voneinander unterscheiden, wird deutlich, wann die auf dem Cover abgebildeten Pilze wirken: nicht in vereinzelten Passagen oder manchen Songs, sondern auf Albumlänge.

BLUT AUS NORD haben seit jeher den Drang, in Konzepten zu komponieren. Auch bei ihrem 13. Album ändern die Franzosen dieses Rezept nicht, fügen dem allerdings neue Indigrenzien hinzu. Somit ist „Hallucinogen“ zum einen dieses typisch untyische Album, was zu erwarten war, zum anderen aber auch die erfolgreiche Verschmelzung beider musikalischen Stränge, die BLUT AUS NORD über die Jahre definiert haben.

Anlässlich des Bandjubiläums von 25 Jahren kann ein Album wie „Hallucinogen“ nicht passender sein: alle Trademarks vereint und mit Neuerungen versehen. BLUT AUS NORD liefern nach dem enttäuschenden „Deus Salutis Meæ“ (2017) somit nicht einfach nur ein besseres Album ab, sondern eine starke Zusammenfassung von dem, wofür die Band steht!

Ketzer – Endzeit Metropolis (Re-Release)

Nachdem KETZER schon dabei sind ihr Debüt neu aufzulegen, lassen es sich die Jungs nicht nehmen auch ihr Zweitwerk „Endzeit Metropolis“ neu an den Start zu bringen. Wie auch schon beim Re-Release von „Satan’s Boundaries Unchained“, wird die Scheibe um Live-Tracks erweitert, in diesem Fall um Aufnahmen der Klassiker „To Each Saint His Candles“, „Witchcraft (Intro)“ und „Satan’s Boundaries Unchained“. Schade ist nur, dass es keinen „Enzeit Metropolis“-Live-Song gibt. Ansonsten ist alles wie gehabt geblieben, sowohl das Artwork als auch die Produktion blieben unangetastet.

KETZER bleiben ihrem Sound auf „Endzeit Metropolis“ (noch) treu, klingen aber gereifter und fokussierter. Das Album hatte drei Jahre Zeit zu reifen, was sicherlich eine gute Entscheidung war. Noch mehr als auf dem Debüt finden sich nun packende Melodien in den Songs und lassen direkt an die schwedischen Genre-Ikonen von Watain denken. Natürlich spielen KETZER immer noch Black-Thrash, doch der gezieltere Einsatz von Breaks, Melodien und sogar einem Instrumental-Zwischenspiel („Farewell Fades Away“) werten den Sound der Truppe deutlich auf. Spätestens mit diesem Album dürfte auch klar sein, dass KETZER ihr Handwerk verstehen und keinesfalls bloß stumpf ihre Instrumente bearbeiten. Man höre nur die hohe Handwerkskunst von „Requiem For A Beauty“ oder „The Fever`s Tide“. Flirrende Gitarren treffen auf schwedisch angehauchte Melodien und gnadenloses Drumming. So fett und gleichzeitig abwechslungsreich wurde Black-Thrash lange nicht mehr gespielt.

Mit dem finalen „He Who Stands Behind The Rows“ (Stephen King irgendjemand?) machen KETZER den Sack zu und hauen dem Hörer noch ein letztes Mal all die Trademarks von „Endzeit Metropolis“ um die Ohren. Wenn man sich diese Scheibe mal wieder anhört versteht man, weshalb das folgende dritte Werk „Starless“ für einen Aufschrei unter den Fans gesorgt hat. Wie gut das KETZER mit ihrem aktuellen Longplayer „Cloud Collider“ wieder ein Stück weit zu ihren Wurzeln zurückgefunden haben. Wer „Endzeit Metropolis“ noch nicht sein Eigen nennt und Bock auf virtuosen Black-Thrash hat sollte bei dieser Neuauflage definitiv zugreifen.

Ketzer – Satan’s Boundaries Unchained (Re-Release)

Neben immer mehr Special-Shows oder gar ganze Tourneen zu besonderen Alben, die Jubiläen oder ähnliches feiern, gehören mehr oder weniger opulente Re-Releases solcher Scheiben inzwischen zum guten Ton im Musikbusiness. Nicht immer versteht man, was der Mehrwert solcher Wiederveröffentlichungen ist, doch meistens gelingt es Band und Label ein lohnendes Paket zu schnüren. Pünktlich zum zehnjährigen ihres Debüts legen KETZER „Satan’s Boundaries Unchained“ neu auf, was sich schon allein deshalb lohnt, da die Scheibe inzwischen überall vergriffen ist. Ergänzt wird das Debüt um zwei Live-Aufnahmen, die herrlich roh daherkommen.

Wer KETZER erst in den letzten Jahren mit „Starless“ oder „Cloud Collider“ kennengelernt hat, könnte vom Sound der Truppe auf ihrem Debüt erstmal überrascht sein. Statt Post-Rock gemischt mit Black Metal gibt es auf „Satan’s Boundaries Unchained“ ungestümen Black-Thrash mit kaum erkennbaren Melodien und Gekeife direkt aus der Hölle. Wie bei vielen Debüts, scheiden sich auch hier die Geister. Für die einen klangen KETZER nie besser, für die anderen ist die Scheibe bloß stumpfsinniger Lärm. Die Wahrheit dürfte irgendwo dazwischen liegen, wobei das Album sicherlich nicht vor Raffinesse strotzt.

Sehr positiv an der Neuauflage ist, dass KETZER nichts am Sound des Debüts verändert haben. „Satans’s Boundaries Unchained“ klang schon vor zehn Jahren fett und roh und das ist auch auf dem Re-Release so. Ansonsten überzeugt die Scheibe immer noch mit ihrer ungestümen Mischung aus zügellösem Geballer, unerwarteten Breaks, Midtempo-Stampfern und feinen Melodien. Egal ob „Warlust“, „Crushing The Holy“ oder „The Fire To Conquer The World“, die Songs haben nichts von ihrem brutalen Flair eingebüßt. Highlight des Debüts ist und bleibt aber der Titelsong, der mit seinem schneidenden Riffs auch heute noch ein echter Live-Kracher ist.

Wer schon vor zehn Jahren nichts mit „Satan’s Boundaries Unchained“ anfangen konnte, wird es auch jetzt nicht können. KETZER zelebrieren auf ihrem Debüt den brutalen, vielleicht ab und an auch etwas stumpfen Black-Thrash und das ist auch gut so.