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Imha Tarikat – Kara Ihlas

Black Metal und Religion gehen normalerweise nicht gut zusammen. Abgesehen von der kaum ernstzunehmenden, christlichen „Unblack-Metal“-Splittergruppe gibt es in dieser Stilrichtung kaum Bands, die dem Glauben an etwas Größeres wohlmeinend gesinnt sind – schon gar nicht dem islamischen. Doch selbst, wenn man der Religion kritisch gegenübersteht, kann es durchaus spannend sein, sich damit zu befassen. So kommt es, dass sich das deutsch-türkische Duo IMHA TARIKAT für sein in vier Kapitel unterteiltes Debüt „Kara Ihlas“ vom Koran inspirieren hat lassen. Ruft man sich die prekäre Situation arabischer Metal-Bands wie Al-Namrood ins Gedächtnis, erscheint dieses ungewöhnliche Textkonzept freilich etwas skurril – aber durchaus nicht uninteressant.

Die untypische Grundthematik, die sich unter anderem um das Überwinden der eigenen Grenzen dreht, merkt man „Kara Ihlas“ grundsätzlich nicht an. Auf exotische, orientalische Instrumente oder Tonfolgen, die dem Hörer auch ohne die nötigen Sprachkenntnisse als Hinweis auf die lyrische Inspirationsquelle dienen hätten können, verzichten IMHA TARIKAT mit eiserner Konsequenz. Stattdessen steht hier von Anfang bis Ende Black Metal auf dem Programm.

Eine knappe Dreiviertelstunde lang bombardieren IMHA TARIKAT den Gehörsinn mit kraftstrotzenden, griffigen Riffs, die nicht selten epische Ausmaße erreichen („I-II: Akan Sır“) und einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat an Blast-Beats. Das Tempo wird kaum jemals gedrosselt und selbst wenn die Nachwuchs-Black-Metaller einen Gang runterschalten, werden die Songs immer noch von Double-Bass-Drums vorangetrieben. Allzu großen Abwechslungsreichtum darf man auf „Kara Ihlas“ demnach zwar nicht erwarten, doch immerhin sind die Tracks schlüssig arrangiert und ohne Missgeschicke eingespielt.

Gesangstechnisch bestechen IMHA TARIKAT zwar ebenso wenig mit Vielfältigkeit, wohl aber mit einem markanten Stil. Mit Ausnahme von „II-I: Omninihai Çözümü“, auf dem zum Teil in höheren Tonlagen gekreischt wird, werden die Texte durchwegs mit beträchtlicher Stimmgewalt herausgebrüllt. Obwohl es sich allem Anschein nach nicht um gutturalen Gesang handelt, stehen die wütenden, aber keineswegs unkontrollierten Vocals der brachialen Musik in nichts nach. Darüber hinaus wird alles, was IMHA TARIKAT von sich geben, problemlos von der kraftvollen, warmen Produktion zusammengehalten, in der weder Gesang noch Instrumente zu kurz kommen.

Auf den Kopf stellen werden IMHA TARIKAT die hiesige Black-Metal-Szene vorerst wohl nicht. Zwar hat „Kara Ihlas“ mit seinem alles andere als alltäglichen Textkonzept und seinen markanten Vocals genug neugierig machende Charakteristika, doch davon abgesehen bringt die Platte nicht viel Besonderes auf den Tisch. Die Songs pulsieren vor Kraft und sind wunderbar flüssig aufgebaut, unterscheiden sich aber nur minimal voneinander, weshalb sie sich schnell als recht eintönig entpuppen. Grobe Fehltritte sind hier jedoch keine herauszuhören, sodass IMHA TARIKAT alles in allem eine solide Erstveröffentlichung zustande gebracht haben.

Twilight – Trident Death Rattle (EP)

Gemäß dem Motto man soll aufhören wenn es am besten ist hat sich die Supergroup TWILIGHT entschlossen, nach ihrem hervorragenden dritten Album „III: Beneath Tridents Tomb“ sprichwörtlich den Stecker zu ziehen: keine neuen Studioaufnahmen mehr, keine Konzerte mehr.

