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Lorna Shore – Flesh Coffin

Deathcore gilt seit Jahren als tot. Große Bands wie Carnifex, Thy Art Is Murder oder Whitechapel spielen schon lange eher eine Mischung aus Death, Black und Progressive Metal anstatt reinen Deathcore. Zu stumpf und simpel erscheint vielen heute der klassische Sound dieses Genres. Aber hat der Deathcore wirklich nichts mehr zu bieten? LORNA SHORE zeigen mit ihrem Zweitwerk „Flesh Coffin“, dass ein totgeglaubtes Genre noch äußerst vital sein kann.

Bereits beim Opener „Offering Of Fire“ wird deutlich, welchem Sound LORNA SHORE frönen. Hier regiert recht klassischer Deathcore, der immer wieder mit Synthiesounds unterlegt wird. Wer bereits beim Lesen denkt, dass das irgendwie nach jüngeren Carnifex klingt, liegt zum Teil richtig. Bei einigen Stellen fühlt man sich tatsächlich stark an die Kalifornier und ihre letzten Alben erinnert. Auch bei LORNA SHORE sind diese Sounds kalt und düster und verleihen den Songs etwas Bedrohliches, fast schon Lauerndes.

Daneben stechen vor allem die Stimme von Sänger Tom Barber und die Leistung von Schlagzeuger Austin Archey hervor. Wie eine Maschine trommelt letzterer durch die Songs, man höre nur die brutalen Blast-Parts in „Infernum“ oder „Desolate Veil“. Bei aller Härte agiert Austin Archey trotzdem äußerst präzise und detailliert. Zur erbarmungslosen Brutalität von „Flesh Coffin“ trägt auch besonders Tom Barbers Stimme bei. Diese reicht von hohem Gekeife bis zu abgrundtiefen Growls und erstaunt immer wieder mit ihrer Variabilität.

Natürlich ist das hier Gebotene weder neu noch innovativ. Die Songs könnten auch von frühen Suicide Silence oder Whitechapel stammen, aber Spaß macht „Flesh Coffin“ trotzdem. Und bei Songs wie dem Titelstück oder „Fvneral Moon“ mit ihrer herrlich brutalen und düsteren Atmosphäre ist es einem eigentlich ziemlich egal, ob dass jetzt Songwritig auf höchstem Niveau ist oder nicht.

Die Texte auf „Flesh Coffin“ drehen sich alle mehr oder weniger direkt um den Tod. Es geht um Menschen, die bereits innerlich tot sind und darum, dass der Tod unausweichlich auf jeden von uns wartet. Die Texte drücken ein hohes Maß an Resignation und Bitterkeit aus und werden von Tom Barber äußerst intensiv dargeboten. Im Zusammenspiel mit der Musik entsteht so ein bedrückendes und dystopisches Album.

Aber leider hat „Flesh Coffin“ auch eine recht große Schwäche: Die Songs bleiben nicht hängen. Natürlich ist das Album handwerklich und technisch auf höchstem Niveau, aber wirklich griffig ist es nicht. Was in der ersten Hälfte des Albums noch Spaß gemacht hat, wird auf den letzten Metern eher anstrengend. Man ertappt sich immer häufiger dabei, dass man dem Geschehen nicht mehr wirklich folgen kann.

Natürlich darf man nicht vergessen, dass es sich bei „Flesh Coffin“ erst um das zweite Album von LORNA SHORE handelt. Dafür ist ihnen ein wirklich solides und gutes Album gelungen, das trotz aller Sperrigkeit Lust auf mehr macht. Wenn LORNA SHORE auf dem nächsten Werk etwas eigenständiger und griffiger werden, sind sie auf dem besten Weg  in den Deathcore-Olymp.

Like Moths To Flames – Dark Divine

Auf eine undefinierbare Art und Weise erinnerte mich das Cover des neuen Werks „Dark Divine“ von LIKE MOTHS TO FLAMES an das Artwork von Pink Floyds „The Division Bell“ aus dem Jahr 1994. Auch wenn hier die Steinköpfe durch eine schwarz eingefärbte und einer Schaufensterpuppe ähnelnden Figur, sowie die ländliche Hintergrundkulisse durch eine karge Wüstenlandschaft ersetzt wurden. Stilistisch hat die Metalcore-Band aus Ohio natürlich auch 2017 wenig mit den legendären britischen Rockern zu tun, das sei bereits vorab verraten.

