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Zoodrake – Purified

Mit seinem neuen Projekt ZOODRAKE vermengt Sänger und Produzent Hilton Theissen (Dark Millennium, Akanoid, ex-Seadrake) Synth Pop und EDM mit Alternative Rock und Retrowave-Elementen. Anhand der Beschreibung wird schnell klar, dass hier mit genretypischen Grenzen gebrochen wird. Mit der Unterstützung seines Kollegen Silvveil hat Theissen zehn gefällige Electro-Pop-Perlen geschaffen, die der mittlerweile aufgelösten Vorgängerband Seadrake und ihrem letzten Werk „Isola“ in nichts nachstehen.

Der Titel des ersten Songs „Upgrade“ ist quasi Programm, hebt er den bereits bewährten Sound doch auf ein neues Level. In das Synth-Pop-Klangbild vermischen sich die Gitarrenmelodien wenig störend und sind doch jederzeit präsent. Dieser hoffnungsvolle Unterton ist jedoch nicht durchgängig vorhanden. Einige Songs wurden mit recht düsteren Elementen versehen („Death Bloom“, „Solitude (You Will)“). Wofür alle Stücke gemeinsam stehen, ist ihr Hang zu ohrwurmtauglichen Refrains und tanzbaren Beats. Eine kleine Ausnahme bildet hier das abschließende „I Am The Drake“, das sehr Industrial-Metal-lastige Züge in sich trägt.

Die Vocals passen sich der jeweiligen Atmosphäre sehr gekonnt an und bieten sehnsüchtige Momente („Lasting“), einen lieblichen Kinderchor („Faster“) oder kraftvolle, fast aggressive Parts („I Am The Drake“). Mix und Mastering spielen im Gesamtbild von „Purified“ eine wichtige Rolle, hat Frontmann und Produzent Hilton Theissen hier doch ganze Arbeit geleistet. Mal ebben Melodieanteile zugunsten des Gesangs ab, um dann wieder in instrumentalen Parts kraftvoll zurückzukehren. Hier schlägt die langjährige Erfahrung des Südafrikaners durch, der bereits u. a. für Paul Raven (Ministry, Killing Joke) tätig war.

Wer Synth Pop zu seinen Lieblingsgenres zählt und dabei auch nicht vor dezent rockigen Scheiben zurückschreckt, der wird mit ZOODRAKEs Debüt „Purified“ seine Freude haben. Tolle Melodien treffen auf eingängige Refrains und werden durch die dezenten Genre-Spielereien nochmals deutlich aufgewertet. Hilton Theissen kann damit den Weg seines gehaltvollen Synth Pop locker weiterführen, wenn nicht sogar intensivieren. Für das Genre zwar ein geradliniges, aber doch großes Ausrufezeichen des Jahres 2020. Die experimentellen Ansätze hätten gerne etwas weiter ausgebaut sein können. Das ändert aber nichts an der Freude, die „Purified“ einem beim Hören bereitet.

Mitochondrial Sun – Mitochondrial Sun

Spätestens seit ihrem im Jahr 1999 veröffentlichten, vierten Album „Projector“ spielen die schwedischen Melodic-Death-Metal-Vorreiter Dark Tranquillity in ihren Songs immer wieder gern mit elektronischen Elementen. Dass sich inzwischen eines ihrer Mitglieder mit einem (beinahe) gänzlich den synthetischen Klängen gewidmeten Musikprojekt selbstständig gemacht hat, kommt daher nicht allzu überraschend. Was jedoch wohl nicht jeder kommen gesehen haben dürfte, ist, dass hinter ebenjenem Electronic-Outlet mit dem Namen MITOCHONDRIAL SUN nicht etwa Keyboarder Martin Brändström, sondern Gitarrist Niklas Sundin steckt, der das Projekt gründete, um während einer Auszeit von seiner Hauptband kreativ zu bleiben und sich in neue Sound-Gefilde vorzuwagen.

