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Behemoth – I Loved You At Your Darkest

Der BEHEMOTH-Fan als solcher war lange ein verwöhnter Mensch. Man muss gar nicht bis in die graue Black-Metal-Vorzeit der Band zurückblicken, um sich an die produktiven Jahre der Polen zu erinnern: Die drei Jahre zwischen „Demigod“ und „The Apostasy“ waren schon viel, nachdem BEHEMOTH zuvor (mindestens) in jedem geraden Jahrgang mit einem neuen Album um die Ecke gekommen waren. Diese Zeiten sind vorbei: Viereinhalb Jahre brauchten Nergal und Konsorten für „The Satanist“, weitere viereinhalb Jahre dessen Nachfolger, „I Loved You At Your Darkest“.

Wer das düstere, in sich geschlossene Meisterwerk, das „The Satanist“ war, noch im Ohr hat, fragt nicht weiter, warum. Entsprechend leitet sich nicht nur aus dem übermächtigen Vorgänger, sondern auch aus der neuerlich langen Wartezeit eine enorme Erwartungshaltung ab – zumal BEHEMOTH schließlich noch nie enttäuscht haben.

Die Zeichen stehen gut: Bereits vor dem ersten Ton gilt es, das düstere, klassische und doch moderne Artwork zu loben. Für sich genommen, aber auch als Teil des perfekt zu Ende gedachten visuellen Bandkonzeptes, das BEHEMOTH auf ihrem Weg zur aktuell wohl angesagtesten Extreme-Metal-Band mindestens so weitergeholfen hat wie ihre musikalische Vision. Diese ist auch auf „I Loved You At Your Darkest“ klar erkennbar: War das Ziel des Vorgängers noch maximale Kohärenz, eine dichte, von Anfang bis Ende aufrecht erhaltene Düsternis, versuchen sich BEHEMOTH nun an einem Mix aus majestätischer Epik und wilder Raserei.

Einen ersten Hinweis darauf gibt bereits das Intro „Solve“, in dem ein aufgebrachter Kinderchor und wuchtige Akkorde das Album einläuten. Auch im weiteren Albumverlauf prägen Chöre als fast in jedem Song wiederkehrendes Element die Atmosphäre. Ob es aber wirklich in jedem zweiten Song eines Chors bedurft hätte, sei jedoch dahingestellt – zumal der Effekt mal besser, mal schlechter funktioniert. Während der Opener „Wolves Ov Siberia“ mit seiner Mixtur aus „The Apostasy“-Flair, Furor und Pathos in unter drei Minuten alles vereint, was einen guten BEHEMOTH-Song ausmacht, wirken die Chöre spätestens in „Sabbath Mater“ etwas abgenutzt.

Leider gilt das auch für den generellen Stil des Albums: Löblich, dass BEHEMOTH einmal mehr einen dezenten Kurswechsel wagen. Die gewählte Richtung aus „eingängiger“, „epischer“ und „trotzdem bandtypisch“ sorgt dafür, dass „I Love You At Your Darkest“ zwar keinen Fan unglücklich macht, über seine 47 Minuten hinweg aber auch nicht durchgehend spannend bleibt.

Zwar spielen BEHEMOTH zwischendurch ziemlich lässig auf, etwa mit ruhigen Gitarren und lockeren Arrangements, in denen den Gitarrensoli ganz ohne begleitende Riffs viel Platz eingeräumt wird („Bartzabel“, „Sabbat Mater“). Vieles von dem, was man gerade in der zweiten Hälfte von „I Loved You At Your Darkest“ zu hören bekommt, ist jedoch BEHEMOTH-Standardkost: Immer noch Death Metal auf höchstem Niveau, für jeden, der die vorigen Alben kennt, aber keine große Überraschung.

Am Ende hinterlässt „I Loved You At Your Darkest“ gemischte Gefühle. Während die gesamte Umsetzung, von Infernos Weltklasse-Drumming bis hin zum schlichtweg perfekten Sound über jeden Zweifel erhaben ist, will zu der Musik im Kopf kein so schlüssiges Bild entstehen wie bei dem maximal düsteren Vorgänger. Mal brutal, mal fast kitschig, wirkt es mitunter, als wollten BEHEMOTH mit „I Loved You At Your Darkest“ den Spagat wagen, sich einer breiteren Hörerschaft zu öffnen, ohne allzu viel ihrer Härte einzubüßen. Das Resultat ist das vielleicht vielseitigste BEHEMOTH-Album seit „Thelema.6“ – aber auch das zerfahrenste.

