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Dool – Love Like Blood (EP)

Mit ihrem 2017er Debüt „Here Now, There Then“ gelang den niederländischen Dark-Rockern DOOL ein geradezu kometenhafter Aufstieg. Dass die Newcomer, die bereits im Vorhinein einen Vertrag mit Prophecy Productions an Land ziehen konnten, im Dunstkreis des Labels plötzlich in aller Munde waren, lag jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bloß an ihren eingängigen, schlüssigen und mitreißenden Songs, sondern auch an ihren unfassbar intensiven Live-Shows. Behält man diese Vorgeschichte im Hinterkopf, kann man die neue EP „Love Like Blood“ eigentlich nur als vollkommen logischen Zwischenschritt ansehen, um den Fans die Wartezeit auf ein Nachfolgealbum zu versüßen: Das Kurzalbum setzt sich nämlich aus einem neuen Track und zwei Live-Mitschnitten zusammen.

Ganz so neu ist der titelgebende Song allerdings wiederum nicht, handelt es sich dabei doch um eine Cover-Version des gleichnamigen Killing-Joke-Klassikers aus dem Jahr 1985. Gerade mit dieser Neuinterpretation stellen DOOL jedoch einmal mehr ihr Gespür für ansprechende Arrangements unter Beweis. Anstatt den Song einfach nur unverändert zu reproduzieren oder ihn so weit zu verfremden, dass dadurch sein Kern abhanden ginge, adaptiert die fünfköpfige Band das Stück schlicht auf ihre eigene, markante Weise. Den peppigen Stakkato-Rhythmus des Originals haben DOOL zu diesem Zweck beiseitegeschoben und den Track im Gegenzug mit hellen Keyboardklängen und brodelnden Tremolo-Gitarren ausgeschmückt, was dem entschleunigten Cover eine tiefere Atmosphäre verleiht.

Den Balanceakt zwischen Stiltreue und Weiterentwicklung, der insbesondere bei der Überarbeitung eines bereits existierenden Musikstücks nicht leicht zu bewältigen, aber für ein gutes Resultat praktisch unerlässlich ist, haben die Niederländer somit hervorragend gemeistert. Wer bereits in den Genuss der energiegeladenen Konzerte der Dark-Rocker gekommen ist, weiß freilich, dass DOOL vor allem im Live-Setting zu Höchstform auflaufen, sodass die beiden in der EP enthaltenen, auf dem Rock Hard Festival aufgenommenen Live-Tracks eine nette Zugabe darstellen.

Die Intensität des hautnahen Konzerterlebnisses konnten DOOL hiermit zwar nicht zur Gänze einfangen, dennoch ist deutlich herauszuhören, wie sehr sich die Gruppe auf der Bühne ins Zeug legt, ohne dabei technische Ungenauigkeiten aufkommen zu lassen. Tatsächlich könnten sowohl das fetzige „She Goat“ als auch das finstere, trübsinnige „In Her Darkest Hour“ gemessen an ihrer Tonqualität und Performance fast schon als Studioaufnahmen durchgehen – mögen die ursprünglichen Versionen des Debüts auch unübertroffen bleiben.

Den begierig auf neues Songmaterial wartenden Fans mag „Love Like Blood“ mit seinem Cover-Song und seinen zwei Live-Nummern auf den ersten Blick wie ein enttäuschend magerer Appetizer vorkommen. Über die Botschaft, die DOOL mit dem einfallsreich aufbereiteten Titeltrack und den Live-Mitschnitten vermitteln, sollte sich aber eigentlich jeder Bewunderer der Band freuen. Die Niederländer signalisieren damit nämlich einerseits, dass ihnen noch lange nicht die Ideen ausgehen und andererseits dass sie den Menschen ihre Kunst auch weiterhin mit vollem Einsatz von Angesicht zu Angesicht darbieten wollen. Damit sollte feststehen, dass „Here Now, There Then“ nicht bloß ein vorübergehendes kreatives Aufflackern, sondern der Auftakt zu einer grandiosen, noch in der Zukunft liegenden Diskographie war.

