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Aversions Crown – Xenocide

Wer an Metal mit Alien-Thematik denkt, dem wird wahrscheinlich schnell die schwedische Death-Metal-Legende Hypocrisy einfallen. Doch auch Australien beherbergt mit AVERSIONS CROWN eine solche Band, die diese Vorliebe für dystopische Alieninvasionen teilt. Mit „Xenocide“ hat die Deathcore-Formation Anfang 2017 ihr drittes Album veröffentlicht.

Dass man es hier nicht mit gewöhnlichem Genre-Brei zu tun hat, wird bereits beim ersten Song „Prismatic Abyss“ deutlich. Mit dem Black Metal entlehnten Akkordkompositionen prügelt sich die Truppe meist auf sehr hohen Geschwindigkeiten durch elf Stücke, die mit etwas im Deathcore eher weniger üblichem arbeiten: Melodien! Zwischen typischem Core-Riffing und stampfenden Breakdowns nutzen die Musiker nämlich genau dieses Stilmittel, um eine fast schon betörende, bedrohliche Atmosphäre zu erschaffen. Das funktioniert auch überwiegend problemlos, auch wenn diese Melodien weniger eine Ohrwurm- als eine stimmungsformende Funktion erfüllen, weshalb sie teilweise auch schwer auseinanderzuhalten sind. Das verhilft der Scheibe einerseits ein konstant hohes Niveau zu halten, lässt andererseits dann aber stellenweise auch etwas Abwechslung vermissen, wenn man auch nach drei Durchläufen die Hälfte der Songs immer noch nicht auseinanderhalten kann.

Dennoch finden sich auf „Xenocide“ auch einige Songs mit starkem Hitpotential. Das eingängige „Erebus“ etwa feuert nach einem Noise-Intro das wohl beste und charakteristischste Riff des Albums auf den Hörer ab und punktet mit einem starken Refrain. Die fetzigen Salven in „Cynical Entity“ und dem Abschlusssong „Odium“ sind nicht minder beeindruckend in ihrer hochqualitativen Ausführung. Überhaupt ist die Musik immer dann am stärksten, wenn AVERSIONS CROWN markante, melodiöse Death-Metal-Riffs in Blastbeat-Gewittern auf den Hörer niederprasseln lassen und sie mit sphärischen, mystischen Melodien umspielen, die auch im Midtempo und ruhigeren Abschnitten ihre Wirkung entfalten.

Eher weniger gelungen sind dagegen die abgenutzten Klischeeelemente wie Breakdowns und monotone Riffs, bei denen sich seit Existenz des Deathcore-Genres der Irrtum fortpflanzt, das würde besonders hart und aggressiv klingen. Doch selbst die Breakdowns werden von den Australiern bisweilen mit geheimnisvollen Melodien und Riffs veredelt, sodass wirkliche Langeweile höchstens in übertrieben breitgetretenen Songs wie „Cycles Of Haruspex“ oder „Hybridization“ auftritt. Die für das Genre übliche, inzwischen für einen kommerziellen Erfolg fast schon essenzielle Überproduktion samt totgetriggerten Drums kann man dabei durchaus kritisieren, stört aber insgesamt gar nicht so sehr, wie man es erwarten würde.

Wer in der Wartezeit auf das nächste Born-Of-Osiris-Album endlich mal wieder einen richtig kreativen, eigenständigen Beitrag aus dem Deathcore-Sektor hören möchte, der nicht nur für eingefleischte Verehrer dieses Genres interessant ist, dem sei „Xenocide“ von AVERSIONS CROWN dringend ans Herz gelegt. Zwar schafft die Band es auch hier nicht, sämtliche Klischees zu umschiffen, die belanglosen Momente halten sich aber tatsächlich in Grenzen und lassen den gelungenen Ideen ausreichend Platz, damit diese die Platte letztlich überaus hörenswert machen können.

Slaughter To Prevail – Misery Sermon

SLAUGHTER TO PREVAIL ist eine Deathcore-Band, die auch als Russian Hate Crew bekannt ist. Nach der EP „Chapters Of Misery“ im Gründungsjahr und der, mit dem Vertrag bei Sumerian Records verbundenen, Neuauflage inkl. abgeändertem Artwork und Bonus-Titel im Jahr 2016, legen die Musiker nun das Debüt „Misery Sermon“ vor. Als Haupteinflüsse gibt Frontmann Alex Suicide Silence, Bring Me The Horizon und Carnifex an.

