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Grabak – Bloodline Divine

Die Leipziger Black-Metaller von GRABAK treiben tatsächlich schon seit 1997 ihr Unwesen in Deutschland. Und seitdem stehen sie für qualitativ soliden Black Metal und interessante Live-Auftritte (im Übrigen sind sie bereits mit Bands wie Dissection und Dark Funeral zusammen aufgetreten). Und auch ihr Cover-Artwork ist für den geneigten Fan des satanischen Black Metal immer ein Augenschmaus, entweder erschreckend oder aber haarscharf an der Blasphemie (und wahrscheinlich der Zensur) vorbei. So auch die Vorderseite ihres neuesten Werkes „Bloodline Devine“, welches eine kopfüber gekreuzigte Frau darstellt, auf die eine Hand zeigt. Das lässt natürlich viel Raum für Interpretationen und regt den Geist an. Tatsächlich gibt es verschiedene Cover-Versionen, so mussten für den amerikanischen Markt die Brüste der Frau mit Flammen überdeckt werden. Dazu darf sich jeder seinen Teil denken.

Auf das aktuelle Album “Bloodline Divine“ mussten die GRABAK-Fans allerdings etwas länger warten. Der Vorgänger „SIN“ stammt aus 2011, wurde aber kaum öffentlich wahrgenommen, da die Plattenfirma Insolvenz anmelden musste. 2016 wurde „SIN“ dann erneut veröffentlicht, nachdem die Band ein neues Label gefunden hatte. Nun folgte Ende 2017 endlich auch das neue Werk „Bloodline Divine“ und man darf gleich anmerken, dass GRABAK nichts von ihrer ursprünglichen Hingabe und Kraft verloren haben.

Nach einem düster-atmosphärischen, aber noch sehr zurückgenommenen, instrumentalen Intro knüppelt es mit „Via Dolorosa“ ordentlich los. Echter, soll heißen nicht getriggerter Schlagzeug-Klang sorgt temporeich für ordentlich schiebenden Background, während die Basslinien und Gitarrenriffs präzise und wie Bombenhagel auf den Hörer abgefeuert werden. Rohes, enthusiastisches Growl-Geschrei rundet das satte Black-Metal-Hör-Erlebnis ab. Alles fügt sich in ein kompositorisches Konstrukt, welches runtergeht wie Öl. Hier merkt man, dass die Band nie etwas anderes wollte und dass ihnen das Höllenfeuer quasi im Blut liegt und in Form von Musik zum Leben erweckt werden will. Das ergibt brachiale Kompositionen wie „Corpsebride“ (hier ist der Name Programm!) oder „Sinnocence“ (Extrapunkt für Wortspiele wie dieses!).

Auf „Seelensammler“ wird der Hörer zwischen den ansonsten englischsprachigen Lyrics mit deutschem Text und sogar mit gesprochenen Parts überrascht. Das Ganze hat etwas von einer erzählten Geschichte, die mit Black Metal dekoriert wurde. Sehr fein!

Davon abgesehen lassen GRABAK aber auch instrumental keine Langeweile aufkommen. Da werden immer kleine Gimmicks eingebaut wie kurze choral oder orchestral klingende Einlagen im Hintergrund versteckt, oder Sounds, die an akustische Gitarren erinnern. Auch sind die Melodielinien sehr harmonisch und gleiten seidenweich durch die Gehörgänge. Also keineswegs handelt es sich auf dem 51-minütigen Album nur um Brutalo-Geknüppel, sondern man serviert ausgefeilte Kompositionen mit allen Mitteln, die dem Black Metal zur Verfügung stehen, sowie einigen Elementen mehr. Da das Ganze auch qualitativ gut produziert ist, ist es ein wahrer Ohrenschmaus, den Kenner des Genres wohl gerne kosten mögen.

Zwar wurde das Rad hier nicht neu erfunden, aber „Bloodline Divine“ ist allemal besser als manch zusammengewürfelter, Hauptsache Möchtegern-Böse-Pseudo-Black-Metal einiger anderer Bands. Unbedingt mal reinhören (Anspieltipp: „Seelensammler“).