Die Band um Blake Judd (Nachtymystium), Wrest (Leviathan), Imperial (Krieg), Sanford Parker (Buried At Sea) sowie Thurston Moore (Sonic Youth, Swans) blieb sich dieser Worte sogar treu als die Veröffentlichung der EP „Trident Death Rattle“ bekundet wurde, schließlich handelt es sich bei dem Material um Überbleibsel der „III: Beneath Tridents Tomb“-Aufnahmen.

Die drei vermeintlich neuen, im Grunde genommen B-Sides des letzten Studioalbums repräsentieren in 18 Minuten das, was TWILIGHT auch spielerisch leicht auf voller Albumlänge geschaffen haben: USBM mit einer gehörigen Portion Kreativität auszustatten und die Scheuklappen des Genres zu verbannen. Dabei vereinen TWILIGHT das Beste aus beiden Welten des (zumindest innerhalb der Szene) populären amerikanischen Black Metals; zum einen die atmosphärische Schlagseite von Bands wie Agalloch und Wolves In The Throne Room, zum anderen das Experimentelle, bekannt von Ævangelist und Krallice.

TWILIGHT punkten auf „Trident Death Rattle“ erneut damit, dass sie ihren Black Metal nicht nur treibend und auf eine krude Art melodisch spielen („This Road South“), ihn grooven („Weathered Flames“) und sich doomig schleppen lassen („No Consequence“). Sondern auch auf diesen Tracks scheuen sich TWILIGHT nicht davor, Keyboards und Effekte zur Verdichtung ihres Sounds zu nehmen; besonders der Refrain von „This Road South“ gewinnt dadurch ungemein an Zugkraft und verleiht dem Opener die gewisse Würze.

Weswegen sich TWILIGHT trotz ihres Potenzials entschieden haben, sich aufzulösen, bleibt unklar; womöglich dürften die Heroinabhängigkeit und die unlauteren Geschäftspraktiken von Blake Judd allerdings einen gewichtigen Anteil daran haben. Mit „Trident Death Rattle“ beweisen die Amerikaner noch ein letztes Mal, dass ihre Trennung eine Träne wert ist.

Iskandr – Euprosopon

In ihrem Ehrgeiz mögen es manche Leute nicht wahr haben wollen, doch Perfektion ist und bleibt ein Ding der Unmöglichkeit. Der unausweichliche Niedergang, der einen Menschen am Ende seines Strebens nach diesem Ideal erwartet, bildet die Grundthematik, die der Niederländer mit dem kryptischen Pseudonym O auf dem zweiten Album seines Black-Metal-Soloprojekts ISKANDR behandelt. Ein solch eigentümliches Konzept verlangt natürlich nach einer ebenso außergewöhnlichen musikalischen Umsetzung. Dass es die vier Stücke auf „Euprosopon“ zusammen auf eine Spielzeit von 45 Minuten bringen, lässt vorab zumindest vermuten, dass die Platte entgegen der Texte nicht ganz ambitionslos ist.

Minimalistisch und doch leicht experimentell angehaucht beginnt das erstplatzierte „Vlakte“ mit einzeln verhallenden Saitenklängen, zu denen sich später dröhnende Distortion-Gitarren und gespenstischer Hintergrundgesang gesellen, ehe ISKANDR schließlich mit undefinierbarem Schreigesang, monotonem Riffing und ungestümen Drums einen düsteren Sturm heraufbeschwört. Die unheilvollen Böen – für einen zerstörerischen Orkan ist die durchaus kräftige Instrumentierung doch nicht brachial genug – flachen von diesem Punkt an für eine ganze Weile nicht mehr ab.