Thenighttimeproject – Pale Season

Obwohl es bisweilen etwas absurd erscheint, dass einige Musiker mehrere separate Projekte gründen, um sich auszudrücken, kann es mitunter doch sinnvoll sein, auf diese Weise stilistisch unterschiedlichen Interessen nachzugehen und dies damit klar nach außen zu kommunizieren. Gerade Künstler mit einem charakteristischen Sound können jedoch oft nicht so leicht aus ihrer Haut – so zum Beispiel offenbar Fredrik Norrman. Als ehemaliges Mitglied bei Katatonia, langjähriger Gitarrist bei October Tide und Gründer der noch jungen Dark-Rock-Band THENIGHTTIMEPROJECT kann der schwedische Musiker zwar auf eine durchaus vielseitige Diskographie zurückblicken, allzu weit hat sich Norrman jedoch nie von seinem angestammten Platz entfernt. An der Stichhaltigkeit dieser These rütteln THENIGHTTIMEPROJECT auch mit ihrem zweiten Album „Pale Season“ nicht.

Während sich October Tide trotz einiger Parallelen zu Katatonia zu ihrer Zeit von „Brave Murder Day“ deutlich von Norrmans früherer Band abgrenzen konnten, gehen THENIGHTTIMEPROJECT beinahe schon als punktgenaues Ebenbild von Katatonia in ihrer späteren Schaffensphase durch. Alexander Backlunds durch und durch schwermütiger, glasklarer Gesang weist eine geradezu verblüffende Ähnlichkeit zu Jonas Renkses Vocals auf, mit dem einzig nennenswerten Unterschied, dass Backlund manchmal ein wenig mehr Nachdruck in seine Stimme legt, und sowohl die Gitarren als auch die Drums mäandern immerzu an der Grenze zwischen Rock und Metal.

Die Melodien sind einfach gehalten, die Strophen oftmals bloß von reduzierten, stimmungsvoll verschwommenen Clean-Gitarren ausgefüllt und im Hintergrund hört man nicht selten dezente Electro-Sounds durch die Leere flirren. Was THENIGHTTIMEPROJECT auf „Pale Season“ jedoch anders machen als Katatonia etwa auf „Night Is The New Day“, ist die Abwägung zwischen harten und sanften Passagen. Metallische Kraftakte wie die Screams im stampfenden „Rotting Eden“ oder die erhaben-melancholischen Doom-Leads zu Beginn des Achtminüters „Signals In The Sky“, das zudem Heike Langhans (Draconian) mit ihrem wehmütigen Gesang veredelt, werden hier nur äußerst sparsam eingesetzt.

Dass der Mittelteil der Platte enttäuschend seicht ausgefallen ist, liegt jedoch keinesfalls per se an dem eher zurückhaltenden Ansatz, den THENIGHTTIMEPROJECT in den Songs verfolgen, sondern vielmehr an den schwachen Kompositionen von Tracks wie „Final Light“, die keinerlei bleibenden Eindruck hinterlassen. Dabei zeigt sich gerade im durchwegs ruhigen, schwerelosen und doch bedrückenden Opener „Hound“, im anschließenden „Rotting Eden“ und gegen Ende im stimmungsvollen „Signals In The Sky“, dass die Schweden an sich durchaus dazu in der Lage sind, ihre Einflüsse von Doom Metal, Alternative und Dark Rock zu einprägsamen Stücken zu formen, ohne notgedrungen den klanglichen Druck erhöhen zu müssen.

Einen neuartigen, unverkennbaren Sound können THENIGHTTIMEPROJECT leider nicht für sich beanspruchen, so viel steht nun fest. Grundsätzlich hätte das Quartett unter anderem mit den im Laufe des Albums eingesetzten Beats („Pale Season“), der Hammondorgel („Anti Meridian“) und dem weiblichen Gastgesang („Signals In The Sky“) allerdings genügend interessante Eigenheiten vorzuweisen, um nicht als einfallslose Katatonia-Kopie dazustehen. Woran es THENIGHTTIMEPROJECT noch mangelt, ist das lückenlos beeindruckende Songwriting, das ihre ähnlich klingenden Kollegen bereits auf mehreren Platten zur Schau gestellt haben. „Pale Season“ hat definitiv einige großartige Höhen, aber eben leider auch ein paar allzu unscheinbare Tiefen, die das Album als Ganzes etwas zu blass erscheinen lassen.