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Nekrokraft – Servants

Nachdem Sänger Legion bei den Blackened-Thrash-Metallern Witchery 2011 ausgestiegen war und Dark Funerals Emperor Magus Caligula dessen Posten (zumindest live) für ein paar Jahre vertreten hatte, nahm die Band pünktlich zu ihrem Comeback-Album „In His Infernal Majesty’s Service“ 2016 einen neuen Sänger namens Angus Norder auf. Obwohl dieser Name zu diesem Zeitpunkt niemandem etwas gesagt haben dürfte, war Norder schon vor Witchery musikalisch im Black und Thrash Metal aktiv, nämlich mit der 2012 gegründeten Band NEKROKRAFT, bei der er unter dem Pseudonym „Angst“ auftritt. Mit „Servants“ haben diese nun nach „Will O‘ Wisp“ ihr zweites Album veröffentlicht. Kann ihre Version des Genres mit den bekannteren Namen in diesem Musikstil mithalten?

Als Antwort auf diese Frage schmettern NEKROKRAFT dem Hörer gleich zu Beginn mit „Mouth Ov Ahriman“ ein kräftiges „Ja!“ entgegen. Tatsächlich brauchen sich die fünf Musiker mit derart groovendem und mitreißendem Black Metal überhaupt nicht verstecken. Mag die Formation mit ihren gerade mal sechs Jahren noch zu den jüngeren in diesem Genre gehören, merkt man das der Musik kein Stück an. Das mag auch daran liegen, dass abgesehen von Gitarrist Iron alle Mitglieder schon in anderen Bands aktiv waren beziehungsweise noch immer sind. Erfahrung ist also vorhanden.

Auch der folgende Track „Lechery“ führt den thrashigen Stil des Openers auf ähnliche Weise fort und fügt ihm noch zusätzlich eine gelungene Refrainmelodie hinzu. NEKROKRAFT scheuen hierbei zwar nicht vor dem Gebrauch klassischer Elemente wie etwa Blastbeats zurück, im Großen und Ganzen ist ihr Black Metal aber eher rockig und Riff-lastig ausgerichtet, statt auf übliches Geschrammel zu setzen. Damit bleiben sie zwar ein ganzes Stück weiter in den Black-Metal-Gefilden als Witchery, welche eher klassischen Thrash Metal schwarz anpinseln, verlieren sich aber zu keinem Zeitpunkt in langweiligem Reproduzieren von Genreklischees.

Sogar sinfonische Einflüsse, lassen sich in den Songs erkennen, wenn NEKROKRAFT ihre Riffs sparsam, aber zielsicher mit Chören und orchestralen Elementen unterlegen. Anders als bei Dimmu Borgir beispielsweise, die gerade erst auf ihrem neuen Werk „Eonian“ jene Chöre als Lead-Instrument begriffen, stehen diese Symphonic-Black-Metal-Zusätze aber auf „Servants“ nie im Vordergrund, sondern wirken eher unterstützend, um einem Riff mehr Durchschlagskraft zu verleihen, was auf der Platte auch sehr gut funktioniert.

Und trotzdem ist das Album dann doch noch nicht ganz in der Meisterwerksliga angekommen. Zwar leisten sich NEKROKRAFT keine schwerwiegenden Fehler, doch neben ein paar Highlights fallen Tracks wie „Brimstone And Flames“ oder „Eternal, I Am“ mit ihren eher zähen Riffs merklich ab. Das stellt zwar kein wirklich großes Problem dar. Dadurch ist die Scheibe aber eben letztlich doch nicht ganz frei von Fillern und es bleibt noch Luft nach oben.

Alles in allem ist NEKROKRAFT mit „Servants“ trotzdem ein äußerst starkes, zweites Album geglückt, das locker mit der Konkurrenz im thrashigen Black Metal beziehungsweise im Blackened Thrash Metal mithalten kann. Markante, mitreißende Riffs verbinden sich hier mit einer gelungenen Produktion zu einem wiedererkennbaren, eigenen Stil. Auch wenn Witchery nun mit gleich zwei richtig guten Alben in gerade mal zwei Jahren ein ordentliches Veröffentlichungstempo an den Tag gelegt haben, dürfen die Schweden von NEKROKRAFT trotzdem gerne die kurzen Wartezeiten dazwischen mit ihrer Musik auffüllen.