Ganz in typisch schwarzmetallischer Tradition setzt ISKANDR beim Songwriting auf Repetition. Die Melodien und Rhythmen werden nur geringfügig abgewandelt, der Großteil des Albums ist in getragenem Midtempo arrangiert. Abgesehen von ein paar unauffälligen Einsprengseln wie etwa dem leisen Klingeln, das sich manchmal inmitten des Tumults hervortut, erregt erst wieder das ausgedehnte Akustik-Outro auf „Regnum“ die Aufmerksamkeit des Hörers. Eine gleichwohl mittelalterlich anmutende Folk-Melodie leitet auch das abschließende „Heriwalt“ ein, in welchem ISKANDR außerdem spürbar mehr Epik in sein rohes Gitarrenspiel legt.

Abseits ebenjener Ausnahmepassagen erweist sich „Euprosopon“ leider als äußerst langatmige und im Gegenzug nur wenig lohnende Hörerfahrung. Die Melodieführung mag an vielen Stellen sogar recht ungewöhnlich erscheinen, durch die vielen Wiederholungen nutzt sie sich jedoch allzu schnell ab. Darüberhinaus gehen die eigenartigen Tonfolgen bisweilen zulasten der Atmosphäre, da phasenweise nicht ganz klar ist, was genau ISKANDR damit auszudrücken versucht.

„Euprosopon“ ist keine beliebig austauschbare 08/15-Black-Metal-Platte, so viel steht fest. Allerdings wird man beim Hören das unerfreuliche Gefühl nicht los, dass ISKANDR damit etwas Größeres erschaffen wollte, als es letztlich geworden ist. Viel zu oft und lang wirkt das zweite Album des Niederländers so blass und leblos wie das Bild, welches das Artwork ziert. Die problemlos an einer Hand abzählbaren, interessanten Ideen, die man im Zuge der vier Tracks mehrmals herauszuhören vermag, schaffen leider keinen ausreichenden Ausgleich für die langgezogenen, weitaus weniger aufregenden Kompositionen, die insgesamt den überwiegenden Teil von „Euprosopon“ ausmachen.

Cancer – Into The Heartless Silence

Normalerweise gründen Musiker Nebenprojekte, wenn sie Songs kreieren wollen, die nicht zum Grundton ihrer Hauptbands passen. Im Black Metal ist es hingegen nicht unüblich, ein Dutzend musikalischer Outlets zu haben, die sich jedoch nur minimal in ihrer Stilistik voneinander unterscheiden. Eine einleuchtende Erklärung für die Gründung von CANCER bleiben die fünf Mitglieder, die allesamt auch bei Deadspace spielen, ihren Zuhörern dennoch schuldig. Zwar bewegen sich die Australier auf ihrem Debüt „Into The Heartless Silence“ deutlicher in Richtung Depressive Black Metal, die Ähnlichkeit zum Post-Black-Metal ihrer Hauptband ist jedoch unüberhörbar.

Ihre vermeintliche Vorliebe für unansehnliche Artworks leben die Australier leider auch in CANCER aus: Wo Deadspace jedoch manches mal mit ihren dürftig nachbearbeiteten Bildern von der an sich hervorragenden Musik ablenkten, gewährt das unangenehm unruhige Foto auf dem Cover von „Into The Heartless Silence“ einen vielsagenden Ausblick auf das zu Hörende. Das Album klingt demnach durch und durch niederschmetternd – und seltsam unscharf.

Die Ankündigung, die Platte werde bewusst so klingen, als hätte die Aufnahme in einer finsteren Höhle stattgefunden, erweist sich bis zu einem gewissen Grad durchaus als zutreffend – allerdings dahingehend, dass man meinen könnte, der Gesang und die Instrumente wären in unterschiedlichen Räumen aufgenommen worden. Während letztere zwar äußerst roh, aber noch halbwegs vertretbar in Szene gesetzt wurden, kann sich der viel zu leise und gedämpft abgemischte Gesang im Gesamtsound kaum behaupten.