Behemoth – Evangelion

Lediglich zwei Jahre nachdem BEHEMOTH mit „The Apostasy“ endgültig den Sprung aus dem Untergrund in die Spitze des Death Metal geschafft hatten, legten die Polen bereits ihr nächstes Album nach. Auf diesem sollten sich die Mannen um Fronter Nergal noch einmal deutlich vielschichtiger zeigen und ihren Sound auch stilistisch öffnen. So wurde „Evangelion“ zu einer Zäsur in der Geschichte der Band.

Dabei beginnt die Scheibe mit „Daimonos“ in ganz gewohnter Manier mit einer heftigen Abrissbirne. In die kalten Stürme aus Blastbeats mischen sich aber bereits die ersten erhabenen Melodien, die das gesamte Album durchsetzen und in der Folge zu einem der Trademarks BEHEMOTHs werden sollten.

Technisch über jeden Zweifel erhaben, loten die Danziger auf den gut 40 Minuten von „Evangelion“ das Feld zwischen dem episch-melodischen und brutalen Ende ihres Klangspektrum aus. So ist „Shemhamforasch“ ein Blastfest, wie es auch auf „Demigod“ oder „The Apostasy“ wunderbar gepasst hätte, wohingegen „Ov Fire And Ov The Void“ mit einem überragend epischen Intro begeistert. Zudem wartet dieser Song mit einem unwiderstehlichen Groove auf, sodass der Track zweifellos der größte Hit auf „Evangelion“ ist.

Genau diese Epik – gepaart mit der technischen und kompositorischen Brillanz – ist es auch, die BEHEMOTH von Gernekollegen wie ihren Landsleuten Vader abhebt. Selbst Genregrößen wie Nile traut man es kaum zu, Brutalität wie während „He Who Breeds The Pestilence“ oder „Transmigration Beyond Realms Ov Amenti“ mit einer unfassbaren Flüssigkeit zu versehen und somit zu Songs zu formen und nicht zu Blastorgien verkommen zu lassen.

Zudem deuten BEHEMOTH mit „Alas, The Lord Is Upon Me“ bereits an, wohin die Reise gehen sollte, da dieser Song erst in den letzten 30 Sekunden mit Blasts aufwartet und vorher den Hörer mit der erzeugten Stimmung in seinen Bann zieht. Allerdings ist auch hier die Geschwindigkeit recht hoch, wie auch auf dem Rest des Albums (abgesehen vom Closer „Lucifer“), sodass man sich bisweilen ein wenig mehr Variation des Tempos wünscht – so man denn zwingend etwas kritisieren will.

Letztlich ist „Evangelion“ das Album, mit dem BEHEMOTH ein neues Kapitel in ihrer Karriere aufschlugen. So hielten mehr Melodien und Epik Einzug in den Klang der Polen, ohne dabei allerdings Kompromisse in Sachen technischem Anspruch und Brutalität einzugehen. So ist auch das neunte Album letzten Endes eine (weitere) absolute Machtdemonstration, mit der BEHEMOTH verdeutlichen, wie weit sie der Konkurrenz voraus sind.

Aborted – TerrorVision

Man mag es kaum glauben, aber ABORTED haben im Vorfeld der neuen Scheibe tatsächlich nur einen Neuzugang zu vermelden, nämlich Basser Stefano Franceschini. Nach so einigen Besetzungswechseln in den letzten Jahren scheint die Band nun endlich eine gewisse Stabilität erreicht zu haben. Und dass diese dem Sound der neuen Scheibe mehr als nur guttut, steht außer Frage. Mit „TerrorVision“ legen die Belgier nämlich eine Scheibe vor, die sicherlich zum Besten gehört, was man in diesem Jahr im Genre Death Metal zu hören bekommen wird.