Eternal Helcaraxe – In Times Of Desperation

Am letzten Freitag des Jahres 2017 veröffentlichten die irischen Black-Metaller ETERNAL HELCARAXE ihr zweites Full-Length „In Times Of Desperation“, auf das Fans und Gönner über fünfeinhalb Jahre warten mussten. Nach der grandiosen EP „To Whatever End“ (2010) und dem eher enttäuschenden Debüt „Against All Odds“ (2012) ist die Messlatte für das neue Material natürlich hoch angesetzt. Vor allem durch den vollzogenen Labelwechsel, den dieses Release mit sich bringt.

Worauf das Trio dieses Mal verzichtet hat, ist ein instrumentales Intro, wie es die beiden Vorgänger noch vorzuweisen hatten. „Our Time In The Sun“ prescht gnadenlos nach vorne, was im vorliegenden Kontext aber nicht wirklich zünden möchte. Zu wenig wird man auf die unheilvolle Atmosphäre eingeschwört, zu sehr verschwimmen Screams und Gitarren zu einem überfrachteten Soundbrei. Hier hat die Band zwar im Vergleich zu „Against All Odds“ einen Schritt nach vorne gemacht, dennoch funktionieren die schneidend-melodischen Gitarren und das ausdrucksstarke Schlagzeugspiel ohne Vocals eindeutig besser.

Leider bleibt der Gesang auch im weiteren Verlauf das große Manko von „In Times Of Desperation“. Wo sich die Saitenfraktion merklich steigern und Schlagzeuger Tyrith sein Level mindestens halten kann, ist Frontmann Praetorian nicht mit einer gelungenen Produktion gesegnet. Dafür agieren die Vocals zu sehr im Hintergrund und schaffen es kaum sich über die druckvoll-monströsen Soundwände zu erheben. Am stärksten sind die rund 52 Minuten dieses Longplayers immer dann, wenn die Geschwindigkeit herausgenommen wird und die Instrumentalparts sich mal im melodiösen Sektor oder auch im schleppenden Doom-Bereich bewegen.

ETERNAL HELCARAXE sind eine ideenreiche Band, die mit ihrem von Schlachten handelnden Black Metal am Anfang ihrer Karriere das nächste große Ding hätten werden können. Leider war das Debütalbum ein schwächelndes Stück Schwarzmetall, dessen Level mit „In Times Of Desperation“ wieder etwas angehoben wurde. Dennoch hinterlässt das dreiköpfige Gespann den Eindruck sie hätten etwas mehr herausholen können, wenn man vor allem in Sachen Gesang mehr Wert auf eine spannende und saubere Produktion gelegt hätte. Was schade ist, denn musikalisch überzeugen ETERNAL HELCARAXE fast durchgängig auf hohem Niveau.

Amenra w/ Myrkur

Im Februar kündigten mit AMENRA und MYRKUR zwei Bands, die sich atmosphärisch dichter Musik verschrieben haben, eine gemeinsame Tour in Deutschland und der Schweiz an. Beide brachten 2017 viel beachtete und geschätzte Alben heraus: Die Post-/Sludge-Metal-Formation AMENRA mit ihrem Opus „Mass VI“ und MYRKUR, das Black-Metal-Projekt der dänischen Sängerin Amalie Bruun, mit ihrem zweiten Werk „Mareridt“. An diesem Abend macht das Duo im Hansa 39 des Münchner Feierwerks halt.

In der schon gut gefüllten Halle betreten die den Abend eröffnenden MYRKUR die Bühne, auf der ein hübsch mit Pflanzen geschmückter Mikroständer an der Front platziert wurde. Zu einem sehr langsamen Drone-Riff nimmt Sängerin Amalie Bruun den Platz dahinter ein und beginnt, ihre sphärischen Gesänge darüberzulegen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Schwermütigkeit und Mystik, die sich während MYRKURs Auftritt im Zuschauerraum breitmacht. Musikalisch bleibt die Band meist im Doom-Bereich, wechselt aber dann ab und zu auf einen Post-Black-Metal-Teil oder eine folkige Passage.

