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Rockharz Open Air: Drei neue Bands

Für das Rockharz Open Air, das vom 1. bis 4. Juli 2020 in Ballenstedt stattfindet, wurden drei neue Bands angekündigt. Dabei handelt es sich um die Gothic-Metaller LORD OF THE LOST, die schwedischen Hard-Rockerinnen THUNDERMOTHER und die Piraten-Punk-Band PADDY AND THE RATS.

Das bisherige Line-Up besteht somit aus folgenden Bands:

ACCEPT
ASENBLUT
ASP
DARK FUNERAL
DARK TRANQUILLITY
DESTRUCTION
EKTOMORF
ELUVEITIE
ENSIFERUM
EVIL INVADERS
GERNOTSHAGEN
JINJER
KAMBRIUM
KNORKATOR
LORD OF THE LOST
MOONSORROW
OST + FRONT
PADDY AND THE RATS
RUNNING WILD
SEPULTURA
SUBWAY TO SALLY
TANKARD
THUNDERMOTHER
UNLEASHED

Summer Breeze: Erste Bandankündigungen für 2020

Das SUMMER BREEZE OPEN AIR geht im Jahr 2020 in seine 23. Runde. Die ersten Bands wurden am heutigen Tag für die viertägige Metal-Sause veröffentlicht. Neben den Mittelalter-Rockern SALTATIO MORTIS werden die schwedischen Black-Metaller DARK FUNERAL die Bretter des Festivals betreten. Darüber hinaus wurden WARDRUNA, WHILE SHE SLEEPS, JINJER sowie die YouTube-Star FROG LEAP STUDIOS bestätigt. Das SUMMER BREEZE 2020 wird vom 12. bis 15. August 2020 stattfinden.

Wolcensmen – Fire In The White Stone

Als Dan Capp im November 2016 das Debütalbum seines Neofolk-Soloprojekts WOLCENSMEN, betitelt „Songs From The Fyrgen“, herausbrachte, nahmen davon wohl nur wenige Notiz. Trotz der moderaten Bekanntheit seiner „Hauptband“ Winterfylleth innerhalb der Black-Metal-Szene, welche sich zumindest teilweise mit der Neofolk-Hörerschaft überschneidet, blieb das Album ein klassischer Geheimtipp. Der verdiente Re-Release der Platte über Indie Recordings zwei Jahre später dürfte jedoch Schwung in die Sache gebracht haben, denn nach der ebenfalls hörenswerten EP „Songs From The Mere“ folgt mit „Fire In The White Stone“ nunmehr das inzwischen doch von einigen heiß ersehnte zweite Full-Length-Album.

WOLCENSMEN als bloßes Nebenprojekt des Winterfylleth-Gitarristen abzuwerten, wäre schon nach dem rundum gelungenen Debüt nicht angebracht gewesen. Im Hinblick auf den immensen Aufwand, der nachweislich in „Fire In The White Stone“ gesteckt wurde, besteht jedoch spätestens jetzt nicht mehr der geringste Zweifel daran, dass Capp seine akustischen Lieder mindestens genauso am Herzen liegen wie seine Umtriebe im Black Metal.

Für das 50 Minuten lange Album hat der britische Einzelkünstler nicht nur eine eigens erdachte, 12.000 Wörter umfassende Geschichte niedergeschrieben, die sich um die Reise eines jungen Mannes in einem mittelalterlich-mystischen Setting dreht und von Tolkien, Wagner und dem Gralsmythos inspiriert ist, sondern auch die musikalische und visuelle Gestaltung liebevoll auf das Konzept abgestimmt. So zeigt das kunstvolle, von David Thiérrée kreierte Artwork die wichtigsten Kernelemente der Handlung und Produzent John A. Rivers, der wegen des von ihm gezauberten, atmosphärischen Sounds von Dead Can Dance‘s „Within The Realm Of A Dying Sun“ gezielt von Capp mit der Produktion betraut wurde, hat die Instrumente mit einem gleichermaßen organischen und geschmeidigen Klang versehen.

Stilistisch hält sich WOLCENSMEN in den neuen Songs im Grunde an die Vorlage des Debüts, erweitert diese jedoch signifikant. Neben den zarten, mitunter sogar recht schwungvollen Akustikgitarren, die in manchen Tracks wohlige Erinnerungen an Empyrium und Ulvers „Kveldssanger“ wachrufen („Of Thralls And Throes“), den sanftmütigen Flöten und der archaischen, zum Teil schroff marschierenden Perkussion kommen unter anderem auch trübselige Streicher und allerlei Keyboardtöne zum Einsatz. Letztere nehmen auf „Fire In The White Stone“ nicht nur wesentlich mehr Raum als noch auf der Vorgängerplatte ein, sondern sind hier auch inniger in die Kompositionen eingebettet und darüber hinaus vielgestaltiger in Szene gesetzt.

Im näher am Dark Wave als am Neofolk gelegenen „Hunted“ bedient sich WOLCENSMEN beispielsweise Cembalo-artiger Klänge, um dem Track seinen drohenden Grundton zu verleihen, wohingegen die synthetisch simulierten Bläser auf „Sprig To Spear“ eine majestätische Erhabenheit ausdrücken, die man in dieser Form sonst nur von Summoning kennt. Auch als Erzähler macht Capp seine Sache ausgesprochen gut. Hymnisch und treffsicher singt er sich seinen Weg durch seine selbstverfasste Geschichte und passt seine Stimme stets dem von der Handlung vorgegebenen Spannungsbogen an.

Mit ihrer Einfachheit bestechende Ohrwürmer wie „Sunne“ oder „The Mon O‘ Micht“ findet man auf „Fire In The White Stone“ zwar nicht, im Gegenzug ist es Dan Capp jedoch gelungen, seine urtümlich beseelte Musik mit neuen Elementen auszustatten und das Album als Ganzes trotzdem wie aus einem Guss klingen zu lassen – ein Balanceakt, der zweifellos beträchtliches, musikalisches Talent erfordert. Im Vergleich zu „Songs From The Fyrgen“ hat WOLCENSMEN hiermit ein noch vollkommener abgerundetes und bombastischeres Werk geschaffen, das in sämtlichen Aspekten – von der Grundidee über das Songwriting bis hin zu der Tonqualität und der Visualisierung – begeistert und folglich zu den besten Folk-Veröffentlichungen des Jahres zählt.

