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Noctem Aeternus – Winter Spells

Das Projekt NOCTEM AETERNUS existiert seit nunmehr vier Jahren und besteht lediglich aus dem gleichnamigen Mastermind Noctem Aeternus, der auf dem Debüt alle Instrumente selbst eingespielt hat. Wie Bandname und Titel der Scheibe bereits vermuten lassen, servieren NOCTEM AETERNUS auf „Winter Spells“ Old-School-Black-Metal, der wie eine Zeitreise in die 90er klingt.Naturmacht Productions spendiert dem argentinischen Ein-Mann-Black-Metal-Projekt NOCTEM AETERNUS zum Labeleinstand eine auf 300 Exemplare limitierte Jewelcase-Neuauflage ihres Debüts „Winter Spells“.

Im Lauf des Albums werden vor allem Erinnerungen an Bands wie Dimmu Borgir, Emperor oder Satyricon zu „Dark Medieval Times“-Zeiten geweckt, wobei NOCTEM AETERNUS nie wie eine bloße Kopie klingt. Nach dem stimmungsvollen Intro „Winter Spells“ liefert „Ahab“ eine Blaupause dessen, was noch folgen soll. Klirrende Riffs, rasende Drums und immer wieder sphärische Keyboards prägen den Sound der Scheibe. Das ist sicherlich keine Neuerfindung des Genres, zeigt aber welche Kraft und Intensität noch in dieser Art von Musik stecken. Der Bandkopf versteht es, mit Synthesizern große Melodien zu erschaffen, die weder kitschig noch erzwungen wirken, sondern sich wie frisch gefallener Schnee über den Black-Metal-Unterbau legen. Besondere Anspieltipps sind „Autumn Glare“ und „Nocturnal Mantle“. Lediglich auf dem überlangen Song „The Waning Moon Has Fallen“ wird die Gitarrenmelodie totgeritten. Die Nummer kürzer zu halten, wäre von Vorteil gewesen.

Anders als der Titel der Scheibe und Songtitel wie „Autumn Glare“ oder „The Waning Moon Has Fallen“ vermuten lassen, ergehen sich NOCTEM AETERNUS nie in schwülstigen oder pathetischen Lyrics. Stattdessen entführen die Texte den Hörer in verschneite Gebirge und frostige Landschaften. Dass die Heimat der Band in Argentinien liegt, mag man kaum glauben.

Wer Bock auf Old-School-Black-Metal mit Keyboards und frostigen Texten hat oder wer sich nach alten Dimmu Borgir sehnt, sollte hier defintiv reinhören. So gut wurde der Winter seit Mosaic’s „Old Man’s Wynter“ nicht mehr vertont.

Al Ard – Al Ard

Metal ist bekanntermaßen ein Musikstil, in dem viel Wert auf Traditionsbewusstsein gelegt wird. Am stärksten ist dieses Wesensmerkmal im Black Metal ausgeprägt – ironischerweise ist es gerade dieses Subgenre harter Gitarrenmusik, in dem wohl am meisten experimentiert wird. Die Mischung von Industrial und Black Metal, an die sich Vorreiterbands wie Mysticum, Diabolicum und Aborym Ende der 90er herangewagt haben, wurde beispielsweise von einigen als bahnbrechend gefeiert, von anderen hingegen als Ruin des klassischen Second-Wave-Stils verteufelt. AL ARD zählen sich offensichtlich zu den Befürwortern, denn mit ihrem selbstbetitelten Debüt begehen die Italiener ein ähnliches schwarzmetallisches Sakrileg: die Kreuzung von Black Metal und Dubstep.

Dass das Trio jene in- wie auch außerhalb von Metal-Kreisen weithin verhasste Unterform elektronischer Musik auf eine dezidiert nicht-kommerzielle Weise zu interpretieren versucht, scheint zu Beginn noch eine leere Versprechung zu sein. Auf dem Opener „Nero“ bekommt man nämlich nicht etwa kräftige Beats oder synthetische Bass-Eruptionen zu hören, sondern gedämpften, beschwörenden Frauengesang, der an eine gewisse Stelle in Batushkas „Litourgiya“ denken lässt – leider ohne dieselbe faszinierende, rituelle Aura. Ein paar vereinzelte, schrill kreischende Electro-Sounds lassen jedoch bereits Übles ahnen.

