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Necrophobic – Dawn Of The Damned

Ein Review damit zu beginnen, wie lange es eine Band schon gibt, ist billig. Jede Band hat ein Alter, es geht also immer – aber weder ist das Alter einer Band ein Qualitätsmerkmal noch sonstwie spannend. Zumindest bis zu einem gewissen Punkt: Wenn schon ihr Alter einer Band Gewicht verleiht, sie zur Instanz werden lässt: Wenn etwa Destruction im 37. Jahr ihrer Karriere ein Live-Album herausbringen, das vor jugendlicher Energie überquillt – oder die 1989 gegründeten NECROPHOBIC nach all den Jahren und einer Reihe bemerkenswerter Alben ihr (bisheriges) Meisterwerk veröffentlichen.

Drei Dekaden ist es also her, dass der spätere Dark-Funeral-Gründer David Henning „Blackmoon“ Parland und Schlagzeuger Joakim Sterner NECROPHOBIC aus der Taufe hoben, um extra-düsteren Death Metal zu spielen. Schon bald wurde daraus extra-düsterer Black Metal – und NECROPHOBIC eine feste Größe in der schwedischen Szene. Weder der Ausstieg von Blackmoon 1996 noch verschiedentliche Lineup-Wechsel bis zum unrühmlichen Ende von Tobias Sidegård als Sänger und Gitarrist (nach dessen Verurteilung wegen häuslicher Gewalt) konnten NECROPHOBIC stoppen; vielmehr wirkten die Schweden bereits mit „Mark Of The Necrogram“ und ihrem zurückgekehrten „The Nocturnal Silence“-Sänger Anders Strokirk stärker denn je. Dass sich die Band vor rund einem Jahr wohl nicht ganz im Guten von Bassist Alex „Impaler“ Friberg getrennt hat, scheint daran nicht das Geringste geändert zu haben.

Auf ein herrlich „majestätisches“ Gitarren-Intro lassen NECROPHOBIC neun Black-Metal-Hymnen hören, wie man sie selbst aus Schweden lange nicht gehört hat. Bereits der eigentliche Opener, „Darkness Be My Guide“, begeistert mit typisch „schwedisch“ eingängiger Melodieführung zu rabiatem Riffing und Drumming in extrem hohem Tempo – vor allem aber perfekt arrangierten Vocals: Ähnlich Kris Olivius von Naglfar oder dereinst Jon Nödtveidt von Dissection versteht sich Anders Strokirk perfekt darauf, durch die entsprechende Phrasierung des Gesangs den Schwung eines Riffs aufzugreifen und so zu multiplizieren. Abgerundet durch für das Genre fast zu gute Gitarrenarbeit, wie sie auch die beiden genannten Bands auszeichnet, spielt schon dieser Track in der obersten Liga des Genres.

Damit haben NECROPHOBIC mitnichten ihr Pulver verschossen: Da wären etwa „Mirror Black“, das in den schnellen Passagen mit noch furioserer Gitarrenarbeit aufwartet, „Tartarian Winds“, das gelungen den Geist von Dissection aufleben lässt, oder „The Infernal Depths“ mit perfekt eingeflochtener Akustik-Gitarre. Da wären der Titeltrack mit Naglfar-Groove, „The Shadows“ mit kräftigem Thrash-Einschlag oder das (zunächst) tatsächlich (etwas) ruhigere „The Return Of A Long Lost Soul“. Und dann ist da noch der Rausschmeißer „Devil’s Spawn Attack“, der durch ein Feature von Thrash-Legende Schmier am Mikrophon nicht nur das Beispiel aus dem Vorspann dieses Reviews erklärt, sondern (wie sollte es anders sein) tatsächlich fast nach Thrash Metal klingt.

Am stärksten jedoch ist „Dawn Of The Damned“ – und zwar nicht der Song, sondern das Album als Ganzes: NECROPHOBIC haben ihr Material nämlich komplett dem Albumgedanken unterworfen. So sind die Songs vielleicht eine Nuance weniger eingängig als auf dem Vorgänger, verleihen dem Gesamtwerk aber gerade dadurch nochmal eine ganz andere Tiefe: „Dawn Of The Damned“ schreit förmlich danach, wieder und wieder gehört zu werden, um den neun Songs jede noch so tief steckende Melodielinie zu entreißen, alle Parts im Detail kennenzulernen und sich das Album so zu erarbeiten.