Wie von einem Künstler seines Kalibers zu erwarten, handelt es sich bei dem selbstbetitelten Album, das bei Sundins Solotrip herausgekommen ist, um weit mehr als ein halbgares Experiment zum Zeitvertreib. Vielmehr ist jedes Stück, das der Einzelmusiker für MITOCHONDRIAL SUN kreiert hat, ein sowohl in sich als auch im Kontext des Albums absolut schlüssiges, gut durchdachtes Klangkunstwerk – und das, obwohl die Stilistik von Track zu Track und manchmal auch innerhalb der vollkommen gesanglosen Stücke in ungeahnte Richtungen umschwenkt.

So fängt das Album mit einem schwermütigen Pianoarrangement („Ur Tehom“) an, das bereits seit 1992 ungenutzt in Sundins Archiv auf seinen Einsatz gewartet hatte, und wartet in weiterer Folge mit tristem Cello („Chronotopes“) und sogar urtümlicher Tribal-Perkussion auf („Arkadia“). Ist die organische Instrumentierung auch keineswegs als bloßes Beiwerk, sondern sehr wohl als integraler Bestandteil der jeweiligen Songs anzusehen, so ist MITOCHONDRIAL SUN in seinem Kern doch ein Ausfluss elektronischer Musik, sodass sich Sundin vor allem in der Soundgestaltung des Albums überaus einfallsreich zeigt.

So klingt etwa „Braying Cells“ durch seine unheilvollen Synthesizer tatsächlich wie die Vertonung des im Titel angedeuteten Zellensterbens, wohingegen „Nyaga“ den Hörer mit quirligen Beats und Electro-Sounds in Beschlag nimmt und sanftere Nummern wie das verträumte „The Void Begets“ und das spacig-friedliche „Entropy‘s Gift“ durch die Weiten des Ambient-Kosmos driften. Auf dem harsch dröhnenden, ehrfurchtgebietenden und unheilvollen „The Great Filter“ verschiebt MITOCHONDRIAL SUN seinen Standpunkt im Ambient zuletzt gekonnt in Richtung Industrial und bringt das überdies hervorragend abgemischte, detailorientiert produzierte Album auf wahrhaft eindrucksvolle Weise zu Ende.

Mit „Mitochondrial Sun“ ist Niklas Sundin eine einmalige Kombination aus althergebrachter Instrumentierung und futuristischem Sounddesign gelungen, die berührt, erschüttert und fasziniert. Selbst die wenigen vergleichsweise unscheinbaren Stücke („The Void Begets“) tragen nicht unwesentlich zu dem breit gefächerten Stimmungsspektrum der Platte bei, sodass man sich im Zuge der dreiviertelstündigen Laufzeit nicht ein einziges Mal langweilt. Man kann also nur hoffen, dass Sundin neben seiner Tätigkeit als Leadgitarrist bei Dark Tranquillity auch in Zukunft noch Zeit finden wird, sich MITOCHONDRIAL SUN zu widmen und die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung weiter auszuloten. Ein solches Album verdient einen Nachfolger!

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Thief – Map Of Lost Keys

Unabhängig davon, ob man nun gläubig ist oder nicht, besteht doch kein Zweifel daran, dass die Religion im Lauf der Geschichte zahlreiche Künstler, Architekten und Musiker zu großartigen Werken inspiriert hat. Sogar im Black Metal, der sich meist als Gegner der Kirche präsentiert und doch ohne ebenjene wohl nicht einmal existieren würde, hat man inzwischen die Musik der Kapellen in Form von Chorgesängen und Orgeln für sich entdeckt. Im weitesten Sinne mag man auch THIEF, das experimentelle Musikprojekt von Dylan Neal, der zuvor bei den Avantgarde-Black-Metallern Botanist das Hackbrett spielte, als Auswuchs dieser modernen Renaissance der Kirchenmusik betrachten. Dabei könnte THIEF stilistisch von dem traditionellen Verständnis von Metal kaum weiter entfernt sein.

Obwohl Neal über seine Arbeit mit Botanist und seine Kollaboration mit Prophecy, einem Label, dessen Roster zu großen Teilen aus Black-Metal-Bands besteht, klare Bezüge zum schwarzen Genre hat, hört man diese seinem zweiten Album „Map Of Lost Keys“ nur wenig bis gar nicht an. Schreigesang, Gitarrenriffs und Blast-Beats sind in der Musik von THIEF nonexistent. Stattdessen werden die aus den verschiedensten Ländern zusammengetragenen und demnach mitunter sogar ziemlich exotisch klingenden, sakralen Gesänge hier mit jeder nur erdenklichen Form elektronischer Musik vermischt. Das Ergebnis ist ein Album voller Gegensätze, die doch auf ungeahnte Weise miteinander harmonieren, ein Album, das an Vielseitigkeit kaum zu überbieten und doch über die vollen 41 Minuten seiner Laufzeit hinweg in sich stimmig ist.