Ab „For A Hint Of Divinity“ halten sich AL ARD dann mehr oder weniger an ihr vorab angepriesenes Rezept: mechanisch produzierter Low-Fi-Black-Metal trifft auf elektronisches Geballer von der Intensität eines Presslufthammers, kratzbürstige Samples und verschrobene, in Dark-Ambient-Gefilde vordringende Klangkonstrukte („Strange Old Practice I“). Tatsächlich muss man AL ARD zugestehen, dass ihr Einstandswerk eine ähnlich unwirkliche, lebensfeindliche Grundstimmung aufweist wie die Frühwerke, die die Italiener offenbar in Ehren halten. „Al Ard“ profitiert nicht nur von seinem ungeschliffenen Underground-Grusel-Charme, sondern klingt auch noch wie eine ratternde, marodierende Todesmaschine – eigentlich ganz so, wie es im Industrial Black Metal sein sollte.

Unglücklicherweise sind die seltsamen Gesänge im Intro-Track nicht der einzige Störenfried des Albums. Die gegen Ende wie etwa auf dem Achtminüter „Scrutinizing A Glimpse Of Chaos“ immer häufiger eingeschobenen orientalischen Klänge wollen so gar nicht ins Bild passen und die meiste Zeit über scheinen AL ARD ihre hämmernden und wummernden Dubstep-Sounds derart in den Vordergrund drängen zu wollen, dass sie kaum jemals mit der restlichen Instrumentierung zusammenwirken.

Die Idee, Metal und Dubstep einander näherzubringen, sollte man grundsätzlich nicht von vornherein als zum Scheitern verurteilt verwerfen – immerhin haben etwa Korn für „The Path Of Totality“ keineswegs nur vernichtende Kritiken erhalten. Eine vollumfängliche Vereinigung der beiden Stilrichtungen, die sich auf Dauer etablieren und nachfolgenden Bands zur Inspiration gereichen wird, ist AL ARD jedoch leider ebensowenig geglückt. Bedauerlicherweise lassen die Südeuropäer ihre beiden musikalischen Ausdrucksformen noch nicht genug ineinandergreifen, sodass das Resultat noch äußerst unausgegoren daherkommt. Vorerst ist man im industriellen Black Metal mit Thorns oder Blut aus Nord noch deutlich besser bedient.

Praise The Plague – Antagonist

Wer anderen ohne ersichtlichen Grund die Pest an den Hals wünscht, sollte sich nicht wundern, wenn er oder sie deshalb als Bösewicht wahrgenommen wird. Dementsprechend ist es nur folgerichtig, dass die deutschen Newcomer PRAISE THE PLAGUE ihr Debütalbum schlicht „Antagonist“ betitelt haben. Für eine Band, die sich der morbiden Vereinigung von Black und Doom Metal verschrieben hat, ist eine solcherart feindselige Selbstinszenierung natürlich Pflicht. Auf ein dahingehend professionelles Auftreten verstehen sich die fünf Mannen somit schon mal – das Bandlogo, das auf finstere Weise kunstvolle Artwork und die gesamte Bildsprache greifen reibungslos ineinander. Nun muss also nur noch die Musik stimmen.

So zielsicher sich PRAISE THE PLAGUE präsentieren, so akkurat gehen sie auch beim Musizieren vor. Wie nicht anders zu erwarten bedienen sich die Black-Doomer zur Vertonung ihrer düsteren Botschaft vor allem an unheilverkündendem Tremolo-Picking, langsam kriechendem Drumming und garstigen, hochtönigen Schrei-Vocals. Nur hin und wieder wagt das Quintett den Ausbruch aus diesem vergleichsweise eng geschnürten Stilmittelkorsett. In diesen zurückhaltend portionierten Momenten der Abwechslung halten dann etwa erdrückende Dark-Ambient-Geräuschkulissen („Inferno“), pechschwarze, clean gespielte Gitarren („Blackening Swarm“) oder schauderhafte Backing-Chöre („Minatory Aeons“) Einzug ins Geschehen.