Mit „Dawn Of The Damned“ setzen Joakim Sterner und seine Mannen genau dort an, wo sie vor gerade einmal zwei Jahren mit dem kraftstrotzenden „Mark Of The Necrogram“ aufgehört hatten – und machen doch nicht bloß dort weiter: Veredelt mit einem gewohnt stimmungsvollen Artwork von Genre-Legende Necrolord und dem perfekten Klangbild aus den Chrome-Studios von Unleashed-Gitarrist Fredrik Folkare enthält „Dawn Of The Damned“ alles, was man sich von NECROPHOBIC und dem Genre des schwedischen Melodic Black Metal wünschen kann: Herausragende Instrumentalarbeit, einen stimmigen Mix aus Härte, Groove und Melodik und für alle, denen das noch nicht reicht, sogar ein Album-umspannendes Textkonzept. Vor allem aber die nötige kompositorische Tiefe, um mit jedem Durchgang zu wachsen, statt banaler zu klingen. Vielleicht bedarf es deswegen zunächst ein, zwei Durchläufe mehr als beim etwas zugänglicheren Vorgänger – dafür verspricht „Dawn Of The Damned“ eines der Album zu sein, die „bleiben“, an dem man sich auch in vielen Jahren noch nicht sattgehört haben wird.

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Behemoth – And The Forests Dream Eternally (Re-Release)

Dank einem effizienten Mix aus musikalischer Vision, technischer Brillanz und geschicktem Marketing sind BEHEMOTH zur Speerspitze der Black-Death-Szene avanciert. Dass auch Nergal und Konsorten mal rumpeligen True Black Metal gemacht haben, gerät bei so viel Perfektion und Strahlkraft gerne mal in Vergessenheit. Mit dem Re-Release von „And The Forests Dream Eternally“ arbeiten Metal Blade Records dem nun entgegen – wenngleich der Release am Ende vermutlich doch nur die Die-hard-Fans interessieren dürfte, während für alle anderen BEHEMOTH die polierten Polen-Deather bleiben. Doch eigentlich wäre das schade.

Tatsächlich sind die beiden Tonträger, die hier mit extra dickem 40-Seiten-Booklet mit alten Bildern, Interviewausschnitten und Liner Notes ausstaffiert herausgebracht werden, zunächst einmal für eingefleischte Fans interessant. Das gilt vor allem für die zweite CD, auf der unter dem Begriff „Bonus Vintage Material“ so ziemlich alles zusammengeschmissen wurde, was an alten Tonspurschnipseln noch aufzutreiben war: Liveaufnahmen aus der Zeit von 2017 bis zurück ins Jahr 1996, aber auch Proberaum-Mitschnitte und frühe Preproduction-Tracks von 1993. Das klingt schlussendlich genauso furchtbar, wie es sich liest – dünn, kratzig, schief und untight – und ist gerade deswegen auch wieder cool: Wer solches Material rausgeben kann, ohne einen Imageschaden fürchten zu müssen, hat es wirklich geschafft. Und irgendwie ist es ja auch beruhigend, zu hören, dass auch eine Band wie BEHEMOTH nicht schon immer perfekt war.

Die erste CD hingegen enthält mit der titelgebenden EP „And The Forests Dream Eternally“ das musikalisch deutlich relevantere Material: der Zeit und dem damaligen Grad an Professionalität entsprechend rohen, kalten und auch etwas rumpelnden Black Metal, dem man einen gewissen ursprünglichen Charme aber selbst aus heutiger Sicht nicht absprechen kann. Als Fan der BEHEMOTH dieses Jahrtausends muss man die Songs freilich nicht gut finden – ein Stück Black-Metal-Geschichte ist diese, 1995 ursprünglich beim italienischen Label Entropy Productions erschienene EP aber allemal.