Vroudenspil

Seit vielen Jahren lässt PHYRA die Flötentöne bei VROUDENSPIL erklingen, in diesem Winter erstmals als Support von Schandmaul. In unserer Interview-Reihe „Frauen im Folk“ berichtet PHYRA davon, wie sie Flötistin und nicht Bassistin wurde, wie eine damals 16-jährige Musikerin mit ungewollten Fan-Anrufen zuhause umgeht und wie sie ihr Privat-, Berufs- und Musikerleben trennt.


Ahoi Phyra! Du bist seit über zehn Jahren Teil der Folk-Szene. Wie würdest du diese Zeit in einem Tweet zusammenfassen?
He, ihr da! Früher, im Mittelalter, hat’s fei noch keinen Strom gegeben!

Zusammen mit deinen Bandkollegen Georg und Simon bist du (fast) von Anfang an bei Vroudenspil dabei. Wie hast du die verschiedenen Besetzungen im Laufe der Jahre erlebt? Welche Konstellation war deiner Meinung nach die musikalisch stärkste und welche hat menschlich am besten funktioniert?
Das kann man so wirklich überhaupt nicht pauschalisieren. Jede Besetzung war für sich besonders und stark und in der entsprechenden Phase der Band genau richtig so. Die Besetzungswechsel stellen uns gegenseitig immer wieder auf die Probe, machen aber auch eine Weiterentwicklung möglich, da so immer neue Einflüsse und Charakterzüge dazu kommen. Mit dem Eintritt von Kraken am Drumset haben wir natürlich einen Haufen an musikalischer Professionalität hinzugewinnen können, das war auf jeden Fall sehr wichtig. Die Vroudenspil-Familie, mit all ihren alten und neuen Mitgliedern, PartnerInnen und Kindern verbindet immer noch eine tiefe Freundschaft und wir versuchen uns, so oft es geht, zu sehen.

Was ist derzeit für euch als Band besonders charakteristisch?
Wir machen, auf was wir gerade Lust haben, und hoffen, dass dabei so viele wie möglich mitkommen.

In der Folk-Szene gibt es mit Mr. Hurley und die Pulveraffen, Cultus Ferox, Ye Banished Privateers und vielen weiteren Bands, die mit euch um die Freibeuter-Krone streiten. Wie ist das Verhältnis untereinander? Ist zu diesen Kapellen der initiale Bezug höher oder ist das unabhängig?
Die Freibeuterkrone gibt es nicht. Vor allem die Pulveraffen und die Privateers sind uns sehr ans Herz gewachsen. Wir freuen uns immer tierisch, wenn wir auf den gleichen Veranstaltungen spielen oder wir uns gegenseitig besuchen können. So etwas wie Konkurrenz gibt es, meinem Empfinden nach, dabei überhaupt nicht, eher im Gegenteil. Ich liebe es zum Beispiel die Privateers live zu sehen und bewundere sie für das was und wie sie sind. Und wenn man dann nach dem eigenen Konzert von ihnen mit den Worten „Gosh, this was the best concert ever, I FUCKIN‘ LOVE YOU!“ umgeknuddelt wird und man nur ein „Aww! Vice versa!“ zurückgeben kann, da lacht das kleine Musikerherz schon. Der inhaltliche Bezug ist jetzt aber nichts, was uns mehr zusammenschweißt. Unsere Verbindungen zu Bands wie Feuerschwanz oder Ingrimm sind da ebenso freundschaftlich.

(c) Pushing Pixels

Während die Pulveraffen und auch die Privateers zunehmend durchstarten, ist es um Cultus Ferox eher ruhiger geworden. Ihr habt euren Platz gefunden. Was willst du persönlich mit Vroudenspil noch erreichen und was habt ihr euch als Band gemeinsam vorgenommen?
Als wir mit Vroudenspil starteten, waren wir alle noch Schüler und wollten einfach nur eine Band haben, Musik machen und gemeinsam unterwegs sein. Eine Sache, die sich bis heute nicht geändert hat. Für uns alle ist die Band ein Herzensprojekt, an dem wir mit voller Power unsere Wünsche und Träume zu erfüllen versuchen. Eigener Profit steht bei uns weit hinten, wir wollen uns nicht verbiegen lassen (müssen), sondern in erster Linie zu 100% hinter dem stehen, was wir gemeinsam machen und aus eigener Kraft schaffen können. Die Musik (bzw. Vroudenspil) zum Beruf zu machen, stand für uns nie zur Debatte. Dieser Idealismus ist natürlich anstrengend und so eine Band als Hobby, neben dem eigentlichen Beruf zu betreiben, kostet extrem viel Zeit, aber das ist es uns wert. Dass wir das alles machen können ohne den Druck des musikalischen Erfolgs (der bei den meisten Bands ja die Lebensgrundlage bedeutet), empfinden wir als große Freiheit und hoffen, dass das auch weiterhin so möglich ist. In all den Jahren habe ich so viel schöne, quatschige, inspirierende, traurige und verrückte Momente in dieser Band erlebt und ich wünsche mir, dass jeder von uns noch viele Geschichten in sein eigenes Vroudenspil-Buch schreiben kann.

Ihr habt vor kurzem euer neues Album „Panoptikum“ veröffentlicht, gleichzeitig das erste mit eurem neuen Sänger Paul. Welche Unterschiede gab es in der Entstehung, z.B. im Vergleich zum Vorgänger „Fauler Zauber“, und was bringt Paul an neuen Möglichkeiten für euch?
Na, Don Santo ist ja nicht das einzige neue Mitglied unserer Truppe. Mit Absolem und Neko sind ja noch zwei weitere Musiker zu uns gestoßen. Bei uns gibt es innerhalb der Band Gruppen, die sich um die die unterschiedlichen Themenbereiche kümmern. Mit Don Santo hat das Texte-Team und mit Absolem das Musik-Team neue – und überaus fähige – Mitglieder bekommen.

Würdest du zustimmen, dass ihr euch mit „Panoptikum“ von eurem Piraten-Image entfernt habt?
Ja, tatsächlich. Das haben wir aber auch ganz bewusst so entschieden. Wir wollten uns weiterentwickeln, uns wieder frei machen von thematischen Vorgaben. Die Piratensache ist ab einem gewissen Punkt zu Ende erzählt. Wir hatten Lust, mal wieder andere Wege zu gehen ohne thematische Einschränkungen.