Auch hinsichtlich der Aufnahmequalität erfüllt „Antagonist“ alle Erwartungen, der Sound ist angemessen rau, wuchtig und ausgeglichen – lediglich der Gesang wurde ein Stück zu leise abgemischt. Nicht nur unter Berücksichtigung ihres Neulingsstatus kann man PRAISE THE PLAGUE dazu vorbehaltlos beglückwünschen. Obwohl sich die deutschen demnach weder musikalisch noch klangtechnisch etwas zu schulden kommen lassen, hält sich die vermeintliche Euphorie über ihre erste Platte in Grenzen.

Zum einen ist dafür das allzu eindimensionale Songwriting verantwortlich zu machen, aufgrund dessen sich die einzelnen Nummern kaum voneinander abgrenzen, zum anderen bekommt man bei der für eine Full-Length-Veröffentlichung eher dürftigen Spielzeit von gerade mal 28 Minuten nicht allzu viel für sein Geld. Da man hier ohnehin nicht allzu viel Herausragendes geboten bekommt, stellt sich dadurch wenigstens keine große Langeweile ein, sodass PRAISE THE PLAGUE dem Hörer damit gewissermaßen einen Gefallen tun.

Dass PRAISE THE PLAGUE konsistente Songs schreiben, diese treffsicher einspielen und gekonnt produzieren (lassen), ist gewiss beachtlich und kann nicht von jeder beliebigen Underground-Gruppe erwartet werden. Wo andere Bands etwaige technische Unzulänglichkeiten mit schierem Ideenreichtum zu kompensieren vermögen, lassen PRAISE THE PLAGUE genau diesen kreativen Funken noch vermissen. Das spielerische Potential ist bei den Black-/Doom-Metallern bereits vorhanden, beim Komponieren hätte man jedoch ein bisschen mehr in die Vollen gehen können. Sich „Antagonist“ ins Musikregal zu stellen, ist schlussendlich kein Fehler – den Platz für eine andere CD freizuhalten aber auch nicht.

The Flesh – Dweller (EP)

Holland, das Land, das berüchtigte Bands wie Urfaust oder The Devil’s Blood hervorgebracht hat, schickt sich an, eine weitere Horde Psychos auf die Welt loszulassen. THE FLESH nennt sich die Truppe, und besteht aus Mitgliedern von Herder, Verwoed und Blood Diamond und kann sich damit wohl All-Star-Band schimpfen. Musikalisch springen „The Flesh“ auf den seit einiger Zeit ziemlich angesagten Zug Namens Crust-Hardcore-Black-Metal auf und haben damit auf ihrer Debüt-EP „Dweller“ acht recht kurze Hassbatzen versammelt.

An sich verstehen THE FLESH ihr Handwerk voll und ganz. Alle acht Tracks vom Opener „Tot In Den Treure“ bis hin zu „Fire Red Gaze“ sind eine primitive Ansammlung von brutalen Riffs, wüstem Drumming und harschen Vocals, die stellenweise gar an Attila Csihar denken lassen („Thrones In The Sky“). In den nicht einmal 25 Minuten dieser EP schonen THE FLESH weder sich noch ihre Zuhörer, sondern treten durchgehend voll aufs Gaspedal. Doch da liegt auch das Problem von „Dweller“, stumpf ist eben nicht immer Trumpf.

Zwar weisen einige der Songs zumindest in Nuancen so etwas wie Abwechslung auf, so überrascht zum Beispiel die Rock-’n‘-Roll-Attitüde von „Knife To The Conformist“, doch alles in allem klingen die Nummern doch recht einheitlich. Die Mischung aus Doublebass-Gewitter, schweren Riffs und teils athmosphärischen Klängen nutzt sich selbst bei der knappen Spielzeit der EP doch überraschend schnell ab. Das ist ziemlich schade, da THE FLESH keinesfalls unbedarft oder kopflos an ihre Musik herangehen. Außerdem merkt man den Jungs an, mit wie viel Energie und Spielfreude sie „Dweller“ eingespielt haben. Aber all das täuscht nun mal nicht über die Stumpfheit der Scheibe hinweg. Sicherlich mag der ein oder der andere nun sagen, dass diese Art von Musik stumpf sein muss, doch Bands wie Ancst oder Nails zeigen, dass es auch deutlich abwechslungsreicher geht.