Muss man die Bonus-CD gehört haben? Definitiv nicht. Ist sie trotzdem unterhaltsam? Irgendwie ja. Und auch wenn man die eigentliche EP, „ And The Forests Dream Eternally“, sicher nicht lieben muss, sollte man sie als BEHEMOTH-Fan zumindest kennen. Mit dem, was Neueinsteiger in das Genre heute als (auch straighten) Black Metal präsentiert bekommen, hat diese Musik freilich ebenso wenig zu tun wie mit BEHEMOTH heute – umso lohnender ist vielleicht der Blick zurück in die Vergangenheit und auf die Ursprünge dieser nun so glanzvollen Band.

Orm – Ir

Fast noch schlimmer, als dem eigenen Tod ins Auge zu blicken, ist es, einen geliebten Menschen seinem Lebensende entgegeneilen zu sehen. Eine solche Erfahrung zu verarbeiten oder gar zu akzeptieren, ist nicht einfach und jeder geht anders damit um. Viele Menschen, die einen Verlust zu verkraften suchen, finden etwa Trost in der Musik. Und welche Stilrichtung eignet sich besser zum Ventil für negative Gefühle als Black Metal? Was es bedeutet, durch den Todeswunsch eines nahen Angehörigen hautnah mit der Vergänglichkeit unseres Daseins konfrontiert zu werden, beleuchten die dänischen Black-Metaller ORM auf ihrem zweiten Album „Ir“. Mit seinen zwei über 23 Minuten langen Songs fordert die Platte dem Anschein nach allerdings nicht nur inhaltlich die Resilienz der Zuhörenden heraus.

Bei Kompositionen solchen Ausmaßes stellt sich freilich immer die Frage, ob die jeweiligen Songs trotz ihres Umfangs stringent sind. Im Fall von „Ir“ lautet die Antwort: größtenteils ja. Den einen oder anderen abrupten Umbruch hätten ORM zwar schon ein wenig eleganter in Szene setzen können, im Großen und Ganzen werden die beiden Tracks aber doch von einem stimmigen Fluss getragen. Anders als viele andere Bands ihres Genres erreichen die Dänen dieses Maß an Konsistenz allerdings nicht einfach durch monotones Songwriting.

Gramvolle Screams, griffige, teils fast schon tragische Tremolo-Riffs und ungezügelte Blast-Beats bilden zwar das Rückgrat der Stücke, von diesem genretypischen Konstrukt weichen ORM jedoch nicht selten ab. In „Klippens Lyse Hal“ schiebt das Quartett mehrere Clean-Gitarren-Parts ein, die zum Teil spröde und minimalistisch, zum Teil aber auch mysteriös und dynamisch klingen. „Bær Solen Ud“ beginnt hingegen mit einem schönen, ausgedehnten Akustik-Arrangement, wird dann zunehmend drängender und endet schließlich auf stimmige Weise mit erhabenen, melancholischen Gitarren-Leads.

„Ir“ ist demnach weder zu sprunghaft noch zu eintönig, sodass ORM sich mit der langen Laufzeit ihrer beiden Tracks keineswegs übernehmen. Dennoch hinterlässt die Platte nicht ganz den emotionalen Krater, den man angesichts der vertonten Thematik erwarten würde. Obwohl manche Abschnitte durchaus in Erinnerung bleiben, hebt das Album sich als Ganzes kaum vom Genre-Standard ab. In dieser Hinsicht ist es auch nicht vorteilhaft, dass die Gitarrenmelodien im an sich recht kraftvollen Sound teilweise zu kurz kommen und sich dadurch nicht ganz entfalten.

Für ihre Ambitionen haben ORM definitiv Anerkennung verdient – ein dreiviertelstündiges Zwei-Track-Album über den Umgang des Menschen mit seiner Sterblichkeit würde sich schließlich nicht jede Band zutrauen. Tatsächlich lässt „Ir“ sich trotz seines schweren Stoffs und seiner Länge sogar überraschend mühelos anhören. Vielleicht ist dies aber auch der Grund dafür, dass das zweite Full-Length der Dänen nicht besonders begeistert: Man fühlt sich beim Hören einfach nicht herausgefordert oder überwältigt. Letztlich haben ORM hiermit also ein solides, aber sicherlich nicht unverzichtbares Black-Metal-Album kreiert.