(c) Peter Seidel, www.metalspotter.de

Simon greift bei euch neuerdings zum Saxofon. Hättest du noch andere Instrumente in der Hinterhand, um den Stilmix von Vroudenspil zukünftig weiter zu bereichern?
Petz hatte schon seit langem vor, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Der Dudelsack ist ein schwieriges, zickiges Instrument und hat eben auch seine Grenzen. Da sich auch unsere Musik weiterentwickelte, komplexer wurde und sich auch die Tonumfänge änderten, war jetzt der richtige Zeitpunkt für ihn. Von mir wird in dieser Hinsicht aber erstmal nichts kommen. Mir fehlt schlichtweg die Zeit, noch ein weiteres Instrument zu erlernen. Außerdem bietet die Querflöte noch so viele weitere Spielmöglichkeiten, da bin ich noch lang nicht am Ende meiner Fähigkeiten angekommen. Auch wenn ich glaube, dass unsere Musik noch einen Haufen mehr Instrumente vertragen könnte.

War es für dich angenehmer oder schwieriger, als mehrere weibliche Bandmitglieder Teil von Vroudenspil gewesen sind?
Das ist eine Frage, die mir seit Zoras Ausstieg wirklich sehr, sehr oft gestellt wird. Und ich kann nur sagen: Es war wirklich nie ein Thema, welches Geschlecht die Bandmitglieder haben. Man ist zu 100% gleichwertig. Die Jungs sind genauso eitel, ordentlich, kleinlaut oder zickig wie die Mädels, die Mädels mindestens genauso derb, unordentlich, energisch und stinkig wie die Jungs. Es ist einfach egal. Meine Stimme wiegt genauso viel wie die des Rests. In Hotels gibt es dann aber doch immer wieder das schnarchfreie „Mädchenzimmer“. Der Platz neben mir ist dort, seit Zoras Ausstieg, für unsere Lichttechnikerin Maggie reserviert.

Bis dato hast du ausschließlich als festes Bandmitglied bei Vroudenspil gespielt. Gab es in all den Jahren Kontakt zu anderen Kapellen für Gastauftritte?
Diese gab es tatsächlich bisher nicht, ich habe aber auch keine großen Ambitionen dahingehend. Ich mache in erster Linie Musik, um mit meinen Freunden zusammen unterwegs zu sein und nebenbei andere mit unserer Musik begeistern zu können. Bei mir ist das Musikmachen somit tatsächlich sehr an Vroudenspil gebunden und ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich ohne die Truppe noch Musik machen würde.

(c) Heiner Breuer

Du spielst allerlei Flöten. Wann hast du damit angefangen und wieso hast du dich dafür entschieden, dich sozusagen darauf zu spezialisieren?
Mit 5 Jahren habe ich angefangen Blockflöte zu spielen, mit 10 wechselte ich dann auf Alt- und Querflöte. Ich wollte aber keine klassische Musik oder Jazz machen, sondern immer in einer coolen Punkband spielen. Da passte in meinen Augen die Flöte nicht dazu, also versuchte ich mich am Klavier, an Gitarre und Bass. Ich hatte damals schon fest die Entscheidung getroffen, den Querflötenunterricht an den Nagel zu hängen, als ich dann eines Abends plötzlich zu Vroudenspil eingeladen wurde. Da hatte ich meine Punkband, wenn auch irgendwie anders als erwartet. Im Nachhinein bin ich wahnsinnig froh, dass die Wege mich wieder zurück zur Flöte brachten. Das Instrument ist einfach fantastisch, wandlungsfähig und bietet so viel mehr, als es den Ruf hat. Da ist es natürlich für mich immer wieder schön, wenn Fans (oder deren Eltern) sich bei mir bedanken, dass (oder wie) ich Querflöte spiele und ich ihnen somit Mut mache, dranzubleiben.

Wie würdest du deine Rolle in der Band auf und neben der Bühne beschreiben?
Das kann ich nicht beantworten, ich habe keine bestimmte Rolle in der Band.

Wie ist dein Pseudonym „Phyra“ entstanden?
Haha, das ist wirklich eine sehr gute Frage. Wir haben bei Vroudenspil die Tradition, dass der Rest der Band über den Künstlernamen entscheidet. Und irgendwie wurde es bei mir Phyra. Genaueres weiß ich tatsächlich nicht mehr. Vielleicht kam der Name doch irgendwie von mir? Puh, das ist schon wirklich sehr lange her.

Apropos Pseudonym: Einige Kapellen wie z.B. Versengold haben mit wachsender Bekanntheit ihre Bühnencharaktere abgelegt und treten nun unter ihren bürgerlichen Namen auf, teils wurden dafür auch einzelne Songtexte angepasst. Was hältst du von diesem Schritt?
Meiner Meinung nach kann das jeder für sich selbst entscheiden und ich finde daran überhaupt nichts verwerflich. Bei Versengold sind alle Vollblutmusiker, der Schritt in diese Richtung ist absolut nachvollziehbar. Die Trennung von Privatperson und Bühnenrolle ist für sie ja nicht mehr nötig.

(c) Claudia Finke, www.lafringuella.net

Ihr seid im Herbst mit Schandmaul auf Tour. Was erwartest du dir davon?
Dass wir es überhaupt sind, finde ich schon fantastisch. Wie für die meisten war nämlich auch für mich Schandmaul die „Einstiegsdroge“ in den Folk. Wüsste mein 14-jähriges Ich, das Schandmaul-erste-Reihe-Fangirl, davon, würde es kein Wort glauben. Ich bin aber grundsätzlich niemand mit hohen Erwartungen, sondern lasse die Dinge gerne auf mich zukommen und mich überraschen. Somit freue ich mich einfach nur tierisch auf die gemeinsame Zeit mit den Mäulern.

Wie hast du die Tourneen mit Subway to Sally und die Eisheiligen Nächte in Erinnerung?
Das war auf jeden Fall eine fantastische Erfahrung! Subway to Sally ist ein unglaublich netter Haufen, mit dem wir während der ganzen Tour extrem viel Spaß hatten. Ferner waren das die letzten Auftritte mit Ratz, weshalb das alles natürlich sehr emotional war.