Bruun gelingt der Gesang dabei unheimlich gut und präzise – etwas zu sehr, um nicht zumindest ein wenig misstrauisch zu werden, wie viel da nachgeholfen wurde. Zumal ihr Gesang leider nicht gerade selten von etlichen sie begleitenden, vom Band abgespielten Hintergrundgesängen unterstützt wird. Dennoch: Mit viel Hall ausgestattet bringt sie einige sehr schöne Momente zustande, auch wenn es heute fast ausschließlich bei Klargesang bleibt. Ob es für die Wirkung des Auftritts musikalisch überflüssiges, optisch dramatisches Schlagen einer Handtrommel braucht, muss wohl jeder selbst entscheiden. Einen gelungenen Abschluss finden MYRKUR jedoch mit der von Bruun solo vorgetragenen, mittelalterlichen Ballade „Villemann og Magnhild“.

Setlist MYRKUR

  1. Drone Intro
  2. The Serpent
  3. Ulvinde
  4. Dybt I Skoven
  5. Onde Børn
  6. Vølvens Spådom
  7. Jeg Er Guden, I Er Tjenerne
  8. De Tre Piker
  9. Elleskudt Måneblôt
  10. Skøgen Skulle Dø
  11. Skaði
  12. Villemann Og Magnhild


Nach einer halben Stunde Umbaupause erscheint das Logo der Church Of Ra im Hansa 39, das zwar nicht ausverkauft, aber doch beeindruckend voll ist. Als AMENRA unspektakulär die Bühne betreten, ertönen erste Jubelschrei, das klassische Pausengemurmel verstummt dann allerdings erst auf einen Schlag, als Drummer Bjorn Lebon zwei Klangstöcke zusammenschlägt und die Messe eröffnet. Über gut fünf Minuten baut sich eine kaum auszuhaltende Spannung aus, bis die erste brachiale Wall of Sound über das Publikum hinweg walzt. Die Abmischung ist kristallklar, das Publikum headbangt in Slow Motion und AMENRA reißen mit einer bedrohlichen, packenden Atmosphäre mit, die inhaltlich fast alle Alben der Belgier abdeckt.

Es dauert fast 40 Minuten, bis Sänger Colin van Eeckhout sein Shirt auszieht und sein imposantes Rückentattoo offenbart. Auch wenn AMENRA wie immer auf jede Form der Publikumsinteraktion verzichten, überrascht es, dass Colin dieses Mal ganze Passagen dem Publikum zugewandt singt – den Großteil der Show verbringt er allerdings in seiner eigenen Welt, tief vergraben in den Visuals. Diese wirken auf der recht kleinen Bühne des Hansa 39 heute fast etwas verloren – die Kranhalle wäre insgesamt die stimmigere Location für ein Konzert von AMENRA gewesen. Nach 70 Minuten Brutalität, Fragilität, Leidenschaft und Sehnsucht ist es plötzlich still und die Musiker verlassen die Bühne – zurück bleibt nur das Logo der Church Of Ra.

Setlist AMENRA

  1. Boden
  2. Plus Près De Toi (Closer To You)
  3. Razoreater
  4. Diaken
  5. Thurifer et Clamor ad te Veniat
  6. Nowena | 9.10
  7. Terziele
  8. Am Kreuz
  9. Silver Needle. Golden Nail


Die mythische und apokalyptische Stimmung des Abends wird von beiden Bands auf unterschiedliche Weise transportiert. Während Myrkur verträumter, schöner und außerweltlicher agieren, sind Amenra eine grollende, aus der Tiefe stammende Urgewalt. Egal, wie oft man eine Show der Belgier auch sieht: Es ist immer wieder aufs Neue beeindruckend und umwerfend.

Asphagor – The Cleansing

Irgendetwas muss im österreichischen Wasser sein, dass Black Metal Bands aus diesem Land ein starkes Album nach dem Anderen produzieren lässt. Man höre sich nur die letzten Scheiben von Anomalie, Belphegor oder Harakiri For The Sky an, die nur so vor Spielfreude und Raffinesse strotzen. Spätestens mit ihrem neuem Werk „The Cleansing“ reihen sich ASPHAGOR nun in die Reihe dieser starken Bands aus unserem Nachbarland ein.