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Sarvekas unterschreiben bei Soulseller Records

Die finnischen Black Metaller von SARVEKAS haben einen Deal bei Soulseller Records unterschrieben. Bereits am 04.12.2020 wird die erste MCD über das neue Label veröffentlicht. Die EP wird den Namen „Of Atavistic Fury & Visions“ tragen und insgesamt fünf Songs beinhalten.

Tracklist:
1. Dark Spiritual Devotion
2. Hexenpyre
3. The Sacred Hour of the Hunt
4. Where No Man Has Trodden
5. Surtr’s Breath

Naxen – Towards The Tomb Of Times

Angesichts der rapiden Weiterentwicklung des Genres über die letzten Jahre vergisst man bisweilen fast, dass auch im ganz traditionellen Black Metal noch neue Bands aufkommen und Alben veröffentlichen. NAXEN sind so eine Formation: 2018 gegründet, haben sich die Münsteraner mit dem herrlich unleserlichen Logo zum kryptischen Namen ganz dem klassischen Gitarren-Gesäge mit Geschrei verschrieben, dass das Genre dereinst definiert hat.

So verbirgt sich hinter dem genregerecht düster-morbiden Cover von „Towards The Tomb Of Times“ (auch der Titel könnte kaum genretypischer sein – herrlich!) genau das, was man erwartet: Nach etwas stimmungsvollem Vorgeplänkel auf der Gitarre legen NAXEN bereits im Opener „To Welcome The Withering“ alles in Schutt und Asche: Simples Riffing mit hohen Wiederholungszahlen, straightes Drumming (für das übrigens Eïs-Mastermind Florian Dammasch aka Alboîn als Kurzzeitmitglied von NAXEN verantwortlich zeichnet) und kalte Screams mit viel (viel!) Hall lassen an True Norwegian Black Metal denken – das aber im besten Sinne. Denn die Riffs sind gerade so spannend, dass sie die vielen Wiederholungen gut verkraften – und ein Break hier, ein Spoken-Word-Part dort machen die Arrangements gerade so abwechslungsreich, dass die vier Songs auch über ihre beachtliche Länge von jeweils über zehn Minuten weitestgehend unterhaltsam bleiben.

Schon die extremen Songlängen zeigen natürlich, dass auch NAXEN nicht nur auf die Anfänge des Black Metal schielen – waren die Songs damals doch in der Regel eher kürzer. Über die Songlängen kommt bei NAXEN vielmehr ein vergleichbarer atmosphärischer Ansatz ins Spiel wie etwa bei den Köllner Kollegen von Ultha, deren Mann fürs Elektronische, Andy Rosczyk, bei NAXEN für die Produktion verantwortlich zeichnet. Erfreulicherweise ist auch besagte Produktion nicht bemüht oldschool, sondern ausgewogen und zeitgemäß kraftvoll – letzteres auch und gerade im Vergleich zu Ultha, die auf ein deutlich verwascheneres Klangbild setzen.

Während die erste Albumhälfte (im ersten Song noch mehr als im zweiten) vornehmlich durch ein hohes Tempo geprägt ist, setzen NAXEN im Zweiteilers „A Shadow In The Fire“ auf schleppende Verzweiflung. Das funktioniert im ersten Teil, zu dem auch Ultha-Sänger Chris Noir mit einem Gastgesang beiträgt, besser als im zweiten – obwohl „Part I (Scars Of Solitude)“ noch doomiger angelegt ist als „Part II (Where Fire Awaits)“. Beide jedoch leiden darunter, dass nicht alle verwendeten Midtempo-Motive die vielfache Wiederholung ohne Abnutzungserscheinungen mitmachen.