Vorab sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ebendieser sich im Jahr 2015 mit Vorwürfen konfrontiert sah, er würde sich im politisch rechten Spektrum bewegen. Als Gründe dafür wurden u.a. angeführt, dass er eine schwarze Sonne am Ellbogen tätowiert hat, er rechte Künstler aus Russland unterstützt habe und sich in Kleidung von Thor Steinar oder White Rex gezeigt habe. Die Band veröffentlichte in der Folge ein Statement ihres Fronters: „I want to make clear that neither me nor the band and our crew support and/or tolerate any type of Nazism, racism or fascism. Love music, fight racism.“ Zumindest die Texte betreffend finden sich keine Hinweise auf eine tatsächlich rechte Gesinnung, die SLAUGHTER TO PREVAIL mit ihrer Musik in die Welt tragen. Ob jetzt Unwissenheit oder Naivität die Grundlage für diese Vorwürfe war, sei einmal dahin gestellt. Fakt ist, dass besagte Artikel nicht mehr als vage Verdachtsmomente bieten, die für den Boykott einer aufstrebenden Band unserer Meinung nach nicht aussagekräftig genug waren.

Der eröffnende Titelsong bietet im Intro eine unterkühlte Black-Metal-Atmosphäre mit Doublebass-Einsatz, bevor der eigentliche Deathcore brutal durchschlägt. Zwischen die düster-brachialen Riffwände und todesmetall-lastigen Gesang mischen sich wiederholt melodische Gitarrensequenzen, Black-Metal-angehauchte Screams, Gangshouts und auch dezent aufblitzende Keyboard-Untermalung. Im weiteren Verlauf rumpeln sich SLAUGHTER TO PREVAIL in garstiger Weise durch die knapp 45 Minuten Musik, die „Misery Sermon“ in sich vereint. Auch die genre-typischen Breakdowns dürfen da natürlich nicht fehlen, werden aber glücklicherweise nicht überstrapaziert. Zwar verlaufen die Songs dadurch auch mit fortlaufender Spieldauer in einer Art Gleichförmigkeit, was für Deathcore-Bands aber auch nicht zwingend unüblich ist. Ein besonderes Merkmal der Titel ist, dass zwischen die vorrangig englischsprachigen Texte auch wiederholt russische Zeilen eingeworfen werden. Den Abschluss des Albums bilden das starke „Malice Of Rites“, das verspielte Instrumental „Below“ und das hasserfüllte „Cultural Ills“. Gerade diese drei Titel zeigen, welche Stärken in dieser noch jungen russischen Band schlummern, da sie auch einige neue Stilmittel einbinden und kleinere Experimente wagen.

Im Grunde ist SLAUGHTER TO PREVAIL mit „Misery Sermon“ ein lupenreines Deathcore-Album gelungen, dass nur minimal in die Richtung anderer Genres, beispielsweise Hardcore oder Black Metal, schielt. Zwar fehlt ihnen zu den Vorbildern (früherer) Suicide Silence etwas die Power und zu Bring Me The Horizon der Sinn für ausgeflippte Kompositionen, dennoch ist „Misery Sermon“ ein solides Debüt-Werk, das im Kreis der Deathcore-Jünger seine Anhänger finden wird. Beim nächsten Versuch dann bitte etwas mehr Mut zu schnelleren Passagen und eigenwilligeren Songaufbauten, dann kann es auch über den Genrerand für Metal-Fans richtig interessant werden.

Obey The Brave: Tour mit Stray From The Path

Im Herbst werden OBEY THE BRAVE als Ersatz für Wolf Down mit Stray From The Path, Capsize und Renounced Teil der „Only Death Is Real“-Tour sein. Folgende deutsche Städte wird das Vierergespann rocken:

13.10.17 Stuttgart, Club Cann
14.10.17 Nürnberg, Hirsch
17.10.17 München, Feierwerk
21.10.17 Berlin, Cassiopeia
22.10.17 Hamburg, Logo
28.10.17 Hannover, Bei Chez Heinz
29.10.17 Oberhausen, Kulttempel

Oceano – Revelation

Gerade im Deathcore-Sektor ist es nicht zwingend einfach, sich aus dem gebotenen Einheitsbrei abzuheben. Dies liegt zum einen daran, dass die Hochzeit des Genres bereits rund zehn Jahre zurückliegt. Andererseits haben sich Vorreiter wie Bring Me The Horizon oder Suicide Silence unlängst von dem typischen Klangbild abgewendet. OCEANO hingegen bleiben ihrem Stil auch im elften Karrierejahr treu und servieren so ihr fünftes Studioalbum „Revelation“.