Dass sich CANCER soundtechnisch so unter Wert verkaufen, ist gerade in dieser Hinsicht bedauerlich, da Sänger John Pescod hier seine wohl bisher vielseitigste Gesangsleistung erbringt – es wird fies gescreamt, monströs gegrowlt, verzweifelt gekreischt und manchmal sogar gleichsam verträumt und wehmütig gesungen („The Sleepless Waltz“). Auch mit ihren Instrumenten verfolgen CANCER hin und wieder ein paar interessante Ansätze. So klingt etwa „Ouroboros“ überraschend verhängnisvoll und der abschließende Neunminüter „Wehe mir“ beginnt mit einer wunderbar einfühlsamen Gitarrenmelodie. Die meiste Zeit über verlieren sich CANCER jedoch in eintönigem und nur selten mitreißendem Gekloppe, das den einprägsameren Nummern von Deadspace nicht das Wasser reichen kann.

Sieht man davon ab, dass CANCER auf „Into The Heartless Silence“ in Sachen Produktion und Songwriting grobschlächtiger zu Werke gehen, als man es von dem sonstigen Schaffen des Quintetts gewohnt ist, hat das Debüt der Australier eigentlich nichts Neues zu bieten. Zwar verleihen die Depressive-Black-Metaller ihren Gefühlen hier ebenso unumwunden Ausdruck, dennoch fällt der Vergleich mit Alben wie „The Liquid Sky“ sehr einseitig aus – und das nicht zugunsten von CANCER. Ihre Einfälle und Energie sollten sich die dahinterstehenden Musiker somit lieber für Deadspace aufsparen.

The Konsortium – Rogaland

Sieben Jahre sind vergangen, seit THE KONSORTIUM ihr gleichnamiges Debüt veröffentlichten. Nun hat die Progressive-Black-Metal-Band um Sänger, Gitarrist, Bandgründer und Mastermind Fredrik G. Fugelli ihr zweites Album „Rogaland“ vorgelegt. Technisch anspruchsvoller und komplexer als der Vorgänger soll es der eigenen Beschreibung nach sein. Mit namhaften Musikern wie Bassist und Mayhem-Gitarrist Teloch sowie ex-Enslaved-Drummer Dirge Rep sind zumindest schon mal fähige Instrumentalisten an Bord, die diesem Anspruch gewachsen wären.

Und tatsächlich verspricht die Band nicht zu viel. „Rogaland“ begeistert von der ersten Sekunde an durch enorm kreatives Songwriting und technisch beeindruckende Instrumentalarbeit. Statt sich, wie so manch andere Progressive-Black-Metal-Formation, in zu langen und ziellosen Songs zu verlieren, geben die Stücke auf „Rogaland“ direkt Vollgas – nur eben mit Köpfchen statt mit dem Kopf voraus durch die Wand. Der Opener „Skogen“ vereint fulminante Blastbeat- und Doublebass-Rasereien mit groovigen, einzigartigen Prog-Riffs, „Fjella“ und „Hausten“ stehen dem in wenig nach.

Als brachialster und gleichzeitig wohl stärkster Track des Albums qualifiziert sich das Hochgeschwindigkeitslied „Stormen“, das mit seinem Doublebassgewitter recht thrashig daherkommt, stets aber mit gelungenen Riffs und Melodien aufwartet. Ganz anders, aber nicht minder genial präsentiert sich „Arv“, das mit seinem geschwärzt-rockigen Riffing auch problemlos auf einer Enslaved-Platte funktioniert hätte.

Einzig das zehneinhalbminütige „Havet“ wirkt etwas zu lang. Der finale Ausbruch nach dem gemächlichen Aufbau hätte ruhig 2-3 Minuten früher erfolgen dürfen. Auch der Outrotrack „Utferd“ wirkt unfertig, nicht zu Ende gedacht und dadurch leider unnötig. Kritik, die einige Fans nach Veröffentlichung der ersten Singles auch in Bezug auf die Produktion äußerten. Tatsächlich muss man sich auf den Mix einlassen können – ebenso wie auf Fugellis doch recht eigenwilligen Brüllgesang. Doch ob man den recht scharfkantigen, höhenlastigen Mix nun mag oder nicht: Funktionieren tut er für diese Art von Musik zweifellos.

