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The Browning – Geist

2016 veröffentlichten THE BROWNING „Isolation“ und wussten damit durchaus zu gefallen. Hefiger Metalcore, der immer wieder in Deathcore-Bereiche abdriftete, was den Härtegrad betraf, wurde durch harte elektronische Beats punktiert – quasi das tonale Äquivalent des Terminators. Seitdem ging im Leben des Sängers Jonny McBee leider einiges schief, wie die Fans live via Twitch mitverfolgen konnten. Über diese Plattform streamte er den Kreativprozess des nächsten Albums seiner Band und macht seine Katharsis somit in Echtzeit für die Fans sichtbar. Sechs Songs aus diesen Sessions sind auf dem neuen Album gelandet, dazu ebenso viele, die McBee ohne Öffentlichkeit schrieb – unter dem Titel „Geist“ sind sie allesamt nun erschienen.

Dem geneigten Musikfan wird bei Hintergründen wie „schwierige Lebensumstände“ und Worten wie „Katharsis“ (nicht nur wegen des schlimmen Machine-Head-Albmus) sicher gleich flau im Magen, denn solche Umstände führen oft auch zu einer (dramatischen) Veränderung der musikalischen Ausrichtung. THE BROWNING sorgen mit dem Opener „Sick Minds“ scheinbar für Entwarnung, denn nach kurzem Elektro-Intro ballern die Gitarre und das Schlagzeug los, unterlegt von schicken Technobeats. Alles beim Alten also. Doch der Härtegrad wirkt nicht mehr so hoch wie auf „Isolation“ und statt des erwarteten Breakdowns findet man einen atmosphärisch-melodischen Part vor.

Verunsicherung macht sich breit, die im Folgenden leider ihre Bestätigung findet. Denn das folgende „Beyond Stone“ ist noch einen Ticken melodischer, selbst Klargesang mischt sich in die Musik. Das ist im Metalcore erstmal keine Überraschung, bei THE BROWNING allerdings durchaus eine Neuerung, die – das muss man so deutlich sagen – überhaupt nicht funktioniert. Zu aufgesetzt wirken die Melodien, zu künstlich er Klargesang. In dieser Manier geht es weiter und wird noch schlimmer, denn „Final Breath“ kommt fast komplett ohne Gebrüll aus und auch die Instrumentalfraktion klingt eher wie Strandurlaub als Cyberkrieg. „Geist“ fühlt sich so an, als ob THE BROWNING ein paar nicht sehr alte, unveröffentlichte Tracks von Linkin Park gefunden und eingespielt haben.

Sicher gibt es auch ein paar Tracks wie „Carnage“ (inklusive hippem Rap-Part) oder „Optophobia“, bei denen die Fans der Truppe auf ihre Kosten kommen, allerdings geschieht auch dies immer nur temporär, ehe dem Hörer wieder halbgare Melodien in die Verzweiflung treiben. Unterm Strich bleibt also eine Scheibe, die stark enttäuscht. Seine persönlichen Schwierigkeiten musikalisch zu verarbeiten mag gesund und hilfreich sein, der Musik tut es leider meist einen Abbruch. Denn THE BROWNING verheben sich mit „Geist“ ganz massiv, indem sie etwas zu tun versuchen, was sie schlicht nicht können. Also bis zum nächsten Album zurück zu „Isolation“.

Currents – I Let The Devil In (EP)

Im Sommer 2017 konnten die Amerikaner CURRENTS mit ihrem zweiten Werk „The Place I Feel Safest“ erstmals auch in Deutschland auf sich aufmerksam machen. Mit ihrem djentigen, leicht progressiven Metalcore haben sie bewiesen, dass sie neben Polaris, Our Hollow, Our Home und Novelists zu den vielversprechendsten Newcomern der Core-Szene gehören. Nur eineinhalb Jahre später liegt jetzt der Nachfolger in Form einer fünf Songs umfassenden EP vor.

Mit dem schon vorab veröffentlichten „Into Despair“ fallen CURRENTS direkt mit der Tür ins Haus: Sänger Brian Wille springt dem Hörer mit seinen giftigen Shouts in den Nacken und Neu-Drummer Matt Young verleiht dem Song mit seinen präzisen Double-Bass-Attacken die nötige Aggressivität. Der Song kommt gänzlich ohne Klargesang aus und schafft es trotzdem, sich mit seinem Refrain im Kopf festzusetzen. Gerade Willes Lows zeigen sich hier noch imposanter als auf seinem Debut für CURRENTS im letzten Sommer.