A Pale Horse Named Death – When The World Becomes Undone

Satte sechs Jahre haben sich A PALE HORSE NAMED DEATH für ihren dritten Longplayer „When The World Becomes Undone“ Zeit gelassen. Die Band, die man nicht nur wegen Sal Abruscato und Johnny Kelly als Nachfolger von Type O Negative bezeichnen kann, setzen ebenfalls auf verzweifelten Sound zwischen Gothic Metal und Dark Rock. Schade nur, dass diese lange Wartezeit sich für den Hörer am Ende nur bedingt auszahlt.

Nach dem mit diabolischen Soundeffekten versehenen Intro „As It Begins“ preschen die Musiker aber nicht wie erwartet mit dem Titelsong nach vorne, sondern lassen eine liebliche Piano-Melodie erklingen. Dazu beschwört Frontmann Sal Abruscato den Untergang der Welt. Im Wechsel werden die wuchtigen und ruhigen Parts geboten, ehe sie sich zu einem schlüssigen Ganzen verbinden. Der Einstieg ist damit definitiv geglückt.

Lediglich ein Song bewegt sich unter der Vier-Minuten-Marke, wenn man Intro, Outro und zwei Interludes abzieht. Alle anderen Titeln erreichen zwischen fünf und sieben Minuten Spielzeit, was A PALE HORSE NAMED DEATH grundsätzlich gut steht. Die Geradlinigkeit hat zwar ebenfalls ihren Reiz, vor allem das Debüt hatte dadurch einige ohrwurmverdächtige Hits wie „As Black As My Heart“ oder „To Die In Your Arms“ zu bieten. In den ausladenden neuen Tracks entwickeln Abruscato und seine Kollegen eine interessante Herangehensweise, lassen auf diese Art auch eine dezent progressive Note entstehen.

Leider kommt auf Dauer ab „Vultures“ und „End Of Days“ auf diese Art eine gewisse Eintönigkeit ins Spiel. Diese wird durch den Stammesgesang „The Woods“ jäh unterbrochen, ehe das selbe Fahrwasser wieder eingeschlagen wird. Die Vocals unterscheiden sich kaum, die Gitarrenmelodien scheinen sich zu wiederholen und wirklich durchschlagend ist keiner der Songs. Es ist eher ein Wandeln auf ausgetretenen Pfaden, welches die New Yorker anbieten.

A PALE HORSE NAMED DEATH haben mit „When The World Becomes Undone“ keinen Soundtrack für die heiteren Stundes des Lebens verfasst, soviel ist klar. Mit dem Fokus auf lange Songs hat sich die Band aber etwas verzockt, zu eintönig gestalten sie sich insgesamt. Hier wäre die Chance gewesen neue Einflüsse in die Musik einzubinden, anstatt nur die bereits bekannten Strukturen auszuweiten. Dieser anhaltende Durchhänger verwehrt schließlich auch eine höhere Bewertung, trotz der erdigen Produktion und einem weiterhin guten Gespür für düstere Atmosphäre.

Rotting Christ – The Heretics

Kaum eine Band im extremen Metal hat über die Jahre eine solche Entwicklung durchgemacht wie ROTTING CHRIST: Bereits 1987 gegründet, erarbeiteten sich die Athener über viele Jahre einen hervorragenden Ruf als Black-Metal-Band. Doch ROTTING CHRIST waren sich nie zu schade, ihre Kunst zu überdenken und weiterzuentwickeln: Über das rockige „A Dead Poem“ und den pathetischen Düstermetal („Theogonia“, „Aealo“) bis hin zum bedrohlich-düsteren Meisterwerk „Rituals“ – bei ROTTING CHRIST war an Stillstand nie zu denken. Mit „The Heretics“ gerät dieses Kredo erstmalig seit langem ins Wanken.