Wer von all dem Standard-Black-Metal-Kram genug hat und sich mal ein bisschen mehr Indiviualität und Abwechslung wünscht, dem sei THE KONSORTIUMs „Rogaland“ dringend ans Herz gelegt. Hier treffen mitreißende Riffs voller Groove und spielerischem Einfallsreichtum auf klassische Genreelemente und verschmelzen zu einem wunderbaren Ganzen. Eines der besten Black-Metal-Alben des Jahres.

Cosmic Autumn – Cosmic Autumn

COSMIC AUTUMN – der Name des erst 2017 gegründeten deutschen Black-Metal-Soloprojekts scheint nichts Gutes für unsere Welt zu verheißen. Dass sich die Ein-Mann-Band für ihr selbstbetiteltes Debütalbum laut eigener Aussage von nächtlichen Spaziergängen durch den Wald, die Transzendenz der Psyche, Einsamkeit und Nihilismus inspirieren hat lassen, festigt zusätzlich den Eindruck, dass es sich bei besagter Platte um schwere Kost handelt. Überraschenderweise übertreibt es COSMIC AUTUMN jedoch keineswegs mit dem Experimentieren, sondern setzt im Zuge der knapp 40 Minuten der ersten Veröffentlichung auf allerlei Altbekanntes.

Nicht ohne Grund ist es COSMIC AUTUMN schon so bald nach der Gründung des Projekts gelungen, bei einem namhaften Label wie Northern Silence unterzukommen. Für einen Newcomer-Release aus dem schwarzmetallischen Underground macht „Cosmic Autumn“ durchaus einiges her. Die Instrumente, die neben dem typischen Metal-Repertoire auch Akustikgitarren und Keyboards umfassen, sind überwiegend gekonnt eingespielt, die Produktion klingt halbwegs kraftvoll und von Zeit zu Zeit stößt man sogar auf einprägsame Melodieführung.

Musikalisch vermittelt COSMIC AUTUMN in den betont melodischen Songs dasselbe bedrückende, verheißungsvolle Bild, das die CD auf dem Cover ziert. Sowohl in den teils epischen Leadmelodien („Indistinct Vision“) als auch in den rein akustischen Parts wie am Ende des Openers „The Last Deception“ schwingt stets auch eine gewisse Schwermut mit. In ihrem Kern behalten die Tracks somit durchwegs einen bestimmten Grundton bei, was jedoch keineswegs zulasten der stilistischen Vielfalt geht. Es finden sich stimmungsvolle Clean-Gitarren ebenso wie erhabener Klargesang („Realms Of Eternal Light“) und auf „Event Horizon“ wird sogar richtig auf den Putz gehauen.

Gerade die letztgenannte Nummer lenkt die Aufmerksamkeit jedoch auch auf ein paar kleine Unstimmigkeiten, die „Cosmic Autumn“ in sich trägt. In ebenjenem Track scheinen die ungestümen Drums nämlich an den übrigen Instrumenten vorbeizuspielen. Unerfreulich ist auch, dass die ohnehin schon ziemlich leise abgemischten Screams im Laufe des Albums immer weiter im Hintergrund verschwinden, bis COSMIC AUTUMN im abschließenden Zehnminüter „Solitude“ sogar gänzlich auf Gesang verzichtet. Sowohl kompositorisch als auch soundtechnisch gibt es somit doch ein paar verbesserungswürdige Aspekte.

COSMIC AUTUMN wird sich mit seinem selbstbetitelten, ersten Album wohl nicht als Game-Changer hervortun. Grundsätzlich arbeitet das deutsche Newcomer-Projekt mit schon seit längerem gebräuchlichen Stilmitteln und an manchen Stellen haben sich leider ein paar Fehler eingeschlichen. Nichtsdestotrotz weist „Cosmic Autumn“ seinen Schöpfer als durchaus fähigen Musiker und Songwriter aus. Die fünf Nummern, die auch schon mal die Zehn-Minuten-Marke sprengen, prägen sich recht gut ein und klingen in puncto Tonqualität alles in allem besser als ein Großteil der Debüts vergleichbarer Bands. Letztendlich handelt es sich bei „Cosmic Autumn“ also um ein solides Einstiegswerk.