Im Anschluss spielen CURRENTS die gesamte Palette dessen ab, was sie auf „The Place I Feel Safest“ ausgezeichnet hatte: Chugging, Tapping, das Gefühl für die ideale Mischung aus Aggressivität und Verschnaufpausen sowie das Erschaffen einer düsteren Atmosphäre, womit sie Szenevorreitern wie Northlane und den Architects in Nichts nachstehen. So kommt das überwiegend mit Clean-Vocals gestaltete „Feel The Same“ recht melancholisch daher, ohne dabei an Härte zu verlieren. Mit „Forever Marked“ beschließen sie die 20-minütige EP mit einem Brecher, auf dem Wille nochmals sein beeindruckendes Stimmspektrum unter Beweis stellen kann. Der Rausschmeißer fasst im Endeffekt alles zusammen, wofür die Amerikaner stehen und ist somit auch ein würdiger Abschluss des Releases.

Die Jungs aus Connecticut machen nahtlos dort weiter, wo sie mit „The Place I Feel Safest“ aufgehört haben, ohne sich dabei selbst zu kopieren. Die Gitarrenfraktion schafft es darüber hinaus, jedem Song eine eigene Identität zu verpassen, welche sich wie ein Mosaik in das Gesamtbild der EP einfügen. Als kleines Schmankerl gibt es die Instrumentalversionen noch zusätzlich obendrauf. CURRENTS sorgen so zum Abschluss des Jahres nochmals für ein kleines Highlight – nur die Wartezeit auf ihr nächstes Full-Length-Album zu überstehen haben sie durch diesen Appetizer nicht einfacher gemacht …

 

Architects – Holy Hell (-)

Wie kann man weitermachen, wenn ein Mitglied einer Band stirbt, das nicht nur Songwriter, sondern auch Freund und sogar leiblicher Zwillingsbruder war? Über zwei Jahre ist es mittlerweile her, dass ARCHITECTS-Gründer und -Gitarrist Tom Searle an Krebs verstorben war. Nur wenige Monate, nachdem die Band ihr letztes Album „All Our Gods Have Abandoned Us“ veröffentlicht hatte. Die Mitglieder entschlossen sich dazu, die Band nicht aufzugeben, sondern Tom zu Ehren weiterzuführen. Es folgten Touren, bei denen Sylosis-Gitarrist Josh Middleton Toms Platz einnahm. Auch für „Holy Hell“, das neue Album der ARCHITECTS, übernahm er den Part der Lead-Gitarre.

Natürlich ist es makaber im Kontext eines tragischen Todes von „Chancen nutzen“ zu sprechen. Doch im Laufe der Menschheitsgeschichte entstand schon oft die größte Kunst aus der größten Trauer heraus. „Holy Hell“ hätte also jenes Album sein können, mit dem die Band den Tod ihres geliebten Mitmenschen angemessen verarbeitet. Leider wählte die Formation einen anderen Weg.

War „Gone With The Wind“ vom Vorgängeralbum nach Toms Tod zu einer Art Hymne zu dessen Ehren geworden, haben ARCHITECTS offensichtlich beschlossen, dieses Erfolgsrezept zu kopieren. Beinahe jeder Song auf „Holy Hell“ ist strukturell nach dieser Vorlage konzipiert. Die Wut auf früheren Alben weicht auf der neuen Platte unerträglich schmalzigsten Mitsingrefrains der Marke Stadion-Metalcore. Mag das bei „Gone With The Wind“ aufgrund des fantastischen Songwritings und der gefühlvollen Melodieführung noch wunderbar funktioniert haben, wirkt es hier einfach nur platt und nervt.

Sei es bei „Damnation“, „Modern Misery“ oder „Dying To Heal“: ARCHITECTS verwenden die immergleichen Harmonien, Akkordfolgen und Melodieläufe in den Refrains und steuern damit in banalsten Metalcore-Kitsch. Ausgelutschte Stilmittel wie das kurze Herunterbrechen der Musik auf Synthie-Flächen mit einem sanft darüber gesungenen Refrain, bevor die ganze Band einsetzt, gebrauchen die Briten gleich mehrmals auf dem Album. Die Idee, in Songs wie „Death Is Not Defeat“, dem Titeltrack oder „A Wasted Hymn“ Streicher einzubauen, ist grundsätzlich interessant. Warum man allerdings die Streicher erst physisch mit Will Harvey and The Parallax Orchestra aufnimmt, sie dann aber zu dynamisch leblosen Synthie-Strings umeditiert, muss man als Hörer auch nicht nachvollziehen können.