Nach einer entspannten Einleitung aus elektronischen Beats und Pianoklängen erheben sich die E-Gitarren wuchtig und doch melodiös. Metalcore mit angezogener Handbremse möchte man meinen – dieser Eindruck entsteht vornehmlich durch die dezent progressiven Strukturen. Neben den Screams steht der deutlich dominierende Klargesang, der sehr kraftvoll arrangiert wurde und die Gehörnerven dennoch nicht überstrapaziert. So entstehen unweigerlich Referenzen zum Emo oder Alternative Rock („Nowhere Left To Sink“).

LIKE MOTHS TO FLAMES setzen aber auch auf Breakdowns („Shallow Truths For Shallow Minds“) oder Grunge-Einschübe („From The Dust Returned“). Den am meisten mitreißenden Titel hat die Band aber fast ans Ende gestellt: „The Skeletons I Keep“ bietet den spannendsten Aufbau, der von einer progressiven Rocknummer hin zu unerwarteten brachialen Ausbrüchen reicht. Die Produktion der elf neuen Songs ist durchweg hochwertig und schafft die nötige Klarheit im Soundbild, hat aber auch genug Raum für die härteren Momente zu bieten.

Ingesamt ist das vierte Studioalbum „Dark Divine“ von LIKE MOTHS TO FLAMES ein solides Metalcore-Album geworden, das zwar nicht mit großen Hits gesegnet ist, aber auch keine eklatanten Mängel vorweist. Wer also Metalcore gerne gespickt mit leicht progressiven Elementen und dem Hang zu seichterem Rock wie Emo oder Alternative hört, der wird mit diesem Longplayer durchaus warm werden. Ein Meisterwerk für die Ewigkeit darf man aber nicht erwarten.

Wage War – Deadweight

Allzu lange tummeln sich WAGE WAR noch nicht im Metalzirkus. Nach der Bandgründung im Jahre 2013 veröffentlichte das Quintett aus Florida sein erstes Album, welches jedoch in Deutschland kaum Beachtung gefunden hat. 2016 traten WAGE WAR dann auf einigen Festivals, darunter auch auf den Zwillingsfestivals Rock im Park und Rock am Ring, auf. Nun präsentieren WAGE WAR mit „Deadweight“ ihren zweiten Streich und können hiermit durchaus überzeugen.

„Deadwight“ ist durchweg gut produziert und das Arrangement professionell. Alles hört sich rund, stimmig und erfrischend an. Sicherlich fahren WAGE WAR nichts Neues auf, sodass dieses Album auch vor zehn Jahren hätte veröffentlicht werden können. Denn es gibt weder im Sound noch stimmlich Überraschungen. Dennoch wird die Schwelle zum „Der Drops ist schon gelutscht“ nicht überschritten. WAGE WAR bieten dem Hörer guten und soliden Metalcore der – man muss schon fast sagen – alten Schule, der jedoch heute noch genauso Spaß macht wie „damals“, ohne dass ein bereits lange existierender Sound per se ein Qualitätsmerkmal darstellt. Denn Hand aufs Herz: So manchem aktuellen Album der sogenannten großen Bands würde heutzutage kaum Beachtung zukommen, wäre es ohne einen großen Namen und der mächtigen Werbemaschinerie im Hintergrund veröffentlicht worden.

Schon der Opener „Two Years“ geht zur Sache und lädt den Hörer mit treibendem, mitreißendem und variabel gehaltenem Rhythmus zu weiteren 39 Minuten ein. Und gleich von Beginn an zeigt sich, dass die Stimme Britin Bonds ein großes Plus der Band ist. Diese peitscht nicht nur an, sondern überzeugt auch im Cleangesang, bleibt stets eingängig und im Gehör hängen, spornt mal an und mal unterstreicht sie lediglich. Diesen stimmlichen Abwechslungsreichtum hört man am besten in „Johnny Cash“, in dem WAGE WAR – anders als der Titel zu suggerieren scheint – nicht schwerpunktmäßig der Countrygröße huldigen, sondern über zerbrochene Herzen singt. Briton Bond wechselt in diesem Song spielend von explosionsartig und rau zu ergreifend und klar.