THE FLESH haben mit „Dweller“ also ein erstes Lebenszeichen veröffentlicht, das mit Sicherheit eine gute Ausgangsbasis für weitere Musik ist. Die richtigen Ansätze sind auf jeden Fall vorhanden und man darf deshalb gespannt sein, was auf „Dweller“ folgen wird.

Sear Bliss – Letters From The Edge

Sucht man nach Beispielen für Bands, die sich treu bleiben, ohne sich selbst zu wiederholen, sind die Ungarn von SEAR BLISS immer ein gutes Beispiel: Seit 1993 aktiv, haben die Ungarn um Bandkopf András Nagy nunmehr sieben Alben veröffentlicht, die nicht nur wegen des Markenzeichens der Band – der Posaune – allesamt unverkennbar nach SEAR BLISS und doch jedes für sich einzigartig klingen.

Mit dem achten Full-Length, „Letters From The Edge“, setzen SEAR BLISS diesen Weg sechs Jahre nach „Eternal Recurrence“ unbeirrt fort: In volleren Sound denn je verpackt, erwartet den Hörer die wohl vielseitigste Musik, die man von SEAR BLISS bislang zu hören bekommen hat – und doch klingen SEAR BLISS auch 2018 unverwechselbar.

Dafür sorgt gleich zu Beginn im schleppenden „Forbidden Doors“ die düster-epische Posaune, die auch im weiteren Verlauf des Albums immer wieder hervorgeholt wird. Doch „Letters From The Edge“ ist weit mehr als „Black Metal mit Posaune“: Epischen Hymnen wie „Seven Springs“, das fast schon kitschigen Pianos kraftvolle Riffs im Stil von Pantheon I entgegensetzt, treffen auf düstere Melancholie („Abandoned Peaks“), die in verspielten Cleangitarren ebenso Ausdruck findet wie in flächigen Synthesizern und kraftvollen („The Main Divide“), bisweilen fast rohen („Leaving Forever Land“) Black Metal. Seine Krönung findet die nun zelebrierte Vielfalt im finalen „Shroud“, in dem András Nagy von starken Riffs mit Screams über geschwungene Lead- und Cleanmelodien bis hin zu von Posaune gestütztem Klargesang noch einmal sämtliche Register zieht.

Die tiefschwarze Atmosphäre eines „The Arcane Odyssey“ lässt sich mit diesem bunten Stilmix natürlich nicht heraufbeschwören. Der Tausch der schroffen Düsternis gegen eine stark erweiterte stilistische Bandbreite, der sich bereits auf „Eternal Recurrence“ angedeutet hatte, ist jedoch zumindest für aufgeschlossene Fans durchaus fair: Schlussendlich war in Sachen Black Metal mit dem grandiosen 2007er-Werk auch schlicht alles gesagt.

„Letters From The Edge“ gehört zu den Alben, bei denen das Cover schon viel über die Musik verrät: Hinter dem düsteren, expressionistischen Gemälde dürfte wohl niemand „gewöhnlichen“ Black Metal erwarten. Gerade deswegen passt das Bild perfekt zur gebotenen Musik: Experimentell, aber nicht gekünstelt avantgardistisch, vielseitig, aber nicht zerfahren, bleiben sich SEAR BLISS treu und präsentieren sich doch zugleich einmal mehr von einer ganz neuen Seite. Genau, wie man es von SEAR BLISS gewohnt ist.

Firtan – Okeanos

Mit zwei EPs und einem Album im Rücken und nach Tourneen im Vorprogramm von Bands wie Imperium Dekadenz, Rotting Christ oder Der Weg Einer Freiheit, können FIRTAN schon als eine feste Größe in der deutschen Black-Metal-Szene gelten. Wobei der Terminus Black Metal eigentlich viel zu eindimensional ist, um das Schaffen der Band zu beschreiben. Was FIRTAN auf ihrem Zweitwerk „Okeanos“ darbieten, erinnert eher an eine verwinkelte Klangcollage, die hinter jeder Biegung mit neuen Überraschungen aufwartet.