Mit zehn Songs und einer Spielzeit von etwas über einer Stunde legen ASPHAGOR dabei ein echtes Mammutwerk vor, nicht nur im Hinblick auf die Länge des Albums. Auch musikalisch fahren die Jungs hier die großen Geschütze auf. ASPHAGOR spielen nämlich nicht einfach nur Black Metal, sondern reichern ihre Musik mit packenden Melodien, erhabenem Klargesang und interessanten Wendungen im Songwriting an. Dabei klingt „The Cleansing“ aber nie verkopft oder bemüht, sondern eher wie ein komplexes Best-Of der letzten Jahrzehnte des Black Metal.

Bereits der Opener „The Delphic Throne“ transportiert sowohl klassisches Black-Metal-Feeling, als auch eine gewisse Note räudigen Hardcore/Punk-Charme der späten 80er und frühen 90er. Und spätestens mit dem folgenden „Sun Devourer“ halten dann auch die großen Melodien Einzug in die Songs von „The Cleansing“. Bereits damit dürfte nun ersichtlich sein, wie vielschichtig das Songwriting von ASPHAGOR ist. Man nehme nur das sehr starke „Circle Of Abbadon“: Neben den bereits erwähnten Melodien finden sich hier auch bedrohlich wirkende Soundwände, sehr schnelle Passagen und Tapping-Soli auf höchstem Niveau. Klar steigt man in Songs dieser Art nicht sofort ein, aber wer etwas Geduld und eine Vorliebe für komplexe Songs mitbringt, wird mit sehr spannender und abwechslungsreicher Musik belohnt.

Absolutes Prunkstück der Platte und jetzt schon einer der Songs des Jahres ist „Aurora Nocturna“. Melodischer, eigentlich schon hymnischer Black Metal in dieser Perfektion ist nur schwer zu finden. Eine hypnotische Melodie, Chorsätze, zweistimmige Vocals, brutale Parts und ein unglaublich tightes Heavy-Metal-Solo verleihen dieser Nummer etwas einzigartiges und überwältigendes. Das Teil nicht live zu spielen wäre fast schon ein Verbrechen.

Aber bei allem Lob und Überschwang hat „The Cleansing“ leider auch eine kleine Schwäche: Im Gesamten ist die Spielzeit doch etwas zu lang. Trotz des variantenreichen und spannenden Songwriting weißen ein paar Tracks doch Durchhänger auf. So hätten vor allem „(In The) Sea Of Empty Shalls“ oder „Ardor“ ruhig etwas kürzer ausfallen können.

Trotzdem ist ASPHAGOR mit „The Cleansing“ ein mehr als nur überzeugendes und starkes Album gelungen, dass bereits jetzt als eines der besten Black-Metal-Alben des Jahres gelten kann.

Totalselfhatred – Solitude

Nachdem sich die Finnen TOTALSELFHATRED mit ihrem selbstbetitelten Debüt und dem darauffolgenden „Apocalypse In Your Heart“ einen stattlichen Ruf im Depressive-Black-Metal-Sektor erarbeitet hatten, wurde es für längere Zeit still um das Quartett. Dies rührt jedoch offenbar nicht daher, dass die vier Musiker in der Zwischenzeit ihr zuletzt im Jahr 2011 vertontes, seelisches Martyrium überwunden hätten, denn die Einblicke, die die Jungs dem Hörer auf ihrem neuen Silberling mit dem Titel „Solitude“ in ihr Innerstes gewähren, könnten nicht finsterer sein. Dennoch soll das knapp dreiviertelstündige Werk angeblich kein ausgiebiges Bad im Selbstmitleid, sondern eine Reise sein, die eben auch mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden ist.