Knapp zwei Jahre nach dem überragenden „Retrogore“ machen ABORTED genau da weiter, wo sie aufgehört haben. Bereits das gelungene Cover von Pär Olofsson macht ordentlich Lust auf die Scheibe und ist ABORTED pur. Und auch die Songs der neuen Platte sind typisch für die Belgier, vereinen sie doch von brutalen RIffs, derben Breaks und walzenden Passagen alles, wofür die Deather stehen. Wirklich viel Neues gibt es also nicht zu entdecken, aber das muss ja auch nicht immer sein. „TerrorVision“ bietet brutalen Death Metal auf hohem Niveau, aber ohne dass die Tracks ins Progressive oder Technische abdriften.

Aber natürlich heißt das nicht, dass es keine typischen Hochgeschwindigkeits-Riffs und Soli gibt. Im Titeltrack wird dieses zum Beispiel von Siro Anton von Septicflesh beigesteuert. Auch  „Altro Inferno“ fegt in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit über den Hörer hinweg und zeigt, dass die Jungs auch nach 23 Jahren Bandgeschichte nicht müde geworden sind. Besondere Highlights sind die melodischen Parts und fast schon catchy Hooks einiger Tracks. Sei es nun „Vespertine Decay“ oder „Exquisite Covinous Drama“, Songs wie diese erweitern das Repertoire der Belgier um einige spannende Aspekte. Aber auch Fans von Stumpf-ist-Trumpf-Geballer kommen auf ihre Kosten, „Deep Red“ gehört zum brutalsten und einfachsten, was ABORTED bisher veröffentlicht haben. Schließlich verdienen auch die Lyrics eine genauere Betrachtung. Wurden auf „Retrogore“ noch Horrorfilm-Klassiker der 80er-Jahre gefeiert, haben die Texte diesmal eine tiefere Bedeutungsebene. Vordergründig ergehen sich ABORTED immer noch in Gore- und Horror-Themen, verpacken darin aber auch eine gewisse Kritik an und Abrechnung mit der moderen Gesellschaft. Eine recht ungewohnte Thematik für eine Band wie diese.

Sucht man Kritikpunkte an „TerrorVision“, so findet man sie wohl vor allem in der zu glatten Produktion der Scheibe. Etwas mehr Rohheit und Dreck hätte den Songs besser zu Gesicht gestanden. Alles in allem zementieren ABORTED aber mit „TerrorVision“ ihre Machtposition in der Death-Metal-Szene. Wenn es die Jungs schaffen, das Line-up so konstant zu halten und die neueren Elemente weiter ausbauen, könnten ABORTED auf den Zenith ihres Schaffens zusteuern.

Deicide – Overtures Of Blasphemy

Da ist er also wieder, der Urvater der medienwirksamen Blasphemie. Mit auf der Stirn eingebranntem umgekehrtem Kreuz verstörte Glenn Benton schon in den frühen Neunzigern das amerikanische Bürgertum, Berichte über das Töten von Tieren ließen Tierschützer gegen seine Band Sturm laufen und in Schweden wurde ein Konzert sogar von der Explosion einer Bombe begleitet. Aufhalten konnte das DEICIDE freilich nicht – vielleicht, weil sie „One With Satan“ sind, wie der Opener ihres neuen Werkes „Overtures Of Blasphemy“ nahelegt?

Fakt ist definitiv, dass Benton und seine Kollegen auch auf ihrem zwölften Studioalbum dem großen Verderber huldigen und umgekehrt kein gutes Haar am christlichen Gott lassen. Soweit also alles wie immer. Neu ist auf „Overtures Of Blasphemy“ Mark English, seines Zeichens ebenfalls Gitarrist bei Monstrosity, der gemeinsam mit Kevin Quirion die Sechssaiter bearbeitet, während Steve Asheim in gewohnter Manier sein Schlagzeug mustergültig zu Kleinholz blastet.
Beeindruckend an „Overtures Of Blasphemy“ ist, wie lässig die Band den Stil des Vorgängers „In The Minds Of Evil“ fortsetzt und zugleich ihren knallharten Death Metal immer wieder mit einer Portion Highspeed-Thrash („Excommunicated“), ein paar Melodien im Stile von „The Stench Of Redemption“ („Flesh, Power, Dominion“) oder Midtempo-Passagen („Destined To Blasphemy“) versetzt. So bleibt die Scheibe, auf der sich 38 Minuten Spielzeit auf 12 Songs verteilen, stets interessant, gerade weil es zwischendurch auch einfach mal eine stumpfe Abrissbirne wie „All That Is Evil“ gibt. Zudem ist die Arbeit der Leadgitarren auf Songs wie „Seal The Tomb Below“ sehr beachtlich – auch das ein Markenzeichen von DEICIDE.
Das liest sich nun wie eine klassische Alles-wie-immer-Platte. Das ist „Overtures Of Blasphemy“ auch durchaus – allerdings auf sehr hohem Niveau, sodass man es DEICIDE auf keinen Fall übel nimmt, dass sie nicht mit großen Experimenten aufwarten. Tatsächlich ist eher das Gegenteil der Fall. Denn von einer so etablierten Band erwarten die Fans eben genau das, was sie bereits kennen und lieben. Und das liefern Benton und seine Mannen auch 2018 wieder ab.