Die Marschrichtung der Scheibe wird bereits auf dem Opener „Seegang“ klar umrissen. Auf ein gesprochenes Intro folgt ein wilder Ritt durch Black und Death Metal, verschiedene Rhythmen und Tempi und wohl dosierte Akustikgitarre. Was auf dem Papier nach einer kopflosen Jagd durch verschieden Stile klingt, ist auf Platte ein perfekt abgestimmter Klangkosmos. Die wahre Größe von FIRTAN offenbart sich aber erst beim folgenden Doppel „Tag verweil“ und „Nacht verweil“. Die Band liefert hier nicht einfach nur Songs ab, sie lässt einen wahren Film vor dem Auge des Zuhörers entstehen. Breitwandkino für die Ohren sozusagen. Majästetische Melodien treffen auf wuchtige Riffs, diese wiederum werden von mystischen Akustikparts durchbrochen und über allem thront diese melancholische, irgendwie herbstliche Grundstimmung des Albums.

Im Falle FIRTANs lohnt auch ein Blick auf die Lyrics. Die drehen sich nicht wieder um irgendwelche Schlachten oder okkulte Rituale, sondern befassen sich mit Werken von Schiller, Fulda und Nietzsche. Schwere Kost also. Die Texte der Songs „Tag verweil“, „Nacht verweil“ und „Siebente letzte Einsamkeit“ sind gleich komplett den Werken Nietzsches entnommen. Die Quellen dafür sind die Gedichte „Die Sonne sinkt“ und „Das Feuerzeichen“, die aus den „Dionysos Dithyramben“ stammen, dem letzten lyrischen Werk Nietzsches. Der melancholische Ton dieser Lyrik harmoniert perfekt mit der vielschichtigen Musik FIRTANs.

Von einem kurzen Durchhänger abgesehen („Uferlos“) legen FIRTAN mit „Okeanos“ ein Album vor, an dem sich die Konkurrenz im weiter gefassten Black Metal wird messen lassen müssen. Sowohl Songwriting als auch lyrisches Konzept suchen ihresgleichen und untermauern den Ausnahmestatus der Band noch weiter. Definitv ein Highlight des Jahres 2018.

Decline Of The I – Escape

Betrachtet man Bandnamen und das Cover der neuen Scheibe, so denkt man schnell an eine weitere DSBM-Band, die im schlimmsten Fall wie eine billige Kopie von Shining klingt. Doch bei DECLINE OF THE I liegt man damit komplett falsch. Zum einen spielen die Franzosen keinen DSBM und zum anderen klingen sie wie keine billige Kopie von irgendwas. „Escape“ bildet den Abschluss einer Trilogie, die sich mit dem Schaffen des französischen Neurobiologen und Philosophen Henri Laborit befasst. Dieser forschte hauptsächlich auf den Gebieten der menschlichen Aggression und des Fluchtverhaltens. Und mit ebendiesem befasst sich auch „Escape“, sei es nun die Flucht in Alkohol und Drogen oder die Flucht in den Wahnsinn. Doch nicht nur das Thema ist für eine Black-Metal-Band ungewöhnlich, auch die Musik entspricht nicht wirklich den Genrevorgaben.

Von Beginn an vermischen DECLINE OF THE I – die eigentlich nur aus Mastermind A. K. bestehen – ohne jegliche Scheuklappen die verschiedensten Einflüsse mit ihrem eher in den Bereich Post-Black-Metal einzuordnenden Grundsound. Bei einem Querdenker wie A. K. als Gründer der Band ist das aber eigentlich auch nicht verwunderlich, spielte und spielt er doch bei Formationen wie Vorkreist, Merrimack oder Malhkebre. Die Einflüsse, die er nun auf „Escape“ vereint, reichen von Industrial über Symphonic bis hin zu jazzigen Passagen. Mit einem solch jazzigen Rhythmus beginnt die Scheibe auch. Nach einem kurzen Intropart überrascht „Disruption“ mit diesem recht vertrackten Rhythmus, anstatt wie wild loszuballern. Allgemein gibt es aggressive Parts nur in homöopathischen Dosen, diese allerdings sehr gut platziert. Man höre nur den Endpart des genialen „Organless Body“.

Heftiges Stinrunzeln verursachen aber „Enslaved By Existence“ und „Negentropy (Fertility Sovereign)“. Ersteres, weil es plötzlich mit einem merkwürdigen Chor aus der Konserve aufwartet, der immer wieder über die Riffs gelegt wurde. Bei „Negentropy (Fertility Sovereign)“ hingegen growlt A. K. plötzlich zu derben Industrial-Beats und hat die Gitarre bei großen Teilen des Songs einfach ganz weggelassen. Doch damit nicht genug, nahezu alle Song der Scheibe beinhalten immer wieder Originalaufnahmen von Henri Laborit, der über seine Forschungen und Ergebnisse zum menschlichen Fluchtreflex spricht.