Einen einzelnen Track als repräsentativen Anspieltipp auszuwählen, ist schlichtweg unmöglich – es könnte ebenso gut jeder wie keiner sein. Mal verdingen THIEF sich mit ätherischen Ambient-Sounds („Gouging Out A Cave In Empty Sky“), mal dringt die Band in aggressive Industrial-Bereiche vor, wie etwa auf dem qualvoll ausgezehrten „Frost Breath“, und im von hektischen Rhythmen gezeichneten „Holy Regicide“, dessen Refrain sich fast schon schmerzhaft in die Gehörgänge bohrt, wähnt man sich sogar im Drum-And-Bass-Sektor. Zu den absoluten Höhepunkten des Albums zählen außerdem „Desert Djinn“, dessen ungewöhnliche Kombination aus lässigen Trip-Hop-Beats und zutiefst erhabenen Chören erstaunlich gut funktioniert, sowie „With Love, From Nihil“ mit seinen geradezu verstörend albtraumhaften, abgehackten Streicher-Samples.

Über all diesen synthetischen Verstrebungen schwebt Neals bemerkenswert intimer Gesang, der je nach Stimmung schwermütig, ausgelaugt oder sogar grotesk verfremdet klingt und damit die Inhalte seiner gleichermaßen spirituellen und persönlichen Texte nachvollziehbar zum Ausdruck bringt. Im abschließenden Siebenminüter „Spirit Archery“ fassen THIEF all ihre textlichen und musikalischen Kontraste noch einmal zusammen: Während die Strophen geradezu himmlisch klingen, beschwört die Band im Refrain mit tief verzerrten Vocals und dröhnenden Bässen noch einmal die sinistre Stimmung herauf, welche die übrigen Tracks allesamt mehr oder weniger präsent in sich tragen.

Selbst für die Verhältnisse eines so eklektisch aufgestellten Labels wie Prophecy sind THIEF ein ausgesprochen sonderbares Projekt, das wohl so manchen Fan der sonstigen Veröffentlichungen des Labels vor den Kopf stoßen wird. Gerade dieser Aufgeschlossenheit gegenüber Unkonventionellem seitens Prophecy ist es jedoch zu verdanken, dass das Label mit „Map Of Lost Keys“ eines der ganz großen, wenn nicht sogar das größte musikalische Highlight des Jahres zu Tage befördert hat. Den Amerikanern ist auf ihrem zweiten Album mit der Vereinigung des Profanen mit dem Geistlichen das scheinbar Unmögliche und damit ein Werk gelungen, das selbst Hörer, die mit Electronic- und Kirchenmusik sonst nichts anzufangen wissen, in Staunen zu versetzen vermag.

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Silence In The Snow – Levitation Chamber

Die Welt der Musik ist eine Welt voller Überraschungen und manchmal ist es gar wunderlich, an welche unerwarteten stilistischen Gestade es so manchen Künstler verschlägt. Der Schlagzeuger Trevor DeSchryver wird aufmerksamen Post-Black-Metal-Fans zum Beispiel in erster Linie aus seiner Zeit bei Deafheaven und Wolves In The Throne Room ein Begriff sein. Von den besagten Bands, bei welchen er bloß temporär oder aushilfsweise bei Live-Shows die Drumsticks führte, könnte der Sound seiner eigenen Band SILENCE IN THE SNOW jedoch kaum weiter entfernt sein. Zusammen mit Sängerin und Gitarristin Cyn M. spielt DeSchryver auf dem zweiten gemeinsamen Album „Levitation Chamber“ nämlich Musik, die irgendwo zwischen Darkwave und Post-Punk einzuordnen ist.