Hast du Vorbilder, die so wahrgenommen werden wie du es dir für dich selbst wünschst?
Ich bin kein Fan von Vorbildern, sondern versuche für mich selbst einen Weg zu gehen, mit dem ich zufrieden bin, anstatt einem Ideal nachzueifern.

Wie bewertest du das Standing von Frauen in der weit gefassten Folk- und Mittelalterszene?
Ehrlich gesagt habe ich (persönlich) noch niemals miterlebt, dass Frauen irgendwelche Gleichstellungsprobleme in dieser Szene haben und empfinde die Gemeinschaft als sehr tolerant, offen und geschlechtlich ausgeglichen.

Wie sehr trägt deine Optik zu deinem Wiedererkennungswert bei?
Natürlich spiele ich gerne mit meiner Optik. Die Bühne bietet mir hier ein wunderbares Pflaster um mich auszuleben. Ich habe aber noch nie empfunden, dass ich auf Äußerlichkeiten reduziert werde oder ähnliches. Ohne ins Detail zu gehen: Ich bemerke allerdings schon wie einige meiner (männlichen) Bandkollegen tatsächlich auf ihr Äußeres reduziert werden. Das ist also nicht nur eine Sache, mit der nur Frauen konfrontiert sind.

(c) Zouberi Photography

Beschäftigen dich Themen wie Gleichberechtigung, Vorurteile und „Sex sells“ als Stigmata für ein weibliches Bandmitglied?
Kein bisschen. Sexismus ist bei uns in der Band zwar omnipräsent, aber immer nur als Teil unseres gegenseitigen Neckens. Kein bisschen davon wird ernst genommen oder gemeint. Wie gesagt: Wir sind alle zu 100% gleichberechtigt.

Wie waren deine Erlebnisse mit Fans? Viele deiner Kolleginnen haben uns von dreisten Fans berichtet, die z.B. zu aufdringlich geworden sind. Ist dir ähnliches passiert und wenn ja, wie bist du damit umgegangen bzw. wie hast du das für dich verarbeitet?
Tatsächlich bin ich davon bisher wohl immer ganz gut verschont geblieben. Natürlich gibt es mal dumme Sprüche, die mich dann aber immer eher belustigen, weil sie gleich SO doof sind. Ich kann mit sowas denke ich ganz gut umgehen und werfe lieber einen blöden Spruch zurück oder fange eine Diskussion über die Fehlformulierung an, als der Situation Raum zu geben und sie in mich reinzufressen.

Gibt es ein Ereignis mit einem Fan oder auch Fotografen, Stagehand oder Veranstalter, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
An eine Situation kann ich mich noch erinnern, die aber wirklich schon sehr lange her ist. Ich wohnte damals noch bei meinen Eltern und bekam irgendwann auf das dortige Festnetz einen Anruf. An der anderen Leitung war ein Fan, der einfach nur mit mir quatschen wollte. Da damals wirklich nirgendwo mein eigentlicher Name, geschweigedenn meine Privat-Nummer zu finden war, bedeutete das, dass der Kerl wirklich lange recherchiert haben muss, um die Nummer rauszubekommen. Das fand ich dann schon überaus befremdlich. Mal abgesehen davon, dass ich damals erst 16 oder 17 war.

Du bist mit sozialen Medien aufgewachsen. Wie gehst du mit Facebook, Instagram und Co. um?
Hach, ich stehe dem etwas zwiegespalten gegenüber. Ich konsumiere viel zu viel von den Portalen, allerdings ist das für mich auch mein Zeitungs- & Nachrichtenersatz und Inspirationsquelle. Mein Output in dieser Hinsicht ist allerdings gleich null, da mich die Zurschaustellung und Selbstvermarktung ehrlich gesagt ziemlich anwidert. Die Leute leben inzwischen nicht mehr im Moment, merken nicht mehr was um sie herum passiert, da sie all die schönen Momente gleich dokumentieren, teilen und damit prahlen wollen. Mit dem permanenten Blick durch die Kamera zieht um einen herum doch alles vorbei. Fans, die ganze Konzerte mitfilmen, verstehe ich einfach nicht. Das Schöne an Konzerten ist doch, dass man dabei ist!

Wo ziehst du die Grenze zwischen deinem Bühnen- und Privatleben?
Im Grunde genommen müsste man hier noch das Berufsleben mit rein nehmen. Von außen möchte ich als Bühnenperson weder mit meinem Beruf als selbstständige Designerin noch andersherum in Verbindung gebracht werden. Etwas anderes ist es bei der Trennung zwischen Bühnenperson und Privatleben. Die Freundschaft mit den Jungs geht nämlich weit über das Bühnen- und Bandleben hinaus.

Vielen Dank für deine Zeit und die Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?
#metoo – Es ist überaus wichtig, dass das Thema so in die Schlagzeilen gerückt wird und den Betroffenen endlich eine Stimme gegeben wird. Es muss aufhören, dass solche Situationen als selbstverständlich angesehen werden und folgenlos bleiben. Auf der anderen Seite habe ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst davor, dass dadurch neue Tabus entstehen, aufrichtig nett gemeinte Komplimente (und damit meine ich kein Catcalling!) als sexuelle Belästigung ausgelegt werden und nicht mehr zwischen Gentleman und Macho differenziert wird.
Wenn ich nicht Flöte spielen würde, dann … – wäre ich wohl Bassistin.
Mittelaltermärkte – Eau de Lagerfeuer, Kirschbierleichen, Glöckchengraus, nichts für Veggies
Nightliner – Nightliner? Bei uns heißt das „Wer von uns trinkt nichts und fährt uns durch die Nacht?“
Ratz von der Planke – Der König der schlechten Wortwitze, schmerzender Bauch vom ganzen Lachen, viel zu weit weg, große Vermissung!

Die letzten Worte gehören dir …
Kommt ihr uns auf der Tour besuchen?