Nun sollte man meinen, dass TOTALSELFHATRED mit dieser Selbsteinschätzung implizieren, dass man auf dem vorliegenden Album auch Trost oder vielleicht sogar Hoffnung zu finden vermag. Bereits nach dem ersten Durchlauf tun sich jedoch ernstliche Zweifel an dieser These auf: Von den tiefste Tristesse verströmenden Pianoklängen, mit denen die Platte auf dem Quasi-Titeltrack „Solitude MMXIII“ ihren Anfang nimmt bis zum letzten Dröhnen der Gitarren, das den Abschlusstrack „Nyctophilia“ ausklingen lässt, stellt sich kein einziges Mal die Frage, welche Sorte Black Metal TOTALSELFHATRED hier eigentlich spielen.

Die niederdrückende Schwere des DSBM ist auf „Solitude“ allgegenwärtig. Frontmann A. schreit sich all seine Verzweiflung von der Seele, seine qualvollen Screams und Growls ringen förmlich um Erbarmen, das jedoch unerreichbar scheint, wohingegen die desolaten, meist getragenen Leadmelodien bereits von unausweichlicher Resignation künden. Selbst die sanften Clean- und Akustik-Parts sowie die (leider eher billig klingenden) Keyboard-Streicher bringen keine Aussicht auf Erlösung mit sich – und die gelegentlich sehr rauen Distortion-Gitarren und Schlagzeugexzesse schon gar nicht.

Dass TOTALSELFHATRED mit dieser schonungslosen Demonstration menschlicher Abgründe dennoch nur ein eher solides, allenfalls passagenweise beeindruckendes Album geschaffen haben, liegt an der zu plumpen Produktion und der eher holprigen Instrumentalperformance, die leider von Zeit zu Zeit irritierend auffallen. Darüberhinaus gibt es in den doch recht langen Tracks ein paar mittelprächtige Abschnitte zu beklagen. Ebenjenes Füllmaterial geht bei einem Ohr hinein und beim anderen allzu bald wieder hinaus, sodass die einzelnen Songs immer nur streckenweise hängen bleiben.

TOTALSELFHATRED haben sich mit ihrem Quasi-Comeback-Album weder selbst übertroffen noch ihr Genre in irgendeiner Form weiterentwickelt. Trotz seiner offensichtlichen Schwachpunkte kann man „Solitude“ allerdings als durchaus gelungene Zusammenstellung zutiefst bedrückender Musikstücke ansehen. Einige Stellen sind wirklich herzzerreißend und obgleich die Produktion die der Musik selbst entsprechende Eleganz vermissen lässt, ist es zumindest löblich, dass hier nicht der für den DSBM typische Fehler gemacht wurde, die Instrumente und insbesondere den Gesang in einem verwaschenen Soundbrei ad absurdum zu führen. Das ändert freilich nichts daran, dass die Stilrichtung anderweitig mehr zu bieten hat.

Hegemone – We Disappear

Moderne Black-Metal-Bands stellen Rezensenten immer häufiger vor die schier unlösbare Aufgabe, ihre Musik mit einer Genre-Bezeichnung zu versehen. Klar passt der Terminus Post-Black-Metal nahezu immer, doch limitiert er einige Kapellen dann doch auf eine Spielart, über die sie eigentlich weit hinausgehen. Bestes Beispiel dafür sind HEGEMONE aus Polen. Die Truppe ist seit 2010 aktiv, brachte 2014 das erste Album heraus und legt nun mit „We Disappear“ ordentlich nach. Denn das was HEGEMONE da erschaffen haben, geht über bloßen Metal oder profane Musik im Allgemeinen weit hinaus.

Man nehme harschen Black Metal, Ambient Parts, Synthies, Sludge, Post Punk, Post Metal, Doom Metal und schmiede daraus ein Album. Klingt anspruchsvoll? Ist es auch. Klingt überladen? Auf keinen Fall! Selten hat eine Band so gekonnt verschiedenste Stilistiken vereint um daraus ein wahres Monster zu erschaffen. HEGEMONE fesseln ab der ersten Minute mit überraschenden Wendungen, ungestümer Wildheit, meditativer Ruhe und starken Vocals.