Denn kritisch betrachtet laboriert „The Heretics“ am „I Love You At Your Darkest“-Phänomen: Wie schon Behemoth auf deren aktuellem Album, wirken auch ROTTING CHRIST vielleicht einen Zacken zu sehr um Trademark-Konservierung einerseits und Gefälligkeit andererseits bemüht. Wirklich innovativ oder gar visionär klingt auf „The Heretics“ deswegen nichts: Ein „Heaven And Hell And Fire“ etwa könnte problemlos auch ein vergessener Track aus den Aufnahmen zu „Κατά τον δαίμονα εαυτού“ oder „Rituals“ sein.

Gewiss, „The Heretics“ ist kein bloßer Wiederaufguss des Vorgängers: Vollgepackt mit Chören, Frauengesang (Irina Zybina in „Vetry Zlye“) und Spoken-Words-Parts (u.a. von Dayal Patterson) strotzt das Album nur so vor Pathos und Epik. Für den nötigen Power sorgen das gewohnt vehemente Drumming von Themis Tolis und, in technischer Sicht, der satte, kraftvolle Gesamtsound. Und für nur einen Melodielauf, wie ROTTING CHRIST hier unzählige abliefern, würde so mancher Songwriter einen Finger opfern.

Doch auf unerwartete Experimente wie das grandiose „Apage Satana“ verzichten ROTTING CHRIST diesmal – alle Neuerungen zielen vielmehr auf leichte Verdaulichkeit ab: Eingängige Melodien, getragene Riffs, und immer und überall: Chöre. Das macht die einzelnen Nummern nicht per se schlechter. Die großen Parallelen in Arrangement und Aufbau, die die Songs untereinander aufweisen, führen – anders als bei den beiden (übrigens merklich längeren) Vorgängern – über den Verlauf der nur 43 Minuten Spielzeit jedoch rasch zu Ermüdungserscheinungen. Auch nach unzähligen Durchläufen reicht etwas Unachtsamkeit, um im Album „die Orientierung zu verlieren“ – diverse Parts klingen so austauschbar, dass sie in gleich mehreren der Songs zu finden sein könnten.

Zugegeben, mit „Rituals“ hatten ROTTING CHRIST die Latte auch verdammt hoch gelegt – und von einem Fehlversuch im eigentlichen Sinne kann man bei „The Heretics“ auch wahrlich nicht sprechen. Allein, der innovative Geist, der dem Vorgänger (und schon dessen Vorgänger) innewohnte, geht „The Heretics“ komplett ab. Wo ROTTING CHRIST Anpassungen vorgenommen haben, gehen diese doch häufig in Richtung Kitsch: Hier ein Chor, dort ein Vogelgezwitscher, und dort wiederum … erneut ein Chor. Ganz neu ist das alles nicht. Gewiss, in Sachen Melodik und Groove macht ROTTING CHRIST so schnell keiner was vor – doch gerade hier haben ROTTING CHRIST, so ehrlich muss man sein, schon größeres geleistet.

Eisregen – Fegefeuer

„Die Thü.. Thü… Thü’inger!!!“ dürfte es, frei nach Asterix, der Tage wieder voller Panik durch die Gänge der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) schallen. Denn nur anderthalb Jahre nach „Fleischfilm“ legen die erklärten Freunde der Alliteration in Albumtiteln mit „Fegefeuer“ schon das nächste Album nach. Und ein neues EISREGEN-Album bedeutet für die Herren und Damen der BPjM erfahrungsgemäß Arbeit und Ärger: Indizierungspotenzial bieten EISREGEN-Alben ja erfahrungsgemäß immer – so auch „Fegefeuer“.

Schon der Titeltrack, der den Reigen nach den episch-orchestralen Klängen der „Vorhölle“ eröffnet, ist nichts für zarte Seelen: Dass der Erzähler hier als Satan, nicht als Mensch foltert, ändert wenig daran, dass die Folterfantasien durchaus anschaulich dargestellt sind. Dieses Muster zieht sich durch alle Texte des Albums: Sei es er Kannibalenkonditorensong „Knochentorte“, „Alice im Wundenland“, das Witz und Widerwärtigkeit vereint, oder die eher stumpfen Nummern wie „Ich mach dich bleich“: EISREGEN präsentieren sich auf „Fegefeuer“ zynisch und brutal wie lange nicht – verzichten aber, obwohl nicht auf Witz, so doch auf Blödsinn wie etwa auf „Marschmusik“ mit „Panzerschokolade“.