Insgesamt jagt auf „Deadweight“ ein guter Song den Nächsten. „Don´t Let Me Fade Away“ bietet alles, was ein guter Metalcore-Song braucht: eine energiegeladene Stimme, einen ausfüllenden Gitarreneinsatz und einen guten Refrain. Mit dem ausdruckstarken „Stitch“ verleiten WAGE WAR den Hörer zum nahezu unvermeidbaren Headbangen, indem sie eine dynamische Mischung aus langsamem und schnellem Tempo bereithalten. Während der gesamten Scheibe zeigen sich WAGE WAR auch weiterhin sehr variabel und Langeweile vermeidend. So präsentiert sich in „Witness“ die Gitarre für Metalcore-Verhältnisse filigran, während man in „Gravitiy“ durch den Gitarreneinsatz schon fast spüren kann, wie die Schwerkraft verloren geht.

Wer sich an – nennen wir es – Old-School-Metalcore nicht stört, wird mit „Deadweight“ Spaß haben. Aufgrund des sehr dynamisch gehaltenen Tempos holt die Platte immer wieder Schwung und reißt den Hörer mit. Die Leadstimme passt stets gut zu Melodie und Rhythmus und geht über ein Unterstreichen der Instrumente weit hinaus. Die Scheibe ist einerseits energiegeladen, anderseits auch tiefgründig, sodass Eintönigkeit nie aufkommt. Ein sehr gelungenes Album.

August Burns Red – Phantom Anthem

Seit 2005 gab es in jedem ungeraden Kalenderjahr ein neues Album von AUGUST BURNS RED. 2017 ist das nicht anders. „Phantom Anthem“ heißt der neueste Sprössling der US-Amerikaner … und fräst sich einmal mehr mit einer Fantastillion abgefahrener Gitarrenleads bei wie immer durchschlagender Produktion in jede Gehirnwindung. Trotzdem legen AUGUST BURNS RED weiterhin viel Wert darauf, mit melodischen Interludes das Tempo zu drosseln oder Songs mit halbakustischen, nur leicht verzerrten oder mit dezenten Effekten versehenen Gitarren einzuleiten.

Am Stärksten sind die Amis immer noch, wenn sie bedingungsloses Drauflosprügeln mit hymnenhaften Refrains kombinieren und Spielereien aller Art zurückfahren: Am Besten funktioniert das in „Float“, das mit brachialen Gitarrenwänden, einem hymnischen Chorus und unendlich viel Ohrwurmpotenzial über den Hörer herfällt, und „Quake“, in dem eher temporeich losgelegt und erst nach 45 Sekunden zum ersten Breakdown angesetzt wird. „Coordinates“ hat seine größten Momente dagegen eher im Mittelteil, in dem sich die Gitarristen ein Geschwindigkeits-Duell mit Angeber-Leads liefern, die in einen heftigeren Part mit intensivem Drumming münden. Großartig sind dabei alle diese Tracks. Überzeugend ist auch der zweite Song des Albums, „Hero Of The Half-Truth“, mit seinem coolen Tremolo-Picking, der darüber hinaus auch durch melancholische Parts und unheimliche Variabilität besticht. Einzig das extrem hektische „Invisible Enemy“ und der Opener „King Of Sorrow“ mit erstaunlich inkonsequentem Songwriting schlagen als kleinere Schwächemomente zugute.

Wenn man etwas an „Phantom Anthem“ kritisieren wollte, könnte man anführen, dass AUGUST BURNS RED erneut wenig bis keine Veränderungen vorgenommen haben und – überspitzt gesagt – seit 2009 sechs Alben mit identischem Sound und lediglich unterschiedlichen Songs veröffentlicht haben. Da die Band jedoch auf einem außerordentlich hohen Niveau „stagniert“, und in dem vorgegebenen Rahmen trotz allem immer wieder nicht nur zu überraschen, sondern eine Masse an zündenden Momenten, Ohrwürmern und coolen Ideen beim Songwriting zu kreieren weiß, kann man diesen Kritikpunkt auch getrost beiseite lassen.

Veil Of Maya – False Idol

Nach zwei Jahren erheben sich die Chicagoer VEIL OF MAYA mit ihrem sechsten Studioalbum „False Idol“, um ihren Deathcore mit Djent-Einflüssen erneut unters Volk zu mischen. Seit ihrer ersten Veröffentlichung steht die Band bei Sumerian Records unter Vertrag, das hat sich auch mit dem neuesten Output nicht verändert. „False Idol“ erzählt die düstere Geschichte aus der Sicht eines eher unangenehmen Charakters, den man umgangssprachlich wohl mit einigen unschönen Obszönitäten betiteln würde.