Trotz der andersartigen Ausrichtung von SILENCE IN THE SNOW merkt man den sieben Songs, die insgesamt eine genügsame Laufzeit von 35 Minuten ergeben, DeSchryvers Metal-Hintergrund deutlich an. Schon der bedrückende, sechsminütige Opener „Time Will Tell You Nothing“, der mit seinen kalten Keyboard-Flächen noch in die Ethereal-Wave-Richtung geht, macht mit seiner fülligen, mitunter sogar ziemlich schroffen Rhythmusfraktion hellhörig. Doch auch den schwungvolleren Tracks wie dem anschließenden „Smoking Signals“ oder „Garden Of Echoes“, in welchen die Keyboards vermehrt hinter die wie Wassertropfen perlenden Gitarren zurücktreten, gereicht das pochende Drumming zu einer geradezu pulsierenden Energie.

Diesbezüglich geben sich SILENCE IN THE SNOW zwar nicht so mechanisch polternd wie The Cure auf ihrem nihilistischen Meisterwerk „Pornography“, der unüberhörbare Kontrast zu den geschmeidigeren Gitarren und Vocals sowie die pessimistische Grundstimmung der Songs lassen aber doch das eine oder andere mal an ebenjene Klassikerplatte zurückdenken. So sehr „Levitation Chamber“ mit seinem einfallsreichen, markanten Schlagzeugspiel und seiner herausragenden Produktion, dank der die Tracks unfassbar klar und raumfüllend klingen, beeindruckt, so sehr enttäuschen SILENCE IN THE SNOW in den übrigen Teilbereichen ihres Schaffens.

Mit ihrem wehklagenden, beinahe erstickten Gesang bleibt Cyn M. konstant an ein und demselben Grundton hängen, ohne erinnerungswürdige Melodien hervorzubringen, und die sphärischen Keyboards und Gitarren werden zwar durchwegs stimmig in Szene gesetzt, lassen aber ebenfalls die zu wünschende Prägnanz vermissen. Gerade in Anbetracht des Umstands, dass SILENCE IN THE SNOW eigentlich nichts grundlegend Neues in ihr Genre einbringen, fallen die Schwächen des Songwritings umso schwerer ins Gewicht.

Schlussendlich ist „Levitation Chamber“ eines jener unglückseligen Alben, die man wirklich gerne mögen möchte, es aber nur unter gewissen Vorbehalten vermag. Mag man sich auch an dem wuchtigen Drumming und dem hervorragenden Sound, der so sauber wie destilliertes Wasser klingt, erfreuen können, so kommen SILENCE IN THE SNOW ansonsten kaum über ein solides Ergebnis hinaus. Ein paar ansprechende Passagen sind dem Duo etwa auf dem treibenden „Garden Of Echoes“ und dem lässig zurückgelehnten „Cruel Ends“ zwar gelungen, die Platte als Ganzes wird davon allerdings nur unzureichend getragen. Ihr gewiss nicht unbeträchtliches Potential haben SILENCE IN THE SNOW damit leider noch nicht ausgeschöpft.

Massiv in Mensch – Nordsjön (EP)

Im letzten Jahr lieferten MASSIV IN MENSCH mit „Am Port der guten Hoffnung“ ein über zweistündiges Werk mit den Kernthemen Windenergie, Wasser und Seefahrt ab. Eher durchwachsen präsentierte sich der Longplayer wegen der überbordenden und sich teilweise wiederholenden Inhalte. Mit der neuen EP „Nordsjön“ besinnen sich die Friesen auf acht Songs, die als clubtaugliches Extrakt der letzten Platte verstanden werden wollen. Die Überführung in club- und radiotaugliche Formate läuft aber Gefahr, schnell zu einer lauen Aufwärmung bereits vorhandenen Materials zu verkommen.

Zumindest der Opener „Rotto Nave (Club-Mix)“ kann dies zum Einstieg umschiffen. Pumpende EBM-Bässe und  treibende Melodien plus einige Industrial-Elemente machen den instrumentalen Titel zu einer schweißtreibend-tanzbaren Nummer. Ein erstes negatives Kriterium ist der Gesang von Gastmusikerin Rana Arborea: Zu pathetisch, zu erzwungen opernhaft präsentiert sich dieser in „Oceana II (Club-Mix)“. Dies gelingt im 12′-Mashup-Mix von „Monkey Islands“ bereits deutlich besser, der mit seiner Hommage an die 80er-Jahre durchaus einige interessante Akzente setzt. Die Einwürfe des namensgebenden Adventure-Spiels und des Charakters Guybrush Threepwood hätten gerne noch intensiver genutzt werden können.