Dass es ambitioniert ist, 47:05 Minuten mit nur vier Songs füllen zu wollen, steht außer Frage. Trotzdem geht „Towards The Tomb Of Times“ von NAXEN nicht nur als Debütalbum absolut in Ordnung: Zwar findet sich gerade in der zweiten Hälfte dann doch die eine oder andere Passage, die man besser etwas kürzer gehalten hätte. Spätestens im atmosphärischen Akustikgitarren-mit-Geflüster-Break von „Part II (Where Fire Awaits)“ vor dem letzten großen Aufbäumen haben NAXEN den Hörer aber wieder im Boot. So hat „Towards The Tomb Of Times“ zwar seine Makel, insgesamt aber genug Reize, um für Fans bewusst monoton gehaltenen Black Metals und/oder der erwähnten Ultha interessant zu sein.

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Enslaved – Utgard

Black Metal verbindet man nicht automatisch mit Prog-Rock. Doch Bands wie ENSLAVED, Ulver oder Emperor/Ihsahn haben in den letzten 20 Jahren genau diese Verquickung herbeigeführt – durch eine spektakuläre musikalische Entwicklung, der unlängst gar der Guardian eine umfangreiche Reportage widmete. Mit ihrem 15. Album „Utgard“ machen ENSLAVED die Vision dahinter anschaulicher denn je. Der volle Titel des Werkes müsste deswegen lauten: „Utgard – Einmal Prog-Rock und zurück“.

Tatsächlich beginnt „Utgard“ mit „Fires In The Dark“ aber erst einmal so „pagan“ wie kein ENSLAVED-Album dieses Jahrtausends: Der eröffnende Chor erinnert eher an die By-Norse-Kollegen Wardruna oder Ivar Bjørnsons selbstbetiteltes Projekt mit Einar Selvik, ehe Grutle Kjellsons charakteristisches Gurgeln und später auch der Klargesang und das Riffing ENSLAVED unverkennbar machen. Roh und progressiv, düster und hell, schroff und lieblich – schon dieser erste Song vereint alle Kontraste, die die Geschichte von ENSLAVED zu bieten hat. Damit ist „Fires In The Dark“ ein Vorbote für das, was die Norweger auf „Utgard“ in knapp 45 Minuten Spielzeit gesammelt haben.

Das folgende „Jettegryta“ erinnert so deutlich wie kein Song zuvor an die „Ruun“-Ära – unternimmt aber zugleich einen spektakulären Ausflug in schwurbelige Prog-Rock-Gefilde. Dieser nimmt dem Stück zwar etwas den Drive, ist jedoch so schön, dass man ihm dafür kaum böse sein kann. Neben dem arg kitschigen Interlude „Utgardr“ mit all seinem Hall und seinen Sound-Samples ist dieser Bruch dann auch der einzig streitbare Moment auf einem Album, das seine Stärke ansonsten eben gerade aus der in sich stimmigen Vielfalt zieht: „Sequence“ tendiert mit Fokus auf schönen Klargesangslinien zum Prog, „Homebound“ schenkt dem Album mit knackigem Riffing und ausschweifenden Soli etwas Rock-Attitüde und in „Flight Of Thought And Memory“ sowie „Storms Of Utgard“ zelebrieren ENSLAVED majestätischen, melodischen Black Metal, wie sie es lange nicht getan haben. Wie um all diese Fäden zum Ende hin zusammenzuführen, platzieren ENSLAVED mit „Distant Seasons“ den vielseitigsten Track des Albums an letzter Stelle.

Dass die Norweger den Verlust von Sänger Herbrand Larsen nach dessen Ausstieg 2016 durch Håkon Vinje und Iver Sandøy kompensieren konnten, ist nur einer von vielen kleinen Bausteinen in der „architektonischen“ Meisterleistung, die diesem Album zu Grunde liegt. Auch der in allen Belangen – vom Beckenklang bis zur raumfüllenden Dichte bei erfreulicher Klarheit – überzeugende Sound und das moderne wie zugleich klassische Artwork tragen ihren Teil bei. Wie ein schützendes Dach spannt sich über die ganze Konstruktion aber die kompositorische Eleganz, mit der ENSLAVED hier die äußersten Pole ihrer bisherigen Karriere schwungvoll verbinden. Im Resultat ist „Utgard“ das vielseitigste und in alle Richtungen extremste, zugleich aber ein in sich geschlossenes und bis auf die erwähnten Kleinigkeiten perfektes Album. Mit anderen Worten: Wer „Utgard“ nicht mag, hat ENSLAVED nie geliebt.