Das macht schon mit dem Einstiegstitel „Dark Prophecy“ klar, wohin die Reise gehen soll: Gurgelndes Growling legt sich über massive Gitarrenklänge und wuchtige Drums. Das Grundkonzept ist klar, geht auch meistens auf, wenn man von einigen holprigen Stellen wie in „Lucid Reality“ absieht. Wirklich interessant wird die Musik von OCEANO aber erst durch den Einsatz von Elementen fernab des Metalcore und Death Metal. So verlangsamen die Musiker des Öfteren das Tempo, um intensive Doom-Metal-Riffs auf den Hörer abzufeuern. Außerdem setzen sie auf Synthesizer-Untermalung, die den Songs nicht nur einen leicht psychedelischen, sondern auch düsteren Touch verabreicht. Der Band aus Chicago hat das sowieso schon brachiale und finstere Klangbild wohl nicht ausgereicht. Adam Warrens Organ lässt dabei wenige Wünsche offen, denn er versteht es, sein Handwerk zwischen tiefen Growls und Screams ohne große Durchhänger abzuarbeiten.

Noch mehr Respekt verdient aber Schlagzeuger Andrew Holzbaur, der teilweise versteckt im aufgeblasenen Sound vertrackte Rhythmen und große Momente spielt, die einem nur beim genauen Hinhören wirklich auffallen, beispielsweise in „The Great Tribulation“. Die Musik von OCEANO ist aber nicht nur aufgepumpt, sondern auch technisch versiert. Die angegebenen Haupteinflüsse Behemoth und The Acacia Strain sind also durchaus treffend gewählt. Ein weiterer erfrischender Punkt ist, dass die US-Amerikaner nicht immer dem gängigen Strophe-Bridge-Refrain-Schema folgen und damit erreichen, dass man als Hörer nicht gelangweilt abschweift. Von Kritik bleibt „Revelation“ aber dennoch nicht verschont, denn auffälllig ist, dass sich vor allem in die Songs um drei Minuten Spieldauer teilweise Längen einschleichen, die gerade bei dieser Kürze mehr als nur unnötig erscheinen und vor allem durch die Gleichförmigkeit der Titel zu begründen sind.

„Revelation“ erfreut sicherlich die Fans von OCEANO, da sie gewohnte Kost geliefert bekommen. Die-Hard-Fans des Deathcore werden sowieso frohlocken, dass sie noch (fast) lupenreine Bands des Genres zu hören bekommen. Dennoch hat dieser fünfte Longplayer kleinere Schwächen, die sich vor allem in gleichbleibenden Strukturen äußern. Mit dem Einsatz von Synthesizer und dezenten Doom-Anleihen können die Musiker aber auch ein bisschen davon wieder gut machen. Kein schlechtes Album also, aber auch keine leichte Kost. Die klarere Trennung von elektronischen Elementen und der brutalen Core-Seite hätte dieses Release nochmal deutlich aufgewertet.

The Charm The Fury – The Sick, Dumb & Happy

Frontfrauen sind im Metal die Ausnahme. Hinzukommt, dass der Großteil an metallischem Frauengesang bei Bands wie Nightwish oder Within Temptation eher den Bedarf an lieblich-klaren Rockstimmen abdeckt. Insbesondere Gruppen wie Arch Enemy zeigen jedoch mit Alissa White-Gluz (seit 2014) und Angela Gossow (2001–2014), dass Metalcore- und Death-Metal-Stücke durch gutturale weibliche Vocals eine ganz besondere, Mark und Bein erschütternde Note bekommen können.

Mit der Sängerin Caroline Westendorp vereinigen THE CHARM THE FURY in ihrem zweiten Album „The Sick, Dumb & Happy“ beide vorgenannten Arten von Frauenstimmlagen gekonnt. Die 28-Jährige schmeißt dem Hörer einerseits mit ihrer femininen Schmirgelpapierstimme brachiale Shouts entgegen, wie beispielsweise in „Weaponized“. Anderseits beherrscht sie melodiöse Clean Vocals ausgesprochen gut, wie in der tollen Ballade „Silent War“ zu hören ist. Besonderen Wert gewinnt ihre Gesangskunst durch deren Dynamik, indem Westendorp gutturalen und klaren Gesang kombiniert in einem Lied einsetzen kann, wie in „Break And Dominate“ oder in „Echoes“, ohne dass dies etwa künstlich oder gezwungen wirkt.