Hallig – A Distant Reflection Of The Void

Nach dem 2012er-Release ihres Debüts „13 Keys To Lunacy“ war es um die deutschen Black-Metaller HALLIG erst mal vier Jahre still. Dann erscheinen mit „To Walk With Giants“ und „Im Aufwärtsfall“ zwei neue Songs auf einer Promo-CD. Der Versuch, damit ein neues Label zur Zusammenarbeit zu animieren, war offensichtlich von Erfolg gekrönt, denn zwei Jahre darauf findet man die beiden Nummern auf einem ganzen Full-Length-Album im Katalog von Talheim Records wieder. „A Distant Reflection Of The Void“ nennt sich das gute Stück, das mit seiner üppigen Spielzeit von über einer Stunde offenbart, dass HALLIG in den letzten Jahren der Funkstille alles andere als untätig waren.

So erfreulich eine solche Wagenladung an neuem Material im besten Fall auch sein mag, so groß ist die Gefahr, ein Album dadurch unwissentlich mit mittelmäßigen Filler-Tracks aufzubauschen. Tatsächlich hätten HALLIG vielleicht sogar gut daran getan, hier den einen oder anderen Song auszusparen – etwa den zehnminütigen Titeltrack, der „A Distant Reflection Of The Void“ eine Spur zu gemäßigt ausklingen lässt. Möglicherweise ist dieser etwas zu biedere letzte Eindruck aber schlicht dem Umstand geschuldet, dass die Black-Metaller den Großteil der Platte über deutlich hörbar jeden Funken Leidenschaft aus sich herausholen.

Vor unbändiger Kraft pulsierende Stücke wie „Neues Land“ mit seinem durch und durch epischen Riffing und das kämpferische „To Walk With Giants“ schwingen sich mit ihren dynamischen Arrangements in ungeahnte Höhen auf. Die größte Stärke der Songs liegt eindeutig in ihrer Vielseitigkeit: Anstatt pausenlos im Hochgeschwindigkeitsmodus auf den Zuhörer einzudreschen und ihn damit gegenüber der Intensität der Musik abzustumpfen oder sich zu lange in sanfteren Tongeflechten zu verheddern, versuchen sich HALLIG an einem ausgewogenen Wechselspiel – mit Erfolg.

„Straight To The Ninth“ beginnt beispielsweise mit verhängnisvollen Clean-Vocals und Gitarrenmelodien, baut sich später zu einer Blackened-Rock-Nummer im Stil von Alfahanne auf und entlädt sich schließlich vollends in einem heftigen Blast-Beat-Gewitter. Immense Wucht steckt jedoch nicht nur in den hervorragend abgemischten Instrumenten, sondern auch im facettenreichen Gesang. Wären diesmal nicht gleich zwei Leadsänger hinter dem Mikro gestanden, hätten HALLIG wohl kaum eine vergleichbar packende Kombination aus heiser-verzweifelten und boshaften Screams sowie mächtigen Growls und hymnischem Klargesang hinbekommen.

„A Distant Reflection Of The Void“ ist gewiss ein Stückchen zu ausladend geraten und nicht alle Songs brennen sich dauerhaft ein – von austauschbarem Füllmaterial kann hier dennoch nicht die Rede sein. HALLIG brillieren auf ihrer zweiten Platte nahezu durchgehend in sämtlichen Belangen. Wild, aber nicht ziellos, druckvoll, aber nicht aufdringlich, begeistern die zehn neuen Kompositionen vor allem mit ihren mitreißenden Vocals, Melodien und Rhythmen, die dank der ausgezeichneten Klangqualität im bestmöglichen Licht dastehen. Damit ist HALLIG eine Platte gelungen, die selbst ein vom immergleichen, stumpfsinnigen Black-Metal-Geballer betäubtes Publikum ein bisschen aufzurütteln vermag.