Auch musikalisch sind EISREGEN einmal mehr gereift: Ohne Frage ist „Fegefeuer“ – das Konzeptalbum „Fleischfilm“ mal außen vor gelassen – das vielseitigste Album der Thüringer: Während der treibende Titeltrack an „Blutbahnen“ erinnert, kann „Alice im Wundenland“ guten Gewissens als würdiger Nachfolger von „Scharlachrotes Kleid“ betitelt werden. Dazwischen prügeln EISREGEN schwarzmetallen drauf los – etwa im schon auf der EP „Satan liebt dich“ vorab veröffentlichten „Fahlmondmörder“, das nicht nur vom Titel her nach Helrunar klingt – überzeugen mit großer Melodik („Knochentorte“) oder überraschen mit ausladender Epik („Die Bruderschaft des 7. Tages“).

Ohne Frage ist nicht jedes Stück auf „Fegefeuer“ ein Hit: Gerade die geradlinigeren, schwarzmetallenen Stücke sind, verglichen mit den melodischeren Nummern, merklich unspektakulärer. Da EISREGEN-Songs jedoch über den Text oder die Musik funktionieren können, findet sich fast in jedem Song – musikalisch oder textlich – etwas, das das jeweilige Stück hörenswert macht.

Mit ihrem 13. Studioalbum zeigen EISREGEN, dass sie den Ausstieg von Bursche Lenz mittlerweile gut verkraftet haben. „Fegefeuer“ ist musikalisch wie textlich wieder merklich härter und dürfte damit vielen Fans zusagen, die mit dem stilistischen Ausreißer „Fleischfilm“ einerseits, dem eher stumpfen „Marschmusik“ andererseits nicht (mehr) so viel anzufangen wussten: Zu überraschend vielschichtiger Musik wird hier gemeuchelt und geschändet, dass es eine wahre Freude ist. So muss das bei EISREGEN – wenngleich das die Herren und Damen der BpjM wohl anders sehen mögen.

In The Woods… – Cease The Day

Das Comeback der norwegischen Avantgarde-Metaller IN THE WOODS… im Jahr 2014 erwies sich in den darauffolgenden Jahren als äußerst prekäre Angelegenheit. Zum einen fielen die Reaktionen auf „Pure“, die erste Full-Length-Platte seit „Strange In Stereo“, wegen des allzu biederen, monotonen Sounds gespalten aus, zum anderen hatte die Band auch hinter den Kulissen mit Unstimmigkeiten zu kämpfen. So kam es, dass sich die Botteri-Brüder verabschiedeten und vom Original-Line-Up nur noch Schlagzeuger Anders Kobro zurückblieb – IN THE WOODS… standen abermals am Scheideweg. Trotz dieser Widrigkeiten konnten sich Kobro und Frontmann James Fogarty noch einmal zusammenraufen und mit „Cease The Day“ ein weiteres Album kreieren.

Als hätten sich IN THE WOODS… der Meinung jener Kritiker angeschlossen, denen der eher herkömmliche Doom Metal von „Pure“ zu langweilig war, wurde bereits im Vorhinein eine weitere Neuausrichtung in Aussicht gestellt. Als musikalisches Tagebuch der vergangenen zwei, vom Chaos beherrschten Jahre solle „Cease The Day“ in seinen explosiveren Momenten sogar an das hochgelobte Debüt „Heart Of The Ages“ heranreichen.

Davon ist anfangs noch nichts zu merken: „Empty Streets“ beginnt mit sanftmütigen Flöten, Fogartys trübsinnigem Gesang und Naturgeräuschen, darauf folgen die schleppenden Gitarren und Drums sowie die Retro-Keyboards, die bereits das Vorgängeralbum ausmachten. Nach einer Weile überraschen IN THE WOODS… schließlich doch noch mit getragenem Tremolo-Picking, Double-Bass-Drums und sogar Schreigesang, der entfernt an die garstigen High-Pitched-Screams von Trevor Strnad (The Black Dahlia Murder) erinnert. Dieser Stilmittel bedienen sich die Norweger auch später noch mehrmals, wobei das treibende, im Gesamtkontext aufgrund seiner Live-Attitüde jedoch leider eher unpassende „Transcending Yesterdays“ den eindeutigen Höhepunkt darstellt.