Ebenso abwechslungsreich zeigt sich das musikalische Grundkonzept der Scheibe. Im Opener „Down The Ropes“ groovt das 2010 gegründete niederländische Quintett den Hörer gekonnt in das Album hinein. Ein anerkennendes Kopfwippen ist da unvermeidbar. In „No End In Sight“ feuern die Amsterdamer Gitarrenriffs heraus, die an Gewehrsalven erinnern und von Westendorp Vocals scharf untermauert werden. Gute Hooks mit hohem Wiedererkennungswert und passende Breakdowns, wie in „The Future Need Us Not“ und „The Hell In Me“, gehören ebenso zum Repertoire der Band wie eingängiges Drumming. Letzteres ist besonders gut in „Blood And Salt“ zu hören, in dem es etwas trister und einen Tick doomiger zugeht.

Zwei Wermutstropfen verbleiben dennoch: Zum einen zeigt sich der Rhythmus nicht so ganz variabel, meist bewegen sich die Songs im Midtempo. Langeweile tritt dennoch nicht auf, da THE CHARM THE FURY in Songs wie „Blood And Salt“ und „Weaponized“ einen Zahn zulegen. Zum anderen hat sich das schwächere Stück „Songs Of Obscenity“ auf die Platte verirrt, das durch eine Mischung aus Groupshouting und wirrem Gitarreneinsatz diffus und konzeptlos wirkt.

„The Sick, Dumb & Happy“ ist ein wirklich gelungenes Werk mit gut abgestimmtem Sound und toller Stimme, wenn es auch nichts Neues erschafft. Erfreulicherweise verschlechtert sich die Qualität der Platte – wenn überhaupt – nur gegen Ende um einen Hauch. Wer in Sommerlaune ist, wird am „Fenster-auf-und-Anlage-aufdrehen“ seinen Spaß haben. Festivalkracher sind ebenfalls dabei, die für den einen oder anderen Moshpit sorgen dürften. Für eine noch höhere Bewertung fehlt allerdings das Innovative und Kreative.

Obey The Brave – Mad Season

Wie schon zu Zeiten von Despised Icon bleiben Alex Erians OBEY THE BRAVE ihrem Veröffentlichungsrhythmus von zwischen zwei und drei Jahren treu und werfen mit „Mad Season“ ihr drittes Werk auf den Markt. Nachdem das Debüt „Young Blood“ noch darauf hoffen ließ, dass die Band von dort an dauerhaft hochkarätige Alben veröffentlichen würde, ging es mit dem Nachfolger „Salvation“ bereits einen Schritt zurück – die große Frage war, ob die Band es mit dem dritten Album schaffen würde, zu alter Stärke zurückzufinden, oder ob sich die Entwicklung in die falsche Richtung fortsetzen würde. Nach einigen Hördurchläufen überwiegt die Enttäuschung: Einerseits kann man tatsächlich einige coole Ansätze heraushören, jedoch zeigen sich die Kanadier erschreckenderweise auch wenig gefeit vor dem regelmäßigen, beherzten Griff ins musikalische Klo.

Da wäre zum Beispiel die erste Singleauskopplung „Drama“, die durch den stark gesungenen Refrain, die Death-Metal-Screams des ehemaligen Despised-Icon-Kollegen Steve Marois und insbesondere die fetzigen Uptempo-Parts und Breakdown-Rhythmen eine spannende Atmosphäre entwickelt – die dämlichen Kinderchöre im Refrain hätte man sich dagegen sparen können. Dasselbe gilt für den Titeltrack, und die Parkway-Drive-anno-2015-Schiene, die die Band in „97 Season“ fährt (seichten Pop-Rock mit ein bisschen Alibi-Härte), hat der Fan der ersten Stunde auch ungefähr so dringend nötig wie einen Halbzeit-Auftritt von Anastacia bei einem Fußballspiel. Auf die Spitze treiben OBEY THE BRAVE diese Geschmacklosigkeit in der letzten Minute von „Les Temps Sont Durs“, das bis dahin ein starker, weil temporeicher und intensiver Track ist.