Evilfeast – Mysteries Of The Nocturnal Forest (Re-Release)

Darf man die Kunst und den Menschen, der sie erschafft, voneinander getrennt beurteilen oder ist es unabdingbar, beides stets im gemeinsamen Kontext zu betrachten? In kaum einem Genre ist diese Frage derart heiß diskutiert wie im Black Metal, stößt man hier doch bedauerlicherweise immer wieder auf Bands, die ihr mitunter erschütternd rechtsgerichtetes Gedankengut offen zur Schau stellen. Wie aber hat man sich in Bezug auf Künstler zu verhalten, die ihre fragwürdigen politischen Ansichten dezidiert aus ihrer Musik heraushalten? Auch Grim Spirit, der Mann hinter dem polnischen Black-Metal-Soloprojekt EVILFEAST, gehört – wie unserem letzten Interview entnommen werden kann – zu jenen Interpreten, deren Wirken man vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kritisch begutachten sollte.

Jene Black-Metal-Fans, die sich damit arrangieren können, die Musik wertzuschätzen, ohne die Gesinnung ihres Schöpfers zu teilen, bekamen mit „Elegies Of The Stellar Wind“ zuletzt ein atemberaubendes Stück schwarzer Tonkunst geboten. Ein derart gelungenes Album ist freilich oftmals das Ergebnis einer langjährigen Entwicklung, nur äußerst wenigen Bands gelingt ein solcher Coup bereits auf ihren Erstwerken. Dennoch veröffentlicht EVILFEAST sein Debüt „Mysteries Of The Nocturnal Forest“ vierzehn Jahre nach dem Original-Release ein weiteres Mal und gibt den Hörern damit die perfekte Gelegenheit für einen Direktvergleich.

Dieser fällt gar nicht mal übel aus: Der charakteristische, Keyboard-lastige Sound, den EVILFEAST in der Zwischenzeit zur Vollendung gebracht hat, existierte in seinen Grundzügen offensichtlich schon im Jahr 2004. Die ausgedehnten, bewusst kratzbürstig produzierten Black-Metal-Nummern sind praktisch durchgehend von mystischen, glasklaren Keyboard-Teppichen bedeckt, die rein klanglich bisweilen an Lustre denken lassen. Insbesondere die flinken Tastenklänge auf „The Black Heavens Open“ bestechen mit ihrer fantastischen Kombination aus Atmosphäre und Dynamik.

Ominöse Orgelarrangements finden sich hier genau so wie ätherische Sound-Sphären („Solitude Apotheosis“) und immer wieder baut EVILFEAST geheimnisvoll wispernde Effekte ein, welche die Stimmung einer nächtlichen Wanderung durch einen mondbeschienenen Wald aufkommen lassen – ganz wie vom Albumtitel in Aussicht gestellt. Dass EVILFEAST die besagten Soundeffekte an das Ende jedes einzelnen Tracks setzt, wirkt allerdings ein wenig gekünstelt und kompositorisch unbeholfen. Auch hinsichtlich der Tonqualität erreicht „Mysteries Of The Nocturnal Forest“ noch nicht ganz das Niveau der späteren Werke.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass EVILFEAST nicht zu den wenigen Projekten gehört, die ihren Zenit bereits mit ihrer ersten Veröffentlichung erreichen und danach nur noch schlechter werden. Auf „Mysteries Of The Nocturnal Forest“ fehlen zum Beispiel noch der erhabene Klargesang, die markanten Leadgitarren und die trotz aller Rohheit perfekt abgestimmte Produktion, die „Elegies Of The Stellar Wind“ zu einem Meisterwerk werden ließ. Streckenweise erscheinen die Songs des Debüts sogar noch ein wenig beliebig. Nichtsdestotrotz ist das künstlerische Potential von EVILFEAST bereits hier nicht mehr zu überhören, sodass die Platte für sich betrachtet einen durchaus starken Auftakt darstellt.