So wird bereits der Opener „Fracture“ dem technischen Deathcore-Djent-Gefrickel durchaus gerecht. Dann setzt unerwartend Klargesang ein, der dem vorher wuchtigen Klang fast vollständig den Wind aus den Segeln nimmt. Damit ist auch gleich ein deutlicher Schwachpunkt des Albums genannt: Diese klaren Gesangslinien klingen beliebig austauschbar und nach jeder x-beliebigen Post-Hardcore-Formation. Zudem machen sie die ansonsten düstere Atmosphäre fast vollständig zunichte. Denn gerade die wummernden Drums und die progressive Saitenfraktion mit ihren aberwitzigen Momenten bilden eigentlich ein höchst gelungenes Konstrukt für die ebenfalls vorhandenen Growls.

„Overthrow“ oder „Whistleblower“ spielen beispielsweise über weite Strecken die Stärken des Möglichen aus: Starke Stimmbandarbeit in Shout- und Growl-Form, ein Schlagzeug mit mannigfaltigen Taktwechseln und Gitarren, die sich ob ihrer Verrücktheit nicht verstecken müssen. Am besten funktioniert „Tyrant“, das zwar kurz und knackig ist, aber ohne jeglichen Klimbim auskommt. Leider sind diese Momente in den meisten Songs nur aufkeimendes Stückwerk, das von der deutliche kommerziellen Ausrichtung überlagert wird. Die schlimmsten Momente entstehen auf diese Weise im wehklagenden „Citadel“ und dem überflüssigen „Livestream“.

Die softe Herangehensweise gepaart mit der brachialen Seite möchte in diesem Fall nicht so recht zusammenpassen. Mit einem tieferen Eintauchen in die vertrackten Klangwelten des Djent und Progressive Metal in Kombination mit der rohen Deathcore-Seite hätten VEIL OF MAYA eine Chance nutzen können, die sie aber ungenutzt verstreichen lassen. Die cleanen Vocals sind zwar nicht immer schwülstig, sondern bisweilen auch kraftvoll – dennoch stören sie das Gesamtbild von „False Idol“ in massiver Weise. Bitte nächstes mal die Handbremse lösen und das kitschige Klischee-Gesäusel ablegen, dafür eine Schippe Aggression drauflegen.

Nasty – Realigion

Meinen Kollegen Pascal Stieler konnten NASTY mit dem letzten Longplayer „Shokka“ durchaus zufrieden stellen. Er attestierte ihnen außerdem eine „coole Attitüde“ und „eigenständigen Sound“. Zwei Jahre später legt die belgische Band also den Nachfolger „Realigion“ vor, der auf einige Gastmusiker setzt und erst einmal in die recht großen Fußstapfen seines direkten Vorgängers treten muss. Vorhang auf für die sechste Runde Beatdown-Geballer des Quartetts aus Kelmis.

Allerdings muss vorweg gesagt werden, dass das Artwork einen ersten ernüchternden Eindruck entstehen lässt. Der Titel „Realigion“, inklusive stilisiertem Anarcho-Zeichen, hätte viel Raum für Kreativität gelassen. Zumindest mehr als vier mehr oder weniger cool posierende Musiker auf einem Sofa in einem ansonsten leeren Raum mit dekorativem Dielenboden.

Der zweite enttäuschende Faktor ist die Laufzeit von nur rund 28 Minuten. Daraus entstehen einige logischerweise kurze Titel um die zwei Minuten oder sogar darunter. „Rock Bottom“ ist ein namhaftes Beispiel dafür, dass diese Herangehensweise zwar nett ist – aber in diesem Fall auch nicht mehr. Der Titel endet abrupt dann, wenn er gerade im Begriff ist anständig Fahrt aufzunehmen. Neben den üblichen brutal-stumpfen Screams kommen auch Gangshouts zum Einsatz („Forgiveness“, „Realigion“).

NASTYs Musik funktioniert in den längeren Songs eindeutig besser, das beweist u.a. „At War With Love“ mit seinen wiederkehrenden Taktwechseln und ausreichend Platz für Breakdowns, die genug Raum für die pure Energie der Musiker bieten. Wiederholt werden auch schräg klingende Gitarrenmomente eingebunden, die das Gesamtbild aufwerten und einen positiven Earcatcher darstellen. Die Produktion offenbart ebenfalls dezente Schwachstellen: Stellenweise sind die Vocals auffällig nach hinten gerückt oder sie verschwimmen im Soundbrei massiver Gitarrenwände und kraftvollem Drumming.