So lässt sich letztlich festhalten, dass DEICIDE auch fünf Jahre nach ihrem letzten Album noch nicht müde geworden sind, Gott zu lästern und den Gehörnten zu preisen. Gegossen in trockenen und knüppelharten Death Metal ganz alter Schule liefern die Herren aus Florida auch mit „Overtures Of Blasphemy“ eine Scheibe ab, die all ihre Fans zufriedenstellen dürfte und gleichzeitig auch Genre-Neulinge für die Truppe begeistern kann, da es tatsächlich das beste DEICIDE-Album seit gut einer Dekade ist.

Lelahell – Alif

Redouane Aouameur, Jahrgang 1976, gehört zu den Urvätern des Metal in Algerien: Seit den 90er-Jahren ist er in der Szene aktiv, seit 2010 vornehmlich mit seinem Projekt LELAHELL. Vier Jahre nach dem Debüt „Al Insane ​.​.​. The (Re​)​Birth of Abderrahmane“ (2014) erscheint nun das über Crowdfunding finanzierte zweite Album. Unterstützt wurde Aouameur – selbst Gitarrist, Bassist und Sänger von LELAHELL – dabei von dem deutschen Schlagzeuger Hannes Grossmann.

Dass Aouameur ausgerechnet Grossmann für das Projekt begeistern konnte, spricht bereits Bände. Schließlich ist der gebürtige Nürnberger seit Kurzem festes Mitglied der US-Deather Hate Eternal und war auch zuvor schon bei einigen namhaften Bands involviert (Necrophagist, Obscura) oder zumindest als Live-Drummer angestellt (Dark Fortress, Thulcandra). Für mittelprächtigen Underground-Kram braucht sich der Mann wahrlich nicht mehr herzugeben.

Den daraus resultierenden Erwartungen an die generelle Qualität wird „Alif“ dann auch durchaus gerecht: Nicht nur Grossmann am Drumkit hat hier die von ihm erwartete Spitzenperformance abgeliefert – auch sonst kann „Alif“ bezüglich aller technischen Aspekte punkten. Hinter dem spannenden Cover verbirgt sich ein Album, das durch einen dichten, aber doch differenzierten Sound ebenso überzeugt wie durch die Performance von Redouane Aouameur an Gitarre und Mikrophon. Während er auf den sechs Saiten das eine oder andere flinke Solo hinlegt, haucht er „Alif“ mit seinem Gesang Leben ein: Mal werden die durchwegs auf Arabisch verfassten Texte bösartig gefaucht, mal wird kraftvoll gegrowlt.

Den Stücken kommt diese Vielfalt sehr zugute. Vom musikalischen Grundgerüst her steht bei LELAHELL nämlich sehr geradliniger Death Metal auf dem Programm, der jedoch – obwohl nie mit dem Zaunpfahl gewunken wird – seine Herkunft nicht verheimlicht. So klingen die Riffs (wenngleich stets genretypisch schnörkellos) bisweilen durchaus arabisch angehaucht. Das macht „Alif“ zwar zunächst interessanter als die durchschnittliche Death-Metal-Veröffentlichung aus Berlin, Bremen oder Buxtehude, reicht aber alleine nicht ganz aus, um das Album auf die volle Länge spannend zu halten. Anders als etwa bei den ebenfalls orientalisch inspirierten Melechesh oder auch die ägyptophilen Nile bleibt von LELAHELL leider wenig im Ohr – nicht zuletzt, weil den Songs die letzte Eingängigkeit abgeht: Zu oft wirken die Riffs eher aneinandergereiht denn aufeinander abgestimmt, so dass den Stücke der mit dem einen Riff aufgenommene Schwung schon beim Nächsten wieder verloren geht.