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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Festival-Mediaval XII – Teil 1

„New Steps“ – ganz nach diesem Motto präsentiert sich das nunmehr zwölfte Festival-Mediaval in Selb 2019. In der Praxis bedeutet das: Nach einem Jahr mit den Highlights des vergangenen Jahrzehnts nun ein Billing bestehend aus Bands und Kleinkünstlern, die bisher noch nie auf dem Festival aufgetreten sind. Ein mutiges Konzept, hat man nach zehn Jahren doch einen Großteil der bekannten Szenegrößen und unbekannteren Perlen bereits „abgegrast“. Dass es trotzdem funktioniert, liegt auch an den immer wiederkehrenden Stammgästen, denn das Festival hat sich weit über die Grenzen hinaus einen herausragenden Ruf erarbeitet und kann immer wieder mit seiner einzigartigen Atmosphäre punkten, ganz gleich, welche Acts auf dem Plakat zu lesen sind. Zum Glück beweisen die Veranstalter auf neuen Wegen ebenfalls ihr altbekanntes gutes Gespür: Mit ELUVEITIE und HEILUNG werden zwei Größen aufgefahren, die zwar musikalisch das Thema Mittelalter nur noch ankratzen, aber schon allein ob ihrer Qualität auch in dieser Szene viele begeisterte Fans haben. Das vielfältige, hochwertige Nachmittagsprogramm zeigt ebenfalls: Der Folk lebt und atmet auch abseits betretener Pfade.

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

Gleich zu Beginn kann Veranstalter Bläcky noch weitere positive Neuerungen verkünden. So geht das Festival weiter seinen Weg in Richtung „grünes Festival“. Eine Bio-Schenke gibt es nun, und jeder Stand, der Verpflegung anbietet, hat nun ein Bio-Produkt im Repertoire, sei es Bio-Milch im Kaffee, Bio-Gemüse in der Pfanne oder hervorragende alkoholische Getränke wie die Waldbeer-Schlehen-Bowle. Auch bezieht das Gelände mittlerweile flächendeckend Öko-Strom. Eine insgesamt sehr erfreuliche Entwicklung, die gut ins Flair des Festivals passt. Eine weitere sympathische Neuerung ist das Lebende Schach, bei dem berühmte Schachpartien von Menschen in Kostümen nachgespielt werden. Wer die Partie als erster erkennt, hat direkt die Tickets für das nächstjährige Festival-Mediaval in der Tasche – ein schöner Anreiz für Schachkenner und alle, die es werden wollen.

Nach weiteren kurzen Ansprachen von Bürgermeister und Team beginnt der musikalische Teil des diesjährigen Festivals mit den Österreichern NARRENGOLD. Wie der Name vermuten lässt, verbirgt sich hinter der Band mittelalterlicher Folk-Rock gespielt mit Dudelsack, Bouzouki, Schlagzeug, Geige und Bass. Diese Kombination ist weder neu noch innovativ, bei den Wienern aber mit viel Ausstrahlung gesegnet. Gerade das einzig weibliche Bandmitglied, Filia Jungfer, entpuppt sich als wahnsinnig schlagfertig im Umgang mit dem Publikum und überzeugt gleichzeitig kompositorisch in Songs wie dem ohrwurmverdächtigen „Tuten und Blasen“. Das Songarsenal von NARRENGOLD speist sich überwiegend aus Eigenkompositionen, die mit einer guten Portion Wiener Schmäh garniert werden. „Würdig und Recht“ lautet der Name des aktuellen Werks aus diesem Jahr – würdig und recht ist auch die Wahl der Combo als erfrischender Opener des Festival-Wochenendes.

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

Mit den schwedischen SKRÖMTA als Auftakt der Burgbühne wird es direkt traditioneller. Den Auftritt dominieren Polskas, nordischer Folk im Allgemeinen und überwiegend mystische Geschichten, beispielsweise über Frauen als das starke Geschlecht. Insgesamt steht die Darbietung ganz im Zeichen von anderen nordeuropäischen Kapellen wie Hedningarna, Garmarna oder Hoven Droven. SKRÖMTA gelingt es, die komplexen Melodien sehr bekömmlich und leicht verdaulich unters Volk zu bringen. So kommt schnell Bewegung vor die Bühne und besonders die fröhlich verspielten Melodien zaubern einigen Besuchern ein Lächeln auf die Lippen. Das gelingt auch SELFISH MURPHY auf der Hauptbühne, entweder durch Eigenkompositionen im Stile von Firkin und Co. oder durch gelungene, punkige Neuinterpretationen von omnipräsenten Traditionals wie „Dirty Old Town“. Wer den Vergleich zu früheren Shows der Gruppe ziehen kann, der wird auf Dauer lediglich Ex-Sänger Petri vermissen, welcher gerade in seiner Rolle als Frontmann charismatischer und auch stimmlich variabler agierte als sein Nachfolger Zaza. Flötist Pusztai ist SELFISH MURPHY glücklicherweise bis heute erhalten geblieben und wirkt an seinem Instrument immer noch so beeindruckend wie 2015 auf dem Shamrock Castle.

Auch das beliebte Literaturzelt gibt es 2019 wieder zu besuchen und hat diesmal auch zum längeren Verweilen den kleinen Getränkestand „Zur feuchten Feder“ dazu bekommen. Hier startet das Wochenend-Programm direkt mit dem Ehepaar Iny Klocke und Elmar Wohlrath, besser bekannt unter dem Pseudonym INY LORENTZ, deren Bücher wie „Die Wanderhure“ oder „Die Wanderapothekerin“ millionenfach gelesen wurden. Unabhängig davon, wie die Hauptfigur Lena ihres Buches „Die Tochter der Wanderapothekerin“ in Italien Stoffe auswählt oder auf einem Schiff der Begegnung mit Piraten zu entfliehen versucht, macht es großen Spaß, dem eingespielten Ehepaar beim gegenseitigen Sticheln und Necken zuzuhören. Und so ist auch gleich zu Beginn des Festivals wieder großer Andrang bei den Lesungen und Vorträgen.

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

Mauserten sich die Schweizer KOENIX auf dem letztjährigen Tanzt! schnell zu den großen Gewinnern des Abends, avanciert der Auftritt der Eidgenossen auf dem Goldberg zur ersten kleineren Enttäuschung des Festival-Medival 2019. Die instrumentalen Stücke mit Sackpfeifen, Davul, Drehleier, Flöten, Pfeifen und Bouzouki füllen das Publikum in Selb mit deutlich weniger Leben als das Backstage in München im Jahr zuvor. Auch die Kuhglocke als Taktgeber zieht eher spärliche Reaktionen nach sich, gleiches gilt für den Gesang und die Songauswahl, geprägt vom letzten Studiowerk „Dekade 1“. Insgesamt stellt sich kein stimmiges Gesamtbild ein, der Show fehlt über 75 Minuten ein Spannungsbogen und so leert sich der Zuschauerraum bis zum Schluss immer weiter, da KÖNIX gefühlt hinter ihren Möglichkeiten bleiben und vieles zu ähnlich klingt, um dauerhaft zu begeistern. Am Ende ist dieser Auftritt weder standesgemäß noch repräsentativ für die emsigen Schweizer, die ihre Qualitäten unter freiem Himmel kaum zur Geltung bringen.