Einzelne Highlights herauszugreifen fällt schwer, da „We Disappear“ davon nur so strotzt. Sei es nun die Mischungs aus perlenden Klangkaskaden und brutalen Riffs bei „Raising Barrows“ und „Π“ oder die alles zermalmende Schwere von „Mara“. Besonders bei Letzterem gelingt es den Polen auf brilliante Art und Weise mit Synthies und Ambient-Klängen im Endteil des Songs einen starken und dennoch harmonischen Kontrast zu der Härte zu bilden. Dieses kontrastreiche Songwriting ist eines der Aushängeschilder des Albums. Gezupfte, fast schon geisterhaft anmutende Gitarren treffen auf verzweifelte und leidende Vocals. Double-Bass-Parts vereinen sich mit entrückt wirkenden Melodien und Synthies. Und stetig ist alles im Wandel, verändert sich und schafft neue Klangwelten.

Krönung des Albums ist das knapp 15 Minuten lange Abschlusstück „Тәңірi „, bei dem HEGEMONE noch einmal all ihre Stärken in einem Track vereinen. Nach einem kurzen Intro bricht ein erruptiver Part über den Hörer herein, der wiederum von einem meditativen Mittelstück mit schamanistischen Gesängen abgelöst wird, bevor ein von einer sphärischen Melodie getragener Schluss mit hochemotionalen Vocals den Song und das Album beschließt.

Kurzum: Mit „We Disappear“ ist HEGEMONE ein perfektes Album gelungen, dass in Sachen Varianz, Intensität und Anspruch ganz oben mitspielen kann. Auch Personen, die sonst keinen Black Metal hören sollten hier mal ein Ohr riskieren und sich von HEGEMONE mitreissen lassen.

The Stone – Teatar Apsurda

1996 als Stone To Flesh gegründet, ist die seit 2001 als THE STONE firmierende Truppe lange schon Serbiens bekannteste Black-Metal-Band. Auf sieben Full-Length-CDs hat es die Formation aus Belgrad bereits gebracht. Das achte Studioalbum ist nun unter dem Titel „Teatar Apsurda“ über das von der Band extra zu diesem Zweck gegründete Label Mizantropeon Records erschienen.

Hinter dem nicht eben spektakulären, aber durchaus sehr stimmigen Artwork verbergen sich sieben Songs, auf die in weiten Teilen eigentlich genau das Gleiche zutrifft: Auch der sehr ursprüngliche Black Metal von THE STONE ist nicht eben, was den erfahrenen Black Metaller noch groß überraschen könnte.

Doch vor einem vorschnellen Urteil sollte man sich hüten. So muss man THE STONE nämlich lassen, dass sie das, was sie tun, durchaus auf sehr hohem Niveau tun: Musikalisch und in Sachen Sound absolut sauber gearbeitet, weiß „Teatar Apsurda“ auch hinsichtlich der Kompositionen durchaus zu gefallen: Schnittige Riffs und eine kräftige Stimme verleihen den Songs den nötigen Schub. So haben Stücke wie der Opener „Gavranovo“ oder auch „Nuklearna“ richtig Zug und wissen in ihrer rohen Aggressivität durchaus zu gefallen.

Gelegentlich zeigen THE STONE sogar, dass sie weit mehr können als nur „böse“ – etwa, wenn in „Ja, Car I Bog“ auf einmal ein fast epischer Chor den Refrain schmettert und effektbeladene Cleangitarren zum Ende für Auflockerung sorgen. Oder wenn sich in „Harmonija U Haosu“, der als brutaler Knüppelsong beginnt, auf einmal Klargesang aus dem fiesen Riffing herausarbeitet. Gerade gegen Ende des Albums ist das ein geschickter Kniff – sind es doch immerhin für rohen Black Metal recht amtliche 50 Minuten, die die Serben diesmal auf CD gebannt haben.

„Teatar Apsurda“ von THE STONE ist gewiss kein Meilenstein des Black Metal. Das bisherige Schaffen der Band bringt das Album jedoch in zeitgemäßem Sound gut auf den Punkt, so dass das Werk für alle Fans der Band, die sich nicht zu unrecht auch international einen gewissen Ruf erarbeitet hat, und jeden, der sich schon mal mit THE STONE auseinandersetzen wollte, durchaus eine Empfehlung wert ist. Ansonsten können hier Fans der truen Black Metal ohne Erwartungen an all zu viel Innovation ein Ohr riskieren: In dem, was sie tun, sind THE STONE nämlich durchaus kompetent.