Erfreulich konsequent ziehen OBEY THE BRAVE ihren Stiefel dagegen in „Feed The Fire“ runter – zwar gibt es auch hier mitunter seichten Gesang zu hören, der ist aber an dieser Stelle weder deplatziert noch trieft er vor Klischees. Auch „The Distance“, „Way It Goes“ sowie der Opener „On Thin Ice“ und die Hymne „On Our Own“ haben gute Momente.

Insgesamt ist „Mad Season“ jedoch trotzdem ein Album, das sich am Besten mit „durchwachsen“ beschrieben ist: Oft wirken die Kanadier, als seien sie hoffnungslos gefangen im Widerspruch zwischen Massen- und Musikgeschmack, Kitsch und Können sowie dem Anspruch an sich selbst und dem an die Albumverkäufe. Auf Song-Elemente, die an die alten Zeiten der Band erinnern, folgen allzu oft viel zu seichte Gitarrenspielereien, deplatzierte Gesangsparts und musikalisch völlig sinnbefreite Chorusse oder Tempowechsel. Wer dem Album trotzdem eine Chance geben möchte, sollte in die letzten drei Tracks reinhören, die noch am überzeugendsten sind. Wer ein überzeugendes Hard- oder Metalcore-Album sucht, ist woanders besser bedient.

Ghost Iris – Blind World

Im Bereich des Djent und Tech-Metal werden die Dänen GHOST IRIS als aufgehender Stern der Szene bezeichnet. Als meist gestreamter Metalact aus ihrem Heimatland Dänemark 2016 und mit dem neuen Album „Blind World“ im Rücken startet die Band ins Jahr 2017. Im Gegensatz zum Debüt „Anecotes Of Science & Soul“ hat sich der Sound zu einem komplexeren und mehr vom Funk inspirierten gewandelt, der neben harten Riffs auf die perfekte Harmonie mit dem fokussierten Songwriting und unvergesslichen Gesangsmelodien setzt.

So ist die Erwartungshaltung sicherlich hoch, leider macht bereits der Opener „Gods Of Neglect“ einen eher verhaltenen Eindruck. Death Metal mit Djent-Note ist der Song zwar ohne Zweifel, kommt aber eher mit angezogener Handbremse daher und kann auch keine nennenswerten Akzente setzen. Wenn das Quartett hingegen die Metalcore-Anteile merklich nach oben schraubt, gestaltet sich dessen Musik weitaus spannender. Dann kommen auch Breakdowns („The Flower Of Life“) zum Einsatz oder kraftvoller Klargesang („Pinnacle“) zum Einsatz. Technisch gesehen kann man den vier Jungs keinen Vorwurf machen, denn jede Note sitzt nahezu perfekt. Im Gesamtbild entsteht, neben einigen kraftvollen Riffs und kurzen aufhorchenden Gesangslinien, doch ein verwirrender Stilmix aus Djent, progressivem Metalcore und leichten Death-Metal-Einschlägen. Der nur knapp zweiminütige Titelsong mit seiner Anlehnung an Alternative Country und Sprechgesang über wuchtige Drums hat da schon mehr Potential zu bieten, wird ab der Hälfte aber kurzfristig durch diffuses Metal-Riffing abgelöst und zerstört die so entstandene Atmosphäre vollständig. Die Spitze dieses Schaffens ist der achtminütige Longtrack „Time Will Tell“, der entgegen dem Titel deutlich zeigt, dass die Nachwelt und Metal-Geschichte vielleicht nicht unbedingt von GHOST IRIS berichten wird. Da hilft am Ende auch nicht der Einsatz von kraftvollem bis lieblichem Frauengesang im Abschlussstück „Detached“, der von Mie Due Sørensen (Run Before Grace) beisteuert. Das Austesten ihrer Band könnte sich für Freunde kerniger Rockmusik als gehaltvoller herausstellen.

Die wirklich treibenden (Glanz-)Momente fehlen GHOST IRIS auf „Blind World“ fast komplett und so versinken viele der Songs in einer Gleichförmigkeit, die die Dänen sich auf diese Weise sicherlich nicht vorgestellt haben. Den angepriesenen Funk muss man letztendlich auch vergeblich suchen. Neben der präzisen Perfektion ihrer Musikdarbietung wird der aufkommende Groove von ebendieser auch leider zerlegt. Wer ausschließlich auf Technik Wert legt, der wird mit diesem Silberling durchaus belohnt. Dieses reine Schaulaufen der Fertigkeiten reicht in diesem Fall aber nicht aus, um als sehr gutes Album zu bestehen.