Doch obwohl die Refrains das Hauptproblem der Platte darstellen, sind es auch die Riffs, die deutlich weniger spannend daherkommen. Recht deutlich zeigt sich auf „Holy Hell“, dass Tom Searle hier wohl für die Kreativität und den unverkennbaren Sound der ARCHITECTS verantwortlich war. 08/15-Riffs wie in „Mortal After All“ oder dem vollkommen misslungenen „Dying To Heal“ hat es zumindest seinerzeit noch nicht gegeben. Dass seine Songwriting-Ideen aber zumindest teilweise noch als Grundlage für die Songs dienten, lässt sich dann doch glücklicherweise noch ausreichend feststellen.

Das tatsächlich emotionale „Hereafter“ etwa punktet mit diversen klassischen ARCHITECTS-Riffs. In „Royal Beggars“ haben ARICHTECTS einen wirklich tollen Verse zustandegebracht.  „Doomsday“, an dem Tom Searle vor seinem Tod noch mitgearbeitet hatte, erweist sich mit seinem fantastischten Hauptriff und seinem unprätentiösen Vorgehen als mit Abstand stimmigster und bester Song der Platte. Das leider etwas unfertig wirkende „The Seventh Circle“ mitsamt Gojira-Riffing dagegen hätte locker zum Albumhighlight werden können, hätte man es zu einem ausführlichen Song weitergesponnen. Seinem Namen alle Ehre macht allerdings leider der Abschlusssong „A Wasted Hymn“. Während „All Our Gods Have Abandoned Us“ mit dem epischen “Memento Mori” einen wuchtigen Schlusspunkt zu setzen wusste, taucht „A Wasted Hymn“ noch ein letztes Mal in jenen zähen Kitsch ein, den auch die meisten anderen Songs auf dem Album durchexerzieren.

Schlecht sind die Songs auf „Holy Hell“ überwiegend zwar alle nicht. Doch die verbliebenen ARCHITECTS haben ihren einzigartigen Stil weichgespült und wissen sich offensichtlich nicht anders als mit abgedroschene Metalcore-Klischees und billigen Songwriting-Kniffen zu helfen. Dass Tom Searle also offensichtlich der entscheidende Qualitätsfaktor hinter der Musik war, lässt für die Zukunft der Band nichts Gutes hoffen. Das letzte von Tom mitgeschriebene Material dürfte mit „Holy Hell“ aufgebraucht sein. Wenn die anderen Mitglieder tatsächlich seine Kunst nicht aufgreifen können, dürfte das der Anfang vom Ende der Band gewesen sein.

Architects – Holy Hell (+)

Metallica haben es getan. Ebenso Slayer und Slipknot. All diese Bands haben weitergemacht, als ein Bandmitglied verstorben ist. Jede Band ging anders um mit dem Verlust eines Bandkollegen und Freundes, aber alle ließen sich davon nicht unterkriegen, sondern setzten ihren Weg unbeirrt fort. Über die Qualität dieser Fortsetzungen, vor allem im Falle von Slayer, lässt sich sicherlich streiten. Auch die britischen Metalcoreler ARCHITECTS hören nach dem Krebstod ihres Gitarristen Tom Searle nicht auf, sondern haben nun knapp zwei Jahre später ein neues Album am Start. „Holy Hell“ heißt die neue Scheibe und genauso widersprüchlich und emotionsbeladen wie der Titel, ist auch das Album geworden.

„Holy Hell“ ist nicht einfach oder geradlinig, vielmehr ist es die Manifestation des emotionalen Chaos in dem sich die Musiker befanden und wohl immer noch befinden. Neben den bekannten Trademark-Riffs treten daher auch verstärkt Streicher und melancholische Melodien auf. Allein der Opener „Death Is Not Defeat“ vereint sowohl brutale Parts mit dramatischen Streichern und Vocals von Sam Carter, der auf „Holy Hell“ ein ganz neues stimmliches Niveau erreicht. Waren dessen Vocals schon immer geprägt von Wut, Verzweiflung und auch einer gewissen Spur von Melancholie, so brüllt sich Sam auf „Holy Hell“ noch viel mehr Negativität von der Seele. Über weite Strecken dominiert er die Scheibe, trägt sie fast schon. Dies mag auch daran liegen, dass der Fronter neben den brutalen Parts auch sehr zerbrechlich und allein klingt. Das soll aber nicht heißen, dass der Rest der Band auf der Strecke bleibt. So frisch und neu wie „Royal Beggars“, „Hereafter“ oder der Titeltrack klang schon lange kein ARCHITECTS-Song mehr. Die Stücke wirken trotz aller Verzweiflung und Dramatik auch irgendwie anders und wie ein erster Schritt in die Zukunft der Band.