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

Deutlich besser treffen YE BANISHED PRIVATEERS in der kostenlos zugänglichen Goldbergbucht den Geschmack des Publikums. Der bunte Haufen aus Umeå in Schweden zelebriert das raue Piratenleben mit viel Augenzwinkern, tollen Kostümen, reichlich Shantys und einer dreckigen Fluch-der-Karibik-Attitüde. Mag das bunte Treiben auf der Bühne ab und an arg chaotisch wirken, so liefern alle Bandmitglieder ab, selbst wenn nicht jeder Geigenton sitzt und die Musiker auf der kleinen Bühne ab und an übereinander zu fallen drohen. Dass bei diesem Auftritt Sänger Björn leider wegen eines Trauerfalls in der Familie nicht mit an Bord ist fällt aufgrund der immer noch mächtigen Anzahl von zehn Musikern tatsächlich kaum auf. Ähnlich wie in München beim Tanzt! 2018 stechen Magdas Gesang bei „Annabel“, Evas emotionaler „Fisher Lass“ und launiger Piraten-Punk wie „Gangplank“ besonders hervor. Durch die vielen Mitglieder, die gefühlt ständig in Bewegung sind, und einige Show-Elemente (wie zertrümmerte Flaschen auf dem Kopf von arg testosteron-gesteuerten Piraten) ist für Augen und Ohren gleichermaßen etwas geboten. Bei YE BANISHED PRIVATEERS gibt es immer etwas zu entdecken und bestenfalls die Bandmitglieder selbst wissen, was als nächstes passiert. Dieser rohe Charme und die Unbekümmertheit bei der Selbstinszenierung zeichnen die Schweden aus und machen sie auch beim Festival-Medival zu einem Anwärter für weitere Auftritte, dann aber auf dem eigentlichen Festival und nicht „nebenan“.

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

Das kann man von den RED HOT CHILI PIPERS wiederum nur eingeschränkt behaupten: Mögen dudelsack-geschwängerte Cover-Versionen von AC/DCs „Thunderstruck“ anfangs durchaus ihren Charme besitzen, so bleibt ein Bordun-Ton auf Dauer eben ein Bordun-Ton. Wer sich daran stört, flüchtet vermutlich sofort auf einen der angrenzenden Märkte. Alle anderen bekommen Dudelsäcke in geballter Form zu hören, veredelt durch Percussions und gerade anfangs fehlerfrei gespielt. Zum Arsenal der Gruppe zählen Stücke von Avicii, Coldplay, Muse und vielen weiteren großen Künstlern des Pop und Rock. Aus dieser Sammlung, einigen Klassikern und der diesjährigen Veröffentlichung „Fresh Air“ stellen die PIPERS ein buntes Potpourri für ihre Headliner-Show zusammen, wobei die Cover-Versionen besonders durch ihren Wiedererkennungswert der Halbwertszeit zugute kommen. Dazu bewegen sich die einzelnen Musiker stets wie eine perfekt geölte Maschine und die Instrumente erklingen in bester Qualität. Trotz des bemühten Mix aus Alt und Neu sowie Bekanntem und Unbeanntem offenbart sich die Limitierung des Konzepts sehr schnell. Oftmals ohne eine eigene Identität und frei von Ecken und Kanten nutzt sich die Inszenierung schnell ab, dazu haben Teile der Musiker mit dem widrigen Wetterbedingungen und verstimmten Instrumenten zu kämpfen. Umso überraschender ist es, dass weite Teile des Publikums bis zum Ende der Show bei zunehmend kälteren Temperaturen ausharren. Daran hat sicherlich auch die Show rund um den Sackpfeifen-Overkill, beispielsweise mit brennenden Dudelsäcken, ihren Anteil.

(c) konzertreport.de – Bernd Sonntag

Als ganz besondere Midnight-Show entpuppt sich THUNDERCROW, das elektronische Projekt von Didgeridoo-Spieler Daphyd und Perkussionskünstler Rob von Omnia. In an diesem Abend einzigartiger Konstellation mit Neuzugang Zachary Bainter und Gastsängerin Fox spielen die vier Multitalente eine außergewöhnliche Mischung aus Drum and Bass, Weltmusik, Trance und Chill-Out-Musik. Dabei kann Zachary Daphyd bei einigen Stücken auch mit der Bassklarinette ergänzen. Dass das Musikgenre auch bei Mittelalterfans funktioniert zeigt die großte Menge an Nachtschwärmern, die vor der Bühne die sphärischen Klänge genießen oder zu experimenteller Club-Musik tanzen. Dass Schlagzeuger Rob die Band leider wieder verlassen wird ist umso tragischer, wenn man die pure Spielfreude sieht, die er auf der Bühne an den Tag legt. Als leichtherzigen, amüsanten Abschluss des Festivaltages steigt schließlich noch Bläcky selbst mit ein, gekleidet in ein traditionelles indianisches Hochzeitsgewand, und genießt die letzten Töne des Konzerts glücklich tanzend im Scheinwerferlicht.

Der erste Festivaltag des Festival-Mediaval zeigt sich nicht nur wettertechnisch gnädig, sondern auch musikalisch hochwertig, (besonders zu Beginn) abwechslungsreich und insgesamt kurzweilig. Wie immer spricht auch die heimelige Atmosphäre für sich. Mit viel Vorfreude wird nun der Samstag erwartet – an dem HEILUNG ihr Debüt auf dem Festival geben werden.

 

(c) medievalphotography.com – Jens Wessel

 

Lagerstein w/ Deloraine, Mornir, Leonic

Vor nicht allzu langer Zeit sorgten die Australier LAGERSTEIN beim Free & Easy für mächtig Furore im Münchner Backstage. Auf ihrer mehr als ausgedehnten „Endless Rum European Tour“ kehrten die sieben Musiker auch zurück in das Herz der bayerischen Metropole. Mit dabei hatten sie ihr neuestes Werk „25/7“ und zahlreiche, bunt gemischte Supports. Am Ende ging die gewagte Rechnung trotz hochsommerlicher Temperaturen und tropischer Luftfeuchtigkeit auf.