Durch Individualität und Wiedererkennungswert ein echtes Ausrufezeichen zu setzen, gelingt LELAHELL leider nur in Maßen: Unterm Strich ist „Alif“ ein mehr als solides Death-Metal-Album, das allerdings unspektakulärer klingt, als man zunächst vielleicht gedacht hätte. Macht man sich jedoch von der wohl auch ungerechten Erwartungshaltung los, jede Band aus der arabischen Welt müsse automatisch „exotisch“ klingen, kann man LELAHELL zu einem vielleicht nicht extraordinär spektakulären, aber doch gelungenen zweiten Album gratulieren.


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Sinsaenum – Repulsion For Humanity

Viele dürften das „Allstar-Projekt“ SINSAENUM mit seinem Debüt „Echoes Of The Tortured“ (2016) für eine Eintagsfliege gehalten haben: Kaum vorstellbar, dass Frédéric Leclercq (Dragonforce), Sean Zatorsky (Dååth), Attila Csihar (Mayhem), Stéphane Buriez (Loudblast), Heimoth (Seth) und Joey Jordison (Vimic) gemeinsam genügend Zeit finden würden, das Projekt dauerhaft am Leben zu erhalten. Doch SINSAENUM straften alle Zweifler Lügen: Bereits 2017 erschien die EP „Ashes“, nun, wieder nur ein Jahr später, steht das zweite Studioalbum ins Haus. Die letzten Zweifel an der Ernsthaftigkeit, mit der SINSAENUM die Sache betreiben, dürfte dann die Europatour im Herbst ausräumen.

Während das zugegebenermaßen auf technisch höchstem Level leider recht belanglose Debüt den durch die prominente Besetzung geweckten Erwartungen noch nicht ganz gerecht wurde, hatten SINSAENUM ihren Stil bereits auf „Ashes“ merklich verfeinert. Doch das war erst der Anfang, wie es scheint. Auf „Repulsion For Humanity“ zeigen sich SINSAENUM nämlich mitunter von einer gänzlich neuen Seite.

Der Grundtenor bleibt natürlich der gleiche: Bereits mit dem das Album eröffnenden Titeltrack knallen SINSAENUM den Hörern einen knackigen Death-Song vor den Latz: Die griffigen Midtempo-Riffs und bissigen Growls geben der Nummer einen Hauch von Kataklysm, dazu gesellen sich gelegentliche flinke Leadgitarren-Einsprengsel und Uptempo-Passagen, die den Tech-Aspekt hineinbringen. Soweit, so erwartbar – lagen im Riffing und der technischen Brillanz ja bereits beim Debür klar die Stärken der Band.

Doch was „Repulsion For Humanity“ ausmacht, ist das merklich weiterentwickelte Songwriting, das sowohl die einzelnen Songs wie auch deren Zusammenstellung auf ein ganz neues Level hebt: In „Final Resolve“ gehen eher schleppend zu Werke, „Sworn To Hell“ kommt mit unverkennbarem Thrash-Einschlag daher, „I Stand Alone“ geht mit einem fetten Mainriff und stimmungsvoll-düsterem Cleanpart hingegen eher in die Sludge-Richtung. In „Rise OF The Light Bearer“ finden sich epische Soli und dezente Chöre, in „Manifestation Of Ignorance“ hingegen drehen SINSAENUM den Temporegler zunächst bis in den Doom-Bereich (inklusive Klargesang!) nach unten, um ihn später mit einem Schlag auf Anschlag zu schieben. Die Aufzählung ließe sich bis Track elf fortführen – tatsächlich klingen zwar alle Songs irgendwo nach SINSAENUM, jedoch kein Stück wie das andere.