So richtig überwältigen will das Ganze letztlich aber doch nicht, es fehlt hier nach wie vor an Biss und Einfallsreichtum. Um die immer noch vorherrschenden Doom-Passagen ist es leider kein bisschen besser bestellt. Zwar gelingt es IN THE WOODS… auf manchen Tracks ganz gut, ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen, wie etwa mithilfe der mysteriösen Piano-Töne und Akustikgitarren auf „Cloud Seeder“, doch der Großteil der Platte scheint auf abgenutzten 08/15-Strukturen aufzubauen. Als Resultat gehen die Songs zwar halbwegs schnell ins Ohr, hinterlassen aber einen unerfreulich faden Beigeschmack.

Eigentlich haben IN THE WOODS… ihre hochtrabenden Versprechen gehalten – ihr mittlerweile fünftes Album ist hinsichtlich Vielfalt und Intensität einen Schritt weiter als „Pure“. Umso enttäuschender ist es daher, dass die einstmals so einzigartigen Avantgarde-Metaller ein weiteres Mal mit derart blutleeren, halbgaren Stücken an die Öffentlichkeit treten. Die ruhigeren und die härteren Abschnitte harmonieren hier einfach nicht und sind jeweils für sich betrachtet größtenteils langatmig. „Cease The Day“ fängt stark an und endet stark, dazwischen liegt unglücklicherweise viel zu viel Austauschbares. Wer sich mit „Pure“ anfreunden konnte, wird es hiermit vermutlich auch können – alle anderen sollten sich den Kauf gründlich überlegen.

Acarash – In Chaos Becrowned

Okkultismus, Satanismus und zugehörige Rituale genießen im Rock und Metal seit jeher einen hohen Stellenwert. Dabei reicht das Spektrum vom bloßen Spiel mit diesen Themen und dem Image (z. B. Blood Ceremony) bis hin zu ernsthafter, religiöser Vertiefung und Verbreitung okkulter Aspekte (Behemoth, Watain, The Devil’s Blood). Häufig genug ergehen sich Musiker aber auch in lächerlichen Selbstdarstellungen und versuchen, ihrem einfallslosen Sound durch möglichst obskure Verbindungen zu Dämonen und Geistern das gewisse Etwas zu verleihen. ACARASH aus Norwegen  wandeln auf dem schmalen Grat zwischen fundiertem Okkultismus und rituellem Mummenschanz. Nach eigener Aussage stellen die Songs auf ihrem Debüt „In Chaos Becrowned“ vertonte Rituale aus dem Alltag der Band dar. So weit, so seltsam.

Aber auch musikalisch sind ACARASH Grenzgänger. Dabei aber nicht wirklich im positiven Sinne. Von Anfang bis Ende der Scheibe fühlt man sich nämlich durchgehend an eine andere norwegische Band erinnert: Riffs, Gesang und die Stimmung der Gitarren klingen fast eins zu eins nach Satyricon ab der „Now Diabolical“-Ära. Die Songs sind dabei aber deutlich primitiver und archaischer, als das was Satyr und Frost so aus dem Ärmel schütteln und lassen vor allem Hooks der Marke „K.I.N.G.“ oder „Our World, It Rumbles Tonight“ vermissen. ACARASH zimmern ihre Songs hauptsächlich aus Black ’n‘ Roll und schleppendem Doom zusammen, wobei beide Elemente in nahezu jedem Song fast gleichberechtigt vertreten sind.