Für den nächsten wilden Moshpit ist auch dieses Release von NASTY mehr als nur geeignet. Trotzdem ist „Realigion“ ein zweischneidiges Schwert, das zwar durch seine Taktwechsel und vor allem die Gitarrenarbeit überzeugen kann, dennoch wirken einige der kürzeren Titel wie unausgearbeitetes Stückwerk, dem der letzte Schliff zu fehlen scheint. Das ist deshalb schade, weil gerade die Songs über drei Minuten Spieldauer die Möglichkeiten des Quartetts umfangreicher auszuschöpfen scheinen.  NASTY sind auf „Realigion“ ebenso gesichtslos wie viele ihrer Genre-Kollegen und bieten größtenteils Beatdown-Ware von der Stange.

Threat Signal – Disconnect

Groove Metal, Progressive Metal, Industrial Metal, Metalcore – es gibt wohl nur wenige Genres, an die sich THREAT SIGNAL im Lauf ihres musikalischen Werdegangs noch nicht herangetastet haben. Nachdem man geschlagene sechs Jahre auf den Nachfolger ihres selbstbetitelten Albums warten musste, was gewiss auch dem Weggang von Nuclear Blast und den Veränderungen im Line-Up geschuldet ist, verspricht „Disconnect“ nun jedoch, ihre bisher vielfältigste Platte zu werden. Anstatt sich ein bestimmtes Ziel zu setzen, haben die Kanadier nämlich einfach drauflosgeschrieben und ihrer Kreativität freien Lauf gelassen. Dabei sind zehn Nummern herausgekommen, die den markanten Stil des Quartetts fortführen, aber auch einige Überraschungen bereithalten.

Bereits der Opener „Elimination Process“ beginnt für die Band äußerst untypisch mit gefühlvollen Clean-Gitarren, die auch einige der Folgetracks verschönern, und Jon Howards trübsinnigem Klargesang, der immer noch eine verblüffende Ähnlichkeit zu Chester Bennington aufweist. Dann kommen THREAT SIGNAL jedoch bald wieder zu sich und legen richtig los. Gehetzte Gitarren, eine Wagenladung Breakdowns, ebenso rasantes Drumming und wütende, durchaus variable Screams zeigen, wo es lang geht. Auch packende Leadmelodien („Walking Alone“), gewitzte Soli und hintergründige Keyboards, die dem Material etwas mehr tiefe verleihen, sind eine feste Konstante im Verlauf von „Disconnect“.

In den Refrains der überwiegend treibenden Songs drosseln THREAT SIGNAL oft das Tempo, um in den getragenen Passagen die Cleans in den Vordergrund zu rücken („Falling Apart“). Ebenjene wirken in Verbindung mit den Texten bisweilen etwas zu pathetisch, sind aber in puncto Dynamik gelungen in Szene gesetzt. Insbesondere auf der überraschenden, trostlosen Akustikballade „Betrayal“ kann man den klagenden Vocals doch noch einiges abgewinnen. Dass sich THREAT SIGNAL öfters mit stumpfen, modernen Groove-Riffs und abgehackten Breakdowns begnügen, ist ebenfalls nach wie vor ein kleiner Störfaktor, der aber keineswegs in einem Mangel an Abwechslung resultiert.

Ganz im Gegenteil, bei dem vierten Full-Length der Groove-Metalcoreler handelt es sich nämlich sogar eindeutig um ihre bisher facettenreichste Veröffentlichung. Das zeigt sich allein schon an der umfangreicheren Struktur der Kompositionen. Der Rausschmeißer „Terminal Madness“ schafft es immerhin sogar auf zehn Minuten, steigert sich und ebbt immer wieder stimmig ab und endet mit einer sehr schönen Pianoeinlage. Obwohl THREAT SIGNAL demnach um einiges anspruchsvoller geworden sind, gehen die meisten Nummern recht schnell ins Ohr – wenn auch keine davon ein durchgängiger Überhit wie „Through My Eyes“ ist.