Der Sprechfunk-Mix von „Van Weyden“ ist dagegen ein klassischer Club-Stampfer mit typisch-männlichem EBM-Gesang. Die beiden für diese EP neu aufgenommenen Titel „Pastis“ und „Schwarz oder weiss?“ reihen sich hinter diesen Remix gekonnt ein und befeuern so die Tanzbarkeit des vorliegenden Materials. Gerade „Pastis“ beweist, dass die instrumentalen Titel weitaus besser funktionieren als jene mit Gesang. Dies liegt vor allem an ihren einprägsamen Melodien, die zu gefallen wissen. Die jeweiligen Radio-Versionen von „Sturm“ und „Hamburg“ wirken dagegen fast wie beliebiges Stückwerk, brechen sie doch mit dem Stil der vorherigen Titel.

MASSIV IN MENSCH haben gut daran getan, das Konzept von „Am Port der guten Hoffnung“ noch einmal zu überdenken und dessen beste Songs mit neuen Versionen und passenden Neuaufnahmen auf einer acht Songs starken EP zu bündeln. Vor allem die tanzbaren Club-Versionen passen weitaus besser zum Konzept der Norddeutschen und werden daher auch sicherlich in angesagten Szene-Clubs ihrer Bestimmung zugeführt. Freunde von härterem EBM und Industrial ist es zu empfehlen, „Nordsjön“ mindestens ein Ohr zu leihen.

Canaan – Images From A Broken Self

Eines der größten Wunder, die Musikschaffende zu vollbringen imstande sind, ist, einsamen Seelen oder Menschen in ihren dunkelsten Stunden das Gefühl zu geben, verstanden zu werden. Manchmal braucht es dafür den ohrenbetäubenden, verbitterten Aufschrei einer Black-Metal-Platte, in anderen Momenten möchte man sich vielleicht nur kleinlaut unter der Bettdecke verkriechen und im Selbstmitleid baden. Für Letzteres bieten sich CANAAN mit ihrem mittlerweile neunten Album „Images From A Broken Self“ als Weggefährten an – bei dem desolaten Artwork keine große Überraschung. Wenn es nämlich ein Gefühl gibt, das für den experimentell angehauchten Darkwave der Italiener charakteristisch ist, dann die Hilflosigkeit, die uns hier aus tiefroten Augen entgegenblickt.

Wer sich bei der eigenen musikalischen Katharsis von CANAAN begleiten lassen möchte, sollte elektronischen Klängen aufgeschlossen gegenüberstehen, denn von einer herkömmlichen Rock- oder gar Metal-Instrumentierung ist auf „Images From A Broken Self“ bis auf wenige Ausnahmen praktisch keine Spur zu entdecken. Stattdessen lotet das Quintett eine Vielzahl an Möglichkeiten aus, die sich ihm durch das synthetische Instrumentarium bieten. Insbesondere das jeder Hoffnung entbehrende, bescheiden arrangierte Piano („Words On Glass“, „The Dust Of Time“) und die abwechslungsreichen, allerdings niemals zu aufdringlichen Electro-Beats sind die tragenden Standpfeiler des Albums.

Die Welt, in die CANAAN uns damit versetzen, ist kalt, leer und steril, ohne Raum für auch nur das kleinste unbeschwerte Lachen. Zwischen kahlen, weißen Wänden hallt die bedrückende, manchmal etwas ziellose Stimme von Mauro Berchi wider, dessen klarer Gesang zur Veranschaulichung für Metal-affine Hörer wohl am Besten mit jenem von Mikael Stanne (Dark Tranquillity) zu vergleichen ist. Mag es dem an sich nicht ungeübten Sänger bei seiner Performance ein wenig an Nuancen mangeln, so kann man dies im Hinblick auf die Musik selbst nicht ohne Weiteres behaupten.