While She Sleeps – You Are We (+)

Nachdem „This Is The Six” (2012) und „Brainwashed” (2015) den jungen Engländern WHILE SHE SLEEPS jede Menge Herzen in der Metal-Community zufliegen lies, kommt das dritte Album dementsprechend mit jeder Menge Vorschusslorbeeren und steht zugleich einer enormen Erwartungshaltung gegenüber. Keine leichten Startbedingungen für „You Are We“.

Allerdings auch nichts, was die Band eingeschüchtert hat, wie schon nach dem Opener und Titeltrack klar ist. Denn „You Are We“ zeigt genau jene Trademarks, die WHILE SHE SLEEPS schon immer ausgemacht haben: knackige Riffs, satte Breaks und Loz‘ Screams, alles in Gegenüberstellung zu tollen Melodien und Mats Klargesang. Ein starker Auftakt, der auch zugleich die Ausrichtung von „You Are We“ klarmacht.

Denn auf ihrer dritten Platte gehen die Herren aus Sheffield noch konsequenter ihren Weg. Konkret heißt das, dass die genreüblichen Aggro-Tiraden noch mehr zurückgefahren wurden und vermehrt auf melodiösen bzw. Klargesang und großartige Gitarrenmelodien gesetzt wird. Dies bedeutet aber keinesfalls, dass man auf „You Are We“ auf fette Breaks oder Rifflawinen verzichten muss: „Steal The Sun“ und „Civil Isolation“ beispielsweise halten beides bereit, aber auch „Feel“ und „Silence Speaks“ kommen mit amtlicher Härte um die Ecke, um nur einige zu nennen. Ganz nebenbei klingt Oli Sykes auf „Silence Speaks“ so aggrressiv wie auf dem kompletten letzten Bring-Me-The-Horizon-Album nicht.

Aber WHILE SHE SLEEPS sind anno 2017 eben viel mehr als nur eine Metalcore-Band, die einen Breakdown nach dem andern raushaut und dazu irgendjemand in ein Mikro brüllen lässt. „Your Are We“ zeigt eine (junge) Band, die konsequent ihren Weg geht und dabei auch in Kauf nimmt, von Genrepuristen fallengelassen zu werden.

Neben den starken Melodien („Empire Of Silence“) glänzen WHILE SHE SLEEPS aber auch mit teilweise brillanten Ein- und Zweizeilern wie “You watch your countless wars / we want to count less wars“ oder “We’re building walls where there should’ve been bridges / borders in the land we roam / we pray for war like it’s some fucking religion / when greed is all we know.”. Einfach? Sicher. Sehr heruntergebrochen? Auf jeden Fall. Ohrwurm und Livegranate? Definitiv. Was Kritikern vielleicht sauer aufstoßen wird, ist, dass die Truppe sich in ihren Texten mit Allgemeinplätzen begnügen, anstatt den angesprochenen Probleme auf den Grund zu gehen. Aber ganz ehrlich, wer hat das seit Rage Against The Machine zuletzt getan (mal abgesehen von den großartigen Stray From The Path)? Und was wäre die Alternative? Mehr Mordfantasien, Partyexzesse oder Beziehungsdramen? Nein danke, dann doch lieber ein paar (zugegeben teilweise möchtegern) sozialkritische Phrasen, die live ordentlich knallen und dank ihrer Ausrichtung nichts mit rechten Volldeppen wie Xavier Naidoo gemein haben, auch wenn mancher hier meint einen Vergleich ziehen zu können.

Unterm Strich sind WHILE SHE SLEEPS auf ihrem neuen Album genau das – sie selbst. Die Engländer waren schon immer anders als das Gros der Metalcore-Bands und gehen ihren Weg konsequent weiter. Auf diesem haben sie mit „You Are We“ eine unheimlich vielschichtige Scheibe geschaffen, die dem Hörer Zeit abverlangt, um all die Melodien, Spielerein, fetten Riffs und starken Breaks in ihrem Zusammenspiel auf sich wirken zu lassen. Dann aber entfaltet sich ein grandioses Werk, das die Messlatte auf eine Höhe legt, die außer WHILE SHE SLEEPS (dieses Jahr) nur wenige erreichen werden. Wem das zu viel Arbeit ist, oder wer von dermaßen viel Klasse und Vielschichtigkeit kapituliert, der greift lieber zum x-ten Killswitch-Engage-Klon ohne Melodie und freut sich über seinen Teller mit schön hohem Rand.