„Disconnect“ ist gewiss kein Album, das ohne Kritik davonkommt. Die Cleans klingen beispielsweise übertrieben jammernd und die Gitarrenarbeit ist oft unnötig grobschlächtig, gerade wenn man sich vor Augen führt, was die Band technisch eigentlich auf dem Kasten hätte. Dennoch ist die Entwicklung, die THREAT SIGNAL in den letzten Jahren offenbar durchlaufen haben, eine feine Sache. Davon abgesehen, dass die Keyboards ruhig eine Spur präsenter sein dürften, gibt es beim Songwriting nun viel mehr zu entdecken, ohne dass die Kanadier dabei an metallischem Biss verloren hätten. Die Fans sollten mit diesem knapp einstündigen, lange erwarteten Comeback auf alle Fälle gut versorgt sein. Hoffen wir, dass die Jungs auch in Zukunft weiter an sich arbeiten werden.

Aversions Crown – Xenocide

Wer an Metal mit Alien-Thematik denkt, dem wird wahrscheinlich schnell die schwedische Death-Metal-Legende Hypocrisy einfallen. Doch auch Australien beherbergt mit AVERSIONS CROWN eine solche Band, die diese Vorliebe für dystopische Alieninvasionen teilt. Mit „Xenocide“ hat die Deathcore-Formation Anfang 2017 ihr drittes Album veröffentlicht.

Dass man es hier nicht mit gewöhnlichem Genre-Brei zu tun hat, wird bereits beim ersten Song „Prismatic Abyss“ deutlich. Mit dem Black Metal entlehnten Akkordkompositionen prügelt sich die Truppe meist auf sehr hohen Geschwindigkeiten durch elf Stücke, die mit etwas im Deathcore eher weniger üblichem arbeiten: Melodien! Zwischen typischem Core-Riffing und stampfenden Breakdowns nutzen die Musiker nämlich genau dieses Stilmittel, um eine fast schon betörende, bedrohliche Atmosphäre zu erschaffen. Das funktioniert auch überwiegend problemlos, auch wenn diese Melodien weniger eine Ohrwurm- als eine stimmungsformende Funktion erfüllen, weshalb sie teilweise auch schwer auseinanderzuhalten sind. Das verhilft der Scheibe einerseits ein konstant hohes Niveau zu halten, lässt andererseits dann aber stellenweise auch etwas Abwechslung vermissen, wenn man auch nach drei Durchläufen die Hälfte der Songs immer noch nicht auseinanderhalten kann.

Dennoch finden sich auf „Xenocide“ auch einige Songs mit starkem Hitpotential. Das eingängige „Erebus“ etwa feuert nach einem Noise-Intro das wohl beste und charakteristischste Riff des Albums auf den Hörer ab und punktet mit einem starken Refrain. Die fetzigen Salven in „Cynical Entity“ und dem Abschlusssong „Odium“ sind nicht minder beeindruckend in ihrer hochqualitativen Ausführung. Überhaupt ist die Musik immer dann am stärksten, wenn AVERSIONS CROWN markante, melodiöse Death-Metal-Riffs in Blastbeat-Gewittern auf den Hörer niederprasseln lassen und sie mit sphärischen, mystischen Melodien umspielen, die auch im Midtempo und ruhigeren Abschnitten ihre Wirkung entfalten.

Eher weniger gelungen sind dagegen die abgenutzten Klischeeelemente wie Breakdowns und monotone Riffs, bei denen sich seit Existenz des Deathcore-Genres der Irrtum fortpflanzt, das würde besonders hart und aggressiv klingen. Doch selbst die Breakdowns werden von den Australiern bisweilen mit geheimnisvollen Melodien und Riffs veredelt, sodass wirkliche Langeweile höchstens in übertrieben breitgetretenen Songs wie „Cycles Of Haruspex“ oder „Hybridization“ auftritt. Die für das Genre übliche, inzwischen für einen kommerziellen Erfolg fast schon essenzielle Überproduktion samt totgetriggerten Drums kann man dabei durchaus kritisieren, stört aber insgesamt gar nicht so sehr, wie man es erwarten würde.

Wer in der Wartezeit auf das nächste Born-Of-Osiris-Album endlich mal wieder einen richtig kreativen, eigenständigen Beitrag aus dem Deathcore-Sektor hören möchte, der nicht nur für eingefleischte Verehrer dieses Genres interessant ist, dem sei „Xenocide“ von AVERSIONS CROWN dringend ans Herz gelegt. Zwar schafft die Band es auch hier nicht, sämtliche Klischees zu umschiffen, die belanglosen Momente halten sich aber tatsächlich in Grenzen und lassen den gelungenen Ideen ausreichend Platz, damit diese die Platte letztlich überaus hörenswert machen können.