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Uada – Djinn

UADA haben es nicht leicht – zumindest nicht mehr. Nachdem die amerikanischen Black-Metaller mit ihrem Debüt „Devoid Of Light“ (2016) überraschend einen (etwas übertriebenen) Hype ausgelöst hatten, wurde auch ihr zweites Album „Cult Of A Dying Sun“ (2018) äußerst wohlwollend aufgenommen. Mit den Vorab-Tracks ihrer dritten Platte „Djinn“ haben UADA nun jedoch erstmals eine beträchtliche Anzahl an kritischen Stimmen auf den Plan gerufen. Beim Titeltrack waren es die punkig-aufgeweckten Melodien, bei „No Place Here“ die in ihrer Mehrdeutigkeit allzu vagen Texte, die schon vor dem Release den Unmut einiger Fans auf sich zogen. Der miserable Drum-Sound machte in Sachen Unbeliebtheit sogar Metallicas „St. Anger“ (2003) Konkurrenz – nicht gerade ein optimistisch stimmender Auftakt für eines der sehnlichst erwarteten Black-Metal-Alben des Jahres.

Wie so oft sind manche der vorab gegen „Djinn“ erhobenen Vorwürfe durchaus valide, während man andere getrost als Humbug bezeichnen kann. Ihre schon immer dagewesene Affinität zum melodischen Ende des Black-Metal-Spektrums kehren UADA hier zwar tatsächlich noch etwas deutlicher nach außen – die gewaltigen Riffs, für die man die Band kennt, gibt es hier jedoch nach wie vor in Hülle und Fülle („No Place Here“). Generell zeigen UADA sich in ihrer Performance genau so stark wie bisher. Die bissigen Screams und manchmal wie der Wind heulenden Growls, die fetzigen Gitarrenleads („In The Absence Of Matter“) und die teils geradlinig treibenden, teils brachial donnernden Drums sind für sich genommen nicht minder mitreißend als auf den ersten beiden Alben.

Dass UADA in den Songtexten diesmal auch politische Themen aufgreifen, dabei jedoch nur schwammige, inhaltsleere Schlagworte („false accusers – privileged abusers – bias users“) verwenden und sich somit vor einer klaren Positionierung drücken, ist tatsächlich recht enttäuschend. Immerhin gibt „No Place Here“ lyrisch mehr Stoff für Diskussionen her als der übliche pseudoböse Okkultismus vieler anderer Black-Metal-Bands – den pathetischen, viel zu ausschweifenden Spoken-Word-Monolog am Ende des Tracks hätte es dafür aber gewiss nicht gebraucht.

Leider haben auch die anderen Tracks zum Teil mit ihren überlangen, sich manchmal unnötig wiederholenden und unzusammenhängenden Kompositionen zu kämpfen. So verliert etwa der Titeltrack in seiner unpassend hineingezwängten, getragenen Bridge all seinen Schwung und das abschließende „Between Two Worlds“ ist bei weitem nicht spannend genug, um seine Laufzeit von 14 Minuten zu rechtfertigen. Noch schlimmer als um das überladene, nicht immer flüssige Songwriting ist es jedoch um die Produktion bestellt: Wie es sein kann, dass UADA nach zwei soundtechnisch rundum gelungenen Alben eine derart unscharf und chaotisch klingende Platte mit einem teils platten, teils kaum hörbaren Schlagzeug herausbringen, ist ein Rätsel, das man eigentlich gar nicht lösen will.

Mag die „Djinn“ im Vorhinein von manchen Fans entgegengebrachte Skepsis auch nicht in allen Punkten angebracht gewesen sein, so sind es leider gerade die berechtigten Kritikpunkte, die das Album aus der Bahn werfen. Von den kurz auf „Forestless“ und „Between Two Worlds“ erklingenden, exotischen Saitenklängen und Perkussionen abgesehen haben UADA sich stilistisch gar nicht so sehr verändert und demnach durchaus solides Songmaterial hervorgebracht. Die mitunter grob zusammengezimmerten, zu sehr in die Länge gezogenen Arrangements, die amateurhafte Produktion und zu einem kleinen Teil auch die einem klaren Statement ausweichenden Texte machen „Djinn“ jedoch zum zweifellos schlechtesten Album, das UADA bis dato kreiert haben.