Eine Bewertung von „Escape“ fällt im ersten Moment schwer, ist aber nach einigen Hördurchgängen eigentlich ganz klar: DECLINE OF THE I liefern hier keine Scheibe für zwischendurch oder zum Nebenbeihören ab. A. K. verwirklicht hier seine eigene Vision von Musik, die zwar auf Black Metal fußt, diesen aber nur als Basis für viel weiter gefasste Klänge nutzt. Auch die ernsthafte Beschäftigung mit Psychologie, Biologie und Philosophie hebt DECLINE OF THE I von anderen Bands des Genres ab. Viele Hörer werden sicherlich nach dem ersten Hördurchgang kopfschüttelnd aufgeben, doch wer dran bleibt und „Escape“ eine Chance gibt, wird mit einem unglaublich vielschichtigen und ernst zu nehmenden Album belohnt.

Crawl/Leviathan – Split

In bester Underground- und Old-School-Manier veröffentlicht Red River Family den neuen Split von CRAWL und LEVIATHAN als Tape. Dieses ist auf lediglich 333 Stück limitiert und – wenn wundert es – schon ausverkauft. Das ist bei dieser Kombination aber auch kein Wunder, haben sich doch zwei der berüchtigtsten nordamerikanischen Ein-Mann-Projekte zusammengetan. Sowohl CRAWL als auch LEVIATHAN sind mit jeweils einem zwölfminütigen Song vertreten, der die Andersartigkeit und Qualität dieser Projekte deutlich unter Beweis stellt.

Den Anfang macht CRAWL, der sich selbst gerne als “One-Man-Sludge-Monolith” bezeichnet. Das Projekt ist kaum bekannt und auch im Internet nur schwer auffindbar. Dies ist schade, da die Musik durchaus zu gefallen weiß. CRAWL kombiniert zähen Sludge und Doom mit wüsten Black-Metal-Riffs und etwas, das nicht wirklich als Gesang zu identifizieren ist. Es lässt sich eher als eine Art Wehklagen aus den finstersten Tiefen der Hölle beschreiben. Allgemein haftet „At The Forge Of Hate“ etwas Entrücktes und Rituelles an. Das Stück baut sich langsam auf, fügt nach und nach schwere Riffs, Synthies und verzweifelte, unartikulierte Laute hinzu und zieht den Hörer so immer weiter hinab in eine trostlose, leere Welt ohne Hoffnung oder Licht.

Über LEVIATHAN braucht man eigentlich keine großen Worte mehr verlieren. Jef Whitehead und sein Projekt stehen für atmosphärischen und depressiven Black Metal der Spitzenklasse. Aufgrund der Ästhetik und oftmals auch dem Klang seiner Veröffentlichungen, scheint er näher am Schaffen der französischen Les Légions Noires zu sein als an Bands aus Nordamerika. LEVIATHANS Beitrag „Igneous Ashen Tears“ startet mit einem Ambient-Part, bevor harscher und roher Black Metal einsetzt. Die Vocals von Jef Whitehead sind unverwechselbar. Absolut nicht zu verstehen und eher ein weiteres rohes Element der Musik als wirklicher Gesang. Ähnlich wie bereits der Beitrag von CRAWL erschafft auch der Track von LEVIATHAN eine dunkle und kalte Atmosphäre und macht aus diesem Split eine perfekte Kombination.

Es ist direkt schade, dass beide Bands nur jeweils einen Song beigesteuert haben. Beide agieren auf Augenhöhe und hohem Niveau. Einem der Beiträge den Vorzug zu geben, ist kaum möglich, bilden sie doch zusammen eine perfekte Einheit aus Verzweiflung, Dunkelheit und Kälte. Der Split zeigt, wie stark der nordamerikanische Underground ist und macht vor allem CRAWL einer breiteren Schar an Zuhörern bekannt. Nimmt man nun noch das stimmungsvolle und passende Artwork dazu, handelt es sich um eine wirklich perfekte Veröffentlichung.