Bei allem Verständnis für die momentale Situation der Band darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass „Holy Hell“ auch seine Schwächen hat. Wie gesagt klingt das Album widersprüchlich und stellenweise auch etwas zu dramatisch. Man kann es den Jungs nicht verübeln, wenn sie das Chaos in ihren Köpfen vertonen um es besser verarbeiten zu können, aber dennoch ist nicht jede Entscheidung auf „Holy Hell“ nachvollziehbar. Bestes Beispiel dafür ist wohl der brutale Brecher „The Seventh Circle“, der für ARCHITECTS-Verhältnisse überraschend geradlinig und walzend nach vorne geht. An sich eine spannende und coole neue Seite der Band, im Gesamtkontext des Albums aber irgendwie fehl am Platz.

„Holy Hell“ ist kein perfektes, aber dafür ehrliches und emotionales Album, dass sinnbildlich für den Wendepunkt steht, an dem sich die Band befindet. Es steckt noch Leben in den ARCHITECTS und man darf gespannt sein, wie sich die Jungs weiterentwickeln werden.

Unearth – Extinction(s)

UNEARTH haben etwas von Slayer. Klar, das hat jede Band die sich im Metalbereich bewegt irgendwie. Aber bei UNEARTH bezieht sich die Parallele nicht primär auf die Musik, auch wenn da die Einflüsse selbstredend ebenfalls gegeben sind. Es geht bei dem Vergleich viel mehr um das Gebaren der Truppe, die seit 1998 ohne Unterlass und Unterbrechung ihren Stiefel durchzieht, ob ihr Stil nun gerade en vogue ist, oder auch nicht. Man könnte UNEARTH also als die „Slayer des Metalcore“ bezeichnen. Doch gilt dies auch für ihr mittlerweile siebtes Album „Extinction(s)“?

Schon die ersten Töne des Openers „Incinerate“ beruhigen den geneigten Hörer diesbezüglich – UNEARTH scheren sich auch anno 2018 nicht um aktuelle Trends sondern spielen urtümlichen und knallharten Metalcore. Natürlich gibt es auch bei den Herren aus Boston jede Menge Melodien und ein wenig Klargesang, aber die klare Prägung durch die Härte des Hardcore behält auch auf „Extinction(s)“ stets die Oberhand. Wie sollte es bei einer Truppe aus Boston auch anders sein?
Und dennoch sind UNEARTH alles andere, als eindimensional und agieren auch nicht stumpf nach Schema F, wie man ihnen auch „Darkness In The Light“ durchaus vorwerfen konnte. Vielmehr haben sich die Mannen auf ihre Ursprünge zurückbesonnen und kombinieren auf ihrer neuen Scheibe folgerichtig heftige Breakdowns mit sattem (Metal-) Riffing, versehen das Ganze mit tollen melodischen Gitarrenläufen und lassen Sänger Trevor Phipps sich die Kehle aus dem Leib keifen.
In diesem Sinne ist der Titel des ersten Tracks „Incinerate“ durchaus programmatisch zu verstehen. Denn auf „Extinction(s)“ brennt die Band in der Tat ein Feuerwerk ab, das den Hörer mitreißt. Das gilt neben dem Opener vor allem auch für das direkt folgende „Dust“ – dessen thrashiger Geschwindigkeit man sich nicht entziehen kann – und „No Reprisal“, das mit seiner scheinbar mühelosen Kombination aus harten, tiefergestimmten Gitarren und begeisternden melodischen Leads überzeugt. „King Of The Arctit“ wiederum erinnert in seiner Heftigkeit schon fast an Death Metal, ehe UNEARTH ihr neues Album mit „One With The Sun“ – vielleicht einem ihrer besten Songs überhaupt – beenden.