Als erste von vier Bands an diesem Abend können LEONIC direkt positiv überraschen: Zwar lässt der Andrang vor der Bühne anfangs zu wünschen übrig, doch die Lokalmatadoren legen davon unbeeindruckt mit einigen Ohrwürmern vor und beweisen Gespür für eingängigen Melodic Metal und Hard Rock, der besonders live erfreulich griffig klingt. Dabei hat Sänger Maurizio ursprünglich mit R’n’B angefangen, was sein Bühnenoutfit noch ein wenig erahnen lässt. Mit LEONIC ist er 2008 allerdings zum Alternative Rock gewechselt und innerhalb der letzten zehn Jahre schließlich beim Metal angekommen – ein Wandel, der sicherlich auch auf diverse Musikerwechsel innerhalb der Band zurückzuführen ist. Dass dabei nicht immer böses Blut geflossen ist, beweist das Comeback von Ex-Gitarrist Helli für einen Abend. Auch dank ihm steht LEONIC der für die Band gewählte Stilmix gut zu Gesicht, gemeinsam können die Münchener trotz anfänglichem Soundmatsch das Publikum schnell für sich begeistern – und auch zunehmend von draußen in den Club locken. Die aktuelle EP “Melanism” gibt dabei die Marschrichtung vor, und so bleiben einem Songs wie “Bestia Nera” oder “Pretender” erfreulich lange im Gedächtnis. (CM)

Ebenfalls aus der unmittelbaren Nachbarschaft, genauer gesagt aus Freising, stammen MORNIR. Die Pagan Metaler haben an gleicher Stelle bereits erste Erfahrungen gesammelt, unter anderem im Vorprogramm von Triddana, und können an diesem Abend wieder überzeugen. Zwar kommt dieses Mal die prägende Geige im Live-Soundgewand etwas zu kurz, doch besonders mit ihrer folkmetallischen Urgewalt sorgt der Fünfer für ordentlich Furore. In den Kompositionen von MORNIR finden sich auch immer wieder Elemente aus dem Death- und Black-Metal, die Growls hört man von etablierteren Combos oft auch nicht besser und gerade die neuesten Stücke wie „Herr in Wind und Tälern“ oder „Hexer“ zeigen, dass die Jungs sich stetig weiterentwickeln und an den richtigen Schrauben drehen. Ihr Gespür für Melodieführungen, die richtige Mischung aus Härte und eingängigen Rhythmen sowie eine mehr als ordentliche Performance könnten dazu führen, dass es gerade nahe ihrer Heimat demnächst auch für größere Bühnen reicht. Zumindest stechen MORNIR besonders instrumental aus der breiten Masse angenehm hervor und füllen ihre Spielzeit erneut sehr kurzweilig. (SM)

Mit DELORAINE haben sich Lagerstein als dritten und letzten Support eine ungewöhnliche Wahl mit an Bord geholt, der vor allem in Kombination mit den härter gelagerten Supports heraussticht. Die noch junge tschechische Band covert einerseits bekannte mittelalterliche Melodien und musikalische Themen aus dem Bereich Fantasy, und schreibt andererseits eigene Songs rund um das beliebte Witcher-Universum – beides zum Großteil in ihrer Muttersprache. Die leidenschaftliche, laute Stimme von Sängerin Lori ist ein spannender Kontrast zu den anderen Acts des Abends, und die gemütliche Clubatmosphäre lässt es zu, dass sie das eine oder andere Mal auch von der Bühne ins Publikum tanzt, um den Zuhörern etwas näher zu sein und sie zum Mittanzen zu animieren. Dass die auf Partymusik eingestellten LAGERSTEIN-Fans nur bedingt Lust auf tschechischen Folk mit Schellenkranz haben, zeigt die deutlich geschrumpfte Publikumsmenge (oder die Fanclubs der lokalen Vorbands sind wieder abgereist, man weiß es nicht). Qualitativ kann man DELORAINE allerdings nichts vorwerfen. Wer noch da ist, nimmt den bekannten “Priscilla’s Song” aus “Witcher 3” begeistert auf, und auch die Eigenkomposition “Yennifer” zum gleichen Thema kann überzeugen. Ein interessanter Anblick ist zudem Geiger David, der gleichzeitig Schlagzeug und Geige spielen kann, was nicht selten von ihm auch in dieser Kombination verlangt wird. Für Genrefans insgesamt ein sehr positiver Auftritt. (CM)

Mit der Idylle ist es bei LAGERSTEIN direkt vorbei, als die Männer aus Down Under zu sehr ordentlichen Reaktionen die Bühne betreten und Sänger Captain Gregarr erst einmal seine prall gefüllte Trinkgans in einem Zug leert. Direkt zu Beginn heißt es auch für das Publikum „Raise Your Steins“ und das feuchtfröhliche Gelange nimmt seinen rund 75-minütigen Lauf. Wer die Musiker dabei auf ihre Trinkfreudigkeit und Party-Musik reduziert, der begeht einen schweren Fehler: Gerade Stücke wie „Wench My Thirst“ zeigen, dass der bunte Haufen in der Lage ist, mehr als anständige Songs zu komponieren. Im konkreten Fall erweitern Blues-Sounds, Trompeten-Klänge und auch ein bisschen Rock’n’Roll die Piraten-Party, ohne dass diese dadurch ins Stocken gerät. In Deutschland darf die Cover-Version des „Fliegerlied“ natürlich nicht fehlen, das hat das lautstarke Publikum bereits beim letzten Gastspiel bewiesen und die Reaktionen stehen auch beim zweiten Mal in Nichts nach. Zu neuen Liedern wie „Dig, Bury, Drink“ und dem sehr gut angenommenen „Pina Colada Paradise“ gesellt sich erneut ein kleiner Akustik-Block, im Rahmen dessen die Musiker und das Publikum zusammen Platz nehmen und besonders durch die unverstärkten Gitarren eine gewisse Lagerfeuerstimmung entsteht. Auch dieser Programmpunkt wird von den Gästen wohlwollend gutiert und beweist, dass sich Schuhsaufen und ein gewisser musikalischer Anspruch nicht zwangsläufig ausschließen. Mit der Zugabe „25 Hours“, die auch prägend für den Albumtitel „25/7“ ist, beenden LAGERSTEIN schließlich ihren starken Auftritt, der sich erfreulicherweise nicht nur an Freunde des gepflegten Gelages richtet – wenngleich diese gerade texthematisch vermutlich das größte Zielpublikum darstellen. (SM)

Mitten im Hochsommer gibt es sicherlich lukrativere Orte als einen kleinen Club mit eingeschränkter Belüftung. Doch wer sich trotzdem in den Backstage Club begibt, der erlebt einen sehr abwechslungsreichen und unterhaltsamen Abend, der mehr als simplen Party-Folk bietet und besonders dadurch überzeugt. Einzig an DELORAINE dürften sich die Geister etwas scheiden.