Wer das Debüt gehört hat, weiß, wie dass diese Entwicklung gar nicht hoch genug gewertet werden kann: Klang „Echoes For The Tortured“ bisweilen noch oft nach „Schema F“ und Reißbrett-Kompositionen, hört man auf „Repulsion For Humanity“ eine Band in perfektem Zusammenwirken. Dass Attila aus terminlichen Gründen nicht an den Aufnahmen mitwirken konnte, ist zwar ein kleiner Wermutstropfen, da der gebürtige Ungar stets für eine Prise Irrsinn gut ist, wird durch die durchweg starke Leistung der restlichen Truppe jedoch voll aufgefangen.

Wirklich beeindruckend, so dass er keinesfalls unerwähnt bleiben darf, ist das schwarzmetallen angehauchte „My Swan Song“: SINSAENUM gelingt es, den Hörer hier über acht Minuten lang bei der Stange zu halten und ihm, ganz nebenbei, mit dem sich ganz langsam anbahnenden Refain und der dazugehörigen, getragenen Melodie noch einen massiven Ohrwurm einzupflanzen.

Spätestens, als SINSAENUM das Album mit dem Neunminüter „Forsaken“ mit dem längsten Stück des Albums ausklingen lassen und in diesem Grande Finale auch noch mit Elementen des symphonischen Black Metals sowie bislang ungehörter Eleganz in den Leadmelodien aufwarten, ist klar: „Repulsion For Humanity“ ist nicht das Produkt eines aus Bierlaune oder Langeweile gegründeten Projektes. Vielmehr steht hinter SINSAENUM eine klare Vision und voller Einsatz – anders ist ein solches Meisterwerk in Sachen Vielfalt, Atmosphäre und Komposition, aber auch vertonter Aggressivität und technischer Brillanz nicht zu vollbringen.

Theotoxin – CONSILIVM

Blackened Death Metal ist eines dieser Genres, in denen es wenige Bands zu wirklicher Größe geschafft haben. Nach wie vor wird die Musik von Behemoth, Belphegor und Necrophobic angeführt. Zwar existieren viele derartige Bands im Underground, aber der große Durchbruch bleibt fast allen verwehrt. So geht es wohl auch THEOTOXIN, die allerdings nach ihrer Gründung vor zwei Jahren noch Newcomer sind – also alles steht noch offen. Mit „CONSILIVM“ hat die Formation aus Wien nun ihr zweites Album nach ihrem letztjährigen Debüt „ATRAMENTVM“ vorgelegt.

Gemessen an der Musik braucht sich das Quintett jedenfalls nicht vor den Legenden der Szene verstecken: Auch ihr Blackened Death Metal brettert mit ordentlicher Wucht aus den Boxen und besitzt klares Hitpotential. Obgleich die meisten Songs auf einem Fundament üblicher Hochgeschwindigkeits-Blastbeat-Teilen aufgebaut ist – die die topfitten Musiker mit mustergültiger Präzision aufgenommen haben – finden sich zwischendrin immer dringend notwendige Melodien und auch mitreißende, groovende Riffs. So weit haben die fünf Österreicher auf jeden Fall schon mal ihre Hausaufgaben gemacht.

Der Opener „Deus Impostor“ ist dafür genauso gut Beispiel wie das fetzige „Apokatastasis“. Wird das Tempo mal gedrosselt, wie etwa in „Chant Of Hybris“, säuft die Band nicht ab, sondern schlägt sich auch im Getragenen souverän. In „Somnus Profanus“ kommen dann noch Cleangitarren zum Einsatz – das war es dann aber im Großen und Ganzen mit abwechslungsreicheren Experimenten. Wer sich „CONSILIVM“ zulegt, dem muss klar sein, dass das Gaspedal hier voll durchgedrückt wird und es nur wenig Zeit zum Verschnaufen gibt. Einzig (abgesehen vom kurzen Outro-Track) das träge und leider auch nicht sonderlich spannend geratene „Hexenflug und Teufelspakt“ verzichtet gänzlich auf die bewährten Blastbeat-Schrammeleien.