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Sunken – Livslede

Im Vergleich zum Rest Skandinaviens hat Dänemark eine recht überschaubare Metal-Szene. Dennoch gelang es schon so mancher Band aus diesem Land, sich auch international Gehör zu verschaffen. Die Bandbreite reicht von Pioniergruppen wie Mercyful Fate bis hin zu stilistisch markanten, wenn auch nicht ganz so bahnbrechenden Newcomern wie Myrkur und Møl. Einzigartig klingen SUNKEN indes nicht – streng genommen nicht einmal markant. Auf ihrem zweiten Album „Livslede“ spielen die Dänen im Wesentlichen Post-Black-Metal im Stil von Wolves In The Throne Room oder Woods Of Desolation. Was SUNKEN an Eigenständigkeit vermissen lassen, macht die Band mit der gekonnten Umsetzung und der starken emotionalen Wirkung ihrer Musik jedoch mehr als wett.

Schon das kurze Intro „Forlist“ ist so simpel wie berührend: Mit einem zaghaft gespielten, hallenden Piano versetzen SUNKEN den Zuhörer sogleich in eine zutiefst betrübte Stimmung. Trauer, Einsamkeit, Verlorensein – all diese Empfindungen drücken die Dänen hier und im Clean-Gitarren-Auftakt des anschließenden Zwölfminüters „Ensomhed“ mit gerade mal einer Handvoll Tönen aus. Schließlich brechen die Gefühle jedoch schonungslos in Form von schmerzerfülltem Screaming, tristen Tremolo-Riffs und heftigen Blast-Beats aus den Kompositionen hervor.

In weiterer Folge teilen SUNKEN sich hauptsächlich über diese gängigen Post-Black-Metal-Stilmittel mit. Zwar variiert das Quintett sein Songwriting immer wieder etwas, indem es teils getragene, teils ungestümere Parts und stoische Sprach-Samples einbaut oder etwa auf „Foragt“ sanfte, melancholische Melodien mit treibenden Drums unterlegt. Das Klangbild bleibt alles in allem aber doch weitgehend homogen. Eine interessante Ausnahme bildet „Delirium“, das sich langsam mit stimmungsvollen, unverzerrten Gitarren und dezenten Keyboards erhebt und schließlich zu einem rauschenden Klangfluss anschwillt, ohne sich dabei gekünstelt der schwarzmetallischen Intensität der übrigen Tracks anzugleichen.

Von diesem einmaligen Ausreißer und dem Intro abgesehen unterscheiden sich die ausgedehnten Songs eher in ihren Details voneinander. Mit Ohrwurmmelodien und aufsehenerregenden Wendungen können SUNKEN demnach nicht dienen. Solche haben die gefühlsgeladenen und darüber hinaus äußerst vielschichtig produzierten Stücke wie das sehnsüchtige „Dødslængsel“ aber auch gar nicht nötig.

SUNKEN werden mit „Livslede“ wohl keine großen Begeisterungsstürme wie Møl und erst recht keine Kontroverse wie Myrkur auslösen. Tatsächlich klingt das zweite Album der noch jungen Band derart genretypisch, dass es zwischen den Veröffentlichungen bekannterer Post-Black-Metal-Gruppen vermutlich unter dem Radar bleiben wird. Und doch ist die dreiviertelstündige Platte viel zu ausgefeilt und aufrüttelnd, um nur solide oder gar überflüssig zu sein. Man kann sie praktisch nicht hören, ohne davon ergriffen zu sein. Genre-Fans, die größeren Wert auf Gefühl als auf Innovation legen, sollten SUNKEN daher unbedingt ihre Aufmerksamkeit schenken und sich auf „Livslede“ einlassen – sie werden es nicht bereuen.

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