Sicher, neu oder innovatiov ist nichts, was UNEARTH auf „Extionction(s)“ bieten, soll es aber auch nicht sein. Und gerade in einer musikalischen Landschaft, in der sich Bands vor maximaler Verschachtelung der Songstrukturen und größtmöglicher Menge an zusammengewürfelter Einflüsse und Stilmittel überbieten, braucht es Bands wie UNEARTH. Bands, die einfach ihr Ding machen und dem Hörer ein absolutes Brett über den Kopf ziehen. „Extinction(s)“ bietet sich dafür herrvorragend an.

The Disaster Area – Alpha // Omega

Eines gleich vorweg: Ja, THE DISASTER AREA spielen tatsächlich Metalcore. In Zeiten von Bands, die sich immer mehr dem Mainstream anbiedern, ist das leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Gut das es noch junge Bands gibt, die mit Herzblut hinter ihrer Musik stehen und nicht sofort auf die Charts schielen. THE DISASTER AREA sind seit 2012 aktiv und haben bereits 2016 ihr erstes Album veröffentlicht. Zeichneten sich auf diesem bereits gute Ansätze und Ideen ab, haben die Jungs aus Bayern auf ihrem neuen Werk „Alpha // Omega“ nochmal einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht. Die Scheibe erscheint bei Redfield Records und wurde von Christoph Wieczorek von Annisokay gemischt.

Bevor wir uns der Musik zuwenden, sei hier auch das Gesamtpaket des Albums erwähnt. „Alpha // Omega“ kommt mit einem Doppelcover daher, bei dem die helle Seite für das Alpha und die dunkle für das Omega stehen. Die Band hat sich sichtlich Gedanken gemacht. Das Konzept des Hellen und Dunklen zieht sich durch die komplette Scheibe. Von Leben und Tod, Freude und Schmerz, Einsamkeit und Zusammenhalt erzählen THE DISASTER AREA und erfinden damit das Rad sicherlich nicht neu, stecken aber ganz viel Emotionen und Energie in ihre Musik und wirken so mehr als nur authentisch.

Schon beim Opener „Deathwish“ ist klar, dass THE DISASTER AREA keinen Bock auf Pop-Gesülze haben. Selten hat ein Metalcore-Song in diesem Jahr so geknallt wie dieser. Fronter Alexander Maidl schont weder sich noch die Zuhörer, sondern schreit sich tonnenweise Wut und Frustration von der Seele. Die Vocals sind richtig schön rau und harsch und definitiv wiederzuerkennen. Auch „Foxhunt“, „The Serpent“ und „Callout“ schlagen in diese Kerbe und laden einfach nur zum moshen ein. Die Gitarristen Alexander Kisslinger und Franz Apfelbeck verstehen ihr Handwerk und können sowohl ultrafette tiefe Riffs als auch fast schon djentige Passagen aus dem Ärmel schütteln. Wenn dann auch noch die Rhythmusfraktion in Form von Bassist Michael Greiner und Drummer Christopher Zwillinger den Songs einen wuchtigen Unterbau verpasst, ist das Paket perfekt. Herzstücke des Albums sind sicherlich „Fade [Omega]“ und „Reborn [Alpha]“. Thematisch behandeln sie die beiden Extreme des Lebens, den Tod und die (Wieder)Geburt. Alexander Maidl schafft hier den Spagat zwischen harschen Vocals und Klargesang. Der ist zwar nicht so stark wie seine Shouts, aber dennoch alles andere als schlecht. Schade ist nur, dass mit „Escape From Hell“ ein eher unspektakulärer Song den Schlusspunkt des Albums setzt.

Das Einzige was THE DISASTER AREA jetzt noch fehlt, ist etwas mehr Eigenständigkeit und Wiedererkennungswert im Songwriting. Die Stücke sind gut gemacht, gehen sofort ins Ohr und machen Spaß, lassen aber dennoch das letzte Quäntchen Eigenständigkeit missen. So aber ist „Alpha // Omega“ immer noch ein bemerkenswertes Zweitwerk einer jungen Band und hat damit allen Respekt verdient.

The Sleeper – Apparatus (EP)

2010 von Drummer Richard Petzl und Ex-Narziss-Sänger Steven Jost begründet, ließen THE SLEEPER bereits mit ihrem 2013er-Debüt „Aurora“ aufhorchen. Fünf Jahre später gibt es von den Leipzigern immerhin eine neue Kurzveröffentlichung: Eine knapp halbstündige EP mit futuristisch-postapokalyptischem Cover und dem griffigen Titel „Apparatus“.