Wobei sich THEOTOXIN allerdings selbst keinen Gefallen getan haben, ist die Produktion des Albums. Vorteilhaft ist die bereits erwähnte Präzision, mit der die dadurch untereinander perfekt abgestimmten und groovenden Instrumente eingespielt wurden. Doch auch das kann nur bedingt verhindern, dass die Gitarren einfach immer ein wenig zu dünn klingen. Die Instrumente können zwar dank Transparenz untereinander problemlos differenziert werden, aber insgesamt fehlt immer ein bisschen der Druck hinter all dem. Dass zudem der Schlagzeugsound, insbesondere die Snare, sehr blechern klingt, kommt dem Album gerade in den etlichen Blastbeat-Teilen nicht gerade zugute.

Doch man gewöhnt sich glücklicherweise schnell an den Sound des Albums und kann sich an der kompetent vorgetragenen Musik erfreuen. Gerade Bands wie THEOTOXIN hätten es verdient, in den oberen Ligen ihres Genres mitzuspielen. So kann man nur hoffen, dass die Truppe sich mit „CONSILIVM“ eine größere Hörerschaft erspielen kann. Und wenn die Band im bisherigen Tempo weitermacht, dürfte es bis Album Nummer drei nicht allzu lange dauern.

Ataraxy – Where All Hope Fades

Neu ist die Idee, Death-Metal-Sound mit schleppender Doom-Atmosphäre zu kombinieren, nun wahrlich nicht. Dennoch scheinen beide Genres kompatibel, bringt ein derartiges Unterfangen doch ein ums andere Mal sehr ansprechende Werke hervor. Die Spanier von ATARAXY scheinen vom diesem Mix ebenfalls angetan zu sein und legen mit ihrem Zweitwerk „Where All Hope Fades“ eine stilechte Death-Doom-Platte vor.

Das Intro „The Absurdity Of A Whole Cosmos“ transportiert eine der Prämisse angemessene, durchaus atmosphärische, finstere Grundstimmung, die über schwermütige Riffs etabliert wird. Nach einer Weile schleicht sich aber der Gedanke ein, dass es nun langsam mal zu einem Ende finden könnte, denn trotz einer überschaubaren Spieldauer von knapp vier Minuten zieht sich der Track ziemlich in die Länge und stimmt somit nur bedingt auf die restliche Platte ein. Mit „One Last Certainty“ folgt der erste vollwertige Song und macht die Sache leider nicht wirklich besser. Weder die Melodien, die oftmals prominent im Vordergrund stehen, noch die Gitarrenriffs sind misslungen, wissen jedoch auch nur selten wirklich zu überzeugen. Hinzu gesellen sich arg gewöhnungsbedürftige Vocals, die auf bizarre Art und Weise an eine keifende Hyäne denken lassen, die sich jedoch, selbst wenn man ihnen noch so viel Zeit gibt, nie als wirklich gelungen herausstellen. Was bleibt, ist ein insgesamt wenig ergiebiges Hin und Her aus schnellen und getragenen Parts, dessen Titel ironischerweise passend ist, denn spätestens jetzt ist sich der Hörer in der Tat ziemlich sicher, dass sich „Where All Hope Fades“ nicht mehr zu einem Album-Highlight mausern wird.

Viel ändert sich im Grunde über die gesamte Laufzeit der Platte auch nicht mehr, sodass der erste Song eine Blaupause für alles ist, was noch folgt. ATARAXY zocken unbeirrt ihr Programm herunter und machen das spielerisch auch durchaus souverän. Leider gelingt es der Gruppe aber nicht wirklich, Songs zu präsentieren, die den Hörer nachhaltig packen und wieder gehört werden wollen. Gute Ansätze gehen mit der Zeit in Belanglosigkeit über und dass die letzten beiden Songs es auf eine Lauflänge von über zehn Minuten bringen, ist in diesem Fall entsprechend keine Bereicherung.

„Where All Hope Fades“ ist vielleicht, man verzeihe den Wortwitz, kein gänzlich hoffnungsloser Fall, jedoch ein zweischneidiges Schwert und eines dieser Alben, deren Einordnung eine Schwierigkeit darstellt. Grundsätzlich bilden eine gelungene und authentische Grundstimmung sowie musikalische Versiertheit der Band-Mitglieder ein stabiles Fundament, die hierauf errichteten Song-Konstrukte sind bisweilen jedoch wacklig, da es schlichtweg an wirklich zündenden Momenten fehlt und das Album insgesamt zu lang geraten ist. Schade ob der guten Ansätze.