Wirkliche Highlights oder Anspieltipps lassen sich nicht wirklich finden, dafür fehlen aber auch echte Totalausfälle. Der Opener „Cadaver Dei“ geht in den rockigen Parts ordentlich nach vorne, haut im Mittelpart aber die Doom-Bremse rein. „Shadows Roam“ punktet mit einem coolen Black-Metal-Einstieg, kopiert aber danach auch wieder schleppende Satyricon-Riffs. Lediglich „Sacrifice The Winter Wolf“ hat eine gewisse Kälte und Atmosphäre, die rein gar nichts mit dieser gewissen anderen Band aus Norwegen zu tun haben, sondern nach ACARASH klingen. An sich gleichen sich die einzelnen Tracks auf „In Chaos Becrowned“ aber sehr. Es gibt keine Melodien oder Tonfolgen, die sich ändern oder im Kopf des Hörers festsetzen könnten, stattdessen serviert die Band Immer die gleichen schleppenden bis rockigen Riffs, die man aber alle irgendwie schon mal auf „Now Diabolical“ oder „Satyricon“ gehört hat.

Unterm Strich bleibt ein Album, das nicht überragend aber auch nicht wirklich schlecht ist. Fans von stoischem Songwriting und einem sehr okkulten Image dürften an „In Chao Becrowned“ ihre Freude haben. Die anderen sollten lieber zu genannten Satyricon-Alben greifen.

Eisregen – Satan liebt dich (EP)

EPs haben im Hause EISREGEN Tradition. Dabei können die Thüringer sowohl auf einige mehr als gelungene Veröffentlichungen zurückblicken – man denke nur an die legendäre „Hexenhaus“-EP oder die absolut gelungene „Flötenfreunde“ (2014). Unter den EPs waren allerdings auch schon einige CDs aus der Kategorie überflüssig – die „Eine erhalten“-EP (2007) etwa, oder die „Brummbrär“-EP von 2015, die eigentlich kaum mehr als eine Single war. Nun erscheint mit „Satan liebt dich“ der nächste Kurzspieler aus dem Hause EISREGEN, der die Wartezeit bis zum nächsten Studioalbum „Fegefeuer“ verkürzen soll, das Ende Oktober 2018 erscheint.

Allein, „Satan liebt dich“ ist nicht eben ein leicht bekömmlicher Appetizer: Entweder wird „Fegefeuer“ nämlich komplett anders klingen als das hier gebotene Material, oder viele Fans kalt erwischen. So erinnert „Fahlmondmörder“ als waschechte Black-Metal-Nummer bisweilen gar an Bands wie Helrunar, ehe Roth im Refrain mit seinem charakteristischen Klargesang aufwartet. Dagegen fällt der Titeltrack überraschend ruhig aus – der eher lahme Text vermag den Raum, den die puristische Komposition lässt, jedoch nicht adäquat auszufüllen.

Das ist bei „Onkel Fritze“ leider nicht viel anders: Auch hier fehlt der Witz, der die wirklich guten Texte von EISREGEN stets auszeichnete, völlig. Stattdessen kommt das Stück in der EISREGEN-Version „Onkel Fritze“, wie auch der von Yantit mit eigenen Lyrics eingesungenen Alternativversion „Menschenmetzger Fritz“ musikalisch und textlich ziemlich plump daher.

Auch das Pungent-Stench-Cover „For God Your Soul“ ist als Mix aus Grindcore und Death Metal im EISREGEN-Kontext stilistisch eine Überraschung. Allerdings nur das, denn ansonsten weiß die Interpretation nicht wirklich zu überraschen. Anders das in umgekehrter Konstellation eingespielte „Mein Eichensarg“: Das von Schirenc (Pungent Stench) eingespielte, elektronisch-verspulte EISREGEN-Cover ist,  wie das abschlißende EISREGEN-Medley „13 russische Krebsschweine“ tatsächlich doch noch recht unterhaltsam.

Herausreißen können EISREGEN es damit aber nicht mehr. Am Ende fällt „Satan liebt dich“ definitiv in die Kategorie der verzichtbaren EISREGEN-EPs: Wenn hier auch ausschließlich neues, bislang unveröffentlichtes Material geboten wird, weiß schlussendlich allenfalls das ruppige „Fahlmondmörder“ halbwegs zu überzeugen. Schade, denn dass EISREGEN auch ganz anders können, hatten sie ja nicht erst mit ihrem 2017er-Meistwerk „Fleischfilm“ klar gemacht.