Geboten wird, daran lässt schon der Opener „Synthetic Gospel“ keinen Zweifel, vor allem viel Groove: Die rhythmisch etwas vertrackten Riffs zwischen Djent und Metalcore werden vom fett abgemischten Sound nochmal gelungen unterstrichen – dazu gibt Fronter Jost dem Material mit seinem kraftvollen Gesang noch etwas Härte. So weit, so fett. THE SLEEPER wollen aber noch mehr: So gesellt sich in nahezu allen Stücken noch eine melodische Komponente in Form von Klargesang (oder in „Engineer“ sogar unverzerrten Gitarren) dazu, die zwar musikalisch irgendwie ins Bild passen mag, dem Ganzen jedoch eine mitunter ziemlich poppige Note verleiht. Zumal man diesen Stilmix aus „aggressiv“ und „verletzlich“ im Metalcore nun auch nicht zum ersten Mal hört – der Kniff also zwar gewagt, aber nicht gewitzt ist – verliert „Apparatus“ dadurch leider eher an Individualität, als an Unterhaltungswert zuzulegen.

Mit „Apparatus“ machen THE SLEEPER nichts falsch: Die Riffs haben Wumms, technisch ist die ganze Sache durchaus gelungen umgesetzt, und der leicht mathcorige Charakter der Gitarrenarbeit lässt durchaus aufhorchen. Allein, man hat ein wenig das Gefühl, THE SLEEPER wären sich noch nicht ganz sicher, wohin sie wollen. Das wirklich breite Publikum wird man mit diesem Riffing nicht erreichen – ob es dafür jedoch reicht, zwischendurch mit umso glatteren Clean-Passagen „zurückzurudern“, darf zumindest angezweifelt werden.

Walking Dead On Broadway – Dead Era

So düster wie Bandname und Albumtitel präsentiert sich auch das Artwork von „Dead Era“, dem mittlerweile dritten Studioalbum der Leipziger WALKING DEAD ON BROADWAY. Mit Long Branch Records hat die Band nicht nur ein frisches Label am Start, sondern mit Nils Richber auch einen neuen Sänger, mit dem die Musiker ihre Stilrichtung neu festlegen und sich weiter vom traditionellen Deathcore entfernen wollen. Dieses Unterfangen ist anhand der vielen mittelmäßigen Songs leider nur mäßig gelungen.

Nach einem knappen und apokalyptisch anmutenden Intro inklusive hintergründigem Chanson-Gesang, geht die Band mit „Red Alert“ in ein chaotisches Brachialgewitter über. Ein Refrain ist im ersten Song nicht auszumachen, dafür ein recht dumpf und lieblos zusammengestellter Haufen taktloser Growls, überbordende Symphonik-Elemente und selten wirklich kraftvolle Gitarren. Glücklicherweise steigern sich WALKING DEAD ON BROADWAY im weiteren Verlauf und lassen den missglückten Einstieg damit zumindest partiell vergessen. „Hostage To The Empire“ gefällt durch seine Piano-Melodien und kurzfristige Breakdowns bereits deutlich besser.

Es sind vor allem die längeren Songs mit einer Spielzeit von knapp fünf Minuten, die das Potential der Musiker besser ausschöpfen. Es entstehen dadurch keine entschleunigten Titel, doch kann sich die rohe Energie der Sachsen hier besser entfalten. „Punish The Poor“ beispielsweise lässt mit seinen schnell wechselnden Riffs den Puls höher schlagen und bindet elektronische Spielereien ein. Wenn die Band hingegen in „Anti-Partisan“ die symphonischen und metallischen Anteile getrennt auftreten lässt, entsteht eine wesentlich klarere und angenehmere Songstruktur. „Standstill“ ist als gänzlich instrumentales Stück, das weit in klassische Musik hineinreicht, gehalten.

Mit „Dead Era“ haben WALKING DEAD ON BROADAY kein Album für schwache Gemüter geschaffen. Die stets hohe Geschwindigkeit und mitunter rasante Tempowechsel sind auf Dauer eher anstrengend geraten. Den Totalausfall, den der Anfang fast schon prophezeite, können sie glücklicherweise noch umschiffen. Allerdings ist in Sachen Produktion nicht alles astrein geraten, hier hätte man für eine feinere Abstimmung nachjustieren können. Auch eine wirkliche Entfernung vom üblichen Deathcore ist nur selten zu erkennen. Somit bleibt „Dead Era“ im Mittelmaß stecken und der Einstand des neuen Frontmanns gestaltet sich als eher durchwachsene Angelegenheit.