Schandmaul – Artus

Nein, die letzten Jahre liefen nicht gut für SCHANDMAUL. Teilweise vom Pech verfolgt und musikalisch spätestens mit „Leuchtfeuer“ auch eher auf Sparflamme kochend widmen sich die Münchner auf „Artus“ nun wieder ihren alten Stärken: dem Erzählen von Geschichten. Allerdings zeigt auch das neueste Album, dass die Urväter des Folk-Rock sich inzwischen hinten anstellen müssen. Gerade viele ihrer früherer Qualitäten haben die Musiker eingebüst.

Die wohl beste Nachricht vorab: Saskia als neue Geigerin bei SCHANDMAUL ist mehr als nur eine würdige Nachfolgerin von Gründungsmitglied Anna Kränzlein. Auf „Artus“ spielt dies allerdings noch eine untergeordnete Rolle, da Übergangsmitglied Ally (Subway to Sally) die Geigenparts im Studio eingespielt hat und an der Drehleier Stephan Groth von FAUN zu hören ist. Im Ergebnis führt dies zu exzellenten Streicher-Arrangements, die in „Chevaliers“ gipfeln, welches gänzlich ohne Text zu den Höhepunkten von „Artus“ zählt und an dem Saskia bereits mitgewirkt hat. Ebenfalls gelungen sind die Drehleier-Parts im Opener „Der Meisterdieb“, das kraftvolle „Der Kapitän“ und das abwechlungsreiche „Die Oboe“, welches im Refrain allerdings wie ein Abziehbild von ABBAs „Lay All Your Love On Me“ klingt.

Immer wieder zeigt „Artus“, dass die einzelnen Musiker auf der einen Seite allesamt ihr Handwerk verstehen und in der Lage sind, die lyrischen Vorlagen ansprechend umzusetzen. Die Produktion von Fabio Trentini unterstreicht das. Allerdings wirkt das Album auf der anderen Seite auch sehr blutleer und saftlos, gerade was die E-Gitarren betrifft. SCHANDMAUL verzaubern ihre Hörer teilweise, packen sie aber nie wirklich mit dem kraftvollen Folk vergangener Werke. Auch Sänger Thomas schöpft erst beim Abschluss „Der weiße Wal“ so richtig aus den Vollen, wenn er im Refrain nachdrücklich und opulent unterlegt „Bringt mir den Wal“ fordert.

Als Ganzes ist „Artus“ viel zu gleichförmig und spannungsarm, auch in den vorherrschend ruhigen Momenten: Das manifestiert sich ironischerweise besonders in der Trilogie bestehend aus “Die Tafelrunde“, “Der Gral“ und “Die Insel – Ynys Yr Afallon“. Besonders im direkten Vergleich zur Nibelungen-Trilogie, die sich über viele Jahre und Alben aufgebaut hat, fällt das aktuelle Dreiergespann merklich ab. Bis auf wenige Kleinigkeiten, wie den Refrain bei „Der Gral“, zieht die Artus-Trilogie gefühlt spurlos vorbei und hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Textlich präsentiert sich der folkige Sechser ebenso immer dann am stärksten, wenn der Albumtitel wie in “Der Totengräber“ und “Froschkönig“ in den Hintergrund rückt. Bei „Froschkönig“ präsentiert sich Thomas von seiner charmantesten Seite und haucht dem Ganzen dadurch viel Eigenleben ein, ähnlich wie in „Das Seemannsgrab“.

Doch weder lyrisch noch von den Songstrukturen liefern die Süddeutschen besondere Aha-Effekte wie z.B. ein komplett reduziertes „Tjark Evers“ oder ein schmissiges „Pakt“. Stattdessen dreht sich „Artus“ rund um vertonte Geschichten, Märchen und Mythen, die nie wirklich Fahrt aufnehmen, gleichzeitig oft keine wirkliche emotionale Tiefe bieten oder in fremde Welten entführen. Was bleibt, ist wenig – womöglich zu wenig, um an der vordersten Front des Folk(-Pops) bestehen zu können. Ein bisschen haben sich SCHANDMAUL musikalisch verirrt und sind nun auf wieder auf der Suche nach ihrer Identität. Besonders die letzten beiden Platten machen allerdings deutlich, dass dieser Prozess noch an einigen Stellen klemmt.

 

Faun melden sich zurück

Nach mehr als drei Jahren ohne neue Musik gibt es nun endlich Neuigkeiten von FAUN. „Spieglein, Spieglein“ heißt der neue Song und stammt vom am 15.11.2019 erscheinenden Album „Märchen & Mythen“.

Neben dem neuen Album haben FAUN vor kurzem auch die Termine der zugehörigen Tour im nächsten Jahr bekannt gegeben:

„MÄRCHEN & MYTHEN DEUTSCHLAND TOUR 2020“

Do. 05.03.20 Hannover – Theater am Aegi
Fr. 06.30.20 Neunkirchen – Neue Gebläsehalle
Sa. 07.03.20 Wuppertal – Historische Stadthalle
So. 08.03.20 Stuttgart – Theaterhaus
Mo. 09.03.20 Hamburg – Laeiszhalle
Di. 10.03.20 Kiel – Kieler Schloss
Do. 12.03.20 Neu-Isenburg – Hugenottenhalle
Fr. 13.03.20 Chemnitz – Stadthalle
Sa. 14.03.20 Erfurt – Alte Oper
Fr. 17.04.20 Halle – Händel Halle
Sa. 18.04.20 München – Circus Krone
So. 19.04.20 Berlin – Admiralspalast