Von düster-verträumten Clean-Gitarren in Verbindung mit Slow-Motion-Perkussion („Of Sickness And Rejection“) bis hin zu klaustrophobischen Dark-Ambient-Nummern mit einschneidenden Sound-Bruchstücken („I Stand And Stare“) ist hier alles Mögliche dabei. Ein wenig irritierend fällt diesbezüglich auf, dass CANAAN die Kluft zwischen ihren unterschiedlichen Stilmitteln bisweilen durch willkürliche Breaks zu überbrücken suchen, wodurch einige der Songs auf halbem Weg ganz abrupt einen völlig anderen Charakter annehmen.

Mit „Images From A Broken Self“ haben CANAAN ihrer Diskographie nicht unbedingt einen neuen Höhepunkt verpasst. Gesanglich wären etwas mehr Feinheiten wünschenswert gewesen und da die Italiener hin und wieder ohne Vorwarnung mitten im Track eine gänzlich andere Richtung einschlagen, wirken ein paar der Stücke wie entzweigerissen. Hinzu kommt, dass die Platte abgesehen von den genannten Songs kaum mit einprägsamen Highlights aufwartet. Die trostlose Grundstimmung, die CANAAN nun bereits zum neunten Mal vertonen, relativiert den letztgenannten Kritikpunkt jedoch zu großen Teilen. Wer auf musikalischem Wege einen Blick in die eigenen Abgründe werfen will, sollte hier somit doch zugreifen.

Seadrake – Isola

SEADRAKE bezeichnen sich selbst als Synthpop-Supergroup, besteht die neue Band doch aus aktuellen oder ehemaligen Mitgliedern von Minerve, Akanoid, Lowe oder Statemachine. Über diesen Status kann man anhand der Referenzen sicherlich diskutieren, dass das multinationale Trio jetzt das Debütalbum „Isola“ unter die musikbegeisterte Masse bringen möchte ist allerdings ein Fakt. Zehn Songs dunkler Synthpop mit groovenden Basslinien und einer Prise Rock soll es sein, den Hilton Theissen und seine Kollegen uns in rund 46 Minuten präsentieren möchten.

Bereits der Opener „What You Do To Me“ versprüht teils düsteres 80er-Jahre-Feeling, allerdings von der wenig bis gar nicht peinlichen Sorte. Die Synthesizer und Keyboards wurden gekonnt platziert und auch die eingangs erwähnten Basslinien sind bereits sehr präsent. Lediglich der Gesang geht in der zum Ende hin sehr präsenten Instrumentierung leider etwas unter. Im weiteren Verlauf zeigen SEADRAKE auch ihre anderen Stärken, denen stets ein Synthpop-Gerüst zugrunde liegt. Mal kokettiert die Band mit Pop-Rock („Get It On“), radiotauglichen Melodien („Something Durable“) oder zerbrechlich-balladesken Momenten („Room 316“).

In der zweiten Hälfte kommen dann auch die Gothic-Einflüsse deutlich zum Tragen. Auf das sechseinhalbminütige Langstück „Lower Than This (Someday“) oder „Conformity Loves Company“ wären Depeche Mode stolz, so stark versprüht es den Charme der Briten aus einer scheinbar längst vergangenen Ära. Weiter erwähnenswert sind die an Kraftwerk erinnernden Beats in „Die Of Temptation“. Die Produktion gibt sich eigentlich keine Blöße und bündelt die Stärken des Trios in positiver Weise.

SEADRAKE haben mit ihrem Debüt „Isola“ wahrscheinlich keinen Meilenstein vorgelegt, dennoch ist das stark vom Synthpop der späten 80er- und frühen 90er-Jahre geprägte Werk ein sehr solides geworden, dass auch von den dezenten Einschüben anderer Genres lebt. Glücklicherweise wird weitgehend auf typischen Kitsch verzichtet, somit ist „Isola“ auch ein ernstzunehmendes Album von erfahrenen Musikern geworden. Das wird in den vorliegenden Songs mehr als deutlich.

Neuer Song II: The Prodigy

„Need Some1“ heißt die neue Single von THE PRODIGY und ist der erste Vorbote ihres neuen Albums „No Tourists“, dass am 02.11.2018 erscheinen wird.

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